Klasse statt Masse

Gestern war ich, zum ersten Mal seit relativ langer Zeit, in einigen Klamottengeschäften. Z. und ich hatten etwas Zeit und ich suchte Oberteile, Z. eine Strickjacke. Die Eindrücke, die ich dabei gewinnen konnte haben mich wieder an etwas erinnert, über das ich schon länger mal bloggen wollte. Ich war, offengestanden, etwas perplex ob der Masse von Schrott, die sich vor meinen Augen ausbreitete. Egal ob im Low-Low-Level Preissegment von Mado*na und New Y*rker, im Low-Level beim schwedischen Händler, etwas darüber bei On*y und Ver* M*da und auch noch weiter oben auf der Preisskala bei Esp*it und S.*liver. 100% Polytierchen, durchsichtig und im Grunde schon verzogen bevor es gekauft wird. Größere Unterschiede im Preis, wenig bei der Qualität. Seit ich nicht mehr oft in Kleidungsgeschäfte gehe, habe ich jedes Mal den Eindruck, wenn ich wiederkomme ist die Qualität noch schlechter, die Menge dafür größer geworden. Die genannten Beispiele sind da noch harmlos verglichen mit  Primark. Vor einigen Tagen war in Essen große Aufruhr, weil die Innenstadt von leeren Primark-Tüten überschwemmt wird, die nicht mal den Weg bis zum Bahnhof überstehen und deshalb an der nächsten Ecke ihr Ende am Straßenrand finden. Ich bestaune oft im Zug Mädchen, die vor lauter solcher Tüten voll mit Kleidung, die den Namen nicht verdient, kaum noch laufen können. Und zumindest ich komme nicht umhin mich zu fragen: Wo soll das noch hinführen. Inzwischen stellen die großen Kleidungsketten 8 Kollektionen pro Jahr her. Wenn also ein Kleidungsstück nun nicht mal mehr eine Saison, sondern nur noch 6-8 Wochen halten muss, dann braucht es ja im Grunde auch nur 6 mal in die Waschmaschine und dann in die Tonne. Und wenn man diese vielen neuen Kleidungsstücke verkaufen will, dann dürfen sie auch nicht viel kosten. Wer soll sich denn sonst ACHTMAL pro Jahr eine neue Garderobe leisten können? Und dann noch der Midseason- und End-Season-Sale an dem auch keinesfalls die Reste verkauft, sondern nochmal neue, extra ramschige Kleidung rangekarrt wird. Für mich ein Realität gewordenes Horrorszenario.

Bildquelle: jetzt.sueddeutsche.de

Vor einiger Zeit habe ich einen Workshop mit einer internationalen Gruppe von Studierenden zum Thema „ressourcenschonendes Wachstum“ geleitet. Im Kontext der gerechten Entwicklung und der Grenzen des Wachstums kam dort schnell die Frage auf, ob denn wir, die Industrieländer nicht unser Wachstum einstellen, gar schrumpfen müssten, damit die Entwicklungsländer aufschließen können. Die Argumentation ist eingängig und vielfach vorgebracht: „Die sind jetzt dran.“ Ich habe darauf erwidert und würde das immer tun: „Das ist zu kurz gedacht.“ Zunächst ist es so, dass es keinerlei Belege dafür gibt, dass die Entwicklungsländer in diesem Szenario aufschließen würden. Im Gegenteil würde zunächst wichtige Wirtschaftsleistung wegbrechen, ginge die Exportnachfrage aus den Industrieländern zurück. Weniger entwickelte Länder können sich umso schlechter einer veränderten Nachfragesituation anpassen und das bisherige Wirtschaftssystem dieser Länder beruht auf Ressourcenausbeutung und der Herstellung von Massenkonsumgütern. Dies ist natürlich ein vorübergehender Effekt, aber einer, der viele Länder zum Kollaps brächte. Der nächste Punkt ist, dass rein pragmatisch eine Schrumpfungspolitik sich in keiner westlichen Industrienation politisch durchsetzen und sozial verträglich umsetzen lassen würde, ohne dass es zu einem Bürgerkrieg käme.

