Vereinbarkeit – der lang bedachte Nachschlag

Vor ca einer Trillion Monden habe ich den Artikel von Marc Brost und Heinrich Wefing zur Vereinbarkeitslüge und zwei Repliken dazu hier im Wochenrückblick verlinkt und angekündigt, ich hätte dazu auch noch eigene Gedanken. Hatte/habe ich auch, allein, manchmal sind Blog und Leben nicht so gut vereinbar und komplexere Gedanken müssen etwas warten, bis Zeit bleibt, sie zu formulieren.

Ich möchte vor allem zwei Aspekte nochmal genauer betrachten. Zunächst die Frage: welche Art vom Vereinbarkeit streben wir denn eigentlich an? Ist denn überhaupt erstrebenswert, was von den beiden Autoren als nicht-erfüllbares Ideal dargestellt wird? Da wird davon gesprochen, dass man sich schlecht fühlt, wenn man Zeit mit dem Kinde verbringt und zeitgleich mal eben schnell emails checkt, am Laptop sitzt, das Tablet in beruflichen Belangen bedient und dergleichen mehr. Entschuldigung! Das bedeutet also, Vereinbarkeit, wie sie idealerweise ist und nicht erreicht werden kann heißt: rund um die Uhr im Dienst und zeitgleich immer ein toller Vater/Mutter sein. Nun, es braucht keinen akademischen Abschluss um zu erkennen, dass diese Rechnung auf mehr als einer Ebene falsch ist. Das Problem liegt hier, finde ich, keinesfalls beim Elternsein, das ist nichtmal eine echte Frage von Vereinbarkeit, sondern vielmehr geht es hier um eine grundsätzlich Aufweichung der Trennung von Arbeitszeit und – wie auch immer genutzter – Privatzeit. Es ist sicher inzwischen ein Faktum, dass sehr viele Arbeitnehmer sich direkt oder indirekt verpflichtet fühlen, auch abends und am Wochenende erreichbar zu sein, auch zu reagieren, und so ihre Privatzeit in home office mit Freizeitanteilen zu verwandeln. Allein: wollen wir das? Sollten wir das zulassen? Müssen wir das mitmachen? Sagen wir es zusammen: „NEIN! NEIN UND NOCHMALS NEIN!“ Es ist vielleicht so, dass (den meisten) Eltern die Privatzeit heiliger ist, als (den meisten) Nicht-Eltern. Aber ich halte es für fatal, die schleichende Verberuflichung der Privatzeit als eine Frage der Vereinbarkeit zu kommunizieren. Es gibt gute Gründe, warum wir Anspruch auf Urlaub, Wochenende und Feierabend haben. Auch für den Arbeitgeber. Wir sind Menschen und wir leben nicht, um zu arbeiten. Wir brauchen unsere Freizeit, damit wir gute Arbeit leisten, kreativ sein, motiviert sein und verantwortungsbewusst handeln können. Niemand, ob nun Eltern oder nicht, sollte die leichtfertig aufgeben. Und auch wenn „das erwartet wird“ und „heutzutage selbstverständlich ist“ , „man anders eben nicht Karriere machen kann“ lohnt es sich doch vielleicht, hier schärfere Grenzen zu ziehen, einfach mal das Mailprogramm oder gar das ganze Handy auszumachen. Vielleicht geht dann die – berufliche – Welt ja gar nicht unter, wer weiß? Und wenn jeder hier wieder deutlicher NEIN sagte, könnte auch keine anderslautende Erwartung mehr befüttert werden. Und das gilt eben für alle. Echte Privatzeit ohne beruflichen Druck im Hinterkopf ist natürlich gut für Eltern und Kinder, aber eben auch für jeden anderen.

