Me made Mittwoch: Die Probe aufs Exempel

Ich trage heute meinen neusten Proberock Probe und zeige damit gleichzeitig, wohin es mit meiner Herbstkollektion geht. Dieses hier ist ein äußerst zickiges und recht unperfektes Teil, aber drinnen schlummert noch einiges an Potential. Und außerdem: wird ja nicht alles perfekt, machen wir uns nix vor. Muss man auch mal zu stehen.

Um den Schnitt (Rock 20 aus der Knipmode 12/2011) bin ich nun fast ein Jahr rumgeschlichen und hab mich erst nicht getraut und dann war Sommer. Ich hatte sogar schon einen Stoff extra dafür erworben… und weil nun das erklärte Ziel der Herbstgarderobennäherei dieses Jahr etwas erwachsenere Kleidungsstücke sind, musste ich mich jetzt einfach überwinden. So sieht der Rock in der Zeitschrift aus:

Vorab: ich glaube, der Schnitt und ich werden noch Freunde. Derzeit ist unser Verhältnis allerdings eher unterkühlt. Denn das war ganz schön stressig mit uns, und das kam so:

– Ich komme normalerweise mit den holländischen Anleitungen ganz gut klar. Die Knip-Schnitte sind in der Regel auf dem Bogen deutlich mit Markierungen versehen, die technischen Zeichnungen sind gut, da reicht es, wenn man ungefähr versteht, was man tun soll. Nicht so diesmal! Ich habe zwei Abende lang immer wieder die platten Falten gefaltet, gesteckt, betrachtet, mit dem Foto verglichen und bemerkt, dass sie falsch fallen. Ich hatte so viel Faltenchaos in meinem Kopf, dass ich schon nicht mehr schlafen konnte. Als ich es endlich raus hatte, wollte ich mich am liebsten an den Kopf hauen. Ein bisschen wie diese Logik-Rätsel-Zusammensteck-Bauklötze.

– Perfekt sind die Falten nicht, sie sind nämlich trotz genauer Übertragung der Markierungen am Ende dann doch nicht gleich breit geworden. Hmpf.

– Wenn man die Falten einmal hat, ist der Rest eigentlich recht easy zu nähen und war in weniger als 2 Stunden fertig. Dann allerdings die Anprobe: ZU KLEIN! Oder sagen wir: „haarscharf“. Ich habe bei Knip eigentlich immer 38 und muss relativ wenige Anpassungen machen. Falls ja, wie beim Punkte-Jurk, dann weil es mir zu weit ist. Dieser Rock jedoch sitzt ziemlich „spack“ und war dafür gut 15cm zu lang. Will sagen er reichte 15 cm übers Knie hinaus. Ungläubig betrachtete ich mich in dem riesenlangen dafür recht engen Rock und dann die Dame auf dem Foto. Nicht schön. Ich kürze bei Knip immer etwas. Aber doch kein 15 cm. Dabei habe ich in der Länge genau die Knip Norm-Größe von 1,72m… kann mir das wirklich nicht erklären.  Beim abschneiden war ich dann etwas vorschnell, so dass er jetzt kürzer ist als beabsichtigt.

– Außerdem ist der Stoff auf jeden Fall nicht für den Schnitt geeignet. Ich habe eine leicht glänzende feste Baumwollpopeline genommen, die ich günstig im Sommerschlussverkauf ergattern konnte. Definitiv ungeeignet. Der Stoff ist zu steif und fällt deshalb an den Falten nicht sehr gut. Außerdem merkt er sich jede Sitzfalte für den Rest seines Lebens, scheint mir. Man sieht deutlich, dass er nach dem Weg zur Arbeit schon mega knitterig ist und wenn die Falten so bauschen trägt er auf. Trennen hinterließ doofe Löchlein und ribbeln tut er auch noch wie die Hölle. Die Farbe finde ich zwar wunderschön, sie weigert sich aber zu irgendwelchem Nähgarn geschweige denn einem Reißverschluss zu passen. Und ich kauf ja für einen Proberock nicht extra Nähgarn. Es ist auch der erste Stoff, bei dem de heißgeliebte maschinelle Blindsaum meiner Maschine verzogen geworden ist. Bah, böser Stoff!

