Bildungsfragen

Ich denke derzeit viel über Bildung und Ausbildung, Lehren und Lernen nach. Das hat völlig persönliche Gründe. Ich bin ein Teil des deutschen Bildungssystems und immer öfter frage ich mich, ob ich das bleiben will. Seit ich meine Promotion abgeschlossen habe, stehe ich letztlich unter anderem vor der Frage, ob ich auf Dauer Teil des Lehrkörpers der deutschen Universitäten bleiben möchte, oder nicht. Diese Frage hätte ich vor einigen Jahren noch mit einem deutlichen JA beantwortet und bin heute maximal noch bei einem zaghaften jein. An guten Tagen. Das hat natürlich zum Teil mit der mangelnden Nachhaltigkeit eines akademischen Beschäftigungsverhältnisses zu tun. Vielleicht auch damit, dass mich die internationale Forschungs- und Publikationslandschaft zutiefst frustriert, die jungen, vielleicht brillianten, Wissenschaftlern Steine in den Weg legt, vorgibt sich selbst zu kontrollieren und doch meist nur die Schäfchen ausgewählter Zirkel ins Trockene bringt. Die Anreize schafft, Fördergeld zu verprassen und dann doch verhindert, dass die Steuerfinanzierten Ergebnisse dem Steuerzahler zur Kenntnis gebracht werden. Die sich mit Händen und Füssen gegen Open Access wehrt und so vor allem einige wenige Verlage reich macht. Aber das alles ist eine andere Geschichte und soll an einem anderen Tag erzählt werden. Was mich derzeit vor allem zweifeln lässt, ist die Frage, ob wir an der Uni überhaupt noch zur Bildung oder auch nur Ausbildung beitragen. Was schaffe ich eigentlich noch einem Studenten überhaupt mitzugeben? Immer öfter beschleicht mich nämlich das Gefühl, dass ich gegen eine Wand rede, gestikuliere, erkläre und nochmal erkläre. Dass ich am Ende exakt genausoviel Wissen vermittelt hätte, wenn ich statt zur Vorlesung zu gehen, einfach 2 Stunden Mittagsschlaf machen würde.

Warum? Die unmittelbare Antwort ist recht schnell gefunden. Nur ca. 1/6 der Studenten, die am Ende die Prüfung ablegen werden, besucht überhaupt einigermassen regelmäßig die Vorlesung. Und regelmäßig meint hier schon „ist nach der zweiten Semesterwoche überhaupt nochmal aufgetaucht“. Ich habe auf dem Papier etwa 500 Studenten, einen Hörsaal, der 550 fassen würde und darin verlieren sich derzeit noch zwischen 50 und 80 Zuhörer. Das liegt, ihr könnt mir glauben, nicht an mir. Alle VWL-Professoren unserer Fakultät berichten das gleiche. Auch von Kollegen an anderen Unis höre ich ähnliches. Selbst die, die da sind, folgen nur zu einem Bruchteil meinen Ausführungen. Viele gehen früher, unterhalten sich, chatten oder spielen am Laptop oder Tablet. Wie gering das Interesse ist zeigt sich, wenn wir hochkarätige Vortragsgäste in die Vorlesung einladen. Obwohl zum Beispiel ein Vertreter des Gremiums der Wirtschaftsweisen extra in die Vorlesung kommt, erscheint: NIEMAND. An diesem Tag waren mehr Gäste und Mitarbeiter als Studenten in der Veranstaltung… Natürlich möchte ich hier weder behaupten, dass ich selbst in jeder einzelnen Veranstaltung gewesen wäre und immer interessiert zugehört hätte. Als Fach weitgehend ohne Anwesenheitspflicht sind unsere Teilnahmequoten traditionell weit unter 100% gewesen auch in den guten alten Zeiten. Aber ich würde doch behaupten, dass zumeist mindestens die Hälfte, eher mehr, anwesend waren.

