(Aus-)Bildungsmisere

Ich muss das Sommerprogramm aus Hochzeitsposts und Sommerlicher Kleidung leider kurz unterbrechen, um ein bisschen Dampf abzulassen, der sich schon länger in mir angestaut hat. Das Problem ist nicht neu  und ich bin nun auch schon eine zeitlang im Wissen um diese Situation, meine Wut darüber ist über die Hochzeit etwas in den Hintergrund gerückt, aber jetzt will es doch mal raus.

Ich bin nicht die einzige Nähbloggerin, die sich im „wahren“ Leben mit den Fein- und Gemeinheiten des deutschen Wissenschaftssystems herumschlägt und mein Schicksal lässt sich so oder ähnlich sicher für viele auch erzählen. Dennoch kann ich hier natürlich in erster Linie schildern, wie es im Bereich der Wirtschaftswissenschaften ist. Es mag an manchen Unis besser und an anderen schlechter sein, ich denke aber das Problem ist systemimmanent und weder personen- noch fachspezifisch.

Ich bin Ende 20 und habe bisher in meiner akademischen Laufbahn eigentlich stets alles ziemlich richtig gemacht. Ich habe schnell studiert, als eine der ersten Bachelorstudentinnen, dabei wie beabsichtigt und erwünscht zwischen Bachelor und Master die Uni und das Fach gewechselt,  in der Zeit festgestellt, dass eine wissenschaftliche Karriere mir attraktiv erscheint und noch während des Masters begonnen an einem Lehrstuhl zu arbeiten (das nennt man heute fast track Promotion). Ich habe in 4,5 Jahren promoviert, was neben voller Stelle am Lehrstuhl so ziemlich dem Normwert entspricht. Meine Promotion war kumulativ, ich habe also zwischendurch schon reichlich Konferenzen besucht und Beiträge bei Fachzeitschriften eingereicht (was viel Arbeit, wenig Erfolg, Frustration und die Erkenntnis, dass Beziehungen alles sind mit sich brachte). Ich habe mich in der Lehre sehr engagiert, werde stets hervoragend evaluiert und habe außerdem eine hochschuldidaktische Weiterbildung abgeschlossen. Ich bin außerdem in der akademischen Selbstverwaltung aktiv gewesen und habe organisatorisch-koordinatorische Aufgaben sowie Studienberatung in einem Masterstudiengang übernommen. Mein Chef ist sehr zufrieden mit mir. Nun bin ich promoviert und stecke damit in einer beruflichen Sackgasse. Klingt absurd, ist aber so! Wie es dazu kommt?

Die Weiterführung meiner Karriere könnte vom jetzigen Punkt an folgende Wege einschlagen: Ich könnte mich regulär habilitieren. Dies ist in unserem Fach inzwischen ein seltener Weg. Das würde bedeuten weiterhin befristet beschäftigt in maximal 6 Jahre eine weitere lange Forschungsarbeit zu schreiben, man hat dabei weiterhin Verwaltungsaufgaben und eine Lehrverpflichtung von 4 SWS. Nach Fertigstellung der Habilitation gibt es keinerlei Garantie auf eine Stelle, man bewirbt sich dann auf (sehr wenige) Professorenstellen, den Ort kann man sich nicht aussuchen. Der gängigere Weg zum gleichen Ziel führt heute über eine Juniorprofessur. Hierbei wird man ebenfalls befristet angestellt, bei weniger attraktivem Gehalt und kürzerer Laufzeit. Neben der eigenen Forschungstätigkeit ist man in diesem Fall aber auch eigenverantwortlich in der Lehre tätig – mit aller Arbeit die da dran hängt und wird in der Regel bereits nach 2-3 Jahren zwischenevaluiert. Der Druck ist also größer, die Arbeit mehr, die Absicherung geringer. Es gäbe von Seiten des Gesetzgebers die Möglichkeit, Junioprofessoren mit einer langen Laufzeit und einem sogenannten Tenure Track auszuschreiben. In diesem Fall wird, nach positiver Evaluierung, die Stelle in eine ordentliche Professur umgewandelt. Diese Möglichkeit wird, vor allem aber nicht nur aus Geldmangel, allerdings kaum genutzt. Bei beiden Wegen, Habilitation und Juniorprofessur, hängt die zukünftige Beschäftigung allein von der Leistung in der Forschung ab, es besteht daher ein hoher Anreiz, sich stark auf die Forschung zu konzentrieren, die anderen Aufgaben zu vernachlässigen und sich möglichst schnell, noch vor Ablauf der Befristung auf attraktivere Stellen wegzubewerben. Um nicht am Ende ohne Perspektive dazustehen beginnen die meisten Juniorprofs nach ca. einem Jahr sich wegzubewerben. Demnach haben sie auch wenig Anreiz sich in Gremien der akademischen Selbstverwaltung zu engagieren oder konzeptionell-gestalterisch in der Studiengangsplanung aktiv zu werden. Unbefristete Post-Doc-Stellen gibt es an deutschen Unis praktisch nicht, auch befristete Post-Doc-Stellen, die früheren Ober-Assistenten werden weniger. Außerhalb der Uni gibt es, zumindest in der Wirtschaftswissenschaft, Forschungsinstitute. Hier ist der Anteil der promovierten Wissenschaftler erheblich höher als an Unis, aber auch hier sind die meisten Stellen befristet, da projekt-finanziert. Eine unbefristetete Perspektive bietet sich folglich nur in der Wirtschaft – und das ist dann auch der Weg, den die allermeisten promovierten Wirtschaftswissenschaftler einschlagen.