–  Besonders alltagstauglich ist die Passform übrigens auch nicht.Eigentlich ist der Schnitt da sehr durchdacht, denn unter dem Überschlag hat der Rock in der rechten Seitennaht einen langen Schlitz, den man aber natürlich nicht sieht. Nur ist davon nach der Radikalkürzung natürlich nur noch 2 cm übrig… In Kombination mit dem steifen Stoff und knappen Sitz rutscht der Rock deshalb bei forschem Gang hoch (obwohl gefüttert), an fahrradfahren ist gar nicht zu denken. Das muss aber nicht sein, denn aus meiner Sicht spricht nichts dagegen, den unteren Vorderrock nur am Taillenband mitzufassen und gar nicht in der Seitennaht, so dass die Beinfreiheit eines „echten“ Wickelrocks entsteht.

Nach dieser Nörgellitanei möchte ich dennoch verkünden: Ich nähe ihn nochmal. Und traue mich dann auch an meinen dafür gekauften Stoff. Denn all diese Probleme sind lösbar und wofür näht man schließlich Probeteile? Für den „echten“ Rock 20 habe ich ein sehr feines Wollkammgarnstöffchen da liegen, nachtblau mit  feinem blauen Karo. Das erscheint mir vom Fall her gut für den Schnitt geeignet und ist auch nicht so steif.  Ich habe das Schnittmuster schon in Taille und Hüfte etwas verbreitert und werde dann auch einen längeren Gehschlitz einplanen und natürlich sofort 10cm weniger zuschneiden. Wenn das alles geändert ist, erscheint mir der Rock als ein sehr guter Bürorock, denn folgende Punkte sprechen für ihn: Er sieht ohne Frage raffiniert aus, man fühlt sich ziemlich schick, wenn man ihn trägt. Mit längerer Falte wird er trotzdem bequem sein, und die versteckte Weite finde ich sehr gelungen. Hat man die Falten einmal verstanden und spart sich den Trenn-und-Kürzspass, ist er auch recht schnell zu nähen.  Bleibt der Nachteil: Keine Taschen.

Hat noch jemand diesen Rock ins Auge gefasst und sich bisher nicht getraut? Falls Interesse besteht würde ich dann nämlich den Entstehungsprozess des nächsten Exemplars etwas dokumentieren.

So, und jetzt geh ich mal gucken, was der Rest der nähenden Damenwelt heute so trägt. Auch blöden Knitterstoff? Oder doch schon Wolle? Gastgeberin ist heute Constanze. Ich bin jeden Dienstag ganz gespannt, wer am Mittwoch im neuen Me Made Blog erscheint.

12 Gedanken zu “Me made Mittwoch: Die Probe aufs Exempel

  1. Prinzenrolle schreibt:

    Hm, für mich sieht es aus, als trage das Modell in der Zeitschrift den Rock in der Taille und du auf der Hüfte. Dann wäre er auch nicht 15 cm zu lang gewesen und müsste besser, d.h. nicht „spack“ gesessen haben.
    Allerdings wirst du das Teil ja probiert haben und irgend etwas wird auch in der Taille nicht gestimmt haben. Von der Proportion her braucht der Rock eine gewisse Mehrlänge, ich glaube nicht, dass es an dem sperrigen Popeline-Stoff allein liegt, dass er nicht so gefällig aussieht wie am Modell. Eigentlich sieht der Schnitt aus, als solltest du ihn mit deinen Erfahrungen noch einmal probieren – viel Glück!

