Klasse statt Masse

Gestern war ich, zum ersten Mal seit relativ langer Zeit, in einigen Klamottengeschäften. Z. und ich hatten etwas Zeit und ich suchte Oberteile, Z. eine Strickjacke. Die Eindrücke, die ich dabei gewinnen konnte haben mich wieder an etwas erinnert, über das ich schon länger mal bloggen wollte. Ich war, offengestanden, etwas perplex ob der Masse von Schrott, die sich vor meinen Augen ausbreitete. Egal ob im Low-Low-Level Preissegment von Mado*na und New Y*rker, im Low-Level beim schwedischen Händler, etwas darüber bei On*y und Ver* M*da und auch noch weiter oben auf der Preisskala bei Esp*it und S.*liver. 100% Polytierchen, durchsichtig und im Grunde schon verzogen bevor es gekauft wird. Größere Unterschiede im Preis, wenig bei der Qualität. Seit ich nicht mehr oft in Kleidungsgeschäfte gehe, habe ich jedes Mal den Eindruck, wenn ich wiederkomme ist die Qualität noch schlechter, die Menge dafür größer geworden. Die genannten Beispiele sind da noch harmlos verglichen mit  Primark. Vor einigen Tagen war in Essen große Aufruhr, weil die Innenstadt von leeren Primark-Tüten überschwemmt wird, die nicht mal den Weg bis zum Bahnhof überstehen und deshalb an der nächsten Ecke ihr Ende am Straßenrand finden. Ich bestaune oft im Zug Mädchen, die vor lauter solcher Tüten voll mit Kleidung, die den Namen nicht verdient, kaum noch laufen können. Und zumindest ich komme nicht umhin mich zu fragen: Wo soll das noch hinführen. Inzwischen stellen die großen Kleidungsketten 8 Kollektionen pro Jahr her. Wenn also ein Kleidungsstück nun nicht mal mehr eine Saison, sondern nur noch 6-8 Wochen halten muss, dann braucht es ja im Grunde auch nur 6 mal in die Waschmaschine und dann in die Tonne. Und wenn man diese vielen neuen Kleidungsstücke verkaufen will, dann dürfen sie auch nicht viel kosten. Wer soll sich denn sonst ACHTMAL pro Jahr eine neue Garderobe leisten können? Und dann noch der Midseason- und End-Season-Sale an dem auch keinesfalls die Reste verkauft, sondern nochmal neue, extra ramschige Kleidung rangekarrt wird. Für mich ein Realität gewordenes Horrorszenario.

Bildquelle: jetzt.sueddeutsche.de

Vor einiger Zeit habe ich einen Workshop mit einer internationalen Gruppe von Studierenden zum Thema „ressourcenschonendes Wachstum“ geleitet. Im Kontext der gerechten Entwicklung und der Grenzen des Wachstums kam dort schnell die Frage auf, ob denn wir, die Industrieländer nicht unser Wachstum einstellen, gar schrumpfen müssten, damit die Entwicklungsländer aufschließen können. Die Argumentation ist eingängig und vielfach vorgebracht: „Die sind jetzt dran.“ Ich habe darauf erwidert und würde das immer tun: „Das ist zu kurz gedacht.“ Zunächst ist es so, dass es keinerlei Belege dafür gibt, dass die Entwicklungsländer in diesem Szenario aufschließen würden. Im Gegenteil würde zunächst wichtige Wirtschaftsleistung wegbrechen, ginge die Exportnachfrage aus den Industrieländern zurück. Weniger entwickelte Länder können sich umso schlechter einer veränderten Nachfragesituation anpassen und das bisherige Wirtschaftssystem dieser Länder beruht auf Ressourcenausbeutung und der Herstellung von Massenkonsumgütern. Dies ist natürlich ein vorübergehender Effekt, aber einer, der viele Länder zum Kollaps brächte. Der nächste Punkt ist, dass rein pragmatisch eine Schrumpfungspolitik sich in keiner westlichen Industrienation politisch durchsetzen und sozial verträglich umsetzen lassen würde, ohne dass es zu einem Bürgerkrieg käme.