Natürlich heißt das nicht, dass die Studenten einfach faul und dumm sind und das System Universität hervorragend. Mitnichten. Die mittelbaren Gründe liegen tiefer und sind vor allem sehr vielschichtig. Vielfach wird recht platt argumentiert: Das liegt am Bachelor-Master-System. Das sehe ich nicht so. Allein schon deshalb, weil es überhaupt nicht „das Bachelor-Master-System“ gibt. Die Umsetzung der Reform erfolgte nicht nur Fach-spezifisch sehr unterschiedlich sondern auch von Uni zu Uni. Ich habe erfolgreich und gern Bachelor und Master studiert. Ich hatte dabei das Glück, dass ich zwei Studiengänge hatte, die viel Wahlfreiheit boten, dass ich im Bachelor viele Seminare belegen konnte, dass ich gerade durch das neue System im Master in einem Jahrgang mit nur 11 anderen Studierenden geradezu traumhafte Betreuungsverhältnisse hatte. Umgekehrt kenne ich auch eine Vielzahl von Negativbeispielen. Wo eben 95% der Studieninhalte verpflichtend sind, wo im gesamten Studium eigentlich nur der Veranstaltungstypus „Vorlesung“ zu finden ist. Wo die Anwesenheitspflicht ausgeweitet, der Prüfungsdruck erhöht wurde. Genau in dieser Uneinheitlichkeit sehen wir eins der großen Probleme: Im wesentlichen wurde die Reform so umgesetzt wie einzelne Personen sie interpretiert haben. An den meisten Fakultäten wurde die Chance verpasst, von alten Strukturen Abstand zu nehmen und die Studiengänge tatsächlich sinnvoll „aus einem Guss“ zu gestalten, sondern es wurde in zähem Ringen ein Flickenteppich aus den Fetzen der Diplomstudiengänge konstruiert, der hauptsächlich dazu gedacht war möglichst wenig zusätzliche Arbeit zu generieren. Ein eklatantes Politik- und Managementversagen. Die Reform der Reform macht es nur noch schlimmer, denn die Forderungen, die nun im Rahmen der Akkreditierung an die Fakultäten herangetragen werden (auch hier wieder enorme Macht bei einzelnen Mitgliedern einer Kommission) sind auch wieder pauschale Universallösungen die zumeist völlig am Problem vorbeigehen. Und so entsteht eine große Frustration, und mit dem individuellen Studiengang kann man eben Glück oder Pech haben. Ohne dass dies für Außenstehende im Vorfeld zu beurteilen wäre.

Dennoch. In meinem Fall macht dies nur einen Bruchteil des Problems aus. Wir haben z.B. sehr viel Wahlfreiheit. Im Hauptstudium sitzen die Studierenden in unseren Veranstaltungen, weil sie sie gewählt haben, nicht weil sie müssen. Trotzdem bleiben mindestens 3/4 nach den ersten Wochen weg. Offensichtlich erachten die Studierenden den Vorlesungsbesuch schlicht als unnötig. Und wie kommt das? Ich habe da lang drüber nachgedacht. Mir überlegt, aus welchen Veranstaltungen ich in der Uni am meisten mitgenommen habe, mich an viele Diskussionen mit Studierenden und hunderte Kommentare in Lehrevaluationen erinnert. Und ich glaube: Power Point, amerikanische Lehrbücher und die Bildungspolitik tragen gemeinsam einen großen Teil der Schuld.

Fangen wir mit Power Point an. In den letzten 15 Jahren hat es sich als allgemein anerkannt etabliert, dass ein Dozent gefälligst eine Präsentations-gestützte Veranstaltung halten soll. Das wird vehement eingefordert. Jedesmal wenn ich in der Vorlesung zum Folienstift oder zur Kreide greife, geht ein Murren durch den Raum. Selbst in Übungen möchten die Studierenden gern die Lösung online bereitgestellt kriegen. Das Mitschreiben halte sie vom Folgen ab, so das Argument. Wer kein Power Point nutzt, wird in Kürze auch keine Studierenden mehr in seinen Modulen haben. Zu viel Arbeit. Das Problem ist nur, Power Point vermittelt eine vollkommen trügerische Sicherheit. Der Studierende glaubt, er könne den Vorlesungsstoff bequem zu Hause aus den Folien lernen. Sowohl Vorlesungsbesuch als auch Buchlektüre erscheinen überflüssig – man weiß doch, was der Dozent gesagt hat. Tja. Weiß man nicht. Nichtmal ich weiß später noch, was ich zu meinen eigenen Folien gesagt habe. Auch ich muss auch bei vielfach gehaltenen Vorlesungen dann wieder ins Buch schauen, mir die Zusammenhänge verdeutlichen. Aber die Existenz von Folien, online zum Download, suggeriert: Du verpasst nix, wenn du mal nicht hingehst. Du musst nicht zuhören, was gesagt wird. Es steht doch alles da.

