Sind wir alle Landlustleserinnen?

Manche Blogposts müssen erst lang reifen. Dieser hier wurde inspiriert von einem Artikel auf SpiegelOnline vor mindestens einem Monat und einer Unterhaltung mit meiner Hebamme vor etwa 2 Monaten.

In dem SpOn-Artikel geht es, sehr grob zusammengefasst, darum, dass viele Frauen nach der Elternzeit den Karriereknick und die Teilzeitfalle gern in Kauf nehmen, weil sie Freude am Leben Zuhause gefunden haben. Es ist in dem Artikel von dekorieren, backen und kochen die Rede – nicht explizit von nähen. Aber gut. Es ist ein bisschen was wahres dran, die Autorinnen argumentieren, dass auch Frauen, die karrieremäßig auf einem guten Weg waren, später in Teilzeit wenig Aussicht auf ein Anknüpfen an alte Höhen haben und dann ihre Energie lieber auf schönes einrichten und Kinder betüddeln verwenden. Die Schlussfolgerung des Artikels gefällt mir in sofern, als die Autorinnen dafür plädieren, nach einer Familienphase in eine andere Teilzeit zurückzukehren, als die Deutschland-weit üblichen 18,5 Stunden. Nämlich die 30-Stunden-für-alle-Lösung, die inzwischen schon in vielen Artikeln und Blogposts als Idealbild gehandelt wird. Ich kann mich mit dieser Quintessenz prinzipiell anfreunden und fände schön, wenn unsere Gesellschaft sich in eine Richtung verändern würde, in der man nicht als Drückeberger gilt, wenn man außer arbeiten auch noch leben möchte und in der dem Bedürfnis nach Entfaltung dadurch Rechnung getragen wird, dass es ok ist 30 Stunden zu arbeiten. In der man trotzdem in den 30 Stunden welchen Job auch immer machen kann, ob Grundschullehrerin, Altenpflegerin, Architektin, Ärztin oder Staatsanwältin – und eben auch Managerin. Leider sind wir von dieser gesellschaftlichen Anerkennung noch weit entfernt. Heute gibt es Berufe, die in Teilzeit gehen – Frauenberufe wie Krankenschwester, Arzthelferin, Erzieherin und Lehrerin – und viele wo gesagt wird: Teilzeit = Karriereende.   Und, einmal Teilzeit = immer Teilzeit. Aber diese Problematik soll hier heute gar nicht Thema sein.

Der Artikel fiel bei mir nämlich in eine gedankliche Schublade, in der schon folgende Unterhaltung steckte:

Hebamme: „Und was habt ihr so für Hobbies?“

Ich: „Also ich nähe, lese, stricke, Yoga mache ich auch.“

Hebamme: „Ja, ich hab das schon bemerkt, du bist ja eher so der häusliche Typ.“

Ich: „…“

Das hat an mir gekratzt. Denn „der häusliche Typ“ ist nun wirklich nicht, wie ich mich beschreiben würde. Eher so „die rebellische Typin, intelligent, erfolgreich, voller Ideale und Weltverbesserungsideen“ – sowas in der Art… Denn, was ist „der häusliche Typ“? – Für mich kommen da folgende Bilder ins Kopfkino: Jeden Tag ein frischer Kuchen, alles piccobello aufgeräumt und geputzt, das Essen steht pünktlich, wenn der Liebste hereinkommt, auf dem mit frischen Blumen und einer sauberen Tischdecke dekorierten Tisch. Die Räume sind jahreszeitlich hübsch gemacht und sehen aus wie aus der Landlust entsprungen, ebenso der Garten und die Veranda. Der Keller ist voll von der eigenen Ernte, die selbstverständlich in hübsch belabelten und alphabetisch sortierten Einmachgläsern in Regalen steht, die jederzeit auch als Tisch genutzt werden könnten, weil sie stets so sauber sind und an deren Brettern kleine Spitzenborten angebracht sind, selbstgehäkelte versteht sich.

Nun muss die Hebamme eine andere Vorstellung von „der häusliche Typ“ haben, denn sie hat zwar nicht gesehen, dass meine Marmeladengläser alle mit Malerkrepp beschriftet sind und die Abstellkammer gute Teile des Jahres nur mit Grubenausstattung zu betreten ist, aber doch war sie schon öfter in unserer Wohnung und hat folglich bemerkt, dass frische Blumen und akribische Ordnung eher nicht zum Inventar zählen. Wenn ich also eine etwas chaotischere Definition von „der häusliche Typ“ zulasse – bin ich „eher so der häusliche Typ“?

Als ich am vergangenen Wochenende diesen Satz tweetete:

Ich stricke und lese dabei einen Nutzgartenratgeber während das Baby in der selbstgenähten Wiege schläft. Ich bin ein lebendes Klischee.

da war dann wohl die Zeit für diesen Artikel gekommen.

