Solidarische Pluralität statt Konkurrenzkampf

An diesem Artikel denke ich schon lang herum, ich würde sagen schon Monate. Der konkrete Anlass, meine diffusen Gedanken nun mal in einigermaßen geordnete Bahnen zu lenken und niederzuschreiben ist eine Diskussion auf Twitter, die sich vorgestern zum Thema „Vereinbarkeit“ entspann und die auch in Catherines sehr lesenswerten Blogpost zur Notwendigkeit einer „Mütterlobby“ ihren Nachhall findet. Dabei ist mein Post eigentlich keine Replik auf Catherines Beitrag und die verschiedenen Meinungen, die auf Twitter ausgetauscht wurden. Vieles war einfach schon in meinem Kopf und brauchte nur mal ein Ventil.

Ich bin noch nicht besonders lange Mutter und ich bin zudem in der luxuriösen Situation einen sehr verständnisvollen Chef und sehr flexible Arbeitszeiten zu haben. Ich bin deshalb deutlich weniger als andere Bloggerinnen bisher vom Problem der Vereinbarkeit direkt betroffen. Ich kann aber zumindest auf reichlich anschauliche Beispiele aus Bewerbungs- und Berufungsverfahren aus der Uni sowie Erfahrungen im Freundes- und Bekanntenkreis zurückgreifen. Auf Basis dieser Mischung aus Eigen- und Fremderfahrung würde ich sofort jedes Wort zur Diskriminierung von Müttern in Catherines Blogpost unterschreiben. Im Prinzip gehe ich auch mit der Forderung nach einer Mütterlobby d’accord und denke ebenfalls, dass die Interessen von Müttern und Nicht-Müttern sich vermutlich nicht (mehr) sehr stark decken, was einen gemeinsamen feministischen Ansatz in der Tat schwierig erscheinen lässt. Ich möchte, da Catherine außerdem in diesem Bereich erheblich bewanderter ist, als ich, hier auch gar nicht viel hinzufügen. Sie hat Recht.

Ich sehe allerdings weitere Aspekte, die an dem Vereinbarkeitsthema oft mitbesprochen werden, aber eigentlich darüber hinausgehen. Um es ganz kurz zu formulieren, bevor ich detaillierter werde: Die Gesellschaft und Arbeitswelt haben sich in den letzten Jahrzehnten in einer Weise gewandelt, die zu einem Mainstreaming von Lebensentwürfen führt – und zwar hin zu einem möglichst ökonomisch-kapitalistisch „wertvollen“ Lebensentwurf. Und das sage ich als Ökonomin (und ich kann mir die Reaktion sehr vieler Kollegen sehr sehr deutlich vorstellen). Dieses Mainstreaming führt letztlich zu einem Gegeneinanderausspielen von verschiedenen Interessengruppen im Arbeitsmarkt aber eigentlich gesamtgesellschaftlich – wo diese Gruppen sich im Interesse der Gesellschaft besser ergänzen als bekriegen sollten. So, das war jetzt sehr akademisch geschwurbelt und ich versuche mal, das ganze aufzudröseln.