Für mich entscheidender jedoch ist die Frage: „Ist es denn überhaupt wünschenswert, dass die Entwicklungsländer solches Wachstum wie wir haben?“ Ist denn ressourcenverschwendendes, menschenverachtendes, umweltschädliches und Massenkonsum-getriebenes Wachstum das, was wir Entwicklungsländern und unserem Planeten wünschen sollten? Wohl kaum. Es ist uns allen, aber vor allem den Entwicklungsländern zu wünschen, dass wir es besser machen. Dass wir Wachstum und Wohlstand erreichen ohne dabei Ressourcen und menschliche Arbeitszeit und Gesundheit zu verschwenden, als hätten wir sie im Überfluss.

In der öffentlichen Diskussion, auch in durchaus angesehenen Zeitungen, wird gern unterschlagen, dass Wachstum keinesfalls eine stetige Ausweitung der produzierten Menge bedeutet. Wachstum im Sinne von BIP-Wachstum generiert sich nicht allein aus Quantität. Wachsen bedeutet nicht zwangsläufig mehr produzieren. Diese für Ökonomen fast schon banale Feststellung hat in meinem Workshop für viel Aufsehen gesorgt. Das Bruttoinlandsprodukt misst nicht, wie der Name vielleicht impliziert, die Menge der produzierten Güter. Es misst die Menge der Wertschöpfung innerhalb der Volkswirtschaft. Zwei Beispiele können dies gut verdeutlichen.

Stelle ich ein Kleidungsstück her, dessen Materialwert inkl. Energiekosten für den Transport bei einem Euro liegt und das ich am Ende im Geschäft für 10 Euro verkaufe, liegt die  Wertschöpfung an diesem Produkt insgesamt bei 9 Euro. Die Wertschöpfung entfällt dann zum Teil auf die Arbeitszeit des Baumwollpflückers (oder des Plastikflaschensortierers, bei den Polytierchen), der Näherin, zum Teil auf die Kapitalentlohnung des Fabrikbesitzers, zum Teil auf die Transportfirma wiederum auf Arbeit und Kapital dort, zum Teil auf Arbeit und Kapital eines Zwischenhändlers und natürlich auf den Endverkäufer, auch hier wieder auf Arbeit und Kapital. Um also einen Beitrag zum Bruttoinlandsprodukt von 90 Euro zu erzielen, muss ich 10 dieser Kleidungsstücke herstellen. Stelle ich demgegenüber ein Maßkleidungsstück her, das aus einem höherwertigen Material ist und deshalb sagen wir mal 10 Euro Materialwert hat, das ich aber dafür für 100 Euro verkaufen kann. Entsteht aus diesem einen Kleidungsstück exakt genauso viel Wertschöpfung, 90 Euro, wie aus 10 der billigen Kleidungsstücke. Ich werde aber in etwa nur 1/10 soviele Ressourcen dafür verbraucht haben.

Und noch ein Beispiel: Ein Teilnehmer meines Workshops erzählte schockiert von folgender Beobachtung: Im Rahmen des Programms der Veranstaltung war ein Fußball kaputt gegangen. Er hat sich dann erkundigt, was es kosten würde diesen zu reparieren und der Preis wäre 20 Euro gewesen, einen neuen Ball konnte er aber schon für 10 Euro erwerben. Er nannte dies „Zwang zu wachsen“. Auch hier schlägt der Quantität vs. Qualität Gedanke zu. De facto ist es so, dass der neue Ball, auf Grund geringer Arbeitsentlohnung im Herstellerland, eine Wertschöpfung von vermutlich auch 9 Euro haben wird. Den Ball reparieren zu lassen hat aber eine Wertschöpfung von ca. 19,50. Der Materialwert der Reparatur sind maximal das Garn oder der Klebstoff sowie der Energieeinsatz des Schusters. Der Rest des Preises entfällt auf Wertschöpfung für den Arbeitslohn des Schusters, Rendite, die sein Vermieter  durch die Vermietung der Werkstatt erwirtschaftet, Abzahlung der Maschinen. Zusätzlich erfordert die Reparatur also weniger Ressourcen bei höherer Wertschöpfung.

