Lagebericht 8 mM*

[Selbstgewerkeltes] Öhm ja… nix. Bis auf einen Minimensch-Strickjacken-Ärmel habe ich diese Woche nix zuwege gebracht. Das liegt an siehe unten. Aber immerhin hab ich das Chaos der letzte hundert Nähprojekte weggeräumt so dass ich wenn siehe unten wieder besser ist sogleich mit der Herbstgarderobe starten kann. Genauer erstmal mit einem Rock. Ich hab zwar jetzt alles für den Robson Coat zusammen, aber ich fürchte mich und ich bräuchte Ruhe für Schnitt kopieren und Zuschnitt. Und Ruhe ist gerade eher so nicht vorhanden. Zumindest die Strickjacke wird wohl zeitnah fertig, so der Plan.

[Selbstgegärtnertes] Seit dieser Woche gibt es wieder eigenen Salat hier. Und auch täglich ein paar kleine aber sehr schmackhafte Tomaten.

[Minimenschliches] Der Minimensch hat Zahneinschuss. Deshalb ist er nun außer, dass er wie eh und je abends die Partysau gibt und bequem bis 22 Uhr hellwach ist, auch tagsüber zwar Frohnatur aber auch sehr anhänglich. Also ob schlafend oder wach vor allem auf dem Arm glücklich. Nun geht das ja zum Glück vorbei, behindert aber meine Produktivität geringfügig. Dafür kann er schon ganz toll seine Hände betatschen und in den Mund stecken. Und manchmal dreht er sich. Wir sind ganz aus dem Häuschen.

[Lesbares] Ich habe ein Buch ausgelesen. Heidiho. „Venezianische Geheimnisse“ von Sarah Duhnant. Ein Flohmarktfund. Ein Buch, das besser ist, als es auf den ersten Blick erscheint. Zwar ist es nicht top of the pops im Genre Historischer Roman, aber obere Mittelklasse. Titel und Klappentext sowie die Grundthematik : Kurtisane + Heilerin + dunkle Geheimnisse ließen mich zunächst befürchten, es könne sich um a) einen Orgasmusschinken oder b) eine schwülstig-romantisiert-unrealistische Liebesgeschichte handeln. Beides trifft zum Glück nicht zu. Zwar gibt es sowohl Sex als auch Liebe, aber beides bildet nur den Rahmen für eine Geschichte über Freundschaft, Politik und Verrat in Venedig im 16. Jahrhundert. Positiv schlägt bei mir natürlich zu Buche, dass ich schonmal in Venedig war und mir daher die eine oder andere Szene gut ausmalen konnte, aber es ist sicher auch so ein lesenswertes Buch. Weil ich aber nicht mehr so viel Buchballast ansammeln will, verschenke ich das Buch. Wer es haben möchte, möge sich per Kommentar melden.

[Klickbares] Schon wieder ein tumblr: Ronald Pofalla beendet Dinge. Großartig!
Außerdem ein bisschen was vom Fach bzw. zur Entlarvung der FDP in ihrem angeblichen Kerngebiet Wirtschaft – die Sache mit der Geldpolitik nicht verstanden. (Via Kollege F.F.)
Und ein sehr lesenswertes Interview mit Georg Schramm, einem der ganz großen, wie ich finde!

[Anderswunderbares] Wir werden ab dem Herbst einen Garten haben. Zwar sind wir sehr skeptisch wegen der sehr ur-deutschen Vereinsmeierei, die da mit dran hängt und haben gehörig Respekt vor der vielen Arbeit, die so ein Garten macht. Trotzdem freue ich mich auf Platz für den Minimensch im Freien und für lang gehegte Gartenideen. Und auf frischen Himbeeren, Johannisbeeren und Pflaumen. Vorher steht aber noch ein bisschen Räumen, Streichen, Renovieren an.

[Aufregiges] Es steht außer Frage, dass die Staaten der Eurozone füreinander einstehen müssen. Aber man muss dann auch ehrlich sagen, was das kostet und nicht wie der werte Herr Finanzminister das ganze kleiner reden und dann verschnupft sein, wenn es jemand merkt. Anscheinend vergisst man in einem langen Politikerleben für wen man da nochmal arbeitet und wem man entsprechend zu Loyalität verpflichtet ist. Kleiner Hint: es gibt da diese Bürger.

Drei Monate Muttersein

Dieser Tage ist der Minimensch schon 3 Monate alt geworden. Drei aufregende Monate für ihn wie für uns. Mit wenig Zeit zum Nachdenken und Revue passieren lassen. Aber bei allem was so mit dem Minimensch geschieht – was geschieht eigentlich mit mir?