Das für mich immer wieder sichtbare Symptom dieser Grabenkämpfe rund um den „richtigen“ vs. „falschen“ Lebensentwurf ist die sofortige und reflexartige Verteidigungshaltung, die sich aus Kommentaren zu Blogposts, hier und woanders, herauslesen lässt, die sich grob mit dem Themenkomplex „Müttererwerbstätigkeit/Kinderbetreuung/Vereinbarkeit“ beschäftigen. Vor kurzem erst wieder löste ich völlig ungewollt einen Sturm der Entrüstung aus, als ich eigentlich satirisch und keineswegs bierernst über das spezielle soziologische Biotop der Mutter-Kind-Gruppe unter besonderer Berücksichtigung der Tupperparty bloggte. Das ging soweit, dass selbst meine eigene Mutter sich in ihrem Lebensentwurf kritisiert sah – obwohl ich doch nur keine Babyschau-mäßigen-Kinderbespaßungsgruppen mag und mich nicht mit dem von Tupperware transportierten Frauenbild identifizieren kann. Ich habe kurz darüber nachgedacht etwas zu bloggen wie „Hallo, jede wie sie will!!!“ nur um deutlich zu machen, dass ich keinesfalls sagen will, dass es schlecht ist, Hausfrau zu sein. Ganz im Gegenteil, ich kann gut nachvollziehen warum es in vielen Situationen sehr naheliegend und richtig ist, Hausfrau zu werden, gerade mit mehr als einem Kind. Dass hier im Hause Siebenhundertsachen unsere Stellen- und Einkommenssituation nicht so sehr eine_n klare_n Ernährer_in aufweist, ist ja zunächst mal unsere Sache. Ich wollte, und das nur noch mal der Vollständigkeit halber, lediglich transportieren, dass ich das Rollenbild „putzendes, dummes Heimchen am Herd ohne eigene Identität und ökonomische Kompetenz“ für überkommen halte. Leider, und das habe ich mir nicht ausgedacht, treffe ich gar nicht so selten Frauen, die Dinge sagen wie „ach ich kann das große Auto nicht fahren, ich bin ja eine Frau“ oder „ach, mit Gelddingen kenne ich mich nicht aus, das kümmert mich auch nicht, das regelt alles mein Mann, Männer sind in sowas einfach besser“ – da krieg ich die Motten und das sei mir bitte gegönnt, ok?

Was sich aber an dieser Diskussion hier bei mir und bei hunderten anderswo sofort zeigt ist, dass es offenbar eine Front gibt, die zwischen Lebensentwürfen verläuft. In diesem Fall zwischen dem Lebensentwurf zweier erwerbstätiger Partner, die ebenfalls geteilt die Fürsorge für den Nachwuchs übernehmen und dem Lebensentwurf einer klaren Aufgabenteilung mit einem Verdiener und einer Fürsorgerin. Und sobald ein kleiner Tropfen in Form eines Artikels in das Fass platscht – Padauz – läuft es sowas von über, da sind sofort alle in Verteidigungshaltung und es wird schnell sehr persönlich und wenig sachlich. Und zwar in beide Richtungen. Die einen sehen sich argumentativ an die Wand gestellt weil sie zu Hause bleiben, ob nun aus idealistischen oder pragmatischen Gründen. Die anderen fühlen sich angegriffen weil sie ihr Kind früh(er) in eine Betreuung geben und schnell(er) wieder arbeiten gehen. Und wer mal einen Mann, der länger als 2 Monate Elternzeit genommen hat oder sogar Teilzeit arbeitet zu Gesicht bekommt, der wird auf minimale Nachfrage hin absolut unsägliche Geschichten zu hören kriegen, was dieser oder auch wahlweise seine Partnerin sich für Sachen anhören mussten. Da kommt dann schnell wieder die „Kinder gehören zur Mutter“-Totschlagklatsche und schwupps ist die Front wieder klar – geh in deine Ecke du zweitklassiger Mutterersatz.

