Rundumschlag

Mein Hirn hat seinen Dienst eingestellt. Ich empfinde geradezu körperliche Abneigung gegen den Gedanken, noch ein einziges Wort an meiner Diss zu schreiben. Ich schlafe schlecht ein, komme schlecht raus, denke mir Löcher in meine offenbar schrumpfende Hirnmasse und es kommt doch nur quaksalberiges Lamento raus. Nur das Ding loswerden will ich noch dringender, als nicht mehr daran zu arbeiten, und das ist das einzige, was mich dazu bringt ins Büro zu gehen. Und nur meine Eitelkeit schlägt der Unlust eine Schnippe, sonst würde ich hier schon mindestens seit einer Woche nur noch im Jogger sitzen. Kurzum: Ich habe wirklich alles andere als zu viel Zeit. Deshalb gibts kein schönes sonntagssüß (Fotozeit verpasst) und ich schätze morgen auch keinen MMM (Rocksaum temporary not available). ABER die Lektüre von Suschnas neuestem Blogpost hat bei mir einen Nerv getroffen. Und somit widme ich mein Suppenkoma heute einem Blogpost, um meinen Senf dazuzugeben.  Ich empfehle dringend, Suschnas Post zu lesen, sonst mag mein Pamphlet hier etwas im luftleeren Raum stehen.

