Beginnt die Zukunft heute?

Anlässlich dieses Artikels, den ich heute gelesen habe und -für einen Print-Artikel in einer Nicht-Fachzeitschrift- insgesamt ganz differenziert finde, auch wenn er leider nur am Rande darauf verweist, dass das Problem auch (und meiner Meinung nach vor allem) ein Problem von Quantität statt Qualität ist (hierzu habe ich ausführlich schonmal hier was geschrieben) und der Titelstory der Zeit diese Woche (Faul und schlau). Und aufgrund einer längeren Diskussion mit meiner Mutter, möchte ich eine Frage aufwerfen, die ich so oder so ähnlich schon mit vielen Menschen diskutiert habe: „Sind wir auf einem guten Weg in Richtung Gesellschaft der Zukunft?“ Genauer: „Haben wir die Zeit des Raffkapitalismus und der Egomanie der 90er hinter uns gebracht und besinnen uns nun mehr auf Gemeinwohl, immaterielles und eine zukunftsfähige, soziale und nachhaltige Lebensweise?“

Zunächst die Argumente, die positiv stimmen könnten:
– Wir beobachten eine deutliche Biobewegung. Der Markt für (vermeintlich) ökologische Lebensmittel wächst stetig. Bio ist heute, in ganz Europa, nicht mehr nur ein Randgruppenmarkt, sondern ein Massenmarkt geworden.
– Die neue Anti-Atomkraftbewegung. Auch hier zeigt sich, atomare Energie wird nicht mehr widerspruchslos als sauber, effizient und perfekt hingenommen sondern hinterfragt.
– Die DIY-Bewegung. Denn zeigt nicht das wachsende Selbermachen von Dingen eine Besinnung auf den Wert der Dinge, die Qualität und die Wertschätzung von Nicht-Massenware, ist es nicht eine Wegbewegung von stumpfem Konsum, wenn man benötigtes selbst herstellt?
– Dann das im Zeit-Titel angesprochene Phänomen, dass die gerade in den Arbeitsmarkt strebende Generation nicht mehr bereit ist, für eine gutes Gehalt alles andere hinten anzustellen. 80 Stunden pro Woche und 5 Tage Abwesenheit von zu Hause inkl. Zeugt das nicht von einer Abkehr vom Materiellen? Erkennen wir nicht langsam, dass Lebensqualität sich nicht in Einkommen bemisst?
– Wird nicht Familie heute wieder wichtiger genommen als noch in den 90ern? Setzen wir damit nicht endlich wieder auf die Zukunft?
– Ist nicht allein die Tatsache, dass wir eine Wachstumsdebatte führen, dass die Infragestellung der Wachstumsdogmatik heute recht regelmäßig in der Presse auftaucht, als Zeichen für gesellschaftlichen Wandel zu werten?
– Wenn schon der wichtigste Schrein der Konsumgesellschaft, die CeBit, unter dem Motto „Shareconomy“ steht, heißt das nicht, dass uns Besitz immer unwichtiger wird?

Ja und nein. Ich bin in diesem Fall Pessimistin. Alle vorgebrachten Argumente stimmen, für manche und manchmal. Und sie zeugen vielleicht von einem gewissen Gesinnungswandel. Bei manchen, manchmal. Aber diese neue Gesinnung muss deshalb nicht grundsätzlich sozialer, gerechter und nachhaltiger sein.

Natürlich. In meinem Umfeld gibt es sehr viele Menschen, die tatsächlich Zeit mehr schätzen als Geld. Die darauf Wert legen zu arbeiten um zu leben und nicht zu leben um zu arbeiten. Mich eingeschlossen. Aber was haben wir alle gemeinsam? Wir sind hochqualifiziert und verdienen relativ gut. Zumindest so gut, dass wir es uns leisten können überhaupt zwischen Zeit und Geld abwägen zu können. So gut, dass wir uns keine Sorgen machen müssen, was morgen auf dem Tisch steht. Aber wir sind doch nicht die Mehrheit. Nichtmal in Deutschland. Nicht im Krisen-geschüttelten Europa und schon gar nicht in der Welt.

Ein Teil dieser Menschen, die nicht mehr Einkommen und Beruf an erste Stelle stellen, kauft auch weitgehend Bio, bezieht Ökostrom und ist allgemein konsumkritisch. Nur ein Teil. So manchem ist die Ernährung egal, die Tierhaltungsbedingungen, die Produktionsbedingungen unserer Konsumprodukte. Da ist man sich dann doch selbst der nächste. Ob in 1000 oder 10000 Jahren unsere Nachkommen auf unserem Gift- und Atommüll sitzen, interessiert nicht, so lang heute der Strom nicht teurer wird. Ob der Klimawandel in anderen Regionen der Welt zur Zerstörung ganzer Landstriche führt ist doch irrelevant, solang bei uns die Sommer schön sind. Das hört man. Auch aus dem Munde von gebildeten, begüterten, intelligenten Menschen. Und viele weitere scheuen sich einfach, den Tatsachen ins Gesicht zu sehen. Bio kaufen kann auch egoistisch sein – allein der eigenen Gesundheit zuliebe. So mancher Bayer wird gegen ein bayrisches Endlager auf die Straße gehen, ohne gegen Atomstrom zu sein – nicht vor der Haustür, das reicht doch schon. Und ja, wir sind doch alle für artgerechte Tierhaltung, solang bitte das Kilo Fleisch weiterhin unter 5 Euro kostet.

Und macht wirklich jeder Dinge selbst, aus konsumkritischen Erwägungen? Wohl kaum. Im besten Falle spielt das mit rein. Aber genauso rein egoistische Motive wie der Wunsch nach Entspannung, Anerkennung, Selbstverwirklichung. Oder das Streben nach Individualität. Alles per se nichts schlechtes. Nur eben auch nicht zwangsläufig ein Gesinnungswandel hin zu mehr Gemeinwohl, Solidarität, Konsumverzicht.

Und letztendlich finde ich ganz klar: Jeder, der sagt „Angela Merkel macht ihren Job nicht schlecht“ bringt nicht das leiseste Interesse für die Zukunft unserer Gesellschaft auf. Denn wenn diese Regierung irgendetwas par excellence vorführt, dann mangelnde Nachhaltigkeit und Ignoranz gegenüber den großen Herausforderungen der Zukunft. Aber es gibt sie, die CDU- und FDP-Wähler. Sie sind die Hälfte von uns. Das können nicht alles nur Rentner und Großkapitalisten sein. Das müssen auch welche von all denen sein, deren Rente, Gesundheitssicherung und Umwelt, Luft zum Atmen und Wasser zum trinken gerade mit vollen Händen zum Fenster rausgeworfen wird. Sie denken nur alle, das würde nur die anderen treffen. Die unten, die drüben, die im Süden. Uns doch nicht.

Natürlich geht es trotzdem nicht anders, als weiterzumachen. Zu diskutieren, sich zu empören, zu wählen, zu informieren, kritische Fragen zu stellen und sich ab und an auch mal an die eigene Nase zu packen. Allein, der Weg ist noch weit.