Für mich entscheidender jedoch ist die Frage: „Ist es denn überhaupt wünschenswert, dass die Entwicklungsländer solches Wachstum wie wir haben?“ Ist denn ressourcenverschwendendes, menschenverachtendes, umweltschädliches und Massenkonsum-getriebenes Wachstum das, was wir Entwicklungsländern und unserem Planeten wünschen sollten? Wohl kaum. Es ist uns allen, aber vor allem den Entwicklungsländern zu wünschen, dass wir es besser machen. Dass wir Wachstum und Wohlstand erreichen ohne dabei Ressourcen und menschliche Arbeitszeit und Gesundheit zu verschwenden, als hätten wir sie im Überfluss.

In der öffentlichen Diskussion, auch in durchaus angesehenen Zeitungen, wird gern unterschlagen, dass Wachstum keinesfalls eine stetige Ausweitung der produzierten Menge bedeutet. Wachstum im Sinne von BIP-Wachstum generiert sich nicht allein aus Quantität. Wachsen bedeutet nicht zwangsläufig mehr produzieren. Diese für Ökonomen fast schon banale Feststellung hat in meinem Workshop für viel Aufsehen gesorgt. Das Bruttoinlandsprodukt misst nicht, wie der Name vielleicht impliziert, die Menge der produzierten Güter. Es misst die Menge der Wertschöpfung innerhalb der Volkswirtschaft. Zwei Beispiele können dies gut verdeutlichen.

Stelle ich ein Kleidungsstück her, dessen Materialwert inkl. Energiekosten für den Transport bei einem Euro liegt und das ich am Ende im Geschäft für 10 Euro verkaufe, liegt die  Wertschöpfung an diesem Produkt insgesamt bei 9 Euro. Die Wertschöpfung entfällt dann zum Teil auf die Arbeitszeit des Baumwollpflückers (oder des Plastikflaschensortierers, bei den Polytierchen), der Näherin, zum Teil auf die Kapitalentlohnung des Fabrikbesitzers, zum Teil auf die Transportfirma wiederum auf Arbeit und Kapital dort, zum Teil auf Arbeit und Kapital eines Zwischenhändlers und natürlich auf den Endverkäufer, auch hier wieder auf Arbeit und Kapital. Um also einen Beitrag zum Bruttoinlandsprodukt von 90 Euro zu erzielen, muss ich 10 dieser Kleidungsstücke herstellen. Stelle ich demgegenüber ein Maßkleidungsstück her, das aus einem höherwertigen Material ist und deshalb sagen wir mal 10 Euro Materialwert hat, das ich aber dafür für 100 Euro verkaufen kann. Entsteht aus diesem einen Kleidungsstück exakt genauso viel Wertschöpfung, 90 Euro, wie aus 10 der billigen Kleidungsstücke. Ich werde aber in etwa nur 1/10 soviele Ressourcen dafür verbraucht haben.

Und noch ein Beispiel: Ein Teilnehmer meines Workshops erzählte schockiert von folgender Beobachtung: Im Rahmen des Programms der Veranstaltung war ein Fußball kaputt gegangen. Er hat sich dann erkundigt, was es kosten würde diesen zu reparieren und der Preis wäre 20 Euro gewesen, einen neuen Ball konnte er aber schon für 10 Euro erwerben. Er nannte dies „Zwang zu wachsen“. Auch hier schlägt der Quantität vs. Qualität Gedanke zu. De facto ist es so, dass der neue Ball, auf Grund geringer Arbeitsentlohnung im Herstellerland, eine Wertschöpfung von vermutlich auch 9 Euro haben wird. Den Ball reparieren zu lassen hat aber eine Wertschöpfung von ca. 19,50. Der Materialwert der Reparatur sind maximal das Garn oder der Klebstoff sowie der Energieeinsatz des Schusters. Der Rest des Preises entfällt auf Wertschöpfung für den Arbeitslohn des Schusters, Rendite, die sein Vermieter  durch die Vermietung der Werkstatt erwirtschaftet, Abzahlung der Maschinen. Zusätzlich erfordert die Reparatur also weniger Ressourcen bei höherer Wertschöpfung.