Die gleiche trügerische Scheinsicherheit stellt sich auch ein, wenn man ein amerikanisches Lehrbuch des Undergrad-Niveaus verwendet. Das tun inzwischen in den Wirtschaftswissenschaften sehr viele. Denn die Bücher machen dem Dozenten die Arbeit leicht, weil sie reichlich zusätzliches Material für Dozenten mitbringen. Folien, Testfragen, ganze Online-Lernplattformen. Und die Studierenden lieben die Bücher. Denn ein amerikanisches Fachbuch liest sich wie eine Gute-Nacht-Geschichte. Es wird wenig handfestes, wenig formales, wenig theoretisches wiedergegeben, sondern viel Anekdoten erzählt, Beispiele gebracht und der Inhalt stark vereinfacht. Das echte harte Wissen verbirgt sich oft in „mathematischen Anhängen“ zu den Kapiteln. Die Zusammenhänge, die Argumentation bleiben nebulös, man glaub aber nach der Lektüre, man habe alles prima verstanden. Es scheint alles so einleuchtend. Deutsche VWL-Bücher sind das komplette Gegenteil. Voll von Formeln, sperrig zu lesen, oft recht kompliziert in der Sprache. Trocken und anstrengend. Und deshalb unbeliebt. Und ignoriert, selbst wenn sie als Lektüre angegeben werden. Hier gehen Dozenten den einfachen, konfliktfreien Weg. Verwenden ein beliebtes und komfortables Lehrbuch und wiegen die Studierenden damit in falscher Sicherheit. Das heißt nicht, dass ich fordere wieder zu deutschen Lehrbüchern überzugehen. Die meisten Bücher sind veraltet und wenig angemessen. Und, besonders dramatisch: Das Sprachvermögen, zumindest meiner Studierenden, reicht zum Verständnis eines deutschen Grundlagenbuchs oft nicht mehr aus. Die wissenschaftlich-trockene Sprache stellt heute eine echte Barriere dar. Die von mir gewählte Lösung, die ich präferiere, wenn ich allein-verantwortlich eine Veranstaltung gestalte, ist die eines echten Skripts. Ich verwende jeweils verschiedene Quellen. Ich stelle Folien zur Verfügung, lasse aber die komplexen Zusammenhänge und Formeln dort raus und schreibe diese von Hand an die Tafel, so dass die Studierenden sie selbst schreiben müssen. Das ist der Weg, der für mich die meiste Arbeit und das meiste Konfliktpotenzial birgt. Ich habe den Versuch deshalb bisher nur in sehr kleinen Gruppen gemacht – mit großem Erfolg.

Und nun die Politik. Hier liegt, in meinen Augen, die Grundlage für so gut wie alles was schiefläuft. Denn wie bei der Bologna-Reform, so treffen wir eigentlich auf allen Ebenen des Bildungswesens eine Kombination aus zu viel und zu wenig Eingriff.

Es beginnt schon mit der Zielsetzung. Das Ziel des deutschen Bildungssystems ist heute vor allem: Arbeitsmarkt-kompatibler Output in möglichst kurzer Zeit. Wir sehen das z.B. in den Vorgaben für Modulbeschreibungen. Hier ist verpflichtend für jede einzelne Veranstaltung die Berufsrelevanz im Fließtext auszuführen. Was für ein Quatsch! Dienen doch die meisten Veranstaltungen in der Uni dazu, Grundlagen zu legen, die Basis für das Job-bezogene Wissen zu erwerben. Sich zu orientieren, die Breite des Fachs kennenzulernen und erst danach ein spezifisches Berufsfeld zu wählen. So werden wir aber aufgefordert nicht mehr Bildung sondern vielmehr Ausbildung zu vermitteln. Was wir schlecht machen. Universitäten können nicht auf spezifische Jobs vorbereiten. Das war nie ihre Aufgabe, dafür ist auch niemand hier qualifiziert. Und sinnvoll ist es auch nicht. Aber es ist das, was nun von uns verlangt wird, ein Anspruch an dem wir scheitern müssen. Jedes Semester ist die Frage im (standardisierten) Evaluationsbogen „die Relevanz für die spätere Berufstätigkeit wird für mich klar“ daher auch eine der am schlechtesten bewerteten. Nur was soll ich daraus für Schlüsse ziehen? Ich kann und möchte auch niemandem Wissen für einen Beruf vermitteln, den ich selbst weder erlernt noch ausgeübt hab. Allein schon völlig absurd, da in meiner Grundlagen-Veranstaltung Studierende aus 8-10 verschiedenen Studiengängen mit z.T. noch einmal einer Vielzahl an späteren Berufsbildern sitzen. Aber offenbar wird diese Berufsfeldnähe von Studierenden erwartet. Denn die Kritik, die wir am häufigsten hören ist: „Das bringt mir ja nichts“ und die Antwort: „Doch, es bringt dir bei ein verantwortlich denkender, informierter und breit gebildeter Entscheidungsträger zu werden“ zählt nicht.

