Freitags mit Rentnern

Dieses Blog enthielt, bevor ich in die selig-machende Einsamkeit der Elternzeit entschwand, ja gern mal einen ordentlichen Anteil „Skurril-Nerviges aus dem Alltag“. Zum Beispiel fuhr ich eine Zeit lang beruflich-bedingt freitags mit der Bahn durch halb NRW um fern meiner eigentlichen Wirkungsstätte noch ein paar weitere kleine Studentinnen zu höherem Wissen zu führen. Öffentliche Verkehrsmittel meide ich derzeit. Aber dafür habe ich, gerade jetzt in der Adventszeit sehr lohnend, wenn ein gepflegter Aufreger gesucht wird, das Einkaufszentrum als neue Content-Stätte gefunden. Ich habe das nächstgelegene Einkaufszentrum vor meiner Elternzeit eigentlich noch nie wirklich betreten. Ich durchquerte täglich zweimal die Essener Innenstadt- mehr Shopping war normalerweise nicht notwendig. Offenbar war ich in dieser Entscheidung von einem unterbewussten Wissen getrieben, das mir sagte: DU DARFST DAS EINKAUFSZENTRUM NICHT BETRETEN. DAS EINKAUFSZENTRUM IST EINE NO-GO-AREA für dich. Denn ich habe nun festgestellt: Man darf nur ins Einkaufszentrum rein, wenn man entweder a) über 65 ist oder b) einen Kinderwagen mitführt oder c) unter 16 ist und die Schule schwänzt. Wobei dies auch schon die Hackordnung der Einkaufszentrumsmenschen darstellt. Wenn man zu Kategorie b) zählt, sollte man außerdem noch seine Mutter und/oder seinen arbeitslosen Lebenspartner, mindestens ein weiteres Kind, haufenweise – am besten bröselnde – Süßigkeiten und ständig eine brennende Zigarette mit sich führen. Verfügt man nicht über diese schmückenden Accessoires, so wie ich, ist man nur geduldet und kann keinesfalls auf Akzeptanz in den Reihen der Einkaufszentrumsmenschen hoffen. Das ist verständlich und zeigt sich etwa in folgenden Situationen:

Mutter mit Baby im Kinderwagen – ich – steht an der Kasse des Drogeriemarktes. Am Kinderwagen hängt eine Tasche mit üblichem Baby-bedingtem Wocheneinkauf, also Brei, Gläschen, Windeln, Wattestäbchen uswusf. Rentner, männlich, geht an der Frau vorbei und stellt sich VOR IHR direkt an der Kasse hin und reicht der Kassiererin seine Waren. Mutter – hat Hackordnung noch nicht verstanden – guckt ungläubig, setzt fragenden Blick auf und sagt etwas wie „Entschuldigung … ???!!!“ Daraufhin der Rentner: „Bis sie das alles auf das Band geladen haben und dann noch mit dem Baby, da bin ich ja schon hier raus.“ Ähm ja, bitte geben Sie Ihre Rente an die rechtmäßige Eigentümerin zurück! Kassiererin scheint dies allerdings einsichtig zu finden, kassiert den Mann brav. Ich lade derweil meine Waren aufs Band, da nähert sich ein Rentner-Paar. Sie: „Bei der Dame dauert es noch, geh mal vor.“ Er, geht an mir vorbei, sagt dabei  – nicht entschuldigend: „Sie brauchen ja sicher noch etwas Zeit, bis sie alles aufs Band gelegt haben, da gehen wir schnell vor, nicht wahr?“. NEIN, NICHT WAHR!!! Kassiererin kassiert auch diese Menschen stoisch. Ich sage: „Entschuldigung, ich bin dran und ich habe hier ein Kind, das ich gern noch vor Einbruch der Nacht wieder nach Hause bringen würde.“ Kassiererin: „…“ Rentnerin: „Aber sie waren ja eh noch nicht so weit.“ Ich: „Das kann Ihnen aber herzlich egal sein.“ 16-jähriger Schulschwänzer hinter mir bietet an, mir beim beladen des Bandes zu helfen.

Szenenwechsel: Parkplatz. Ich, ausnahmsweise mit dem Auto, weil schlimmer schlimmer Regen, habe einen Parkplatz recht nah am Eingang ausgemacht. Hinter mir aber eine längere Autoschlange, die zur Ausfahrt möchte. Ich setze also den Blinker gen Parkplatz, halte aber am Rand an, um erst die Schlange vorbeizulassen. Zwei, drei Autos fahren vorbei, viertes Auto, ein Pseudo-Geländewagen, fährt, ohne zu blinken, in meine Parklücke. Am Steuer ein Rentner. Ich: Huuuuuuuuuuuuup. Rentner gestikuliert unwillig zu mir rüber. Ich erwarte, dass er nun seinen Irrtum erkennen und wieder rausfahren wird. Aber … Tür auf, Rentner raus, Tür zu, blinke blinke. Forschen Schrittes gen Eingang. Ich: Sprachlos.

Szenenwechsel: Lotto-/Post-Geschäft. Erneut mit Kinderwagen und nach längerem Spaziergang. Wir dürfen uns glücklich schätzen, in der Nähe ein Wasserschutzgebiet mit Seen, einem Wäldchen und hübschen Spazierwegen zu haben. Kind schlummert, ich stehe an der Postschlange mit Weihnachtspäckchen auf dem Arm. Rentnerin beguckt Kind und Kinderwagen und spricht: „Damit hätten Sie hier gar nicht reinkommen dürfen.“ Ich: „Bitte?“ Rentnerin: „Auf welchem Feld waren Sie denn damit, der ist ja völlig dreckig.“ Ich: „Und?“ Rentnerin: „Sie fahren hier den Schlamm spazieren. Das geht so nicht, das müssen Sie saubermachen.  Sie sind hier in der Post und nicht im Wald.“ Ich: „Das sehe ich.“ Renterin: „Na eben, sag ich doch.“ Ich, zur Postfrau: „Einmal als Päckchen bitte.“