Es wird oft argumentiert, dass wir, als deutsche Bürger, in den 1950er Jahren zufriedener waren als heute, obwohl wir „weniger hatten“. Also dass uns das Wachstum sogar negativen Nutzen gebracht hat. Abgesehen davon, dass das praktisch nicht zu messen ist, zeigt sich hier auch ein weiterer Unterschied. Der Unterschied zwischen Menge an verfügbaren Gütern und Wertschätzung, die ich dem Gut beimesse. Indem nämlich Kleidung im Rhythmus von wenigen Wochen als „überholt“ propagiert wird, sinkt auch die Wertschätzung des Konsumenten für das einzelne Kleidungsstück. Er hat das Gefühl sehr viel mehr Kleider haben zu müssen, um daraus den gleichen Nutzen zu haben. Und dieser psychologische Mechanismus treibt die Konsumgesellschaft an. Nicht nur im Fall von Kleidung, auch im Bereich der Technik. Selbst an der Supermarktkasse beobachte ich vielfach entsetzt das Masse-statt-Klasse-Phänomen und das obwohl eigentlich klar ist, dass mehr schlechteres Essen in der mittleren Frist uns sogar einen Disnutzen einbringt.

Zurück zu der Frage nach den Grenzen des Wachstums. Selbstverständlichen können wir uns ressourcenverschwendendes, massenbasiertes Wachstum nicht mehr länger leisten. Und zwar weltweit. Wir als gesamte Weltbevölkerung sollten unseren Nutzen nicht an der puren Masse festmachen. Das ist weder nachhaltig noch gesund (wenn wir bspw. essen mit in unsere Überlegung einbeziehen). Es stimmt also, dass wir an die Grenzen des Wachstums, wie wir es seit Jahren betrieben haben, stoßen. Jedoch nicht an die Grenzen des möglichen Wachstums, wenn wir unser Wirtschaftswachstum auf andere, weniger brüchige, Füße stellen. Eine Rückbesinnung auf Qualität und die Möglichkeit Dinge zu reparieren vervielfacht die mögliche Wertschöpfung, die aus der gleichen oder einer geringeren Menge an Ressourcen gewonnen werden kann.

Auch dieser Gedanke wirft natürlich gewisse Probleme auf. Unser Wirtschaftssysten basiert weitgehend auf Massenproduktion und -konsum. Und nicht nur unseres in den westlichen Konsumentenländern sondern auch das sämtlicher in der Produktionskette integrierter Entwicklungsländer. Dabei ist es derzeit so, dass der Ressourcenraubbau in Entwicklungsländern betrieben wird, auch die Produktion mehrheitlich dort stattfindet, aber sehr wenig der Wertschöpfung dort verbleibt, weil die Löhne im Verhältnis so viel geringer sind. Bei Reparatur und hochqualitativen (wohlgemerkt ungleich hochpreisigen) Gütern ist es, derzeit, so, dass die Rohstoffe natürlich trotzdem meist aus Entwicklungsländern kommen, die Produktion aber in einem Industrieland vonstatten geht. Auch hier entfällt die Wertschöpfung also hauptsächlich auf das Industrieland, allerdings gerechter auf Arbeit und Kapital verteilt, weil die Arbeitslöhne hierzulande höher sind und unter Akkumulation von weniger transportbedingter Rohstoffverschwendung, falls der Produzent auch der Verkäufer ist. Dies wirft natürlich ein Verteilungsproblem auf. Würden wir alle, wie in den 50ern, nur noch Qualität made in Germany kaufen, würde noch weniger als ohnehin schon der weltweiten Wertschöpfung auf die Entwicklungsländer entfallen. Außerdem ist ein Sinneswandel hin zu mehr Qualitätsbewusstsein auch recht schwer zu erzwingen, aber immerhin leichter, als eine Schrumpfungspolitik durchzusetzen. Es läuft allerdings darauf hinaus, dass wir in unserem Konsumverhalten gerade auch solche Produkte durch Kauf honorieren sollten, die qualitativ hochwertig sind und eine hohe Wertschöpfung beim Produzenten belassen, auch und gerade wenn dieser in einem Entwicklungsland angesiedelt ist. Diese Forderung, einer gerechten Wertschöpfungsverteilung, ist Teil der Fair-Trade-Zertifizierung ist. Und da sehen wir auch schon, in welchen Bereichen noch viel zu tun ist – oder kennt jemand iphones mit Fairtrade-Siegel? Oder Laptops? Auch bei Kleidung muss man lange lange suchen… Aber zumindest sollte man sich dies bewusst machen – und entsprechend einen 8-wöchigen Kollektionswechsel vielleicht nicht unterstützen, oder?

