Neue Häuslichkeit vs. Komsumboykott: Die Frau im Blog

Wie der Zufall es will, habe ich heute meinen Laptop mit im Zug und sehe mich so technisch in der Lage meine Gedanken zu Catherines Post „Gender  matters“ zusammenzufassen. Die Diskussion dort in den Kommentaren, die Repliken von Meike und Melleni umfassen schon so viele Aspekte des Themas, dass ich erstmal etwas für mich sortieren musste und jetzt aber doch auch noch etwas schreiben möchte. Das wird ein langer Post werden, und etwas aus dem Rahmen fallend vielleicht.

Ich habe aus Cat’s Post für mich vor allem drei Fragen mitgenommen:

1 ) Empfinde ich das Frauenbild in der medialen Öffentlichkeit als perfektionistische Übersteigerung einer Frau die alles gleichzeitig und alles gut kann? 1a ) Finde ich in der medialen Darstellung einen Hang zu neuer Häuslichkeit und ist diese vor allem weiblich? 2) Tragen DIY-Blogs in meinem Ausschnitt der Netzwelt dazu bei a) ein perfektionistisches Frauenbild noch zu untermauern und b) stellen sie „neue Häuslichkeit“ dar? 3) Was blogge ich? Was nicht? Warum beschränke ich mich, falls ich das tue, auf häusliche Themen?

In der Tat habe ich in letzter Zeit vor allem bei Betrachtung der Zeitschriftenauslage im Bahnhofskiosk des Öfteren ein merkwürdiges Gefühl gehabt. Die Anzahl der Land…-Zeitschriften lässt mich zwangsläufig am Zustand unserer Gesellschaft zweifeln. Ohne Zweifel wird in deutschen Medien deutlich mehr gebacken, gekocht, gestrickt und gegärtnert als noch vor ein paar Jahren. Und ich würde dies schon als Ausdruck, zumindest des Wunsches nach Häuslichkeit interpretieren. Ich glaube nicht, dass sich dieser Wunsch nach Häuslichkeit auf Frauen beschränkt oder an Frauen richtet. Gerade beim Kochen wird auch da Bild des ökologisch-dynamisch kochenden kulinarisch versierten Mannes transportiert. Dieser Hang zur Häuslichkeit hat für mich etwas vom „Rückzug ins Private“ im Biedermeier, also eine Abkehr von der politisch-gesellschaftlichen Öffentlichkeit, sei es aus Politikverdrossenheit oder einem apokalyptischen Grundgefühl heraus. Ich denke aber, dass oftmals genau das passiert, was sich auch z.T. in den Kommentaren bei Cat wiederfindet: Frauen fühlen sich von dem (forcierten?) Trend zur Häuslichkeit mehr unter Druck gesetzt und Frauenzeitschriften stoßen vielfach noch ins gleiche Horn.  Die deutschen Frauen- und Dekozeitschriften folgen hier stark dem amerikanischen Trend und werden immer Martha-Stewart-esquer. Sie machen damit nun mit dem selbermachen, kochen, backen, stricken das gleiche, was sie vorher auch mit den Themen Kleidung, Ernährung, Sex und Kosmetik gemacht haben: sie stellen ein stark geschöntes Zerrbild dar („ohne Verzicht und Anstrengung 15kg abnehmen“, „mit kleinen Tricks 20 Jahre jünger und 10kg schlanker aussehen“). Und Frauen fühlen sich da offenbar schnell dazu gedrängt, sich zu verteidigen, weil sie dieses Bild nicht erfüllen. Es stimmt sicher, dass Männer sich nicht in gleichem Maße in Verteidigungsdrang sehen.

Wie sieht es nun in der DIY-Blogging-Szene aus? Hier fallen mir zwei Dinge auf:

1. Es gibt in der Tat sehr viele durchgestylte Deko- und DIY-Blogs, die mich persönlich stark an die amerikanische DIY-Blogszene erinnern, die voll von Vollzeit-DIY-Mutti-Blogs ist (zumindest meinem Empfinden nach). In den Kommentaren, und auch bei Meike in der Replik, tauchen viele Gründe auf, warum jemand monothematisch und durchgestylt bloggen für sich wählt. Und ich denke, es gibt da gute Gründe. Wenn ich mich recht erinnere, thematisiert Susanne Klingner das auch in „Hab ich selbst gemacht“ und zitiert Frau Liebe zu dieser Frage, die, frei paraphrasiert, hierzu sagt: Wenn meine Leser abends, nach der Arbeit, zur Entspannung mein Blog lesen, dann möchte ich ihnen schönes und gelungenes und nicht frustriertes und misslungenes zeigen. Ich teile diese Auffassung nicht, kann sie aber nachvollziehen. Meine eigene Reader-Welt umfasst in der Mehrheit Blogs, die auch die Ecken und Kanten, das unvollkommene und auch mal den Frust zeigen. Ich fühle mich dann eher verstanden und in guter virtueller Gesellschaft. Zum Beispiel habe ich mit Verständnis und gern den jüngsten Blogpost von Frau 101Dinge gelesen, der genau die Widrigkeiten der letzten Wochen thematisiert.

2. In der medialen (Zeitschrifts-)Öffentlichkeit spielt nähen insb. von Kleidung, nach wie vor keine besonders große Rolle. Mein Ausschnitt, der Bahnhofskiosk in Essen, enthält ca. 15 Land…-Publikationen, mindestens 50 Koch- und Backzeitschriften, immerhin ca. 10 Strick- und Häkelzeitschriften, ca. 20 Einrichtungs- und Dekozeitschriften außerdem Handmade Kultur und Mollie makes, aber nur an guten Tagen mehr als 3 Nähzeitschriften (Trachtenmode ausgenommen), von denen min. 1 nur für Kinder. (Irritierend und gesellschaftlich höchst bedenklich, wenn auch hier nicht so von Belang: Das Angebot an Hochzeitsmagazinen. Gruselig.) In meinem Ausschnitt der Blogwelt gibt es hingegen sehr viele Kleidungs-Nähblogs. Und auch wenn viele davon monothematisch sind, was nicht meiner persönlichen Schreibart entspricht, finden sich doch etliche darunter, die mir durch die Kleider sehr selbstbewusste, individuelle, emanzipierte und authentische Frauen vorstellen. Und hier stimme ich Meike zu: Das finde ich gut. Ich könnte an den letzten MMMs nicht einen Post nennen, der mir vermittelt: „Ich nähe mir Kleider um meinem Idealbild von der perfekten gleichzeitig häuslichen und berufstätigen Frau möglichst nah zu kommen.“ Aber viele, die Kleider nähen, um sich von einem rein wirtschaftlich getriebenen Einheitsfrauentyp abzusetzen.

Und damit komme ich nun zu meiner Auslegung des Ganzen. Was blogge ich, warum und was transportiere ich damit? Intentional habe ich mein Blog eröffnet, um Sachen zu zeigen, die ich selbst mache. Das umfasst nähen, stricken, basteln, dekorieren, kochen, backen und (demnächst) gärtnern. Die Themenauswahl entspricht damit einem großen Teil meiner Hobbies, aber längst nicht allen. Es sind aber die Hobbies, die ich z.T. wiederentdeckt habe. Ich mache Sachen selbst, weil es ein guter Ausgleich zu meinem sehr verkopften Beruf ist, weil es ein gutes Gefühl ist, etwas in der Hand zu haben und weil es immerschon meinem Naturell entsprach, mich kreativ zu betätigen. Zunehmend auch aus dem Bedürfnis heraus, „gute Dinge“ zu konsumieren. Also gutes Essen, nachhaltig produziert. Dinge, die nicht durch Ausbeutung von Menschen und Ressourcen entstanden sind. Ich blogge darüber, einerseits, weil ich so für mich selbst eine „Erfolgskontrolle“ habe, ob ich mir mit meinen Projekten zu viel vorgenommen habe, ob ich Sachen umsetze. Dann weil es schön ist, Erfolge vermelden zu können. Und schließlich eben auch, um Aufmerksamkeit für Themen wie Ökologie, Fleischverzicht, Nachhaltigkeit usw. zu wecken. Mein Blog wird abgerundet mit alltäglichen Nichtig- und Wichtigkeiten und Meinungsäußerung hier und da. Ich verfasse nicht jede Woche ein politisches Pamphlet, aber wenn mir etwas unter den Nägeln brennt, spreche ich es schon auch im Blog an. Ich beschränke mich in Sachen Meinung eigentlich nicht, ich bemühe mich eher, mich in Sachen „private Nichtigkeiten“ zu beschränken. Einerseits aus der Angst heraus, dass private Informationen über mich sich instrumentalisieren ließen. Andererseits weil ich die Frage, ob die Katze krank, der Treppenputzdienst nervig oder der Senf alle ist, auch einfach nicht interessant genug finde, um sie für die (relative) Öffentlichkeit und (relative) Ewigkeit, auszuwalzen.