Denn sehen wir der Sache ins Auge. Ich nähe, stricke, koche, backe und gärtnere gern. Ich fürchte, ich BIN der häusliche Typ. Also auch, wenn ich das stricken nicht immer zuhause mache und der Garten etwas weiter weg ist. Schlimmer noch, ich lese auch noch lauter Blogposts und Tweets über nähen und stricken und auch ein paar über backen und kochen. Für einen außenstehenden Beobachter ist das wohl nur noch einen Schritt von der Landlust entfernt. Warum also fühle ich mich unwohl damit, wenn jemand das feststellt? Warum sträubt es sich in mir, wenn der SpOn-Artikel unterstellt, wir, die wir mal Elternzeit machen, wären später „Heimveredlerinnen“ ? Ich mache all meine häuslich zu nennenden Hobbies schließlich bewusst in diesem Blog öffentlich. Ich erzähle auch Kollegen und Freunden davon. Weder nähe ich verschämt Modekettenlabels in meine selbstgenähten Kleider um nicht als Näherin erkannt zu werden, noch widerspreche ich empört, wenn ich gebeten werde, einen Kuchen oder eine Buffetspende zu einer Party mitzubringen und sage etwas wie „Ha, für kochen hab ich keine Zeit“. Nein, im Gegenteil, ich freue mich über Komplimente für Kleider, Suppe und Gebäck und versuche sogar andere zu missionieren. Ist es also nur das Chaos in der Wohnung, das mich vom „häuslichen Typ“ unterscheidet? Wäre ich ordentlicher veranlagt, wäre ich dann eine stereotypische Landlustleserin? Und bewege ich mich auch in meiner Ecke vom Internet in einer Bubble von verkappten Landlustleserinnen, alle so eher der häusliche Typ? Nein, nein und nochmals nein.

Zwei Dinge machen hier wohl den Unterschied. Einerseits das, was „auch noch“ dazugehört und dann noch das „weswegen“.

Fangen wir mit „weswegen“ an. Einen Teil dieser Gedanken habe ich schonmal irgendwo kommentiert, als es um die Frage ging, ob nähen feministisch ist. Denn natürlich habe ich handwerklich-schaffende Hobbies weil ich einen Ausgleich suche, weil ich auch mal „etwas in Händen haben möchte“. Und ja, auch weil ich stolz auf meine Werke bin, und auch aber nicht nur deswegen blogge ich auch darüber. Wer anderes behauptet lügt sich was in die Tasche, denke ich. Aber. Ich nähe auch, weil ich dann viel individueller über meinen Stil bestimmen kann. Ich nähe, weil dann keine arme Frau in Bangladesh fern ihrer Heimat und Familie ihr Leben und ihre Gesundheit für meine günstige Kleidung aufs Spiel setzt. Ich nähe, weil ich dann Kleider tragen kann, die mir überall passen und nicht nur entweder am Busen oder an der Taille und die mir dazu auch noch gefallen und stehen. Und damit positioniere ich mich gegen das Modediktat, die Vereinheitlichung von Stil und Geschmack und die Aufoktruierung einer Idealfigur, die nur als unnatürlich bezeichnet werden kann. Genauso auch mit dem backen, kochen und darüber bloggen. Natürlich backe und koche ich einfach gern. Aber es ist mir auch gleichzeitig ein Anliegen, vegetarische Gerichte zu zeigen, die schmecken und einfach sind und so eine Lanze für den Vegetarismus zu brechen. Das politisch-gesellschaftliche spielt mit hinein. So oder so. Immer. Es ist nicht zu trennen.

Und damit komme ich zum „auch noch“. Denn ich würde eine Beschreibung meiner Person eben nie nur bei den häuslichen Hobbies enden lassen wollen. Denn wie in diesem Blog so spielen eben in meinem Leben auch noch andere Sachen eine Rolle. Ich bin auch politisch, gesellschaftlich interessiert. Ich habe auch eine Meinung zu anderen Dingen als Schnittmustern und Rezepten. Ich habe auch einen Beruf, den ich mag und mit dem ich gleichzeitig hadere. Und dass ich gerne Dinge mit meinen Händen tue, ändert daran nichts. Da mögen all diese Hobbies 100mal einen trutschig-muttihaften Ruf haben. Und deshalb bin ich nicht der häusliche Typ. Basta.

Und ja, ich bin ohne weiteres in der Lage mir vorzustellen, dass ich womöglich angesichts der Nicht-Familienkompatibilität eines akademischen Werdegangs auf die Idee kommen könnte einem Job nachzugehen, der nicht meiner Qualifikation entspricht und das dann auch noch in Teilzeit. Aber nicht etwa aus dem Wunsch heraus, ganz toll gelabelte Einmachgläser und einen hübsch dekorierten Tisch zu haben, sondern eher, weil ich dann lausig bezahlt und deshalb als Hauptverdienerin der Familie leider ausscheiden würde. Und da hört es eben dann doch mit der Übereinstimmung zwischen mir und dem SpOn-Artikel auf.