Das zweite Problem ergibt sich schon aus der Gestaltung der Schullaufbahn. Fächer- und Uni-übergreifend hören wir von allen Kollegen, dass die Studierenden vollkommen studierunfähig an die Uni kommen. Im ersten Semester zeigt sich recht deutlich, dass die Fähigkeiten in Kernkompetenzen der Mathematik, der deutschen Sprache und vor allem der Selbstorganisation lückenhaft bis nicht vorhanden sind. Mit dieser Feststellung konfrontiert reagieren die meisten Lehrer meines Bekanntenkreises mit müdem Schulterzucken, überrascht sind sie nicht. Auch in der Schule wird versucht viel zu erreichen und nichts davon kann richtig umgesetzt werden. Der Lehrplan gerade in Mathematik und Deutsch wird voller und voller. Zulasten von Wiederholung und Training. Die Zeit reicht in Zeiten von G8 nicht mehr aus, um Hausaufgaben zu überprüfen, Stoff zu wiederholen, Dinge zu vertiefen. Mit dem Ergebnis, dass das Mathewissen der Mittelstufe bei Abiturienten schon lang in Vergessenheit geraten ist. Dass Studierende große Probleme haben komplexere Texte zu verstehen oder gar selbst zu formulieren. Und dass sie vor allem überhaupt nicht in der Lage sind sich Inhalte selbständig strukturiert zu erarbeiten, keinerlei Lerntechniken beherrschen. Ich stelle erschreckende sprachliche Schwächen in  Klausuren und Seminararbeiten von Deutsch-Muttersprachlern fest, die z.T. tatsächlich das Verständnis des Textes hemmen. Studierenden geben an, dass ihnen die Bruchrechnung solche Probleme bereitet, dass sie unsere Klausuren nicht schaffen können. Das sind Lücken, die wir an der Uni unmöglich noch schließen können. Das heißt, wir machen, was auch an der Schule vielfach gemacht werden muss: Wir ignorieren die Schwächen. Wir schrauben die Anforderungen herunter, fordern immer weniger lange Texte, lassen Antworten im Stichwort-Stil zu, schließen formal komplexere mathematische Inhalte für die Klausur aus. Warum?

Ha. Nächster Fehler. Die Mittelvergabe an Universitäten setzt starke Anreize, Studierende möglichst schnell durchs Studium zu bringen. In NRW z.B. werden 23% unserer Mittel leistungsbezogen vergeben und ein wichtiger Faktor bei der Verteilung dieser Mittel zwischen den Universitäten ist die Anzahl der Absolventen. Es gibt umso mehr Geld je mehr Absolventen produziert werden und je schneller. Da ist die Marschrichtung einfach: Durchwinken! Denn die Universitäten sind chronisch unterfinanziert. Gestiegene Energiekosten, stark gestiegene Studierendenzahlen und deutlich höherer Verwaltungsaufwand werden unzureichend gedeckt und ein immer höherer Anteil der Universitätsbudgets wird aus zeitlich befristeten Mitteln vergeben. Das führt in unserem Lehralltag zu Räumen in die es reinregnet oder in denen ständig ein Teil der Stühle und Tische unbenutzbar sind, Vorlesungen in Kinosälen, enormer Gesundheitsbelastung für Angestellte und Studierende durch chronische Sanierungsmängel (bakterienbelastetes Wasser, asbestbelastete Luft) und enorme Lärmbelastung durch Bauarbeiten im laufenden Betrieb, die meist nur der notdürftigen Erhaltung des dürftigen Gebäudestandards dienen.

Ich habe deshalb eben zunehmend den Eindruck, ich möchte zwar Bildung vermitteln, dieses Angebot wird aber nicht wahrgenommen. Stattdessen soll ich Ausbildung leisten, was ich nicht kann und eigentlich auch nicht möchte. Zudem kämpfe ich gegen Lücken, die im Grunde schon ab der Grundschule aufgehen und bei uns wenn überhaupt nur noch kaschiert werden können. Dadurch werden Dozenten und Studenten zunehmend frustrierter und eine Lösung dieses Problems ist nicht mal ansatzweise in Sicht und wäre allein schon auf Grund des Föderalismus, des Hochschulfreiheitsgesetzes und des kurzfristig massiven Drucks durch die doppelten Abiturjahrgänge kaum umsetzbar, selbst mit bestem Willen und hoher Kompetenz. Nicht dass ich einen Bildungspolitiker mit Kompetenz in den letzten Jahren wahrgenommen hätte.

So und wer macht mich jetzt bitte schnellstmöglich zur Wissenschaftsministerin? Der Job ist ja demnächst frei …

Ein Nachsatz noch: Natürlich gilt all dies vor allem für Wirtschaftswissenschaften und vor allem für die Universitäten, die ich persönlich kennengelernt habe. Wenn jemand zufällig an einer Traumuni arbeitet oder studiert, möge er mir bitte Bescheid geben – dann bewerb ich mich da. Initiativ. Immer wieder. Denn ich möchte wirklich gern Bildung und Interesse an meinem Fach vermitteln. Echt.