21 Gedanken zu “Klasse statt Masse

  1. Januarkleider schreibt:

    Dein Beitrag gefällt mir sehr gut. Einschränkung muss nicht Qualitätsverlust bedeuten , aber eine Umorientierung ist nötig. Und tatsächlich ist der Verzicht auf Billigklamotten nur eine Seite, es geht auch darum faire Preise zu bezahlen für Rohstoffe und für sozial und umweltverträglich hergestellte Produkte aus Entwicklungsländern.

    LG
    Susanne

    • siebenhundertsachen schreibt:

      Ich glaube bei der Zahlungsbereitschaft liegt da das Problem. Viele Leute sind sich theoretisch bewusst, was sie mit ihrem Konsumverhalten anrichten. Dennoch sind sie offenbar nicht bereit, den entsprechend höheren Preis für ein Lebensmittel, Kleidungsstück oder Möbelstück zu zahlen. Wir sind so daran gewöhnt, dass die Dinge unter Wert verramscht werden.

  2. Catherine schreibt:

    Hallo,
    Toll erklärt uns schlüssig – mit einem grundsätzlichen Widerspruch von mir. Ich stimme dir in ALLEM zu was den Wahnsinn des Wachstumsfetisch angeht uns seine zerstörerische Kraft. Und dass Umdenken erforderlich ist. Was mir ein bisschen fehlt ist, warum das so sein muss – aus meiner Sicht müssen in die Erklärung doch noch die Kategorien Profit und Konkurrez: In einer Ökonomie, die auf Konkurrenz basiert und der Kapital maximalen Profit abwerfen soll bzw. aufgrund der Konkurrenz sogar muss ist eine ernsthafte Wachstumsdebatte kaum zu führen – da beißt man sich die Zähne aus (was dir ganz sicher nicht neu ist!) Also muss man über die ökonomischen Strukturen reden und über das berüchtigte K-Wort. Im Kapitalismus ist meiner Meinung nach ein anderes, nachhaltiges und gerechtes Wachstumsmodell nicht möglich.

    Danke für die Gedankenanstöße! Schade, dass wir jetzt nicht bei einem Glas irgendwas diskutieren können!

    • siebenhundertsachen schreibt:

      Auch ohne Glas irgendwas: Ich stimme dir was das Kapital angeht prinzipiell zu, bei Konkurrenz bin ich mir nicht so sicher. Es geht natürlich auch um die Frage der gerechten Faktorentlohnung. Ich denke, es ist unendlich viel einfacher durch Masse und Ersparnis an der Arbeit Gewinn zu machen als durch Qualität. Ich habe allerdings ein durch und durch pessimistisches Menschenbild, da kommt man als Entwicklungsforscherin fast nicht drumrum. Und das sagt mir, solang es irgendwo auf der Welt eine kleine Ausbeutungsinsel gibt, werden Menschen das ausnutzen. Und alle anderen werden dabei schön weggucken. Ich kenne so erschreckend viele schlaue Menschen mit Zugang zu allen relevanten Informationen, denen es einfach egal ist, weil sie keinen Deut von ihrem Konsummuster abweichen wollen. Wie steht es da erst um unvollständig informierte dumme Menschen? Ich suche deshalb immer nach pragmatischen Schritten, die möglicherweise von vielen gegangen werden können, die vielleicht auch eine Regierung (nicht diese) vertreten könnte. Wären wir, du und ich, die Mehrheit, ich wär sofort dabei gegen den Kapitalismus. Bis dahin versuche ich zumindest das System von innen zu sabotieren und Menschen die Augen zu öffnen.

      • Catherine schreibt:

        Aus genau diesen Gründen (dass es kein „gutes“ Massenbewusstsein geben wird – warum sollte es auch in einer Welt, wo so viele überhaupt erst mal kämpfen, am Konsum teilhaben zu können) denke ich, dass es kein Umdenken innerhalb des Systems geben wird. In meiner Umwelt ist Bio total schick und Discounterkäufer werden belächelt…alles eine Frage der Perspektive und des Einkommens und das Gegenteil von solidarisch, leider. Ich laufe schon bald demonstrativ mit einer Alditüte rum! Menschenbild, tja. Ich bin da eher unentschieden, ich glaube, ein egozentrisches Verhalten hat gesellschaftlichen Ursprung und könnte auch ganz anders aussehen. ich stimme zu, was pragmatische Schritte angeht – nur soße ich da eben ganz schnell wieder an die Verteilungsfrage: Wer kann sich Nachhaltigkeit wirklich leisten? Bei einigen Konsummustern wie z.B. täglich Fleisch essen kann ich mir schon noch Entwicklung vorstellen, aber was ist global gesehen mit Mobilität, um nur ein Beispiel zu nennen? Ich verzichte z.B. auf Flugreisen (nicht ganz, aber im Vergleich eben doch sehr stark, ein Flug alle 6 oder 7 Jahre) – aber auch meine ökoessenden Freunde fliegen mehrfach pro Jahr. Wer sagt, was erlaubt ist und was nicht? Also ich bin vollkommen pessimistisch, was die Ebene von Konsumbykott o.ä. betrifft. Ich denke, es braucht tatsächlich andere Strukturen mit anderen Werten – mit viel Demokratie
        auf lokaler Ebene z.B. damit das eigene Leben relevante Entscheidungen ervorbringt, wo Machtlosigkeit nicht durch die Verlagerung z.B. auf Konsumentscheidungen kompensiert werden muss. Nieder mit der Wahl zwischen 200 Zahnpastasorten und ein Hoch auf echte Wahlen! :))

  3. Prinzenrolle schreibt:

    Ich schließe mich an: der Beitrag findet meine Zustimmung. Du hättest schon deutlicher benennen können, dass unser Wohlstand weitgehend auf Ausbeutung von Entwicklungsländern beruht. Aber grundsätzlich ist es natürlich richtig, für Qualitätsbewusstsein statt Massenkonsum zu werben.
    Was mir aber gar nicht gefällt, ist dieser wirtschafts“wissenschaftliche“ Fetisch Wachstum. Ich mag nicht mal an qualitatives Wachstum denken – eine Entwicklung hin zu mehr Qualität und die Entdeckung von anderen Qualitäten als „immer mehr“ und „immer billiger“ wäre mir sehr recht. Aber so funktioniert unser Wirtschaftssystem leider nicht. Ich bin sicherlich nicht up to date, was neuere Forschung angeht. Alles, was ich da kenne, basiert aber auf der Grundidee vom allseligmachenden Wirtschaftswachstum nach einem Zusammenbruch (z.B. einem Krieg). Ich hoffe sehr, jemand formuliert mal etwas Vernünftiges, was die Idee der ewigen Aufwärtsspirale ersetzt – und was breiten Konsens findet. (Ich möchte nämlich nicht einen allgemeinen Zusammenbruch, nach dem es nach alten Rezepten wieder losgehen kann: in die Hände spucken und das Bruttosozialprodukt steigern…)
    Und noch ein Nachtrag: es wird nicht erst ungesund, wenn wir den Aspekt „Essen“ mit betrachten. Geht ja schon bei wenig achtsamer Lebensweise und billiger Produktion los…