    Petra

    • siebenhundertsachen schreibt:

      Ich trage ihn auch relativ hoch, aber wohl nicht ganz so hoch wie das Model. Ich habe da auch einfach mehr Hüfte als sie … vielleicht fällt es deshalb nicht… Nochmal nähen werde ich ihn auf jeden Fall!
      Er ist auch durchs sitzen im Büro schon weiter geworden (dummer Stoff) und spannt jetzt etwas weniger. Du hast schon recht, er ist jetzt so zu kurz. Aber vorher ging er so weit übers Knie, dass ich aussah wie eine kleine Tonne auf Füßchen! Ich hab mir jetzt erstmal eine Kürzungslinie von 5cm in den Schnitt gezeichnet und werde mal schauen, wie es dann wird.

      • kirschenkind schreibt:

        Tonne auf Füßchen – I am in love! Der Schnitt ist großartig und ich finde auch, dass du jetzt den dafür geplanten Stoff einsetzen solltest. Dann hast du ein feines Teil für’s Büro und Erwachsenensein. Die Farbe des Proberocks erinnert mich übrigens an Vergissmeinicht. Ich hätte mir jahrelang niemals etwas in dem Farbton gekauft, aber jetzt direkt zwei Oberteile, die ich sehr gerne trage.
        Liebe Grüße!

  2. Wolke schreibt:

    Der Rock sieht raffiniert aus und mach „was her“. Der Rock steht Dir auch. Schade, dass Du so Probleme mit dem Schnitt hattest. Ich bin auf die weiteren Probeteile gespannt und darauf, ob Du und der Schnitt noch Freunde werdet.

    LG
    Wolke

  3. Lucy schreibt:

    Diese 15-cm-Geschichte ist ja höchst seltsam – wo sind die 15cm auf dem Knipfoto versteckt? Ist die Dame 1,90m? Das kann ich mir auch nicht erklären. An sich finde ich den Schnitt aber richtig gut – und wenn du noch die bewegungsfördernden Änderungen beim nächsten Mal einbaust, ist das ein toller, eleganter Schitt, der trotzdem praktisch ist. Für die Faltenanleitung gibts bestimmt Interessentinnen – und wenn das in einem halben Jahr jemand über google findet und so vor der ewigen verzweiflung gerettet wird.

    viele Grüße! Lucy

    • siebenhundertsachen schreibt:

      Ich habe den Eindruck, sie trägt den Rock 2-3cm höher und ist etwa 10cm größer als ich. Außerdem hat sie natürlich eher Größe 34 als 38, was die Längen-Breiten-Proportion schon erheblich verschieben dürfte.

      Ich werde dann mal versuchen dran zu denken, Making-off-Fotos zu machen. Meist fällt einem das ja immer erst ein, wenn nur noch das säumen fehlt.

  4. mrs.columbo schreibt:

    ich denke auch, dass der rock einige zentimeter höher gehört. schließlich war letztes jahr der bund in der mode schon höher gerutscht und auf dem foto sieht es auch so aus.
    die kombination blau-schwarz finde ich toll, schade, dass der stoff so kapriziös ist!
    liebe grüße,
    susi

  5. meike schreibt:

    Ich, ich, ich…. liebäugele mit den Rock. Auch schon länger und immer wieder. Ich habe den Schnitt sofort erkannt und gebannt deinen Bericht studiert. Mir gefällt der Proberock so wie er ist aber ich bin natürlich tierisch gespannt auf den „Richtigen“.

  6. Frl. Rottenmeier schreibt:

    Ein wunderschöner Rockschnitt, der richtig Lust macht, ihn nachzunähen. Also ich freue mich sehr über eine Entstehungsdokumentation! Der Rock – gerade in der Farbe – steht Dir richtig gut. Ich glaube aber auch, dass ein bisschen mehr Gesamtlänge durch einen höheren Bund die Falten noch schöner fallen lassen. Freue mich auf mehr davon.
    Viele Grüße, Frl. R

  7. Goldengelchen schreibt:

    Die Farbe ist traumhaft, und auch wenn der Rock vielleicht noch nicht perfekt ist, finde ich, dass er ein perfekter Rock fürs Erwachsensein ist. Und dabei trotzdem mit dem gewissen Etwas!
    Ich in gespannt, wie dann der „richtige“ Rock aussieht!

Danke für deinen Kommentar! Ich freue mich sehr darüber!

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