12 Gedanken zu “Bildungsfragen

  1. Lucy schreibt:

    Weia, das hört sich deprimierend an – vor allem weil keine Aussicht besteht, dass es jemals wieder besser wird. Ich hatte ja noch ein klassisches Magisterstudium, und dann auch noch in klassischen Laber- und Orchideenfächern, und muss sagen, dass mir rückblickend die Veranstaltungen am meisten gebracht haben, wo man sich mit einer überschaubare Anzahl von Teilnehmern (unter 30) und einer Lehrkraft, die selbst eine gewisse Leidenschaft für ihr Fach ausstrahlt, über Grundlagen und Texte und Methoden ausgetauscht hat. Aber auch die klassische Vorlesung konnte richtig gut sein, wenn man da jemanden mit einem großen Überblick über sein Fach und dem Talent, frei zu sprechen, vor sich hatte – und selbstverständlich alles ohne Power point und andere Hilfsmittel. Diese Bedingungen gab es aber schon zu „meiner Zeit“ nur selten, aber es gab sie noch, und man konnte sich solche Veranstaltungen suchen.

    Der Vorteil der „Laberfächer“ ist ja vielleicht auch noch, dass dort grundsätzlich nicht mit Lehrbüchern gearbeitet wird, und dadurch weniger erwartet wird, dass man nachher berufsrelevantes Wissen in ein paar Stichworten mit nach Hause nehmen kann. Die Erkenntnis, dass man einen Text nicht nur fotokopieren muss, sondern auch lesen und verstehen und darüber nachdenken, überfällt manche trotzdem dann erst kurz vor der Prüfung 😉

    Der Akkreditierungswahnsinn ist wirklich nochmal ein Thema – bei kleinen Fächern wird das Prinzip dann völlig ad absurdum geführt, weil es ja eben nur wenig kompetente Leute gibt, und die evaluieren und akkreditieren sich dann alle gegenseitig – geht ja nicht anders. Und die befristeten Forschungsprojekte, in denen nach einem jahr schon nicht mehr geforscht wird, sondern nur noch am Folgeantrag gebastelt, um die nächste Finanzierung sicherzustellen! Ach, ein unendliches Feld, und ich bin manchmal nur froh, dass ich heute nicht mehr studieren muss.

    viele Grüße! Lucy

    • siebenhundertsachen schreibt:

      Meine Schwester studiert KoWi und berichtet von dort auch von großem Drang nach „Verwertbarkeit“ des Erlernten – eigentlich auch nicht verwunderlich in einem Fach, das mit gewisser Wahrscheinlichkeit in die Arbeitslosigkeit mündet… nur führt die Anstrengung auch dort vor allem zu sinnlosen Blüten ohne Erfolge… Ich erinnere mich auch noch am besten an kleine Seminare mit tagesaktuellen Themen und an Dozenten mit Ecken und Kanten, die mit Engagement und persönlichem Interesse vortrugen. Aber gelernt hab ich auch in Mathe z.B. erstaunlich viel – weil an die Tafel geschrieben und nicht eine Präsentation durchgekaut wurde…

  2. frifris.blogspot.com schreibt:

    Leider kann ich in das Wehklagen nur einstimmen. Bildungspolitik in D ist sooo unendlich frustrierend. Selten langfristig geplant (oder wenn, dann von der Opposition in der nächsten Wahlperiode gekippt), oft werden kurzfristige Wünsche (z.B. der „Wirtschaft“ – ich weiß, nicht besonders differenziert) umgesetzt, ohne ernsthaft Geld dafür in die Hand nehmen zu wollen und das ganze konsequent durchzuplanen oder auch mal Fehler zu korrigieren.

    Dann noch dieses ensetzliche Föderalismusgeschachere, was ständig aus dem System heraus so viel Zeit und Geld auf den (Schul-)Ämtern verbrennt. Überhaupt, dieses Beamtenwesen…

    Power Point – ich kann es nicht mehr hören; es ist ja schön und gut, wenn das jemand kann – aber so viele schaffen es ja nicht mal, den Hauptinhalt aus einem simplen Zeitungsartikel herauszufiltern oder die einfachste Statistik zu verstehen (von Bewerten rede ich gar nicht). Prozent, häh, versteh ich nicht, ist doch Mathe (= muss eh keiner können).

