Generation Guttenberg

Heute ein Thema, dass die DIY-Gemeinde nur am Rande,  mich aber ziemlich stark beschäftigt: Plagiarismus.

Es ist ja in letzter Zeit viel über Plagiate geschrieben worden. Als sich Anfang des Jahres nach und nach herausstellte, dass offenbar in unseren Parlamenten mehr falsche als echte Doktoren sitzen, konnte man ja leicht den Eindruck gewinnen, so einen Doktortitel bekäme man an der Uni quasi en passant.

Ich weiß nicht wie oft ich mir seitdem in den unterschiedlichsten Runden und Konstellationen den Satz anhören musste: „Aber gut auf die Quellenangaben achten“. Dickes Augenzwinkern und verschwörerisches Grinsen inklusive… Die Initiative „Causa Guttenberg“ hat sich redlich Mühe gegeben, den Standpunkt der deutschen Doktorandinnen und Doktoranden hier klarzumachen. Dennoch hat mich erschreckt, wie oft in Medien und im persönlichen Gespräch das Plagiat als Kavaliersdelikt abgetan, gar als spitzbübisches Meisterstück verklärt wurde.

Erst nach und nach ist mir aber auch klar geworden, wie gering offenbar das Wissen über die Anforderungen und Maßstäbe, die an eine wissenschaftliche Arbeit gestellt werden, bei vielen (selbst Studierenden) ist. Für mich, und für die meisten meiner mir persönlich bekannten Kollegen, waren die Spielregeln der Wissenschaft immer vollkommen unumstößlich. Viel mehr noch, ich sehe die Grundregel „Gib an, wenn etwas nicht von dir ist“ überhaupt nicht als eine wissenschaftliche sondern als eine ethische wie juristische Vorgabe, die in jedem Bereich des Lebens gilt (und hier schließt sich der Kreis zur DIY-Gemeinde und der oft leider zu unsorgfältigen Verlinkung von Anleitungen und Wertschätzung der Mühen, die manche sich machen).  Und es ist erschreckend festzustellen, dass viele der Leser der großen Zeitung mit den vier Buchstaben offenbar das materielle Eigentum kennen und schätzen, das immaterielle aber schlicht als Elfenbeinturm-hafte Einbildung einiger merkwürdiger Akademiker abtun.

Im Austausch mit Kollegen auf dem Gang und beim Mittagstisch bestätigt sich meine Beobachtung, dass in der Tat die Anzahl der Plagiate in Seminar- und Abschlussarbeiten subjektiv in den letzten Jahren zugenommen hat. Und auch der Wirbel um die falschen Doktoren hat diese Welle augenscheinlich und erst jüngst wieder erfahren keinesfalls gebrochen. Wenn dann eher im Gegenteil. Das mag sicher zum Teil darauf zurückzuführen sein, dass in Zeiten des Internets auch das plagiieren bedeutend zeitsparender und umfassender möglich wird (genauso wie die Entdeckung allerdings). Zum Teil haben wir es uns auch selbst zuzuschreiben, weil wir wohl über viele Jahre hier auch nicht konsequent genug eine „Null-Toleranz“ durchgesetzt und ein gesundes Misstrauen an den Tag gelegt haben. Aber dennoch. Ich behalte heute den schalen Beigeschmack und das ungute Gefühl, dass auch eine gewisse gesellschaftliche Grundhaltung hier Niederschlag findet, die besagt: „Solang du nicht erwischt wirst, wem schadet es denn schon?“ Und dem möchte ich entgegenschreien: EUCH! Jedem einzelnen angehenden und bereits abgeschlossenen Akademiker schadet es. Und auch jedem anderen, der sich wünscht, für seine Arbeit, Inspiration, Idee oder Umsetzung die Wertschätzung zu erhalten, die er verdient. Wer auf die Großverdiener schimpft, die Steuern hinterziehen und auf die Geschäftspartner, die ihre Ware nicht zahlen, der muss sehen: wir reden hier von Betrug! Von Aneignung einer Sache, die uns nicht gehört, von Erschleichung einer Anerkennung, auf die wir keinen Anspruch haben. Und die ist am Ende sogar materiell, auch wenn sie auf einer immateriellen Leistung beruht.