Der zweite Aspekt betrifft die Gruppe, die mit dem Artikel und mit den meisten zu dem Thema angesprochen wird. Es wirkt, wenn man sich diesen und das gros der anderen Artikel durchliest so, als sei Vereinbarkeit primär ein Problem von besserverdienenden Akademikerpärchen. Da will die Frau eben gern auch beruflich erfolgreich sein und der moderne gebildete Mann von Welt möchte gern am Leben der Kinder teilnehmen, aber beide fühlen sich davon überfordert, ausgelaugt, gestresst. All diese Erwartungen und diese Ideale. Ich darf darüber spotten, denn wir sind ein Akademikerpärchen, wenn auch leider noch drin in der Akademie und daher eher nicht besser aber eben auch nicht schlecht verdienend. Was für meinen Geschmack viel zu oft außen vor bleibt ist, dass Vereinbarkeit weit wichtiger, essentieller, ja oft überlebenswichtig für andere Gruppen ist. Denken wir an all die vielen vielen Paare, für die die Berufstätigkeit beider Partner zum Broterwerb zwingend erforderlich ist. Manchmal in mehr als einem Job. Da geht es nicht um Ideale, die es zu erfüllen gilt. Da geht es darum, seine Kinder gut versorgt zu wissen und zwar dann wenn man selbst dafür sorgen kann, aber eben auch zu anderen Zeiten. Denken wir an Mütter und Väter im Schicht- und Bereitschaftsdienst, die eben oft am Wochenende, am Abend arbeiten. Und zwar nicht mit dem Tablet oder dem Handy mal eben nebenher von zuhause. Das sind die Menschen, für die bessere, zuverlässige Kinderbetreuung und eine deutlich verbesserte politische Unterstützung von Familien wirklich dringend notwendig wäre. Noch mehr für Alleinerziehende. Da erscheinen dann doch die Probleme der Herren etwas in anderem Licht. Und gerade als Journalisten sollten sie doch zumindest um die Probleme von Freiberuflerinnen wissen, die eben tatsächlich immer und gleichzeitig nie im Dienst sind. Und Selbständige… hier finden sich ja auch etliche darunter, die gerade weil die Arbeitgeber so wenig familienfreundlich sind nun selbständig sind, weil es eben nicht anders ging, weil Vereinbarkeit in vielen Unternehmen, der akademischen Welt und auch bei vielen öffentlichen Arbeitgebern ein Fremdwort ist. Und für all diese Gruppen ist insbesondere wünschenswert, was natürlich und zurecht auch wir besserverdienenden Akademikerpärchen uns wünschen: gesellschaftlicher und politischer Druck hin zu familienfreundlicheren Arbeitsbedingungen. Und zwar für alle. Und da denkt man eben schnell an die 32-Stunden-Woche für Eltern. Und an flexiblere Arbeitszeiten und -orte. Und an Arbeitsplatznahe Kinderbetreuung, die keine logistischen Meisterleistungen vom Eltern fordert, um morgens die Kinder abliefern und dennoch pünktlich zur Arbeit kommen zu können. Und an finanzielle Unterstützung für Haushalts- und Betreuungsdienstleistungen. Damit Eltern egal welchen Berufs, Geschlechts und Arbeitsumfeldes die Freiheit haben, Zeit mit ihren Kindern zu verbringen und die Gewissheit, dass es ihren Kindern in der Zeit in der sie nicht mit ihnen zusammen sind ebenfalls gut geht.

Blazernähen: #nähnerdrat dringend erbeten

Ich arbeite hier langsam und still an meinem Probeblazer, der hoffentlich ein tragbares Probeteil wird (der Stoff war sehr günstig, ich könnte eine Bruchlandung verschmerzen). Nachdem ich das ganze ewig prokrastiniert habe, weil ich keine Lust auf Einlage bügeln und Futter zuschneiden hatte, ist der Stand der Dinge dieser:

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Ich habe die Fotos sehr stark aufgehellt, damit die Schnittführung trotz dunkelblauen Stoffs und novembrigen Lichts erkennbar ist.

Hier die technische Zeichnung:
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Ich will die Brusttaschen weglassen, gerade deshalb ist wichtig, dass der Brustabnäher richtig sitzt. Ich würde mich sehr über fachkundigen Rat freuen!

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Hier habe ich nochmal in weiß angemalt, wo er derzeit sitzt und in rot den Brustpunkt und wohin ich ihn versetzen würde. Ich habe eine bisschen Angst, dass ich aus der Kleidererfahrung heraus vielleicht overfitting betreibe. Also denkt ihr auch, ich sollte den Abnäher nach innen versetzen und kürzen?

Hier noch ein weiteres Foto.

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Weiteren Änderungsbedarf sehe ich im oberen Rücken. Das ist ein Standard bei mir und ich würde ihn über die Mittelnaht korrigieren, also hier die Beule wegnehmen.

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Ein wenig werde ich im Hüftbereich aus den Seitennähten und den Abnähern rauslassen.

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Unschlüssig bin ich, weil das Teil recht viel Platz unter den Armen hat, auch das kenne ich von Kleidern. Andererseits soll ein Jackett ja auch noch ein wenig Platz für was drunter lassen. Was denkt ihr, sollte ich hier was rausnehmen? Oder so lassen?