    Naja, also ich fand die Idee, die Universitäten stärker zu „verschulen“ noch nie besonders grandios.
    Und solange nicht wirklich mehr Geld in Schulen und Unis fließt, wird sich nicht allzuviel ändern. Die guten Ideen, die es gibt, scheitern oft an der mangelnden finanziellen Ausstattung. Daher weiß ich auch nicht, wie und wo es jemals eine Traumuni gibt.

    Immerhin, ich gebe zu: die Anzahl der Vorlesungen, an denen ich teilgenommen habe, tendierte mit zunehmendem Fortschreiten des Studiums gegen Null. Immer voll, nur frontal (Kreide oder OHP waren schon multimedial!), und den Inhalt konnte man sich meist ein Semester später in einem Bruchteil der Zeit aus der (nicht amerikanischen) Fachliteratur erlesen. Die Seminare waren immer interessanter (Diskussionen, echte Teilnahme). Aber man muss sich das vorstellen: ein Fremdsprachenstudium, komplett bis auf ganz ganz wenige Ausnahmen alle Vorlesungen und Seminare nur in der deutschen Sprache gehalten – es war auch damals nicht alles besser 😉 Ich nehme an, das würde sich heute keiner mehr trauen.

    • siebenhundertsachen schreibt:

      Ich hab ja im Bachelor auch im Nebenfach Sprachen studiert und war als nicht-Sprachwissenschaftlerin immer entsetzt über die Seminare in deutscher Sprache. Aber du hast schon recht – in den Sprach- und Bildungswissenschaften sind da sicher auch nochmal ganz andere Probleme. Und übergreifend bleibt der Tenor: Ohne Geld und Herz ändert sich auch nix. Beides wurde in der Bildungspolitik halt schon lang nicht mehr im Überfluss aufgebracht, traurig aber wahr. Schlimm finde ich, dass Eltern, Schüler, Studenten so entsetzlich wenig tun können – weil der Mut zu echten Veränderungen und die BEweglichkeit des ganzes Systems einfach fehlt. Es gibt ja gute Vorbilder (Finnland, Holland) – aber wer wird denn gleich ALLES umwerfen?!

  3. Lotti schreibt:

    Oje. Und ich dachte schon, nur bei uns im Handwerk ist alles doof und schrecklich unorganisiert. Ich verstehe schon seit langem nicht, warum es so viel wichtiger ist, Steuergelder in Bankenrettung zu investieren als in die Bildung der nächsten Generation. Das fängt schon im Kindergarten an.
    Ich hab ja schon gehört, daß es an den Unis recht schwierig sein soll, aber das Ausmaß ist schon schockierend. Dabei haben sich alle nach der PISA Studie geschämt und waren sich einig, daß sich in den Schulen was ändern muß.
    Daß so wenig Studierende anwesend sind, könnte natürlich zum Teil auch daran liegen, daß die meisten arbeiten müssen, um sich das Studium inklusive Lebensunterhalt leisten zu können. Ich kann mir gut vorstellen, daß das schlaucht.
    Gute Besserung, Bildungssystem.
    P:S: Ich würde nen Kreuz für dich machen.

    • siebenhundertsachen schreibt:

      Erschreckenderweise haben wir hier im Ruhrgebiet die Situation, dass ein überdurchschnittlich hoher Anteil der Studierenden noch zu Hause wohnt und deshalb nicht oder kaum arbeiten geht / gehen muss. Aber das macht sie natürlich andererseits noch unselbständiger und befördert noch, dass sie sich mit dem Konsumieren von Wissen zufrieden geben.

  4. Julia schreibt:

    Ich finde es sehr interessant was Du schreibst und kann deinen Missmut gut nachvollziehen auch wenn ich aus einer völlig anderen Richtung komme. Mein Studienfach (Zahnmedizin) war und ist (wie auch Humanmedizin) völlig verschult. Hier hat man quasi keine Wahlfreiheiten und das fand ich stets sehr schade, denn ich ging noch an die Uni mit der Vortellung, die universitäre Freiheit nutzen zu können. Mein Studium kam einer Ausbildung sehr nahe. Natürlich hatten wir auch zahlreiche Nebenfächer, die keinen direkten Bezug zum Beruf haben, aber trotzdem sind (Zahn)mediziner Schmalspurstudenten.
    Das typische Studenten-/Schülerverhalten, bei dem es nur um den Schein, nicht um die Sache ging, fand ich als wissentschaftliche Assistentin auch nervig und unschön. Doch konnte ich mich als Studentin auch nicht immer davon frei machen. Denn das Studium ist von einem enormen Druck beherrscht, -auch nicht schön. Aber das führte bei uns eben immer zu 100% Anwesendheit.
    Ich bin sehr gespannt wie es bei dir weitergeht, ich habe mich nach der Geburt meiner beiden Kinder von der Uni verabschiedet und selbstständig gemacht, denn flexible Arbeitszeiten sind ja in solch einem Großbetrieb ein Unding…….
    Viele Grüße
    Julia