    Zum Aspekt des Nähens: Ich bin häufig sehr angetan von Ressourcen schonenden Produktionsweisen, z.B. durch Re- oder Upcyceln von noch gut erhaltenen, aus irgendwelchen Gründen nicht mehr getragenen Stoffen. Mich begeistert auch Kreativität beim Entwerfen und beim Umsetzen von Ideen. Was ich nicht verstehen kann: manch eine näht ungeheuer viel. Wegwerfkleider? Weiterverkauf nach einmaligem Tragen? Hm. Hat so was von achmaligem Kollektionswechsel, oder?

    Nachdenkliche Grüße,
    Petra

    • siebenhundertsachen schreibt:

      Ich kenne einige Wirtschaftswissenschaftler, die durchaus wachstumskritisch sind. Auch habe ich den Eindruck, dass das Beispiel China für viele Wachstumsgläubige rechtheilsam war, weil es krasser als irgendwo sonst zeigt, wie grausam und unnachhaltig Wachstum sein kann. Ich sehe ein großes Problem in der Kurzfristigkeit von Politik. Im Grunde wird Politik immer nur für einen Zeithorizont von 2-3 Jahren gemacht. Wäre dies nicht so, ließe sich politisch einiges auch unpopuläres schon erreichen. Schlimm finde ich, dass gerade die Weltbank, als riesiger Akteur in der Entwicklungspolitik, Wachstum immernoch weitgehend unkritisch propagiert. Ich stelle an mir selbst fest, dass ich seit ich nähe mit einem Bruchteil der Menge an Klamotten auskomme. Immerhin das…

  4. mrs.columbo schreibt:

    ein sehr interessanter artikel! die frage ist nur, wie wir aus der spirale von billigproduktion und permanentem ankurbeln der wirtschaft heraus kommen, ohne einen plötzlichen zusammenbruch der jetztigen strukturen und damit kurzfristig noch größere probleme zu riskieren.
    vielleicht ist das tatsächlich nur durch den konsumenten gelenkt, weil dadurch behutsam und von der breiten masse getragen, möglich. aber wie bringt man milliarden von menschen dazu, nachhaltig zu denken, zu produzieren, zu kaufen, kurz: nachhaltig zu leben?
    leider war selbst die öko-bewegung der achtziger nicht von dauer. jetzt ist es wieder „modern“, bio zu essen, auf qualität und nachhaltigkeit zu achten. ich habe allerdings den eindruck, dieses verhalten ist für viele ausdruck ihrer privilegiertheit. gesundes essen und qualitaiv hochwertige produkte sind zu einem statussymbol geworden; nicht der umweltgedanke treibt viele menschen dazu ihr konsumverhalten zu ändern.
    und so fürchte ich, wird auch diese phase vorüber gehen und von einem anderen trend abgelöst werden …
    liebe grüße,
    susi

    • siebenhundertsachen schreibt:

      Ich glaube nicht, dass die Ökowelle der 80er gänzlich nutzlos vorbei gestrichenist. Ich bin ein Kind der 80er und quasi in dem Bewusstsein groß geworden. Irgendwann kommt das eben bei den Kindern der Ökos von damals doch durch und trägt sih hoffentlich auch an unsere Kinder weiter. Ih sehe auch Spielräume für die Politikz.B. Subvention von landwirtschaftlicher Überproduktion einzustellen und den Marktzugang für zertifizierte Güter zu erleichtern. Leider ist das unserer gegenwärtigen Regierung in Deutschland (und der in den USA ihnehin) relativ schnuppe. Im Gegenteil hat Ilse Aigner so einiges rückgängig gemacht, was von den Grünen schon richtig angefangen wurde.