„Hast du zu viel Zeit?“ Eine Frage, der auch ich mich zuweilen gegenübersehe, ohne Kinder. Die Frage hat die nettere Schwester „Wie schaffst du das nur alles?“ Und Suschna schildert wunderbar die Facetten der Untertöne, die sich hier ergeben, wenn es um den Kontext von Kindererziehung geht. Aber das ganze bleibt bei weitem nicht auf die Kindererziehung beschränkt, auch wenn sich hier natürlich sicher die zwischenmenschlichen Ideologie-Abgründe besonders vortrefflich zeigen. Ich befinde mich, als Doktorandin, in einer anderen Form von sozialem Druck. Wir, und da schließe ich mich keineswegs aus, transportieren gern das Bild des maßlos unterbezahlten, ausgebeuteten Wissenschaftlers, der 80 Stunden die Woche schuftet und in seiner Freizeit dann promoviert. Nun gibt es sie wirklich, die Prekärwissenschaftler und je nach Fach und Chef sind diese auch in der Überzahl. Aber für viele andere gilt: der Druck ist hausgemacht. Es entspricht in gewisser Weise bei uns dem Krabbenkorb-Ideal, dass man abends und am Wochenende auch arbeitet, nur ein wahrer Vollblutforscher ist, wenn man bereit ist, soziale Kontakte und geregelte Arbeitszeiten ad acta zu legen. Und diese Anschauung gibt es in gleicher Weise auch in vielen Unternehmen, womit wir in gewisser Weise wieder bei der Frage der (gemeinsamen) Kindererziehung wären. Denn hinter der teils bewundernden, teil gehässigen Frage „Wie schaffst du das nur alles?“ Verbirgt sich eben auch, wie Suschna feststellt, die Frage nach den persönlichen und gesellschaftlichen Prioritäten. Es erfordert eben doch ziemlich viel Standing und „Kante zeigen“ wenn man als beruflich erfolgreicher aufstrebender Manager (nur beispielsweise) durchsetzen möchte, dass man am familiären Leben teilnehmen kann. Mit der Konsequenz, dass man zu bestimmten Zeiten eben NICHT erreichbar ist. Und genauso muss man sich offenbar zuweilen erklären, wenn man tatsächlich das Bedürfnis hat, einen handgreiflichen Ausgleich zum verkopften Tagesgeschäft zu haben. Und darüber öffentlich (im Internet oder in echt) stolz erzählt. Komischerweise scheint das Bedürfnis nach sportlichem Ausgleich weit weniger erklärungsbedürftig, aber das nur am Rande. Dabei hat uns die ökonomische und soziologische Zeitnutzungs-Forschung, auch wenn sie noch lang nicht abgeschlossen ist, zumindest einige Erkenntnisse beschert:
Zunächst bezüglich der Mütter. Es ist hinten und vorne nicht wahr, dass Berufstätigkeit der Mutter eins zu eins in Vernachlässigung der Kinder mündet, mehr Arbeit der Mutter geht zwar durchaus, so zeigen Zeitkonten-Studien, auch Hand in Hand mit externer Betreuung. Aber eben auch mit väterlicher Kinderzeit und vor allem zulasten der geleisteten Hausarbeit. Da haben wir’s: die Kinder müssen nicht auf die Gute-Nacht-Geschichte ihrer Mutter verzichten, es ist nur vielleicht manchmal nicht so ordentlich und sauber, oder es gibt eine Putzfrau. Der Anteil, den „Freizeit“ im Zeitbudget von berufstätigen und nicht-berufstätigen Müttern einnimmt, unterscheidet sich übrigens gar nicht stark. Wohl aber zwischen Frauen und Männern mit und ohne Kinder.
Wir wissen auch, dass Arbeitnehmer, die den Eindruck haben, sich verwirklichen zu können, deutlich produktiver sind. Lebenszufriedenheit geht mit Produktivität einher. Und es soll doch bitteschön jedem selbst überlassen bleiben, wie er sich selbst verwirklicht und was ihn zu einem zufriedenen Menschen macht. Das mögen beruflicher Erfolg, Kinder, Sport, Reisen oder ein kreatives Hobby sein. Tatsache ist: was uns gut tut, tut auch unserer Arbeit gut.
Und damit komme ich zu den Prioritäten. Ich arbeite durchaus nicht wenig, sicher mehr als „9 to 5“. Dennoch bemühe ich mich, zumindest in Wochen, in denen ich nicht gerade meine Diss fertigstellen möchte, wenigstens einmal die Woche andere nette Menschen zu treffen und nebenbei immer auch etwas kreatives zu machen. Und tatsächlich mache ich das auch. Ohne dass ich dafür weniger arbeiten müsste als andere. Ich gehe mit meiner Zeit anders um. Ich schaue zum Beispiel praktisch kein fern. Vielleicht 2-3 Serien pro Woche, die nehme ich aber auf und gucke sie unter Auslassung der Werbung (spart schonmal 10 Minuten auf eine Stunde Sendezeit) am Wochenende, wenn ich eh bügle oder Dinge auftrenne, die ich murksig zusammengenäht, gestrickt oder geklebt hab. Ich treibe zugegebenermaßen auch weniger Sport als viele. Ich sehe ein, dass ich mich fit halten muss, ich kann mich aber nunmal beim nähen oder stricken besser entspannen als beim joggen. Entsprechend gehe ich meinem Bedürfnis nach, so wie andere ihrem Bedürfnis nach Entspannung eben durch Sport beikommen. Ich gehe auch selten shoppen und eigentlich nie ins Kino, weil ich immer vergesse, dass ich hinwollte. Ich lese viel. Im Zug, da spielen andere mit ihrem Handy… wem’s gefällt… Ich befürchte, andere räumen auch mehr auf und putzen ihre Fenster öfter als ich. Das ist meiner Mutter auf ewig ein Dorn im Auge. Aber ich habe nicht den Eindruck, das Chaos treibt mich in den Wahnsinn, wir räumen auf und putzen, so ist es nicht. Aber wenn ich abends müde und erschöpft aus dem Büro komme, liegt mir die Nähmaschine im Zweifel näher als der Staubsauger. Ich kenne Leute, die fühlen sich erfüllt und zufrieden, wenn ihre Wohnung sauber und ordentlich ist. Ich mag meine Wohnung auch, wenn sie sauber und ordentlich ist, aber einen hübschen selbst gemachten Rock zum ersten Mal zu tragen, mag ich mehr… Und ich finde, das sind meine Prioritäten und die gehen nur mich was an. Und natürlich den, der meine Wohnung und mein Leben teilt. So lang unsere Freizeit unsere berufliche Produktivität nicht einschränkt, sondern eher vorantreibt und wir uns insgesamt mit unserer Zeitaufteilung wohlfühlen, warum sollen wir nicht nähen, basteln und darüber schreiben?
Im Gegenteil, die Zeit, die man mit etwas füllt, das einem Spaß macht, gewinnt man doch sogar. Ich habe während des Studiums garantiert mehr Zeit gehabt als heute, ich habe da aber weder mehr Sport getrieben, noch mehr geputzt, eher weniger, wage ich zu behaupten. Um den Bezug zu Suschna wieder herzustellen: Ich bezweifle, dass jede berufstätige Nicht-Mutter nur durch Aufgabe ihres Berufs zur Vollblut-Hausfrau und vorbildlichen Schulausflugteilnehmerin würde. Und ich wage auch zu behaupten, dass nicht jede Kreativbloggerin mit Mann und Kind, durch Aufgabe ihrer Kreativhobbies auf einmal ein dringendes Karrierebedürfnis entwickeln würde. Wär ja auch langweilig, wenn wir alle das gleiche wollen würden. Das einzige was sich wahrscheinlich jede und jeder wünscht, ist mehr Freiheit und Anerkennung des persönlichen Lebensentwurfs. Vielfalt im Krabbenkorb gewissermaßen.

Im nächsten Suppenkoma gibts dann vielleicht das Cookie-Rezept von Sonntag und jetzt füge ich dem unendlichen Lamento noch ein-zwei Absätze hinzu und ekel mich ein bisschen ob meiner eigenen Ergüsse.