Bildungsfragen

Ich denke derzeit viel über Bildung und Ausbildung, Lehren und Lernen nach. Das hat völlig persönliche Gründe. Ich bin ein Teil des deutschen Bildungssystems und immer öfter frage ich mich, ob ich das bleiben will. Seit ich meine Promotion abgeschlossen habe, stehe ich letztlich unter anderem vor der Frage, ob ich auf Dauer Teil des Lehrkörpers der deutschen Universitäten bleiben möchte, oder nicht. Diese Frage hätte ich vor einigen Jahren noch mit einem deutlichen JA beantwortet und bin heute maximal noch bei einem zaghaften jein. An guten Tagen. Das hat natürlich zum Teil mit der mangelnden Nachhaltigkeit eines akademischen Beschäftigungsverhältnisses zu tun. Vielleicht auch damit, dass mich die internationale Forschungs- und Publikationslandschaft zutiefst frustriert, die jungen, vielleicht brillianten, Wissenschaftlern Steine in den Weg legt, vorgibt sich selbst zu kontrollieren und doch meist nur die Schäfchen ausgewählter Zirkel ins Trockene bringt. Die Anreize schafft, Fördergeld zu verprassen und dann doch verhindert, dass die Steuerfinanzierten Ergebnisse dem Steuerzahler zur Kenntnis gebracht werden. Die sich mit Händen und Füssen gegen Open Access wehrt und so vor allem einige wenige Verlage reich macht. Aber das alles ist eine andere Geschichte und soll an einem anderen Tag erzählt werden. Was mich derzeit vor allem zweifeln lässt, ist die Frage, ob wir an der Uni überhaupt noch zur Bildung oder auch nur Ausbildung beitragen. Was schaffe ich eigentlich noch einem Studenten überhaupt mitzugeben? Immer öfter beschleicht mich nämlich das Gefühl, dass ich gegen eine Wand rede, gestikuliere, erkläre und nochmal erkläre. Dass ich am Ende exakt genausoviel Wissen vermittelt hätte, wenn ich statt zur Vorlesung zu gehen, einfach 2 Stunden Mittagsschlaf machen würde.

Warum? Die unmittelbare Antwort ist recht schnell gefunden. Nur ca. 1/6 der Studenten, die am Ende die Prüfung ablegen werden, besucht überhaupt einigermassen regelmäßig die Vorlesung. Und regelmäßig meint hier schon „ist nach der zweiten Semesterwoche überhaupt nochmal aufgetaucht“. Ich habe auf dem Papier etwa 500 Studenten, einen Hörsaal, der 550 fassen würde und darin verlieren sich derzeit noch zwischen 50 und 80 Zuhörer. Das liegt, ihr könnt mir glauben, nicht an mir. Alle VWL-Professoren unserer Fakultät berichten das gleiche. Auch von Kollegen an anderen Unis höre ich ähnliches. Selbst die, die da sind, folgen nur zu einem Bruchteil meinen Ausführungen. Viele gehen früher, unterhalten sich, chatten oder spielen am Laptop oder Tablet. Wie gering das Interesse ist zeigt sich, wenn wir hochkarätige Vortragsgäste in die Vorlesung einladen. Obwohl zum Beispiel ein Vertreter des Gremiums der Wirtschaftsweisen extra in die Vorlesung kommt, erscheint: NIEMAND. An diesem Tag waren mehr Gäste und Mitarbeiter als Studenten in der Veranstaltung… Natürlich möchte ich hier weder behaupten, dass ich selbst in jeder einzelnen Veranstaltung gewesen wäre und immer interessiert zugehört hätte. Als Fach weitgehend ohne Anwesenheitspflicht sind unsere Teilnahmequoten traditionell weit unter 100% gewesen auch in den guten alten Zeiten. Aber ich würde doch behaupten, dass zumeist mindestens die Hälfte, eher mehr, anwesend waren.