 

P.S: Heut abend gibt’s auch wieder was gut-gelaunt-selbstgemachtes. Versprochen!

4 Gedanken zu “Generation Guttenberg

  1. 101dingein1001tagen schreibt:

    Amen.
    Meine größte Hochachtung vor deinem zuletzt (so gut wie?) abgeschlossenen Projekt, das mehr als nur das ist und mir immer wieder ein Staunen abringt.
    (Klingt das ironisch? Soll es nicht!)

  2. s schreibt:

    In der Gutenbergphase habe ich mir auch den Mund fusselig geredet, aber ich habe die Leute, die da nicht ohnehin schon sensibilisiert waren, gar nicht erreicht. Ich glaube auch, dass da ein Wertewandel stattfindet. Und im Internet ohnehin. Jemand mit dem Geburtsjahr nach 1990 würde wahrscheinlich zu mir sagen: Urheberrecht, das ist ja so Eighties!

  3. mrs.columbo schreibt:

    ein heikles thema! ich glaube, dass die zukunft hier noch einige herausforderungen an die ethischen werte stellen wird. die möglichkeiten sind so vielfältig und die verlockung, durch die anonymität unentdeckt zu bleiben, sehr groß. ich frage mich nur, ob wir der kommende generation das richtige rüstzeug dazu mitgegeben haben und ob die jetzige generation ein gutes vorbild bezüglich ethik und verantwortungsbewusst sein liefert. allein der finanzmarkt hat gezeigt, dass viele auch vor dem materiellen eigentum anderer keinen respekt haben. und dass diese leute oft nicht mal zur verantwortung gezogen werden können, macht es nicht besser. der gedanken:“ich wär blöd, wenn ich die möglichkeiten nicht auch ausnütze“, drängt sich geradezu auf. das andere ende auf diesem spektrum sind aber z.b. klagen wegen „plagiierter“ pfotenabdrücke, auf maisfelder eingeflogenen gentechnisch veränderten samen und patente auf tierrassen. wenn ich dann bedenke, was diesbezüglich beim menschen theoretisch bereits machbar ist (z.b. selektion von geschlecht, haar- oder augenfarbe), will ich den gedanken gar nicht weiter spinnen. ich weiß, extrembeispiele, aber bewusst gewählte beispiele dafür, dass der wissenschaftliche und technologische fortschritt auch den ethischen fortschritt der menschen erfordert – und ich weiß nicht, ob wir da nicht ein bisschen hinterher hinken.
    lg und danke für deine denkanstöße! mrs.columbo

  4. Lucy schreibt:

    Bei der guttenberg-Debatte hab ich ziemlich oft von die Meinung gehört, in den Geisteswissenschaften gäbe es ja ohnehin nichts Neues mehr, es wäre ja eh schon alles mal gesagt oder gedacht worden – zumindest de Geisteswissenschaften haben da wohl ein Vermittlungsproblem: die anderen kapieren gar nicht, was man da macht, und warum, und warum die wissenschaftliche Redlichkeit wichtig ist. Um das wenigstens an der Uni zu vermitteln, da sind die Profs und Dozenten gefragt – ich habe aber selber erlebt, dass gestandene Profs, meine Vorgesetzten, bei Plagiaten in Studentenarbeiten, die ich festgestellt hatte, eine seltsame Beißhemmung hatten. Da wurde komisch herumlaviert – und ich saß dabei und habe mich innerlich gefragt, warum wir da überhaupt noch herumdiskutieren. Für mich ist jemand, der ganze Absätze aus dem Internet in seine Arbeit reinkopiert durchgefallen, ganz klar. Aber viele scheuen wohl die Auseinandersetzung (warum eigentlich? was kann einem passieren als Prof?) und die mehrfache Arbeit, leider.

    viele Grüße! Lucy

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