In diesem Sinne: Ich bin für Ecken, Kanten, nicht-glatte Präsentation, Vielschichtigkeit und Kleider. Häuslichkeit gern, am besten mitsamt häuslichem Chaos! Nähblogs gern, aber mit Persönlichkeit!

5 Gedanken zu “Neue Häuslichkeit vs. Komsumboykott: Die Frau im Blog

  1. Lucy schreibt:

    Ja, insbesondere deinem Fazit kann ich voll zustimmen, das sind auch meine Präferenzen.

    Ich habe auch den Eindruck, dass die sehr durchgestylten Heile-Welt-Blogs sich weniger unter den Nähblogs finden, die beim MMM mitmachen. Das Nähen für sich selbst impliziert ja auch immer eine Reflexion: wer bin ich? oder: wie möchte ich wahrgenommen werden? Und mit dem Nähen beginnt man ja meistens, weil man etwas anderes haben will, als die Industrie einem liefert, weil man sich eben von der Masse absetzen will.

    Die Blogs, die mir ob ihrer Perfektion Unbehagen verursachen, oder eigentlich eher Verwunderung (ich fühle mich ja nicht so, als müsste ich dem nacheifern), die finde ich eher in der Deko-Ecke. Wenn da Tag für Tag Arrangements weißer Dinge gezeigt werden, frage ich mich schon: ist das die nun die Persönlichkeit der Bloggerin, die da zum Ausdruck kommt, und mehr ist da nicht? Aber eigentlich steht mir diese Frage nicht zu, und die Wertung schon gar nicht: wer bin ich, anderen zu sagen, wie und was sie bloggen sollen? wer bin ich, andere Menschen und ihr Leben zu bewerten?

    viele Grüße! Lucy

  2. 101dingein1001tagen schreibt:

    Gute Fragen, die ich mir auch immer mal wieder stelle. Gerade in Amerika scheint die klassische Rollenverteilung noch einen größeren Stellenwert zu haben, jedenfalls wirkt es auf mich so. Ob dieses Bild korrekt ist, weiß ich nicht. Klar ist: Wenn wir uns DIY-Blogs anschauen, ist dies sicher eine verzerrte Stichprobe, diese Art Blogs werden vielfach von Frauen geschrieben, die ihren Tag in Vollzeit damit verbringen, Kinder zu erziehen und verständlicherweise zwischendurch das starke Bedürfnis verspüren, sich mit Erwachsenen zu vernetzen (so höre ich es zumindest immer wieder von jungen Müttern in meinem Bekanntenkreis). Das Internet macht eine große Anzahl Kontakte möglich, die im „wahren Leben“ so nicht zustande kämen, sei es aufgrund von räumlicher Entfernung oder aufgrund verschiedener Lebensrhythmen. Das Internet ist eben DAS Medium, wenn es um asynchrone Kommunikation geht. Darüber hinaus sind die genannten Bloggerinnen eben aufgrund ihrer Lebenssituation viel eher auf DIY (sei es nun kochen, stricken oder sonstiges werkeln) „programmiert“ als eine in Vollzeit arbeitende Karrierefrau – logisch!
    Das Gute an Blogs: Wir haben die freie Auswahl. Ich bevorzuge eine gute Mischung aus z. T. monothematischen „Mutti“-Blogs, aus denen ich inspirationsmäßig viel schöpfen kann und durchmischten „Alltags“-Blogs, bei denen mir die Autorinnen durch Lebenssituation und (sehr schwammig) „persönlichen Eindruck“ ähnlich erscheint.

  3. catherine schreibt:

    Danke! Wie schön, einen differenzierten Beitrag zu lesen, das tut mir richtig gut.

    Liebe Grüße, Catherine

Danke für deinen Kommentar! Ich freue mich sehr darüber!

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