    • siebenhundertsachen schreibt:

      Ich hab, was die Arbeitszeiten anbelangt, sehr viel Glück mit meinem Chef. Trotzdem bin ich nicht so sicher, wie lang ich es noch an der Uni aushalte… aber diese Entscheidung muss ich zum Glück nicht heute oder morgen fällen. Richtig akut wird sie erst in 7 Jahren, denn so lang kann ich noch befristet beschäftigt bleiben.

  5. Sathiya schreibt:

    Ein sehr guter Artikel, der mir aus der Seele spricht.
    Das Unvermögen und sogar Unwillen der Jugend, die sich für „hochschulreif“ hält (offiziell per Abiturzeugnis bestätigt) ist erschreckend, die Grundkompetenzen wie Verständnis von Zusammenhängen, Lerntechniken, Lernwillen, Lesen längerer trockener Texte so gut wie nicht vorhanden bzw. wird als uncool empfunden, gerade im Zeitalter von SMS, facebook, Studi-VZ und twitter und co.
    Meine Große studiert Pharmazie – heftiges Lernfach 😉 – und auch sie berichtet unschönes. Lernen scheint nicht cool zu sein, und Selberdenken schon mal gar nicht. Redet der Vortragende zu „geschwollen“ (aus Studentensicht) oder zu schwierig, besucht man nach ein, zweimal seine Vorlesungen nicht mehr. Im Gegensatz dazu werden Lehrveranstaltungen präferiert, in denen sich der Vortragende wie der Homie zu hause anhört, leichte kurze Sätze, witzig, alles locker und easy… und die Übungsaufgaben werden zuhause aus dem Internet rundergeladen, samt Lösungen.
    Ich frage mich, welchen Wert in einigen Jahren denn noch eine Hochsculausbildung hat, wenn ein Großteil der Absolventen noch nicht einmal über das Wissen eines Abiturjahrganges verfügt?
    (Das ist natürlich der schlimmste Fall, und von mir maßlos übertrieben, auch will ich nicht die zweifellos vorhandenen sehr fleißigen fähigen und klugen Studenten abwerten – aber der Ausdruck Massen-Uni sagt es doch schon: Studenten als Massen-Ware. Welche Qualität können wir da noch erwarten?!)

    Als Mutter eines Nesthäkchens in der 2. Klasse der Grundschule sehe ich auch zu deutlich die zunehmenden Schwächen des Systems Bildungswesen. Ich habe ein hochinteressiertes (nicht hochintelligent – hochinteressiert! 😉 ) Kind, das ich zuhause im privaten so fördere und unterrichte, wie ich es für nötig halte. Natürlich langweilt sie sich deswegen in der Schule – aber eins der Dinge, die ich zu lernen für nötig halte, ist die Fähigkeit, auch anderen etwas beibringen zu können. Nicht unbedingt nur als Lehrer, sondern als Freund. Ich beispielsweise habe etwas immer dann am besten begriffen, wenn ich es jemand anderem erklären mußte (damit meine ich nicht Vorträge halten, sondern einfach erklären). Das ist auch ein Punkt, in dem das Schul- und Bildungssystem versagt. Powerpoint &co. sei Dank.
    Mich schockiert vor allem das: (Zitat) „Das Ziel des deutschen Bildungssystems ist heute vor allem: Arbeitsmarkt-kompatibler Output in möglichst kurzer Zeit.“ Das beginnt schon in Kindergarten und Grundschule, mit 40-Stunden-und mehr-Wochen schon für 3-jährige und setzt sich nahtlos bis zum Abitur fort.

    Wir brauchen dringend viel mehr solche engagierten interessierten motivierten Hochschullehrer wie Dich. Und wenn es damit getan wäre, jemanden wie Dich zur Wissenschaftsministerin zu wählen, ich würde sofort für Dich stimmen.

    Viele Grüße, Sathiya
    (ich kenne leider keine Traum-Uni, sonst würde ich sofort was sagen. Wie wäre es mit Privat-Unis? Oder selbst eine gründen?)

