Von der Mühe, die Balance zu finden

Hier in in diesem Blog läuft gerade nicht allzu viel. Das liegt nicht unbedingt daran, dass ich nichts zu schreiben hätte. Es liegt sicher zum Teil daran, dass wir in den letzten 2 Wochen schlaftechnisch hier klar ganz weit vom Optimum weg sind. Entwicklungsschub juchee. Wir glauben, hoffen, beten, dass es nur eine Phase ist und diese, lieber früher als später vorbei geht.

Aber, es liegt auch daran, dass ich meine Zeitaufteilung gerade nicht im Griff habe. Also nicht, dass ich generell keine Zeit hätte. Aber ich teile sie derzeit zu ungunsten dieses Blogs und der dahinter stehenden Tätigkeiten auf. Will sagen: es gibt immer immer immer etwas was gerade Vorrang hat. Es will immer noch eine Waschmaschine gewaschen, der Staubsauger geschwungen, ein Spaziergang gemacht oder eine Überweisung erledigt werden. Und dann noch die Weihnachtsgeschenke. Da fangen wir mal lieber gar nicht von an.

So komme ich nicht umhin etwas traurig auf meine lange Liste von Bastel-, Strick- und Nähprojekten, aber auch die gedanklich bereits fertig geschriebenen Blogposts, Briefe und Mails, die zu lesenden Bücher und die zu schauenden Filme zu sehen und mich zu fragen, was da gerade schief läuft. Denn es wäre vollkommen ok, wenn dieses Blog und meine Hobbies derzeit ruhen würden, weil sie mir nicht wichtig sind. Aber sie ruhen einfach so – nicht vollständig aber doch fast – ganz ohne dass ich hierzu eine bewusste Entscheidung getroffen hätte oder auch nur eine genaue Ursache festmachen könnte. Ich denke nichtmal, dass eine zwingende Notwendigkeit besteht. Es hat sich einfach durch viele viele kleine alltägliche Entscheidungen jeden Tag aufs neue so ergeben, dass ich nicht gebastelt, gestrickt und gelesen, gebloggt und gemailt habe, wenn überhaupt dann vielleicht genäht. Es besteht das Gefühl, bei mir (aber ja offenbar auch bei anderen), sich die Zeit für Hobby erst „erarbeiten“ zu müssen. Wenn ich also an einem normalen Tag einen gut gelaunten und friedlich auf der Decke spielenden Minimensch habe, dann rattert im Kopf sofort die Maschinerie, was man da mal schnell erledigen könnte. „Ah gut, dann räum ich erstmal die Spülmaschine aus.“ „Oh, Kind immernoch friedlich. Dann bereite ich schonmal das Essen vor.“ „Wo das Kind gerade so brav schläft, kann ich doch mal schnell den Müll und das Altpapier runterbringen, drei Maschinen Wäsche waschen und die angefallene wegbügeln.“ Nach den Haushaltstätigkeiten kommt auf der internen Abarbeitungsskala dann das „für andere Dinge machen“ – Weihnachtsgeschenke basteln, Sachen für den Minimensch nähen, über den Text von XY lesen, diese und jene Mail sichten und beantworten. Wenn das alles erledigt sein sollte – dann spätestens ist der Minimensch nicht mehr friedlich und möchte lieber Aufmerksamkeit haben, herumgetragen, getröstet, gewickelt, gefüttert oder in den Schlaf gesungen werden. Auch die Zeit am Abend, für die ich mir schon länger ein „Haushaltsverbot“ auferlegt habe, möchte ich nur ungern immer aufs nähen verwenden (selbst dann wäre es ja aber meist nicht mehr als eine Stunde) – denn ich sitze auch gern mit dem Gatten auf der Couch und unterhalte mich, schaue fern oder eben auch nicht. Es ist dabei keinesfalls so, dass ich nicht gern mit dem Kind spiele oder mit dem Mann rede. Ich frage mich nur ein wenig, woher dieser „Erledigungsautomatismus“ kommt und was ich dagegen tun kann bzw. sollte. Mir scheint nicht, dass ich damit allein bin. Im Gegenteil entspringen diese Gedanken vermutlich einem tief in uns allen verwurzelten Rollen- und Gesellschaftsbild, das da sagt: Wer zuhause rumhängt, der hat sich noch lang nicht zu amüsieren, sondern sollte dann auch bitteschön sein Leben schön geregelt, ordentlich und sauber halten. Montags beziehen wir die Betten, Freitags gehen wir einkaufen, Sonntags gibt es Frühstücksei und die Sonntagszeitung. Ich denke nicht, dass unsere Großmütter und Mütter das groß hinterfragt hätten, das ist einfach so. Punkt. Ich bin dabei vermutlich alles andere als eine Mustererledigerin. Ich hatte und habe meinen Haushalt eigentlich nie im Griff, sondern halte maximal das Chaos knapp an der Schwelle auf. Und dann sind natürlich die Ergebnisse all dieser Erledigungen von höchst transitorischer Natur. Schwuppdiwupp am nächsten Tag, wenn nicht gar nach wenigen Stunden ist alles wieder beim alten. Überall liegt und steht Chaos rum, die Spülmaschine will auch schon wieder ausgeräumt, die nächste Wäsche aufgehängt und der Boden gewischt werden. Perfide dieser Haushalt.