Auch wenn einige liebe Menschen online und offline es mir vorher prophezeit hatten, so bin ich trotzdem nach wie vor, am Anfang aber ganz besonders, davon geplättet, was für völlig neue Gefühle so ein kleiner neuer Mensch in mir, in uns, wecken kann. Wie sehr er vom ersten Augenblick an zu uns gehört und wie sehr wir auf einmal Familie sind. Irre. In dieser Hinsicht kommen mir die 3 Monate vor wie „schon immer“ – denn tatsächlich kann ich mich nicht erinnern, was diese spezielle Ecke in meinem Herzen vorher ausgefüllt hat und wie es ohne dieses zusätzliche Mutterliebe-Gefühl war.

Trotz Blähungen, Reflux und neuerdings Zahneinschuss, ist das Leben mit dem Minimensch recht mühelos. Er ist ein echter Sonnenschein, der sehr viel lacht sich enorm an Kommunikation erfreut und selten weint und nachts sowie mittags lang am Stück schläft. In unseren Alltag haben wir uns also sehr gut eingefunden und meist schaffen wir auch die Wohnung in Ordnung zu halten.

Ich bin jede Woche traurig, dass wieder eine Woche meiner Elternzeit um ist – denn danach wird es stressiger und knapper mit Geld als jetzt, soviel steht fest. Und ich finde es toll, den Minimensch beobachten und mit ihm Zeit verbringen zu können. Mit Minimensch und mir ist alles super. Es ist wundervoll zu sehen, dass er schon eine richtige kleine Person ist, mit sehr spezifischen Gesichtsausdrücken, mit Vorlieben und Nicht-Gemochtem und mit ganz viel Kommunikationsbedürfnis (wär auch verwunderlich wenn nicht, ist ja unser Kind). Und total wunderbar, dass ich dabei sein und ihn so gut kennenlernen darf. Und beeindruckend, dass er uns dabei als seinen Dreh- und Angelpunkt, seine Basis, betrachtet, der Anker seiner täglich wachsenden Welt.

Auch ziemlich geplättet war ich am Anfang von dem enormen Gefühl von Verantwortung und der riesigen Panik, die mit dieser Erkenntnis einherging, und doch hat sich das rasent schnell gelegt und nach wenigen Wochen vermochte mich dies schon nicht mehr so sehr zu schocken. Ja, da haben wir nun einen kleinen Menschen und sehr viel Verantwortung, es vergeht kein Tag, wo ich mir dessen nicht bewusst bin und ich hab gehörig Respekt davor, aber der Verantwortung begegnen wir einfach mit Flucht nach vorn. Wie auch sonst?

Aber: Das Elternsein selbst ist sagenhaft toll. Und irgendwie geht es auch leichter, als ich gedacht hätte. Man lernt den kleinen Menschen doch schon recht schnell recht gut kennen und weiß viel besser, was zu tun ist, als ich vermutete. Es fühlt sich einfach so richtig an ihn dabei zu haben, mitzudenken, einzuplanen. Da braucht man sich eigentlich gar nicht umstellen. Und so vieles vermisse ich auch überhaupt nicht, obwohl es irgendwie verschwunden ist. Ich habe seit der Minimensch da ist vielleicht maximal 5mal ferngesehen. Da er abends nicht schläft ist nix mit Erwachsenenunterhaltung und folglich auch nix mit fernsehen. Hat mir das je gefehlt – nein. Ich habe nicht ein einziges Mal gedacht: „Oh, ich würde aber mal gern wieder fernsehen“. Witzigerweise ist Fußball das einzige, was ich gern gucken würde bzw. mindestens 2 der 5 Mal waren Fußballübertragungen. Auch ausschlafen ist irgendwie unwichtiger. Durchschlafen ja. Das wär toll. Aber lang schlafen – keine Ahnung – das vermisse ich nicht und wenn ich’s mal mache – denn morgens schläft der Minimensch ja, dann finde ich es sogar eher lähmend als erfrischend. Früher dachte ich oft, dass mir die Möglichkeit spontan auszugehen ganz doll fehlen würde. Aber auch das ist nicht so – vielleicht kommt das wieder, dass ich das gern würde. Im Moment ist mir ausgehen total egal. Ausflüge machen, ja das würde ich gern. Aber was trinken, in die Kneipe oder essen gehen – das kommt mir irgendwie wie Zeitverschwendung vor. Was mir schrecklich fehlt ist Frankreich-Urlaub. Aber das ist ja zum Glück eher nur ein kurzfristiges Problem. Frankreich wird uns schon bald wieder zu Gesicht bekommen und das ist auch ziemlich gut so.

