Dat kannze dir nich ausdenken: Gartengeschichten

Dadurch dass ich derzeit nicht in Bus und Bahn unterwegs bin, entgeht mir natürlich einiges. Ich bin jetzt schon traurig, dass ich dieses Jahr die angesäuselten blinkenden Rentner auf Weihnachtsmarktmission verpassen werde. Auch scheint die Bahn beschlossen zu haben, dass nur noch jeden zweiten Tag das Stellwerk in Duisburg reibungslos funktionieren darf und ich kann nicht dabei sein um das mitzuerleben. Total doof das. Auch für euch liebe Leser, die ihr nun ganz ohne lokalkolorierte alltägliche Irrsinnsgeschichten auskommen müsst. Das kann so nicht bleiben. Um an dieser Front Abhilfe zu schaffen – ausschließlich deshalb – haben wir uns daher überlegt, wir kaufen einen Schrebergarten. Mitten rein in DAS Pottmensch-Biotop schlechthin. Wo wenn nicht in einer Schrebergartenkolonie oder, wie es korrekt heißt Kleingartenanlage, kann man noch den Pottbewohner in seiner naturbelassenen Umgebung und Habitus erleben? Eben. Also haben wir keine Kosten und Mühen gescheut und sind jetzt nicht nur geprüfte und zugelassene Mitglieder eines Kleingartenvereins, nein dazu haben wir auch noch einen Garten bekommen.

So einen Kleingarten bekommt man nämlich nicht einfach so. Ein Kleingarten ist ein ganz besonderes Gut, das weiß jeder und deshalb sind die auch von der nordrheinwestfälischen Verfassung geschützt. Also muss, wer sowas exquisites sein eigen nennen will, sich erstmal als würdig erweisen. Also ungefähr so:

Frau Siebenhundertsachen erspäht auf ihrem Spaziergang mit dem Minimensch an der Anschlagtafel der nahegelegenen Schrebergartensiedlung einen Aushang, es werde ein Garten frei. Da die Idee eines Gartens zwischen den Siebenhundertsachens schonmal hier und dort diskutiert worden war, vermerkt sie die angegebene Telefonnummer. Dabei nimmt sie gleich auch Notiz vom daneben prangenden mahnenden Zettel mit den Worten: „Liebe Garteninteressenten, der Verkauf von Gärten wird ausschließlich über den Vorstand abgewickelt!!!“ Mindestens drei Ausrufezeichen sind für Aushänge des Kleingartenvereins Pflicht, habe ich inzwischen festgestellt. Bei Texten mit mehreren Sätzen ist zwingend jeder Satz mit mindestens einem ebensolchen Zeichen zu versehen.

Ich rufe also am nächsten Tag die angebene Nummer an, um mal nachzuhören, was der Garten so kosten soll. Am anderen Ende die Vorsitzende des Kleingartenvereins. Ja, der Garten sei noch zu haben und koste xy Euro. Aber wer ich denn überhaupt sei, ob wir Arbeit hätten, ob wir schonmal einen Garten gehabt hätten und und und. Nach kurzer Wiedergabe meines Lebenslaufs und des des Gatten werde ich -schon etwas perplex- aufgeklärt: so ein Garten bringe ja auch Pflichten mit sich. Zu diesem Zeitpunkt hatten wir den Garten noch nichtmal angeschaut! Also die Pflichten: Gemeinschaftsarbeit in den öffentlichen Teilen der Anlage und bei Festen des Vereins, Pflege des sog. Stadtstreifens, regelmässiges Schneiden der Hecke. Mir wird auf der Stelle klar: So ein Kleingarten ist kein Ponyhof, hier herrscht Recht, Ordnung und Heckennormierung. Und zwar im wahrsten Sinne des Wortes, denn das alles ist, ich bin immernoch ganz perplex darüber, im Bundeskleingartengesetz festgeschrieben. Oh Deutschland. Und das wird auch regelmässig von städtischen Kleingartenkontrolleuren kontrolliert. Soll nochmal einer sagen, unsere Steuern würden nicht sinnvoll eingesetzt. Eine sinnvollere Verwendung als die Kontrolle der überbauten Fläche und der Höhe und Breite der Hecken in Kleingartenanlagen kann ich persönlich mir kaum vorstellen.

Als ich also über die Pflichten aufgeklärt war und überraschenderweise immernoch Interesse zeigte, wurden wir zu einer Audienz mit dem Vorstand eingeladen. Denn ohne Zustimmung des Vorstands darf man sich einem verkaufswilligem Vorpächter nicht mal nähern. Wir wurden also dort vorstellig, ich war kurz davor zu fragen, ob ich eine PowerPoint Präsentation vorbereiten soll. Aber wir hatten ja praktischerweise einen Joker in Form des Minimenschen dabei, so dass wir auf die PowerPoint verzichten konnten und trotzdem die Zustimmung des Vorstands bekamen. Ich denke, ich versuch das demnächst auch mal auf Konferenzen. „Ähm, meine Folien sind leider nicht so ganz fertig, aber guckt mal, ein süßer Minimensch!“ Der Vorstand ist übrigens, das nur am Rande, sehr viel näher an der gewünschten Frauenquote besetzt als das bei DAX-Vorständen in greifbarer Nähe scheint – soll keiner sagen man gehe hier nicht mit der Zeit!

Der Rest war ein Klacks, die extrem netten Vorpächter erlagen ebenfalls dem Charme des Minimenschen und schon wenige Tage später nahmen wir den Schlüssel zu unserem Garten entgegen. Und sind Mitglieder, also bzw. Mitglied und Ehegatte, eines Vereins. Ganz echt. Wir erwarten in Kürze die Ankunft der ersten Gartenzeitung, ich bin schon ganz aufgeregt. Und auf einen Schlag kann ich nicht mehr das Haus verlassen, ohne Vereinsfreunde zu treffen und zu grüßen. So viel auf der Straße Menschen gegrüßt habe ich zuletzt als ich noch in einem rheinischen Dorf wohnte und zur Schule ging. Und so ist es halt, am Ende besteht jede Großstadt eben doch nur aus vielen vielen kleinen Dörfern.

6 Gedanken zu “Dat kannze dir nich ausdenken: Gartengeschichten

  1. Dodosbeads schreibt:

    Nää , dass kannze dir echt nich ausdenken , dass musse erlebt hahm 😉 Bin ja auch ursprünglich aussem Pott – hab mich mal wieder mit Vergnügen durch Deinen Post gelesen ! Kennst Du übrigens den Ruhrpott Satz mit “ Mama , Oma und Opa “ ? Nein ? “ Mamma Fenster auf , omma sehen kann, oppa kommt “ … Ansonsten viel Spass mit dem “ Gaaten “ !
    liebe Grüsse Dodo

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