  5. frifris.blogspot.com schreibt:

    Danke für diesen Artikel, und ich hätte soo viel dazu zu sagen – kann mich aber grade nicht so recht konzentrieren.

    Auf alle Fälle funktioniert diese Art von Wachstum durch Masse – möglichst viel, möglichst billig – nur noch, wenn die Leute bewusst die Augen vor der Realität verschließen. Was ja leider die meisten auch ständig tun. Es hilft nur Aufklärung oder die Angst vor möglichem persönlichen Schaden (durch Giftstoffe im Leder etc etc). Reiner „goodwill“ ist leider selten oder wird als „zu teuer“ ablehnt. Aber für eine kurze Zeit hilft es doch, wenn man andere darüber aufklärt, denn offensichtlich hat nicht jeder einschlägige Fernsehsendungen oder Radiosendungen zum Thema Kleiderproduktion oder ähnliches gesehen.
    Der Modemarkt, die ganze Modeindustrie und ihre vielen verschiedenen Zweige, die Werbung, dieses ganze Thema und Drumherum, diese Geldmacherei – mir geht das ganz oft einfach nur auf die Nerven. (Liegt vielleicht auch daran, dass in der Klasse meiner Tochter inzwischen solche Schrottheftchen wie „TOPmodel“ beliebt sind – da krieg ich das Kotzen. Aber das ist ein ganz ganz anderes Thema und gehört nicht hierher).

    Das die Verschwendung von Ressourcen (jeglicher Art), der ökonomische Schaden usw. auch in das Wachstum hineingerechnet werden sollten ist ja nun auch schon 20 Jahre alter Tobak… ach ja.

    Manchmal kann man es nur für sich selbst versuchen richtig zu machen. Die breite Masse ist träge.

    • siebenhundertsachen schreibt:

      Ich glaube, das Thema Kleidung und Schuhe ist da noch kritischer als z.B. Essen. Beim Essen gibt es doch inzwischen viele, die sich bemühen auf bio, nachhaltig, regional, fair zu achten. Aber bei der Kleidung ist es einfach wegzuschauen und schwieriger Alternativen zu bekommen.

  6. pedilu bloggt schreibt:

    Mir geht es wie frifris: Ein toller Artikel! Ich stimme dir zu. Wir müssen einfach in allen Bereichen bewusster konsumieren …
    Für eine reflektierendere Antwort fehlt mir allerdings leider auch Zeit und die nötige Gedankensortierung ;.)

    Und noch schnell Off-Topic: Habe dich heute bei mir verlinkt. Danke für deinen tollen Tipp! :.D

  7. Lucy schreibt:

    Tja, wie man es auch wendet, ein Dilemma. An schlechten Tagen denke ich, dass wir da nie mehr rauskommen, sondern dass alles zugrunde gerichtet wird. An guten Tagen tendiere ich auch zum pragmatischen Ansatz: selbst versuchen, so viel wie möglich richtig zu machen, und das heißt, auf Qualität statt Quantität zu achten.

    Was die allgemeine Verbreitung dieses Ansatzes angeht, bin ich aber höchst pessimistisch – ich habe so oft erlebt, dass selbst Leute, die es sich problemlos leisten können, z. B. für Essen kein Geld ausgeben wollen. Daher finde ich es eigentlich gar nicht schlecht, wenn bestimmte Konsumentscheidungen (Bio kaufen, nachhaltig und fair produzierte Waren) „nur“ aus Prestigegründen getroffen werden. Das ist doch trotzdem ein Schritt in die richtige Richtung, auch wenn die Leute vielleicht das „falsche“ Bewusstsein haben und es aus den „falschen“ Gründen tun. Hauptsache sie tuns überhaupt.