Ich nähe zwar durchaus. Aber in Miniportionen und vor allem mittags, denn abends ist es dann doch oft recht anstrengend, oder aber ich bin zu müde oder freue mich einfach auch mal drei Worte mit Herrn Siebenhundertsachen wechseln zu können. Stricken und lesen kommen da etwas kurz, aber ich schätze, das geht vorbei. Ich hatte mich irgendwie mehr stricken sehen, wenn ich mir mich in Elternzeit vorgestellt habe. Aber man hat seltener beide Hände frei, als man denkt. Und ja, ich bin die ganze Zeit verdammt müde. Aber ich kann tags nicht schlafen. Das war immer so und hat sich kaum geändert. Nur wenn die Nacht wirklich ein Vollausfall war, komme ich auf mehr als eine halbe Stunde dösen am Tag. Das ist nicht gut. Aber was soll ich machen.

Als ausgesprochener Leistungsmensch, hadere ich zuweilen damit, wie wenig ich dann doch am Tage schaffe. Wie oft ich einfach vergesse, dies oder jenes zu tun und wieviel einfach unerledigt bleibt. Tatsache ist, dass die Müdigkeit eben doch nicht spurlos abprallt und von großen Plänen oft nur ein Bruchteil umgesetzt wird. Dabei sollte mich das nicht kümmern, denn es kommen neue Tage und es mangelt ja nicht an Zeit. Aber in meinen Hinterkopf sitzt das Leistungsgewissen in mannigfacher Gestalt und rechnet zusammen, was ich am Tag so geschafft, erreicht und abgehakt habe. Fürchterlich, aber irgendwie ist es so. Einfach nur abhängen, selbst wenn ich vor Müdigkeit einfach nicht anders kann, kann ich an mir nur schwer tolerieren. Und dass noch viele Tage Elternzeit kommen zählt in meinem Hinterkopf nicht als Entschuldigung. Man braucht, um im akademischen Umfeld nicht einzugehen die Fähigkeit, sich selbst Druck zu machen, denn Kontrollen von außen sind selten aber dann hart, und obwohl ich nie zu denen gehörte, die ihr ganzes Leben dem akademischen Fortkommen unterordnen, so merke ich nun doch, wie sehr dieser selbstgemachte Druck in mir steckt. Stärker als ich dachte oder ab und an im Urlaub mitbekommen habe. Schon allein um des Minimenschen Willen, sollte und will ich dem aber nicht nachgeben und diesen Dämon bannen, der mir stetig Müßiggang vorwirft.

Ansonsten ist es nicht so, als wüsste ich mich zuhause nicht zu beschäftigen. Ganz im Gegenteil, ich könnte bequem das dreifache an Tagen füllen. Allein schon den Minimensch zu betrachten und mit ihm zu lachen sind ja jeweils vollkommen tagfüllende Aktivitäten. Allerdings fehlen mir ein wenig die mannigfachen Sozialkontakte derer ich mich bisher täglich erfreute. Das geht vom Kaffee am Morgen mit geschätzten KollegInnen über den wöchentlichen Frühstückstreff im Bahnhof mit einem lieben Freund bis hin zu Mädelsabenden und Nähkränzchen. Ich habe eigentlich viel Besuch, aber ich hatte eben auch, zum Glück, viel viel viel Sozialkontakte tagtäglich. Und trotz intensiven rumtreibens in sozialen Online-Netzwerken vermisse ich das. Ich weiß und hoffe natürlich, dass sich das wieder gibt, je mobiler der Minimensch und ich wieder werden. Aber ich mache mir nichts vor, in Zukunft werden meine Arbeitstage sehr angefüllt und meine Freizeit wenig mit der von Nicht-Kindermenschen kompatibel sein. Ich freue mich trotzdem sehr auf Freizeit mit dem Minimensch und auch mit anderen Neu-Familien, die derzeit in unserem Bekanntenkreis aus dem Boden schießen. Diese Umstellung des sozialen Lebens ist für mich fast die größte Herausforderung – vor allem als momentaner „Zuhause-Bleiber“ hier bei uns.

Ich bin definitiv nicht zur Nur-Hausfrau geschaffen. Das wusste ich sogar schon im Mutterschutz. Ich komme mir völlig bescheuert vor, wenn das größte Event des Tages ein Spaziergang ist und ich am Abend dem Mann nicht mehr erzählen kann, als was ich in meiner Twitter-Timeline gelesen habe. Zwar ist meine Zeit ausgefüllt und auch mein Herz. Nur mein Hirn – das leidet etwas. Ich habe gar keine Lust zu arbeiten, verschwende da gar keinen Gedanken dran. Es ist nicht so, dass ich mich konkret nach Arbeit oder so sehne. Ich empfinde nur einfach ein Ungleichgewicht in Sachen Außenwelt und geistiger Anforderung zwischen mir und meinem Mann. Schön, dass wir die Möglichkeit haben, das Zuhausebleiben abzuwechseln wenn der Minimensch etwas älter ist, sowohl für meinen Mann als auch für mich.