    • siebenhundertsachen schreibt:

      Ich sehe die Studierenden da nicht als Faulpelze, die lernen nicht „cool“ finden. Vielmehr wird in allen Bereichen ab frühester Kindheit ein zunehmendes reines konsumptives Lernen befördert. Durch frühen Fernsehkonsum, durch Einsatz des Computers als rein passives Medium (obwohl es durchaus gute Ansätze gäbe, die Schüler mit dem Computer schaffend tätig werden zu lassen), durch hohe Anteile an reiner Reproduktion im Schulstoff und schließlich durch Power Point, fertige Lernmaterialien und Handouts an der Uni. Im Grunde wird schon sehr früh der Grundstein gelegt, Wissen allein zu konsumieren, nicht zu erarbeiten. Dabei kann das Internet, der Computer, ein sinnvoller Medieneinsatz auch genau zum Gegenteil genutzt werden. Diese Chance wird aber – gerade in der Lehrerbildung – vollkommen vorbeiziehen gelassen.

      • Sathiya schreibt:

        Ja, das ist natürlich auch der Punkt. Ich habe es zu sehr vereinfacht ausgedrückt. Rein konsumierend. Die schulische Erziehung hat versagt, schon in jungen Jahren. Deswegen erscheint es ja so anstrengend, später was mit den eigenen Kräften zu erreichen, weil man ja schon als Kind den Zucker in den Allerwertesten geblasen bekam. (Entschuldigung)
        Wieso noch lernen? Wieso überhaupt lesen? Die Antworten sind ja runterladbar… sogar die 2.Klässler wissen schon wie, und so wird beim Antolin-Lesetest (ein Riesenmurks, das!!) getrickst, um das eigene Punktekonto zu erhöhen.
        Vielleicht wollte ich nur einfach die Studenten als Faulpelze abstempeln – weil es natürlich einfacher und leichter ist, dem einzelnen die Schuld an mangelnder Leistung in die Schuhe zu schieben, als das Bildungssystem an sich kritisch zu beleuchten und auch zu hinterfragen. Ich entschuldige mich bei den Studenten und auch bei hren Lehrern… ich habe es nicht so gemeint.

        Und zum Thema Lehrer: von vielen Unterrichtenden sind nur einige wenige ein Lehrer. (Weisheit meines Lieblings-Deutschlehrers aus der Oberstufe). Sehr viele Unterrichtende sind nur das – Vortragende, ohne aber Lehrer zu sein. Vielleicht aus Unvermögen, aber leider oft genug auch aus der Resignation heraus, doch nichts bewegen zu können, vor allem nicht in den Gehirnen ihre Schüler/Studenten. Ich möchte dann gern sagen: resigniert bitte nicht! Es kommt immer mal wieder ein Student oder auch zwei, für den sich die ganze Mühe lohnt, der einen stolz macht und froh, selbst ein Lehrer geworden zu sein (das kommt von meinem Mathematik-Professor ;.) )

        Und die Medien: laden ja regelrecht ein zum rein konsumptiven Gebrauch. Davorsetzen und berieseln lassen. Ich bin überhaupt kein Freund von fertigen Lernmaterialien, von bunten mit Comics durchsetzten Lehrbüchern und layout-optimierten Hand-Outs. (Meine Meinung dazu: vernichtend. Nichts lernt sich besser als etwas, was man mit eigenen Händen und Worten niedergeschrieben hat.) Ich würde mir auch wünschen, daß ein vernünftiger konstruktiver Umgang mit Computer und anderen Medien gelehrt wird.

  6. weltmax14 schreibt:

    Reblogged this on weltmax14 und kommentierte:
    Heute mal was ganz anderes. Ich „reblogge“ heute. Und zwar keinen Peru- oder Sonstiges-weltwärts-Projektland-Blog, sondern einen Eintrag, der sich mit der Bildung in Deutschland vor allem an Universitäten beschäftigt. Also mit dem, was wohl nach dem Jahr auf mich zukommt, auch wenn der Artikel nicht gerade Lust darauf macht. Zumindest insofern hat das Thema also schon etwas mit mir zu tun, überlege ich doch ständig, was ich nach meiner Rückkehr denn studieren könnte. Ich habe nicht wirklich was zu dem Eintrag anzumerken – kann ich auch gar nicht, weil mir dazu die Erfahrung fehlt – außer, dass er ziemlich deprimierend klingt, aber vielleicht findet sich unter den Lesern ja Student (der noch fähig ist, sich über eine DinA4-Seite hinweg zu konzentrieren) oder Lehrer, der Bestätigung, Kontra oder Resignation beisteuern kann. Vielleicht findet sogar jemand Anstoß oder Bestätigung darin wider. Und für den Rest: ein kleines Gesellschafts(ausschnitts)bild.

    (Wenn sich jemand jetzt fragt, wie ich denn auf diesen Blog gestoßen bin: Ziemlich zufällig, hat nichts mit den Kochbeiträgen und ähnlichem zu tun.)

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