Genau andersherum verlaufen die Fronten dann in der Arbeitswelt. Da werden Eltern (also Mütter, die arbeiten oder Väter, die auch einen Teil oder die gesamte Fürsorge übernehmen) dann angefeindet, weil sie Vereinbarkeit einfordern, auf feste Feierabendzeiten, planbare Termine, überschaubare Reisetätigkeit pochen (müssen !!!), weil ihre Kinder krank sind oder weil sie in den Schulferien Urlaub brauchen. Schließlich hat man sich das mit den Kindern ja selbst so ausgesucht, das ist Privatsache, was will man dafür eine Extrawurst. Dennoch ist es ja auch verständlich, dass Nicht-Eltern, die damit nicht aufgrund der Kinder auf eine begrenzte Anzahl von Überstunden und Abendterminen pochen können, die bei Urlaub zurückstecken und mehr Flexibilität aufbringen sollen, nicht unbedingt begeistert sind. Schließlich konkurriert man um Jobs und auch in Jobs. Da sorgt Ungleichbehandlung, sei sie nun gerechtfertigt oder nicht, nötig und wichtig oder nicht für böses Blut. Und das ganze lässt sich nicht nur für Eltern vs. Nicht-Eltern, Mütter vs. Nicht-Mütter durchspielen. Natürlich Männer vs. Frauen. Was ist mit Singles vs. Menschen in festen Partnerschaften? Auch da ergeben sich im Job schnell unterschiedliche Interessen, die sich trefflich gegeneinander verwenden lassen. Denn wenn doch der Single flexibler ist, als der Mensch mit Partner, hat er dann nicht auch die Karriere eher verdient? Aber ist nicht umgekehrt ein Mensch mit Partner der langfristig zuverlässigere Arbeitnehmer? Es lässt sich immer ein Gegenentwurf aufmachen. Alte vs. Junge. Bildungshintergrund, Migrationshintergrund, sexuelle Orientierung, Religion – you name it. Was bleibt ist, dass in jeder dieser Situationen Arbeitnehmer gegen Arbeitnehmer, Bürger gegen Bürger positioniert sind. Wir sitzen im gleichen Boot und fahren recht zielstrebig auf den Wasserfall zu und was wir tun, um den Absturz abzuwenden ist in erster Linie auf andere zu zeigen und ihnen zu erklären, sie seien schuld, weil sie ihr Leben falsch gestalten.

Woher kommt das? Warum können wir nicht einfach jede und jeden mit seinem Lebensentwurf stehenlassen, wie er/sie ist? Wenn wir für uns richtig und wichtig finden, uns Erwerbs- und Fürsorgearbeit zu teilen, dann kann ich doch trotzdem einfach mal anerkennen, dass andere aber finden, dass es effizienter oder besser oder einfach pragmatischer ist, das ganze anders zu verteilen. Wenn ich als Mutter eben zeitlich eher unflexibel bin, dann könnte man z.B. anstatt darüber die Nase zu rümpfen einfach mal einen Blick auf meine Augenringe werfen und sich denken „lieber abends arbeiten als ein zahnendes Kind in den Schlaf tragen“. Und wenn jemand sich gegen Kinder entscheidet, dann wird sie oder er da schon Gründe für haben, und vermutlich nicht nur, dass sie alles Geld für sich allein haben wollen (und wenn – kann mir ja auch gleich sein, denn Geld allein macht bekanntlich nicht glücklich). Vielleicht ist jemand gar unfreiwillig kinderlos. Wäre ich gemein, würde ich unterstellen, dass diejenigen, die ihren Lebensentwurf am lautesten verteidigen selbst am meisten daran zweifeln. Aber ich halte das nicht für die Erklärung.

Ich denke, unsere Arbeitswelt und dem nachfolgend unsere ganze Gesellschaft haben sich in den letzten Jahren in einer Art und Weise gewandelt, die eine so starke Konkurrenz produziert, dass jede Abweichung von einer gefühlten Norm als „wunder Punkt“ ausgemacht wird und versucht wird, diese dann gegen den/die Konkurrent_in zu verwenden. Unsere Arbeitswelt ist unmenschlich geworden und fordert von uns alles im Leben der Arbeit unterzuordnen. Nach einer ruhigen Verschnaufpause im Kielwasser des sogenannten Wirtschaftswunders und einigen Jahrzehten sozialer Marktwirtschaft, sind wir in unseren Arbeitsverhältnissen erneut in einer Ära der Ausbeutung angelangt. Wobei ich nicht sagen würde, dass wir wieder in Zustände wie zu Zeiten der Industrialisierung zurückfallen. Die Art der Ausbeutung ist eine völlig andere. Denn das schlimme ist, dass heute wir selbst es oft schon in vorauseilendem Gehorsam oder zumindest in fatalistischer Duldung übernehmen, uns bis an unsere Grenzen und darüberhinaus zu belasten. Wir machen uns ein Gutteil unseres Drucks selbst oder eben untereinander. War es in der Feudalgesellschaft und bis zur Industrialisierung doch zumindest so, dass klar zwischen wir hier unten und die da oben unterschieden werden konnte, so sind wir heute eher in einer Zeit der kompetitiven Selbstaubeutung angekommen. Das heißt eben, das Kinder möglichst keinen Einfluss auf die Arbeitskraft haben sollten (vollkommen utopisch) und ansonsten als Schwachstelle gesehen werden. Das heißt auch, dass alt zu sein, krank zu sein, gebunden zu sein, in erster Linie eine Schmälerung der Arbeitskraft und damit eine Mehrbelastung für die Kollegen bedeuten – und da jeder am Limit arbeitet, kann und will man das nicht akzeptieren.