Es wird oft argumentiert, dass wir, als deutsche Bürger, in den 1950er Jahren zufriedener waren als heute, obwohl wir „weniger hatten“. Also dass uns das Wachstum sogar negativen Nutzen gebracht hat. Abgesehen davon, dass das praktisch nicht zu messen ist, zeigt sich hier auch ein weiterer Unterschied. Der Unterschied zwischen Menge an verfügbaren Gütern und Wertschätzung, die ich dem Gut beimesse. Indem nämlich Kleidung im Rhythmus von wenigen Wochen als „überholt“ propagiert wird, sinkt auch die Wertschätzung des Konsumenten für das einzelne Kleidungsstück. Er hat das Gefühl sehr viel mehr Kleider haben zu müssen, um daraus den gleichen Nutzen zu haben. Und dieser psychologische Mechanismus treibt die Konsumgesellschaft an. Nicht nur im Fall von Kleidung, auch im Bereich der Technik. Selbst an der Supermarktkasse beobachte ich vielfach entsetzt das Masse-statt-Klasse-Phänomen und das obwohl eigentlich klar ist, dass mehr schlechteres Essen in der mittleren Frist uns sogar einen Disnutzen einbringt.

Zurück zu der Frage nach den Grenzen des Wachstums. Selbstverständlichen können wir uns ressourcenverschwendendes, massenbasiertes Wachstum nicht mehr länger leisten. Und zwar weltweit. Wir als gesamte Weltbevölkerung sollten unseren Nutzen nicht an der puren Masse festmachen. Das ist weder nachhaltig noch gesund (wenn wir bspw. essen mit in unsere Überlegung einbeziehen). Es stimmt also, dass wir an die Grenzen des Wachstums, wie wir es seit Jahren betrieben haben, stoßen. Jedoch nicht an die Grenzen des möglichen Wachstums, wenn wir unser Wirtschaftswachstum auf andere, weniger brüchige, Füße stellen. Eine Rückbesinnung auf Qualität und die Möglichkeit Dinge zu reparieren vervielfacht die mögliche Wertschöpfung, die aus der gleichen oder einer geringeren Menge an Ressourcen gewonnen werden kann.

Auch dieser Gedanke wirft natürlich gewisse Probleme auf. Unser Wirtschaftssysten basiert weitgehend auf Massenproduktion und -konsum. Und nicht nur unseres in den westlichen Konsumentenländern sondern auch das sämtlicher in der Produktionskette integrierter Entwicklungsländer. Dabei ist es derzeit so, dass der Ressourcenraubbau in Entwicklungsländern betrieben wird, auch die Produktion mehrheitlich dort stattfindet, aber sehr wenig der Wertschöpfung dort verbleibt, weil die Löhne im Verhältnis so viel geringer sind. Bei Reparatur und hochqualitativen (wohlgemerkt ungleich hochpreisigen) Gütern ist es, derzeit, so, dass die Rohstoffe natürlich trotzdem meist aus Entwicklungsländern kommen, die Produktion aber in einem Industrieland vonstatten geht. Auch hier entfällt die Wertschöpfung also hauptsächlich auf das Industrieland, allerdings gerechter auf Arbeit und Kapital verteilt, weil die Arbeitslöhne hierzulande höher sind und unter Akkumulation von weniger transportbedingter Rohstoffverschwendung, falls der Produzent auch der Verkäufer ist. Dies wirft natürlich ein Verteilungsproblem auf. Würden wir alle, wie in den 50ern, nur noch Qualität made in Germany kaufen, würde noch weniger als ohnehin schon der weltweiten Wertschöpfung auf die Entwicklungsländer entfallen. Außerdem ist ein Sinneswandel hin zu mehr Qualitätsbewusstsein auch recht schwer zu erzwingen, aber immerhin leichter, als eine Schrumpfungspolitik durchzusetzen. Es läuft allerdings darauf hinaus, dass wir in unserem Konsumverhalten gerade auch solche Produkte durch Kauf honorieren sollten, die qualitativ hochwertig sind und eine hohe Wertschöpfung beim Produzenten belassen, auch und gerade wenn dieser in einem Entwicklungsland angesiedelt ist. Diese Forderung, einer gerechten Wertschöpfungsverteilung, ist Teil der Fair-Trade-Zertifizierung ist. Und da sehen wir auch schon, in welchen Bereichen noch viel zu tun ist – oder kennt jemand iphones mit Fairtrade-Siegel? Oder Laptops? Auch bei Kleidung muss man lange lange suchen… Aber zumindest sollte man sich dies bewusst machen – und entsprechend einen 8-wöchigen Kollektionswechsel vielleicht nicht unterstützen, oder?