Nun mein Dilemma: Ich lehre sehr gern. Ich würde mit Freuden eine Stelle mit hoher Lehrverpflichtung antreten. Damit bin ich absolut selten, die meisten Doktoranden und Post-Docs betreiben (weil ja auch die Anreize entsprechend sind) die Lehre mehr als lästige Pflicht denn als Herzensaufgabe. Ich nehme auch gern studienkoordinatorische Aufgaben wahr, bemühe mich nach Kräften konzeptionell mitzuarbeiten und unsere Studiengänge besser zu machen. Ich sehe Studienberatung, gerade auf Grund der  Masse an Studierenden, als sehr wichtige Aufgabe an. Ich habe zudem ein Forschungsgebiet, das eigentlich keine „Wirtschaft“ hat. Für mich käme nur eine Institution, ein Institut oder halt die Uni in Frage, falls ich in diesem Themenbereich weiterarbeiten will. Ich forsche übrigens gern, ich lehre aber lieber. Ich sehe mich nun aber gezwungen, mein Engagement in der Lehre erheblich einzuschränken, meine Bemühungen im konzeptionellen Bereich völlig aufzugeben und mich ganz auf meine Forschung zurückzuziehen. Denn Engagement und Leistung in der Lehre bringt mich leider einer unbefristeten Beschäftigung an einer Universität kein bisschen näher. Im Gegenteil. Es raubt mir Zeit, die ich auf Publikationen verwenden sollte, denn allein diese sind letztlich entscheidend. Zudem wird von mir, auch nach bereits 10 Jahren im deutschen akademischen System, ein enormes Maß an Flexibilität gefordert. Eine regional begrenzte Stellensuche ist praktisch undenkbar. Länger als wenige Jahre an einem Ort zu sein ebenfalls. Hieraus ergibt sich, dass man auch bis weit nach dem Studium in einer relativ ungesicherten Position ist, so man sich denn auf die wissenschaftliche Laufbahn einlässt.

Viele ehemalige Mit-Doktoranden haben sich vor diesem Hintergrund trotz hervoragender Promotion, anerkannten wissenschaftlichen Leistungen, viel Spaß an Forschung und Lehre für eine weitere Laufbahn außerhalb der Uni, in der Regel bei Banken, Unternehmensberatungen, Großkonzernen entschieden. Weil sie einfach finden, mit Anfang 30, nach Jahren mit im Verhältnis schlechtem Gehalt und immer nur einer sehr zeitlich begrenzten Beschäftigung ist es mal genug. Weil sie sich gern niederlassen oder zumindest auf einige Jahre planen wollen. Die Befristungspolitik wird damit begründet, dass man nur so dafür sorgen kann, dass der wissenschaftliche Nachwuchs ausreichend flexibel denkt, sich nicht auf Stellen einrichtet und fortan jedes Engagement einstellt, nur so, so die verbreitete Meinung, bleiben wir innovativ und sind bereit die Grenzen des Bekannten auszudehnen. Und, das spielt auch mit rein, so setzen sich die besten, engagiertesten, mit dem meisten Herzblut durch. Diese Ansicht hat sich in einer mobileren Gesellschaft schon lang überholt. Im Gegenteil wird die akademische Laufbahn in Deutschland allzu oft zum Notnagel. Denn de facto gehen die flexiblen motivierten guten Wissenschaftler in die Wirtschaft oder eben ins Ausland. Denn merkwürdigerweise schaffen es Länder wie Großbritannien oder die Niederlande auch zu beachtlichen Forschungsleistungen und das obwohl (oder weil?) sie einen breiten promovierten und langfristig beschäftigten, gut bezahlten, akademischen Mittelbau haben. Studien haben eigentlich schon vor Jahren gezeigt, dass wissenschaftliches Personal ohnehin weit überdurchschnittlich intrinsisch motiviert ist und aus Lust an der Sache und nicht aus pekuniären Erwägungen gute Arbeit leistet.