Natürlich heißt das nicht, dass die Studenten einfach faul und dumm sind und das System Universität hervorragend. Mitnichten. Die mittelbaren Gründe liegen tiefer und sind vor allem sehr vielschichtig. Vielfach wird recht platt argumentiert: Das liegt am Bachelor-Master-System. Das sehe ich nicht so. Allein schon deshalb, weil es überhaupt nicht „das Bachelor-Master-System“ gibt. Die Umsetzung der Reform erfolgte nicht nur Fach-spezifisch sehr unterschiedlich sondern auch von Uni zu Uni. Ich habe erfolgreich und gern Bachelor und Master studiert. Ich hatte dabei das Glück, dass ich zwei Studiengänge hatte, die viel Wahlfreiheit boten, dass ich im Bachelor viele Seminare belegen konnte, dass ich gerade durch das neue System im Master in einem Jahrgang mit nur 11 anderen Studierenden geradezu traumhafte Betreuungsverhältnisse hatte. Umgekehrt kenne ich auch eine Vielzahl von Negativbeispielen. Wo eben 95% der Studieninhalte verpflichtend sind, wo im gesamten Studium eigentlich nur der Veranstaltungstypus „Vorlesung“ zu finden ist. Wo die Anwesenheitspflicht ausgeweitet, der Prüfungsdruck erhöht wurde. Genau in dieser Uneinheitlichkeit sehen wir eins der großen Probleme: Im wesentlichen wurde die Reform so umgesetzt wie einzelne Personen sie interpretiert haben. An den meisten Fakultäten wurde die Chance verpasst, von alten Strukturen Abstand zu nehmen und die Studiengänge tatsächlich sinnvoll „aus einem Guss“ zu gestalten, sondern es wurde in zähem Ringen ein Flickenteppich aus den Fetzen der Diplomstudiengänge konstruiert, der hauptsächlich dazu gedacht war möglichst wenig zusätzliche Arbeit zu generieren. Ein eklatantes Politik- und Managementversagen. Die Reform der Reform macht es nur noch schlimmer, denn die Forderungen, die nun im Rahmen der Akkreditierung an die Fakultäten herangetragen werden (auch hier wieder enorme Macht bei einzelnen Mitgliedern einer Kommission) sind auch wieder pauschale Universallösungen die zumeist völlig am Problem vorbeigehen. Und so entsteht eine große Frustration, und mit dem individuellen Studiengang kann man eben Glück oder Pech haben. Ohne dass dies für Außenstehende im Vorfeld zu beurteilen wäre.

Dennoch. In meinem Fall macht dies nur einen Bruchteil des Problems aus. Wir haben z.B. sehr viel Wahlfreiheit. Im Hauptstudium sitzen die Studierenden in unseren Veranstaltungen, weil sie sie gewählt haben, nicht weil sie müssen. Trotzdem bleiben mindestens 3/4 nach den ersten Wochen weg. Offensichtlich erachten die Studierenden den Vorlesungsbesuch schlicht als unnötig. Und wie kommt das? Ich habe da lang drüber nachgedacht. Mir überlegt, aus welchen Veranstaltungen ich in der Uni am meisten mitgenommen habe, mich an viele Diskussionen mit Studierenden und hunderte Kommentare in Lehrevaluationen erinnert. Und ich glaube: Power Point, amerikanische Lehrbücher und die Bildungspolitik tragen gemeinsam einen großen Teil der Schuld.

Fangen wir mit Power Point an. In den letzten 15 Jahren hat es sich als allgemein anerkannt etabliert, dass ein Dozent gefälligst eine Präsentations-gestützte Veranstaltung halten soll. Das wird vehement eingefordert. Jedesmal wenn ich in der Vorlesung zum Folienstift oder zur Kreide greife, geht ein Murren durch den Raum. Selbst in Übungen möchten die Studierenden gern die Lösung online bereitgestellt kriegen. Das Mitschreiben halte sie vom Folgen ab, so das Argument. Wer kein Power Point nutzt, wird in Kürze auch keine Studierenden mehr in seinen Modulen haben. Zu viel Arbeit. Das Problem ist nur, Power Point vermittelt eine vollkommen trügerische Sicherheit. Der Studierende glaubt, er könne den Vorlesungsstoff bequem zu Hause aus den Folien lernen. Sowohl Vorlesungsbesuch als auch Buchlektüre erscheinen überflüssig – man weiß doch, was der Dozent gesagt hat. Tja. Weiß man nicht. Nichtmal ich weiß später noch, was ich zu meinen eigenen Folien gesagt habe. Auch ich muss auch bei vielfach gehaltenen Vorlesungen dann wieder ins Buch schauen, mir die Zusammenhänge verdeutlichen. Aber die Existenz von Folien, online zum Download, suggeriert: Du verpasst nix, wenn du mal nicht hingehst. Du musst nicht zuhören, was gesagt wird. Es steht doch alles da.