    • siebenhundertsachen schreibt:

      Ja, ich wundere mich da oft über Kollegen, die vollkommen ignorant verbreiten „Nee, auf jeden Tag Fleisch könnte ich nicht verzichten“ … stimmt schon, besser aus Prestige oder einem allgemeinen Trend heraus als gar nicht. Ein Prof von mir sagte dazu „Mir ist egal, warum die Leute klatschen, Hauptsache, sie klatschen an der richtigen Stelle.“ Das treibt es zwar ziemlich auf die Spitze, aber gut. Zumindest erkläre ich bereitwillig zum Beispiel den Vegetarismus, wenn mich jemand danach fragt, vielleicht hilft’s ja?

  8. kleinodia schreibt:

    Ein toller Beitrag!
    Wenn ich eines an so manchen Nähblogs liebe, dann dass beim Lesen dort auch ein bisschen denken darf!

    Ich glaube auch, dass pragmatische, umsetzbare Schritte uns weiter bringen als ein kompletter Systemumschwung (auch wenn der wünschenswert wäre).

    Im Bereich Essen hat sich wirklich viel verändert. Wenn man die ganze Slow-Food-Bewegung, vegetarische Alternativen bei Aldi im Kühlregal und mehr als zwie Veggi-Gerichte in vielen Restaurants sieht, dann kann man schon ein bisschen zufrieden sein.

    Was mich aber daran stört, ist dass dieses Bewusstsein für Essen m.E. ganz viel mit der direkten Betroffenheit der Beteiligten zu tun hat. Von miesem Essen wird mir schlecht o.ä., von mies hergestellter Kleidung merke ich nur wenig. Wenn sie schnell kaputt geht, kaufe ich eben neu, was ja bei den Preisen kein Problem ist.

    Und da müsste sich gesetzlich etwas ändern.
    Annie Leonard stellt in „The Story of Stuff“ das Konzept einer erweiterten Herstellergarantie vor. So wie ich drei Jahre Garantie auf Elektrokram habe, müsste ich das auch auf andere Gebrauchsgüter haben.
    Was kaputt geht, muss der Hersteller auf eigene Kosten reparieren. Das spart eine Menge Neuproduktion und schafft Arbeitsplätze.

    Tatsache ist aber aktuell, dass sich Reparieren kaum lohnt. Als ich unseren alten Miele-Staubsauger zur Reparatur bringen wollte (Kabelaufrollung defekt und Schalter ab), hätte die Reparatur 150€ – 200€ gekostet, das kommt sehr nah an den Neupreis eines neueren Modells ran.

    Unsere Lösung ist nun das angemackte Teil so lange zu benutzen, bis es eben gar nicht mehr geht, aber das funktioniert ja leider nicht in jedem Fall so einfach.

    Und noch mal zu Klamotten:
    Ich kaufe so ziemlich alle meine Sachen Secondhand, wenn ich sie nicht selbst nähe.
    So kann ich mir für kleines Geld eine große Garderobe leisten. Und dabei fallen mir immer wieder zwei Dinge auf:

    1. Es wird so viel Kleidung weggegeben, die in tadellosem Zustand ist.
    2. Die Qualität von Kleidungsstücken hat in den letzten 40 Jahren drastisch nachgelassen.

    Gerade an letzterem könnte eine erweiterte Herstellergarantie viel ändern. Wenn es dann noch kleine Läden geben würde, in denen man sich ein Stück aus der letzten Saison aufhübschen lassen könnte, dann wäre es für die meisten m.E. auch kein Problem auf wöchentliche Shoppingtouren zu verzichten.

    Eine freiwillige Änderung unseres Konsumverhaltens von jedem Einzelnen zu erwarten, wird m.E. nicht funktionieren. Da müssen gesetzliche Vorgaben gemacht werden. Die Sklaverei wäre auch nicht abgeschafft worden, wenn man gewartet hätte, bis jeder Plantagenbesitzer das Problem einsieht.

    LG

    kleinodia

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