Für mich kommt dann auch immer der Gedanke „andere schaffen das doch auch – noch dazu besser – und die haben mehr als ein Kind, gehen dazu noch arbeiten, sind gar womöglich allein erziehend. Da muss ICH das doch auf jeden Fall hinkriegen.“ Und wenn, wie derzeit, der Minimensch nachts unruhig und tags garnicht schläft, dann halten mich derlei Gedanken auch gern mal vom kleinen Nickerchen in der einzigen halben Stunde Tagschlaf ab – denn was da alles erledigt werden kann. Das geht auf keine Kuhhaut, was man da alles reinquetschen können möchte in so eine halbe Stunde Mittagsschlaf.

Nun werde ich ja bald wieder schrittweise beginnen zu arbeiten und ertappte mich hier und da bei dem Gedanken, wie es dann erst werden soll mit mir und den Hobbys, wenn ich doch jetzt schon keine Zeit dafür „finde“. Und spätestens an diesem Punkt wurde mir klar, dass hier ein Wandel in Gedanken und Taten dringend erforderlich ist. Studien zur Zeitaufteilung von Paaren mit Kindern haben, sowohl anhand von Stunden-Tagebüchern, als auch anhand von externen Erhebungen und Fragebögen, vielfach herausgefunden*, dass Berufstätigkeit der Mutter nicht – wie vielfach ja unterstellt wird – hauptsächlich zulasten der Kinder-Betreuungszeit geht, sondern dass, wenn die Frau eine (Teilzeit-)Beschäftigung aufnimmt bei zeitgleicher Vollzeitbeschäftigung des Mannes, in erster Linie der Zeitaufwand für Haushaltstätigkeit und für Freizeitaktivitäten der Frau zurückgeht. Die Zeit, die das Paar, gemeinsam mit innerhäuslicher Betreuung von dritter Seite (Aupair, Nanny, Verwandte), für die Kinder aufwendet bleibt annähernd gleich und wird weiterhin, auch bei Vollzeittätigkeit der Frau, überwiegend durch die Frau übernommen, wobei die Zeit, die der Mann mit den Kindern verbringt latent natürlich schon zunimmt. Die Zeit, die der Mann für Hobbies aufwendet ändert sich nicht, die die Frau aufwendet schon. Zugespitzt gesagt: Familien mit zwei berufstätigen Erwachsenen leben in unordentlicheren Wohnungen und berufstätige Frauen gehen in geringerem Maße ihren Hobbies nach, als nicht-berufstätige, aber auch als ihre Männer. Ich war immer, wenn ich dies mal wieder in einem Vortrag hörte,  recht erschreckt und hoffte stark, dass dies auf mich nicht zutreffen würde. Als ich nun so meine Gedanken und Handlungen reflektierte stellte ich fest, dass ich – ohne äußeren Zwang – einfach in diese Stereotypen hineinplumse. Absolut erschreckend und dringend abzuändern.

