Besinnliche Adventszeit?

Ich liebe Weihnachten! Und die gesamte Adventszeit! Ich backe gern Plätzchen. Ich denke mir gern Weihnachtsdekoideen aus und ich liebe Geschenke. Ich verpacke sie gern, ich verschenke sie gern und ich bekomme sie gern. Ich habe zu Weihnachten meist für jeden Bekannten, Kollegen und Nachbarn eine Kleinigkeit. Ein paar Plätzchen, ein selbst gemachter Punsch, Marmelade. Ich erfreue mich am Schenken.

Aber in diesem Jahr ist mit mir und Weihnachten irgendwie der Wurm drin. Ich habe ein einziges Blech Plätzchen gebacken, nicht ein Weihnachtslied gehört und bin noch meilenweit von einer vollständigen und hübsch verpackten Geschenkekollektion entfernt.

Es fühlt sich so an, als sei in meinem Hirn keine einzige Zelle dazu bereit, sich hübsche, kreative, persönliche Geschenke auszudenken. Ich komme mir egoistisch vor, weil ich mir ein Weihnachtskleid nähe, gleichzeitig ist das aber das einzige, wozu ich mich überhaupt aufraffen kann. Dabei ist es nicht so, als wäre ich derzeit überarbeitet. Ich befinde mich gerade in der Warteschleife zwischen Diss-Abgabe und Verteidigung und habe ein bisschen Lehre und ein bisschen organisatorisches zu tun, nichts was mich in vergangenen Jahren von totalem Weihnachtsgeschenk-Overkill hätte abhalten können. Ich bin einfach irgendwie müde. Die Dunkelkeit, das ungemütliche Wetter und die tägliche Verspätung von Bus und Bahn machen mir zu schaffen. Gleichzeitig schaue ich mir andere an, die Riesenprojekte in Arbeit und Privatem stemmen und ärgere mich über mich, dass wir immernoch keine Lampen haben und meine Bügelwäsche liegen bleibt.

Natürlich, ich habe ein ziemlich pickepacke volles Jahr hinter mir mit Umzug, Konferenzen und Diss-Abgabe und ziemlich wenig Urlaub. Vermutlich sehne ich mich einfach nach Erholung und Ausspannen und befinde mich noch mitten im Stressabfallsyndrom. Gut möglich, dass einige Tage auf der Couch mit einem guten Buch das wieder einrenken. Aber es bleibt ein bisschen das Gefühl, dass das Jahr auch irgendwie verflogen ist und das gefällt mir nicht.

Und mehr noch. Ich finde den selben Tenor, die gleichen Gedanken derzeit in vielen anderen Blogs. Beim Weihnachtskleid Sew-Along und anderswo in meinem Reader lese ich oft dieser Tage von Stress, Weihnachtsunlust und verflogener Zeit. Ich kenne auch so gut wie niemanden in meinem persönlichen Umfeld, der derzeit sagen würde: Ja ich hatte ne bolle entspannte Adventszeit, voll viele schöne Geschenkideen und freue mich ohne Ende auf Weihnachten. Nee. Irgendwie nicht. Ist dieses Jahr also gesellschaftlich gesehen Weihnachten irgendwie nicht dran?

Ich habe schon vor einigen Wochen hier das Interview mit dem Psychiater Michael Winterhoff empfohlen. Und an dieses musste ich heute wieder denken. In dem Interview sagte er, dass in der gesamten Gesellschaft eine Art Hamsterrad-Mentalität um sich greift (frei paraphrasiert) die auf ein tiefes Gefühl von Unsicherheit, den „Katastrophenmodus“, zurückzuführen ist, der wir mit Verplanung und Überfrachtung unseres Alltags begegnen. In seinen Büchern beschäftigt er sich vor allem mit den Auswirkungen, die dies auf Kinder hat.

Ich möchte das hier auch nicht überbetonen. Aber eine Beobachtung an mir selbst hat mich doch nachdenklich gemacht. Seit vielen Jahren schreibe ich mir an Neujahr eine Liste mit Vorsätzen für das neue Jahr. Und seit mindestens drei oder vier Jahren stehen darauf Punkte wie: „regelmäßiger Yoga machen“, „mir ab und zu einen Tag nur für mich gönnen“, und ähnliches. Da aber auch Punkte wie „Kontakt zu XY besser halten“, „ein ordentlicherer Mensch werden“ und andere Verpflichtungen sich dort tummeln, finden die immer gleichen Punkte jedes Jahr wieder ein Plätzchen. Wie unglaublich lernfähig von mir…

Nun habe ich schon auch immer vieles von diesen Listen umgesetzt und anderes irgendwann für belanglos erklärt. Ich bin vermutlich ein ordentlicherer Mensch als vor einigen Jahren, ich gehe einmal die Woche mit großer Freude zum Pilates und ich ernähre mich gesünder. Ich habe außerdem ein Blog eingerichtet, das mir viel Freude macht und mir hilft, Dinge umzusetzen, die sonst nur in mir rumschwirren und mich dazu bringt zum Beispiel viel öfter kreativen Ausgleich zu finden. Und dennoch, ich habe immer viel im Kopf, viele Pläne, haufenweise was mich nicht loslässt, getan, gemacht, bedacht werden möchte, privat und beruflich, kreativ, rational und zwischenmenschlich. Und ich gewinne den Eindruck, das geht nicht nur mir so. Vielleicht doch mal ein Strategiewechsel? Die Verplanung und Überfrachtung sein lassen? Ich schaue mich in meinem realen und virtuellen Umfeld um und denke, es gibt dümmere Ideen. Deshalb hier mein einziger Vorsatz fürs neue Jahr, den ich ab morgen schon umsetze: Keine Pläne!

Und ihr so? Besinnliche Adventszeit, purer Stress oder einfach Winterschlaf?

2 Gedanken zu “Besinnliche Adventszeit?

  1. Muriel schreibt:

    Ich weiß genau was Du meinst .. irgendwie ist dieses Jahr auch bei mir sehr unweihnachtlich … die Kauf-Geschenke habe ich fast alle aber die Selbstgemachten … schlummern noch in der theoretischen Phase … irgendwie ist keine Zeit. Sehr schade, ich hoffe ich finde die Zeit noch.
    Vielen Dank für deine tollen Blogeintrag.

    Lieber Gruß, Muriel

  2. mrs.columbo schreibt:

    hab ich doch glatt vor lauter jammern deinen post verpasst! dabei lese ich deine beiträge sehr gerne, sie regen mich zum nachdenken an. und in diesem fall lassen sie mich auch hoffen, dass mehr menschen sich dem multitasking- ichkannallesundnochvielmehr-undwerdniemüdedabei-wahnsinn entziehen. mal stehen bleiben und schauen, lauschen, genießen. in diesem sinne ein paar ruhige tage noch bis weihnachten wünscht mrs.columbo

Danke für deinen Kommentar! Ich freue mich sehr darüber!

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