Die gleiche trügerische Scheinsicherheit stellt sich auch ein, wenn man ein amerikanisches Lehrbuch des Undergrad-Niveaus verwendet. Das tun inzwischen in den Wirtschaftswissenschaften sehr viele. Denn die Bücher machen dem Dozenten die Arbeit leicht, weil sie reichlich zusätzliches Material für Dozenten mitbringen. Folien, Testfragen, ganze Online-Lernplattformen. Und die Studierenden lieben die Bücher. Denn ein amerikanisches Fachbuch liest sich wie eine Gute-Nacht-Geschichte. Es wird wenig handfestes, wenig formales, wenig theoretisches wiedergegeben, sondern viel Anekdoten erzählt, Beispiele gebracht und der Inhalt stark vereinfacht. Das echte harte Wissen verbirgt sich oft in „mathematischen Anhängen“ zu den Kapiteln. Die Zusammenhänge, die Argumentation bleiben nebulös, man glaub aber nach der Lektüre, man habe alles prima verstanden. Es scheint alles so einleuchtend. Deutsche VWL-Bücher sind das komplette Gegenteil. Voll von Formeln, sperrig zu lesen, oft recht kompliziert in der Sprache. Trocken und anstrengend. Und deshalb unbeliebt. Und ignoriert, selbst wenn sie als Lektüre angegeben werden. Hier gehen Dozenten den einfachen, konfliktfreien Weg. Verwenden ein beliebtes und komfortables Lehrbuch und wiegen die Studierenden damit in falscher Sicherheit. Das heißt nicht, dass ich fordere wieder zu deutschen Lehrbüchern überzugehen. Die meisten Bücher sind veraltet und wenig angemessen. Und, besonders dramatisch: Das Sprachvermögen, zumindest meiner Studierenden, reicht zum Verständnis eines deutschen Grundlagenbuchs oft nicht mehr aus. Die wissenschaftlich-trockene Sprache stellt heute eine echte Barriere dar. Die von mir gewählte Lösung, die ich präferiere, wenn ich allein-verantwortlich eine Veranstaltung gestalte, ist die eines echten Skripts. Ich verwende jeweils verschiedene Quellen. Ich stelle Folien zur Verfügung, lasse aber die komplexen Zusammenhänge und Formeln dort raus und schreibe diese von Hand an die Tafel, so dass die Studierenden sie selbst schreiben müssen. Das ist der Weg, der für mich die meiste Arbeit und das meiste Konfliktpotenzial birgt. Ich habe den Versuch deshalb bisher nur in sehr kleinen Gruppen gemacht – mit großem Erfolg.

Und nun die Politik. Hier liegt, in meinen Augen, die Grundlage für so gut wie alles was schiefläuft. Denn wie bei der Bologna-Reform, so treffen wir eigentlich auf allen Ebenen des Bildungswesens eine Kombination aus zu viel und zu wenig Eingriff.

Es beginnt schon mit der Zielsetzung. Das Ziel des deutschen Bildungssystems ist heute vor allem: Arbeitsmarkt-kompatibler Output in möglichst kurzer Zeit. Wir sehen das z.B. in den Vorgaben für Modulbeschreibungen. Hier ist verpflichtend für jede einzelne Veranstaltung die Berufsrelevanz im Fließtext auszuführen. Was für ein Quatsch! Dienen doch die meisten Veranstaltungen in der Uni dazu, Grundlagen zu legen, die Basis für das Job-bezogene Wissen zu erwerben. Sich zu orientieren, die Breite des Fachs kennenzulernen und erst danach ein spezifisches Berufsfeld zu wählen. So werden wir aber aufgefordert nicht mehr Bildung sondern vielmehr Ausbildung zu vermitteln. Was wir schlecht machen. Universitäten können nicht auf spezifische Jobs vorbereiten. Das war nie ihre Aufgabe, dafür ist auch niemand hier qualifiziert. Und sinnvoll ist es auch nicht. Aber es ist das, was nun von uns verlangt wird, ein Anspruch an dem wir scheitern müssen. Jedes Semester ist die Frage im (standardisierten) Evaluationsbogen „die Relevanz für die spätere Berufstätigkeit wird für mich klar“ daher auch eine der am schlechtesten bewerteten. Nur was soll ich daraus für Schlüsse ziehen? Ich kann und möchte auch niemandem Wissen für einen Beruf vermitteln, den ich selbst weder erlernt noch ausgeübt hab. Allein schon völlig absurd, da in meiner Grundlagen-Veranstaltung Studierende aus 8-10 verschiedenen Studiengängen mit z.T. noch einmal einer Vielzahl an späteren Berufsbildern sitzen. Aber offenbar wird diese Berufsfeldnähe von Studierenden erwartet. Denn die Kritik, die wir am häufigsten hören ist: „Das bringt mir ja nichts“ und die Antwort: „Doch, es bringt dir bei ein verantwortlich denkender, informierter und breit gebildeter Entscheidungsträger zu werden“ zählt nicht.

