Me made Mittwoch: Lerneffekt

Die eigene Entwicklung kann man ja meist eigentlich nur rückblickend und mit einigem Abstand beobachten. So schaue ich zum Beispiel heute milde lächelnd auf mein eigenes Ich zu Beginn meines Studiums und denke mir „hach, da war ich aber noch naiv und unverdorben.“ Oder auch „Hach, bis morgens um 6 feiern und um 8 in der Vorlesung sitzen, könnte ich ja heute auch nicht mehr.“ Jaja, auch der Verfall wird eben erst mit etwas zeitlichem Abstand so richtig evident. Und nicht nur bei der Persönlichkeit, dem Fleiß und der Weltverbesserinnenattitüde sind solche Veränderungen irgendwann einfach augenscheinlich, auch bei Kleidung ist das so. Und eben auch was das selbernähen anbelangt.  Das wurde mir schlagartig klar, als ich diesen Rock heute morgen auf der Suche nach Kleidung für dieses merkwürdig warme Herbstwetter aus der hintersten Ecke des Schrankes zerrte.
image

Ich produziere sehr selten Teile für die Tonne, und wenn dann meist weil Schnittzeichnung und Nähergebnis stark abweichen, oder manchmal, weil ich mich beim Stoff vergriffen hab. Sehr selten aber nähe ich Dinge, die ich dann nicht trage. Sehr sehr selten. Ich würde also unterstellen, dass ich ein gutes Gefühl dafür habe, welcher Schnitt zu mir, meinem Stil und meinen Anforderungen passt und mir (zumindest in meinen Augen) gut steht. Mir war das allerdings garnicht so richtig bewusst, ich fühle mich eigentlich immernoch auf der Suche. Aber ich scheine doch in den letzten briden Jahren viel an Sicherheit hinzugewonnen zu haben. Denn : diesen Rock würde ich heute nicht nähen. Niemals. Er passt überhaupt nicht zu mir.
image

Nicht, dass er schlecht verarbeitet wäre, nein, ungefütterte einfache Röcke konnte ich auch vor 2 Jahren schon recht locker nähen. Auch habe ich mir mit diesem Exemplar viel Mühe gemacht und sehr viel durch ihn gelernt. Es handelt sich hier um einen tragbaren Proberock, den ich vor etwa 2 Jahren genäht habe, als ich mir mithilfe des ukrainischen Schulbuchs von Nähfreundin Z. einen Rock-Grundschnitt gebastelt habe. Entsprechend genau angepasst und bearbeitet wurde er. Aber ich weiß heute Dinge über mich und Röcke, die ich früher nicht wusste:

1. Mir stehen keine Kellerfaltenröcke. Die springen durch meine breite Hüfte zu weit auf.

2. Röcke, die vorn und hinten nur ein Schnittteil mit Abnäher haben, aber nicht sehr sehr weit fallen oder tulpig sind, lassen sich nicht optimal auf meine Figur anpassen. Ich bevorzuge Bahnenröcke.

3. Ich mag keine Kleider aus Dekostoffen, nichtmal Probekleidungsstücke. Ich mag feine Muster auf Baumwolle oder Viskose, Karos, Wollstoffe und ausgefallene Stoffe wie Damast. Ikeastoffe sind schön für Vorhänge aber entsprechen kein bisschen meinem Kleidungsstil.

4. Ich trage nur gefütterte Röcke wirklich gern. Selbst Sommerröcke mag ich am liebsten mit Batist gefüttert.

5. Ich bin bei Röcken ein entweder-oder-Typ. Entweder weit schwingend, deutlich ausgestellt oder deutlich eingestellt. Gerade und annähernd gerade Röcke finde ich langweilig.

6. Ich bevorzuge rückwärtige Reißverschlüsse.

7. Röcke brauchen Taschen.

Dieser Rock erfüllt keines dieser Kriterien und deshalb werde ich mich heute abend guten Gewissens von ihm verabschieden. Im Wissen, dass er seinen Zweck erfüllt hat.
image

Ich hoffe, die meisten anderen Kleider, die es beim MMM heute zu sehen gibt, dürfen bei ihren Schneiderinnen bleiben.