Ich habe für mich zunächst mal versucht, diese „ich muss mir meine Zeit verdienen“-Gedanken zu killen. Stattdessen setze ich mir ein festes Limit, wieviel und auch welche Zeit ich bereit bin an einem Tag für Haushalt aufzubringen. Und wenn das Haushaltszeitfenster um ist, auch wenn ich in der Zeit zu nix gekommen bin, weil müde, Minimensch anhänglich, zuviel Paketboten im Anmarsch oder wasauchimmer, dann ist das eben so, dann bleibt eben was liegen. Natürlich muss manches gemacht werden, Wäsche, Spülmaschine, saugen. Aber eben vielleicht nicht unbedingt heute, oder eben vielleicht nicht alles gleichzeitig. Interessanterweise habe ich bisher nicht den Eindruck, dass es wesentlich chaotischer oder unordentlicher geworden wäre. Eine feste Deadline schafft eben auch mehr Effizienz, sogar wenn es nur ums Wäscheaufhängen geht. Eine der Mütter aus dem Geburtsvorbereitungskurs, die ich netterweise noch regelmäßig treffe, sagte es vor kurzem sehr treffend: „Ich bin Mutter und nicht Hausfrau, und was ich gerade mache ist Elternzeit und nicht Haushaltszeit.“ Yes!

Viel schwerer fällt mir noch, die Zeit zwischen „basteln für andere“ und „meine Zeit“ aufzuteilen. Gerade jetzt möchte ich halt auch gern selbstgebastelte Karten verschicken, selbstgemachte Geschenke fabrizieren, dem Minimensch schöne warme Klamotten machen, Plätzchen backen, die Wohnung adventlich aufhübschen undsoweiterundsofort. Das macht mir ja auch alles Spaß. Und es hat, anders als Haushaltstätigkeiten, vorzeigbare und dauerhafte Ergebnisse, was schonmal ein Gewinn ist. Aber irgendwo ist auch da die Grenze. Und wenn ich, wie diese Woche, eigentlich abends zu müde bin, um noch IRGENDWAS zu machen, dann möchte ich eben dann doch, wenn ich mich aufraffe, auch mal was am Weihnachtskleid machen. Oder was lesen. Oder was bloggen. Hier steht meine Balancefindung noch aus.

Trotz allem, es ist sehr wichtig, das ganze schonmal reflektiert betrachtet zu haben und sich mal kurz zu fragen: „Ähm, was tue ich hier eigentlich?“. Denn hier sind wir es doch oft selbst, die uns im Wege stehen – und zwar keinesfalls nur Mütter, vermutlich nichtmal nur Frauen. Wir selbst und über Generationen angesammelte Denkmuster und Handlungsautomatismen, die eigentlich nicht mehr in die Zeit und Lebensrealität moderner Frauen und moderner Paare passen, weil sie sich eben am Leitbild „Mann, der arbeitet + Hausfrau“ oder zumindest „Haupterwerber + Nebenerwerberin“ orientieren. Und weil sie außerdem auch eine Funktionieren-Müssen-Maxime unterstellen, die uns, Kapitalismus sei Dank, seit Jahrzehnten einimpft, dass wir unsere Lebensrealität vor allem der Erwerbsrealität unterzuordnen haben. Dieses unbedingte Funktionierenmüssen, die Fixierung auf eine 40-Stunden-Lohnarbeitswoche und weit darüberhinaus, die Nicht-Wertschätzung von Nicht-Lohnarbeit – all das wird heute zum Glück vielfach hinterfragt. Und jeder und jede von uns sollte das auch immer mal wieder bei sich selbst tun, finde ich.

*ich gebe hier wieder, was ich auf Konferenzen und Kolloquien aus dem mir nicht besonders geläufigen Gebiet der Familienökonomik aufgeschnappt habe. Ich kann daher nicht aus dem FF Quellen anführen, die dies belegen oder widerlegen, bin aber bei Interesse gern bereit dies von meinen hierin bewanderten Kollegen zu erfragen.