Das zweite Problem ergibt sich schon aus der Gestaltung der Schullaufbahn. Fächer- und Uni-übergreifend hören wir von allen Kollegen, dass die Studierenden vollkommen studierunfähig an die Uni kommen. Im ersten Semester zeigt sich recht deutlich, dass die Fähigkeiten in Kernkompetenzen der Mathematik, der deutschen Sprache und vor allem der Selbstorganisation lückenhaft bis nicht vorhanden sind. Mit dieser Feststellung konfrontiert reagieren die meisten Lehrer meines Bekanntenkreises mit müdem Schulterzucken, überrascht sind sie nicht. Auch in der Schule wird versucht viel zu erreichen und nichts davon kann richtig umgesetzt werden. Der Lehrplan gerade in Mathematik und Deutsch wird voller und voller. Zulasten von Wiederholung und Training. Die Zeit reicht in Zeiten von G8 nicht mehr aus, um Hausaufgaben zu überprüfen, Stoff zu wiederholen, Dinge zu vertiefen. Mit dem Ergebnis, dass das Mathewissen der Mittelstufe bei Abiturienten schon lang in Vergessenheit geraten ist. Dass Studierende große Probleme haben komplexere Texte zu verstehen oder gar selbst zu formulieren. Und dass sie vor allem überhaupt nicht in der Lage sind sich Inhalte selbständig strukturiert zu erarbeiten, keinerlei Lerntechniken beherrschen. Ich stelle erschreckende sprachliche Schwächen in  Klausuren und Seminararbeiten von Deutsch-Muttersprachlern fest, die z.T. tatsächlich das Verständnis des Textes hemmen. Studierenden geben an, dass ihnen die Bruchrechnung solche Probleme bereitet, dass sie unsere Klausuren nicht schaffen können. Das sind Lücken, die wir an der Uni unmöglich noch schließen können. Das heißt, wir machen, was auch an der Schule vielfach gemacht werden muss: Wir ignorieren die Schwächen. Wir schrauben die Anforderungen herunter, fordern immer weniger lange Texte, lassen Antworten im Stichwort-Stil zu, schließen formal komplexere mathematische Inhalte für die Klausur aus. Warum?

Ha. Nächster Fehler. Die Mittelvergabe an Universitäten setzt starke Anreize, Studierende möglichst schnell durchs Studium zu bringen. In NRW z.B. werden 23% unserer Mittel leistungsbezogen vergeben und ein wichtiger Faktor bei der Verteilung dieser Mittel zwischen den Universitäten ist die Anzahl der Absolventen. Es gibt umso mehr Geld je mehr Absolventen produziert werden und je schneller. Da ist die Marschrichtung einfach: Durchwinken! Denn die Universitäten sind chronisch unterfinanziert. Gestiegene Energiekosten, stark gestiegene Studierendenzahlen und deutlich höherer Verwaltungsaufwand werden unzureichend gedeckt und ein immer höherer Anteil der Universitätsbudgets wird aus zeitlich befristeten Mitteln vergeben. Das führt in unserem Lehralltag zu Räumen in die es reinregnet oder in denen ständig ein Teil der Stühle und Tische unbenutzbar sind, Vorlesungen in Kinosälen, enormer Gesundheitsbelastung für Angestellte und Studierende durch chronische Sanierungsmängel (bakterienbelastetes Wasser, asbestbelastete Luft) und enorme Lärmbelastung durch Bauarbeiten im laufenden Betrieb, die meist nur der notdürftigen Erhaltung des dürftigen Gebäudestandards dienen.

Ich habe deshalb eben zunehmend den Eindruck, ich möchte zwar Bildung vermitteln, dieses Angebot wird aber nicht wahrgenommen. Stattdessen soll ich Ausbildung leisten, was ich nicht kann und eigentlich auch nicht möchte. Zudem kämpfe ich gegen Lücken, die im Grunde schon ab der Grundschule aufgehen und bei uns wenn überhaupt nur noch kaschiert werden können. Dadurch werden Dozenten und Studenten zunehmend frustrierter und eine Lösung dieses Problems ist nicht mal ansatzweise in Sicht und wäre allein schon auf Grund des Föderalismus, des Hochschulfreiheitsgesetzes und des kurzfristig massiven Drucks durch die doppelten Abiturjahrgänge kaum umsetzbar, selbst mit bestem Willen und hoher Kompetenz. Nicht dass ich einen Bildungspolitiker mit Kompetenz in den letzten Jahren wahrgenommen hätte.

So und wer macht mich jetzt bitte schnellstmöglich zur Wissenschaftsministerin? Der Job ist ja demnächst frei …

Ein Nachsatz noch: Natürlich gilt all dies vor allem für Wirtschaftswissenschaften und vor allem für die Universitäten, die ich persönlich kennengelernt habe. Wenn jemand zufällig an einer Traumuni arbeitet oder studiert, möge er mir bitte Bescheid geben – dann bewerb ich mich da. Initiativ. Immer wieder. Denn ich möchte wirklich gern Bildung und Interesse an meinem Fach vermitteln. Echt.