Auf der anderen Seite braucht unsere Gesellschaft dringend Kinder, Ehrenamtliche, Fürsorgende, Erziehende, Betreuende aber auch gut ausgebildetete Fachkräfte, zahlungskräftige Steuerzahler und selbstständig altersvorsorgende Gut-Verdiener. Und so wird uns politisch verordnet, dass wir bitteschön mit links und Kusshand gleichzeitig eine gute Ausbildung bestreiten, früh viele Kinder kriegen, einer steuer- und sozialversicherungspflichtigen Beschäftigung nachgehen, unsere Eltern und Kinder pflegen und uns hier und da und dort engagieren sollen. Und setzt uns damit wiederum unter Druck – lässt uns gesellschaftlich als Versager darstehen, wenn wir nicht all dies und mehr erfüllen – und schafft damit noch mehr Konkurrenz, böses Blut und falsche Erwartungen allerorten.

In meinen Augen sollten wir den Mehrwert der Pluralität erkennen. Sehen, dass wir verschiedene Lebensentwürfe brauchen, damit alle gesellschaftlichen Aufgaben und Herausforderungen bewältigt werden können. Und uns gemeinsam gegen eine Durchtaktung des Lebens bis ins Privateste, gegen deutlich überzogene Anforderungen an Arbeitnehmer, gegen das Gegeneinanderausspielen zur Wehr setzen. Damit es möglich ist, seine individuellen Präferenzen, Notwendigkeiten und Gegebenheiten in einem förderlichen und anregenden Arbeitsumfeld leben zu können und nicht den eigenen Lebensentwurf der Arbeitswelt unterordnen zu müssen und das dann vereinbaren zu nennen. Wichtige Schritte hier wären für mich: Die Anerkennung und Wertschätzung von Betreuungsarbeit – bezahlter und unbezahlter. Die Flexibilisierung von Arbeitszeiten und Orten – viel zu oft wird nur aus Verbohrtheit auf 100% Anwesenheit gepocht. Viel zu oft wird vollkommen gegenstandslos behauptet, ein Job sei nicht in Teilzeit zu machen. Die Reform der Renten- und Pflegeversicherung. Die Abschaffung der Vielzahl an fehlgeleiteten Subventionen und Steuerprivilegien, die nichts bringen aber viel kosten wie etwa das Ehegattensplitting, das Betreuungsgeld, die Begünstigung von Rürup- und Riesterrente,  zugunsten von zukunftsorientierten Konzepten, die Kinder, Bildung und Energiewende fördern, weil dies die wichtigsten Ingredienzen für eine tragfähige zukünftige Gesellschaft sind. Vor allem aber, uns nicht für ein ohnehin nicht tragfähiges und nachhaltiges kapitalistisches Wirtschaftssystem instrumetalisieren und gegeneinamder ausspielen zu lassen.

P.S. ich möchte ausdrücklich hinzufügen, dass ich damit nicht sagen will, dass es keinen Kampf für benachteiligte Gruppen mehr geben sollte. Selbstverständlich brauchen wir eine Elternlobby, natürlich ist der Feminismus nach wie vor wichtig, auch sollten wir dringend etwas gegen Diskriminierung von Ausländern und Menschen mit Behinderung tun. Aber bitte ohne Frontenbildung mitten durch Gruppen, die eigentlich solidarisch miteinander umgehen sollten.