Boykott gegen Kinderarbeit?

Durch einen der von mir sehr geschätzten Lesetipps von Melleni/Talentfreischön bin ich auf einen Artikel zur Sinnhaftigkeit von Produktboykotten im Freitag gestoßen, der mir etwas kurz gegriffen scheint. Recht ausführlich werden hier die Ergebnisse einer Studie zitiert und dann mit drei recht salopp gestellten Fragen entkräftet. Dabei ist an der Studie, die zitiert wird, viel Wahres dran, und vor allem ist es nur eine Studie, die hier als Gesamtmeinung der entwicklungsökonomischen Forschung und zudem als theoretisch dargestellt wird. Für mich sehr schlechte Recherche. Daher hier eine lose Sammlung zu Erkenntnissen zu Kinderarbeit:

1. Das Risiko, dass ein Kind zur Arbeit gezwungen ist, ist insb. im asiatischen Raum, Bangladesh aber auch Indien, China, Indonesien sehr hoch. Es gibt aber ein fast ebenso hohes Risiko auch in Sub-Sahara Afrika. (je dunkler auf der Karte desto höher das Risiko in Kinderarbeit zu landen)

2. Im Jahr 2004 wurde von Unicef geschätzt, dass weltweit etwa 250 Millionen Kinder im Alter von 5 bis 14 Jahren zumindest in Teilzeit arbeiten. Schlimmer noch: über 110 Millionen dieser Kinder sind in sog. Ausbeuterverhältnissen, d.h. Sklaven, Kindersoldaten, Drogenkuriere, Zwangsprostituierte.

3. Die Arbeit, der die Kinder nachgehen ist dabei sehr divers. Während in Bangladesh die Textilidustrie als Hauptarbeitgeber fungiert, arbeiten Kinder in Malaysia, Thailand und Indonesien vorrangig als Haussklaven und Prostituierte. In Sub-Sahara Afrika herrschen landwirtschaftliche Tätigkeiten vor, und leider auch die Arbeit als Kindersoldaten.

4. So divers die Arbeit, so einheitlich der Grund: Armut. Hier sind sich alle Studien einig. Kein Elternteil schickt seine Kinder arbeiten, wenn der Haushalt nicht zwingend darauf angewiesen ist. Kinder werden zwar im Verhältnis zu Erwachsenen bedeutend schlechter bezahlt, tragen aber dennoch wichtige Teile zum Familieneinkommen bei.

Anteil der Personen die mit weniger als 1,25$ pro Tag auskommen müssen in %, dunklere Farbe = größere Armut. Quelle: http://www.netpublikationer.dk/um/11157/html/large00.htm

5.  Auch die Auswirkungen sind recht klar: ein Kind, das arbeitet erwirbt keine Bildung, hat eine deutlich schlechtere Gesundheit und damit ein doppeltes Risiko als Erwachsener selbst arm zu sein.

6. Die Lösung liegt nicht auf der Hand. Während die ILO seit Jahren für ein konsequent umgesetzes Verbot eintritt, bemühen sich Kinderschutzorganisationen wie Unicef in erster Linie Kindern eine adäquate Entwicklung trotz Kinderarbeit zu ermöglichen.

7. Was oft vergessen wird, ist die Frage nach den Alternativen. Selbst wenn ein Produktboykott dazu führen würde, dass kein Kind in Bangladesh mehr arbeiten würde, würde dies letztlich kaum dazu führen, dass die Kinder alle glücklich, wohlernährt und ohne materielle Sorgen aufwachsen. Die Kinderarbeit ist immer gekoppelt an mangelnde Gesundheitsversorgung, mangelnde Bildungschancen und Armut. Ein Kind das nicht arbeitet, kann dennoch nur zur Schule gehen, wenn es überhaupt eine adäquate Schule in erreichbarer Nähe gibt. Es benötigt Gesundheitsversorgung und hochwertige Nahrung, die seine Eltern sich nicht leisten können. Solang diese Probleme nicht aus der Welt geschafft sind, wird sich mit hoher Wahrscheinlichkeit auch über kurz oder lang wieder jemand finden, der das Kind arbeitet lässt.

8. Aus dieser Erkenntnis heraus haben viele lateinamerikanische Länder das mexikanische Oportunidades-Programm übernommen. Das Programm sieht vor, dass Eltern, die unterhalb der Armutslinie leben eine Reihe von Gesundheitsleistungen, Nahrungsmittelgutscheine, Nahrungsergänzungsmittel und Schul-/Lernmittelstipendien sowie einen Geldtransfer erhalten, aber nur, wenn sie ihr Kind regelmäßig zur ärztlichen Vorsorge bringen und das Kind die Schule besucht. Damit wird den Eltern eine Alternative zu Kinderarbeit geboten, die gleichzeitig die Versorgung des Kindes und das Einkommen des Haushalts verbessert. In Lateinamerika sind diese Programme sehr erfolgreich, sie sind allerdings auch teuer und an die existenz von Gesundheitswesen und Schulen gebunden. Auf ärmere Länder sind sie daher nur eingeschränkt übertragbar.

9. Festzuhalten ist, Kinderarbeit ist ein komplexes und sehr weitreichendes Problem. Allein auf Seite der Unternehmen lässt es sich nicht bekämpfen und auch bürgerliches Engagement allein wird hier wenig ausrichten. Vielmehr ist das Problem nur politisch in den Griff zu bekommen. Auf Seiten der Entwicklungsländer durch gesetzliche Bestimmungen zum Arbeitsschutz, Investitionen in das Schulwesen und Bekämpfung der Armut. Auf Seiten der Industrieländer durch strengere Einfuhrbestimmungen, die ausschließen, das Güter aus Kinderarbeit, aber auch aus Umwelt-schädlicher Produktion eingeführt werden können. Und auf Seiten der Konsumenten durch den Kauf von zertifizierten Gütern, im Idealfall fair gehandelt, bei gleichzeitiger Unterstützung von Initiativen, die in den betroffenen Ländern Bildungs- und Ausbildungsprojekte unterstützen.

10. Denn letztlich sollte jedem klar sein: Ob ein Kleidungsstück aus Bangladesh, Vietnam, der Türkei oder Rumänien kommt: wenn es nur 5 Euro kostet, dann ist es unter furchtbaren Arbeitsbedingungen produziert worden. Aber selbst wenn das Kleidungsstück 20 oder 30 oder sogar 200 Euro kostet – es gibt kaum ethisch-moralisch einwandfrei produzierte Kleidung. Nur ein Zertifikat spricht eine eindeutige Sprache, nicht der Preis.

Ich bin völlig damit einverstanden, Textilkonzerne, die nachweislich Raubbau an Mensch und Natur betreiben nicht noch durch den Kauf der Produkte zu unterstützen. Ich halte allerdings wenig davon, einzelne Länder, einzelne Konzerne anzuprangern und die Augen davor zu verschließen, dass die Unterschiede marginal sind. Und letztlich sehen wir allein in der Möglichkeit mit derlei Geschäftsgebahren durchzukommen und Gewinne zu machen, dass das Desinteresse an den Produktionsbedingungen andernorts erschreckend groß ist. Der Textilienkonsum, wie wir ihn heute betreiben ist schlicht nicht nachhaltig. Punkt.

2 Gedanken zu “Boykott gegen Kinderarbeit?

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