In den Beruf gedrängt?

Ich habe die Jauch-Sendung am Sonntag nicht gesehen, nur die Häme meiner Timeline und der Welt darüber vernommen. Aber ich habe zur Feststellung des Herrn Kardinals ‚Frauen werden in den Beruf gedrängt‘ sowie zur Einstellung des Herrn Kippenberg ‚Hätte meine Frau wieder arbeiten wollen, hätte ich sie nicht geheiratet‘ schon ein paar Gedanken anzubieten.

Überflüssig zu sagen, dass die oben genannten Ansichten ein recht rückwärtsgewandtes Frauenbild transportieren. Aber das könnte man ja noch als spinnerte Illusion zweier gestriger Männer abtun. Die Frage ist jedoch: Ist was dran? Werden Frauen in den Beruf gedrängt? Und: Wünschen wir uns de facto das klassische Familienbild zurück, so wie Herr Kippenberg? Wäre das die Lösung unserer Probleme, wie uns die CSU glauben machen will?

Es wird Kardinal Meisner erschrecken, aber ich würde ihm zustimmen, wir werden in den Beruf gedrängt. Die CSU und Herr Kippenberg haben aber trotzdem einen an der Waffel. Was der Kardinal vergaß: das gilt nicht nur für Frauen. Tatsächlich ist es nämlich so, dass die gesellschaftliche Realität, der demographische Wandel, das Steuer- und Absicherungssystem und schlicht der Kampf ums Überleben heute von den meisten Männern wie Frauen Vollzeit-Lohnarbeit fordern, ob diese da nun Lust drauf haben oder nicht. Die Frage nach dem ‚arbeiten wollen‘, die Frau Kippenberg so generös mit ’nein‘ beantworten konnte, stellt sich den meisten Menschen schlicht nicht.

Nun habe ich das riesige Glück gehabt, dass ich mir mein Studium und meinen Beruf frei aussuchen konnte, dabei nur in geringem Maße Rücksicht auf Verdienstmöglichkeiten nehmen musste und so auch in meinem Beruf relativ zufrieden bin. Das Gleiche gilt für meinen Mann und die meisten Menschen, die ich kenne. Wir Seeligen. Das ist ja nun wirklich nicht der Regelfall. Und dennoch, selbst wir, selbst die meisten unserer Bekannten, wir alle würden vermutlich weniger arbeiten, wenn wir es nicht aus wirtschaftlichen Gründen müssten. Auch wir planen eine solche Timesharinglösung, wenn auch nicht ganz so drastisch wie eine Familie in Berlin, über die ich einen Artikel las, den ich nicht mehr wiederfinde, nach meiner Elternzeit. Also ja. Ich werde in den Beruf gedrängt, genau wie mein Mann. Aber nicht so sehr von den karrieristischen Erwartungen, die an mich gestellt werden, als vielmehr von der Angst vor Altersarmut, der Notwendigkeit unseren Lebensunterhalt zu bestreiten und dem Wunsch, dies auf ökologische, nachhaltige und faire Art tun zu können und nicht durch günstige Lebensweise anderen zu schaden. Und ja, wir fahren auch gern in Urlaub und leisten uns das ein oder andere kostspielige Hobby (*räusper*).

Wo der Kardinal, die CSU und der ein oder andere sonstige Gegenwartsleugner falsch liegen, das ist beim Gegenentwurf. Denn nicht etwa die angeblich klassische Aufteilung Herd vs. Büro ist es, die wir wählen würden, könnten wir es. Nein, wir würden beide beides wollen. Jeder nur Teilzeit arbeiten, jeder Haushalt, jeder Zeit mit dem Kind und auch jeder Zeit für nicht-gewinnorientierte Tätigkeiten: Hobbies, Informationskonsum, Ehrenamt. Und dieses Modell, das ist leider in Deutschland nach wie vor Utopie. Wer das wählt wird vom Staat und vom Arbeitgeber an vielen Stellen erheblich benachteiligt. Steuerlich, in der Rente, bei den Aufstiegschancen, bei der Zuteilung von Betreuungsplätzen usw. usf. Und doch, es täte der Gesellschaft gut, es würde vielleicht dem demographischen Problem einen Dämpfer verpassen, den Betreuungsnotstand mildern und die Arbeitslosigkeit reduzieren. Auch wären wir vielleicht einfach zufriedenere Menschen, Skandal! Wir, und viele andere, wären gar bereit, hier beim Einkommen zurückzustecken, Geld gegen Freiheit einzutauschen. Denn, und das möchte ich klar sagen: ich betreue gern mein Kind, ich freue mich auf meine Elternzeit, aber ich habe einen interessanten, vielseitigen und tollen Beruf, den ich auch gern wieder ausüben möchte. Ich schätze die geistige Anregung, den Kontakt mit Studierenden und das Gefühl wenigstens ab und zu etwas zur Bildung und Aufklärung der Studis beitragen zu können. Und ich bin so frei, davon zu träumen, dass ich dies darf, ohne damit mein Kind vernachlässigen zu müssen. Aber so wie die Lage aussieht, ist selbst väterliche Elternzeit und die Sicherung des Einkommens wenn die gerade gewordene Mutter eine wichtige Stütze des Haushaltseinkommens ist, immernoch eher theoretisch möglich… und von Auslaufen dieser im Sozialsystem fest verankerten Fallstricke kann leider leider noch keine Rede sein.