Bildquelle: FU Mittelbau

Ich denke, dass unsere Universitäten und unser Land sich diesen Zustand eigentlich nicht auf Dauer leisten können. Wir bilden unglaublich viele Doktoranden aus (die in dieser Zeit leidlich engagiert lehren) um dann den überwiegenden Teil dieses Humankapitals zu verlieren. All diese Bildungsinvestitionen gehen dem deutschen Universitätssystem verloren und tragen zu den vielen Mängeln bei an denen die Ausbildung unserer Studenten krankt. Denn die Studentenproteste haben mehr als deutlich gezeigt, dass es unseren Studiengängen an vernünftigen Konzepten, engagierten Lehrenden, guten Beratern und vor allem Lehrstunden mangelt. Ein unbefristet beschäftigter Mitarbeiter hätte mehr als doppelt so viel Lehrverpflichutng bei (zunächst) gleichem Gehalt. Er könnte also bspw. seine Seminare zweimal anbieten und so die Gruppengröße verringern. Oder neue und innovative Lehrformen implementieren, die niemand umzusetzen bereit ist, der nur eine Perspektive von 2-3 Jahren in der Lehre hat. Mitarbeiter, die auf längere Zeit an einer Uni sind haben ein Interesse daran, sich stärker in konzeptionellen und strategischen Bereichen zu engagieren. Aber natürlich wird ein unbefristeter Mitarbeiter im deutschen Besoldungssystem auch mit der Zeit teurer, unabhängig von seiner Leistung. Aber das liegt ja am Besoldungssystem, nicht am Mitarbeiter. Denn auch Zielvereinbarungen und leistungsbezogenen Bezahlung sind in den Universitäten anderer Länder an der Tagesordnung in Deutschland aber völlig undenkbar. Gerade in der Forschung nur mittelmäßig positionierte Unis könnten sich hier vielleicht auch profilieren, wenn sie denn eine Möglichkeit fänden, derlei Dinge zu finanzieren. Unabhängig von meiner persönlichen Situation macht es mich einfach wütend, wie viel Potenzial und auch Geld hier zum Fenster herausgeschmissen wird, wieviele motivierte junge Menschen die Wissenschaft verliert und wie wenig unsere Bildungspolitik hier im Sinne der Qualität der Bildung agiert.

Besonders trifft diese Situation natürlich Frauen. Ohnehin stellt schon das promovieren an sich eine Verzögerung von Familienplanung dar. Natürlich ist aber eine befristete Position auch kein guter Ausgangspunkt um ein Kind zu bekommen, geschweige denn ist man flexibel genug, sich nach 1-2 Jahren auf einer Juniorprofessur weit weg zu bewerben. Selbstverständlich erhält man eine verlängerte Befristungszeit, aber man wird dann danach zu alt sein, um sich noch auf Juniorprofessuren zu bewerben. Somit erklärt sich auch, warum der Anteil der Professsorinnen so deutlich hinter dem Anteil der Doktorandinnen zurückbleibt. Viele promovierte Wissenschaftlerinnen arbeiten daher letztendlich auf Stellen unterhalb ihrer Qualifikation. Doppelt benachteiligt sind da die, nicht seltenen, Akademiker-Paare wo beide sich in diesem Dilemma befinden und womöglich die Stelle für das nächste Jahr für den einen in München und für den anderen in Hamburg wäre.

An diesem System wird zwar herumkritisiert, das Thema kam auch im Bundestag vor ca. einem Jahr zur Sprache. Das HIS hat eine Studie hierzu vorgelegt, die die Perspektivlosigkeit als Hauptgrund nennt, warum Promovierte sich gegen eine wissenschaftliche Karriere entscheiden. Dennoch sehe ich in absehbarer Zeit kaum eine Änderung – vor allem sicher auch auf Grund der Unterfinanzierung des Hochschulsystems, die sich perspektivisch verschlimmert weil die Länder sich mit Einführung der Studiengebühren aus der Finanzierung teilweise zurückgezogen haben, nun aber bei Abschaffung der Studiengebühren nur eine zeitlich befristete Ausfallfinanzierung leisten. Neben der Finanzierung spielt aber sicher auch eine Rolle, dass diejenigen, die hier die strategischen Entscheidungen treffen selbst in diesem System „groß geworden“ sind und man oft Dinge hört wie „da muss man sich durch beißen“.

Ich blicke nun also auf einige weitere Jahre in befristeter und perspektivloser Anstellung, werde nun sogar mehr lehren, weil der Lehrstuhlalltag dies erfordert und sehe bisher nicht recht, wo das hinführt.

Wer das ganze ähnlich sieht, könnte das Templiner Manifest der GEW unterzeichnen. Dessen bereits zweijährige Existenz hat bisher allerdings keine großen Umwälzungen bewirkt.

Die Namenswahl will überlegt sein

Auf meiner Fahrradstrecke von der SBahn nach Hause habe ich ein wundervolles neuen Beispiel für Chantalismus der besten Sorte entdeckt:

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Darwin’s Bistro – sowas kann man nicht erfinden. Entweder sehr feine Ironie oder fatale Namenswahl auf seiten der Eltern des Bistrobetreibers. Ich stelle mir das Gespräch darüber wie der kleine heißen soll etwa so vor:
– Marwin fände ich gut.
– Nee , Marwin heißt doch das dritte Kind von Jaqueline schon.
– Hm, dann vielleicht Darwin.
– Ja, das ist doch auch so’n Promi, hab ich letztens erst im Fernsehen gesehen.