Das Osternachthemd

Ich wollte dieses Kleid bereits seit 2 Wochen beim MMM zeigen, habe auch jeweils Fotos gemacht, aber dann im derzeit noch sehr hektischen Working Mum Alltag plus Stoffwechsel-Stress nicht geschafft, meinen Beitrag zu schreiben. Und damit er nicht noch weiter versauert und weil ich gerade etwas Zeit hab: Nähpost außer der Reihe.

Ich habe ca. Karfreitag mittag beschlossen, dass ich mir ein Osterkleid nähen will. Eigentlich hatte ich mir vorgenommen, kein Kleid mehr zu nähen, bevor ich nicht mit dem Grundschnitt fertig bin und den erst anzugehen, wenn ich mit dem Blazer from hell weiter bin, aber dann waren die Eier gefärbt und die Laune da und der Minimensch schlief mit dem Gatten brav und schwupps hatte ich diese Idee im Kopf. Da aber klar war, dass ich nur am Karfreitag abends daran würde arbeiten können, musste es etwas unkompliziertes sein. Gleichzeitig wollte ich aber auch nicht zu einem bewährten Schnitt greifen. Ich tauge nicht zur Serientäterin (außer bei Simplicity 2451) – es juckt mich immer zu sehr, was neues auszuprobieren. Da ich aber auch nicht meine Grundschnittbestrebungen untergraben wollte, entschied ich mich für einen Schnitt bei dem der Grundschnitt eh nicht hilfreich wäre:

Vogue 8728, ein 40s Reprint. Ich besitze den Schnitt bestimmt seit 2 Jahren. Da wollte ich ihn sehr unbedingt sofort haben. Dann hätte ich ihn abpausen müssen. Das dauerte dann so 2-3 Tage Jahre, bis ich mich im Frühlingsurlaub mangels anderer Handwerksmöglichkeiten zu einem Abpausmarathon aufraffte und so ca. gefühlt 20 4 Schnitte kopierte. So lag er nun kopiert bereit.

Der Schnitt fasziniert mich unter anderem deshalb, weil er laut Umschlag sowohl für Webstoff als auch für Jersey geeignet ist. Da es ja mit dem Osterkleid möglichst ohne langen Anpassungszirkus gehen sollte (dachte ich…) griff ich zu eine Viskosejersey der Klasse“Beifang“, den ich letztes Jahr reduziert bei stoffe.de gekauft hab. Natürlich hatte ich, wie sollte es anders sein, nur 2m. 2,40 hätte ich laut Umschlag für Gr. 16 gebraucht… aber kreatives zuschneiden kann ich ja, und da der Rock gekräuselt wird, hab ich einfach das rückwärtige Rockteil mit Teilungsnaht und quer zum Fadenlauf zugeschnitten (und ich höre euer lautes vernehmliches Räuspern bis hier!!!) & dann ging das schon.

So ganz schnell näht sich das ganze nicht, weil sowohl Oberteil als auch Rock gekräuselt werden und man das beim Oberteil auch ordentlich machen muss, damit die Falten über der Brust gerade verlaufen. Ich habe die Anleitung weitgehend ignoriert. Die Anleitung ist aber sehr interessant, denn sie sieht, so weit ich das sehe, die Originaltechniken aus den 40ern vor, z.B. soll die Kante des Taillenbandes umgebügelt und dann auf das obere Oberteil von außen aufgesteppt werden. Auch sieht der Schnitt Schulterpolster vor. Das halte ich dann doch für zu originalgetreu für meinen Alltag.
Die erste Anprobe war eine ziemliche Ernüchterung. Zunächst mal war das ganze viiiieeel zu weit. Viel as in <10cm. Dann waren die Kräusel schief. Und die Taille saß deutlich unterhalb meiner Taille. Auch war der Rock keineswegs knielang, wie auf der Schnittzeichung, sondern eher mittelwadenlang. Eine unsägliche Länge. Am allermeisten störte mich aber die Ärmelpartie. Die angeschnittenen Ärmel waren unglaublich weit und unter den Armen sehr viel Stoff (was man genaugenommen auf Schnittzeichnung und den Fotos vom Modell bei Vogue auch schon erahnen konnte. ) das sah irgendwie auf den Bildern von anderen Näherinnen nie so aus. Hinzu kam, dass sich mein Viskoseflutschjersey als extrem leiernd herausstellte. Dadurch veränderte das Ding auch noch während des nähens beständig seine Form.

Ich habe also folgendes geändert:
– Taillenband gedoppelt
– aus dem Taillenband an jeder Seite 5cm rausgenommen
– seitlich unter den Armen vom Taillenband ausgehend erheblich was weggenommen, so dass die Armlöcher erheblich kleiner wurden.
-Taille 2 cm höher gesetzt. Hätte noch 1-2 vertragen können, ist nämlich schon nachgelabbert.
– 15cm gekürzt – das waren allerdings so 2-3 zuviel

An Ostermontag trug ich das Kleid mit Seidenunterkleid und Strickjacke.

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Und war nur sehr mäßig begeistert. Die Taille sitzt nicht. Kräuselröcke stehen mir eigentlich sowieso nicht, auch wenn das mit dem dünnen Jersey noch so eben geht. Die Weite im Oberteil fand ich hochgradig irritierend, da zuppelte ich dauernd dran rum. Und war sicher, mir in Wahrheit ein Nachthemd genäht zu haben. Trotzdem habe ich das Kleid dann doch vergangenen Dienstag auch nochmal im Büro getragen. Diesmal mit einem langärmeligen Unterkleid aus Baumwolljersey. Das war schon viel besser, weil es sich viel weniger zuppelig anfühlte. Allerdings war der doofe Mistjersey schon wieder in die Länge gegangen, die Taille saß nun wieder gut 3cm unter meiner Taille.
Auf den Fotos kann man das nur erahnen, weil das Wetter schlecht war und unser Büro extrem dunkel ist. (Auch zu sehen: langsam zieht meine berufliche Identität in die hässlichen Regale ein). Ich habe die Fotos jetzt extrem aufgehellt, damit man überhaupt was erkennt.
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Interessanterweise erhielt ich sogar Komplimente für das ungeliebte Nachthemd. Es ist außerdem sehr fahrradfreundlich. Am Ende des Dienstags war ich deshalb bereit, dem Schnitt noch eine Chance zu geben. Ich habe ihm mit dem viel zu flutschig dünnen Jersey vielleicht unrecht getan. Ich werde noch eine Webstoffversion nähen. Allerdings muss ich mir da was für die Ärmel überlegen. Vielleicht nehm ich die Ärmelpartie von Tiramisu. Außerdem werde ich einen Tellerrock statt des gekräuselten Rockteils nehmen. Kräusel sind aus der Hölle, verarbeitungs- und aussehenstechnisch. Vielleicht merke ich mir das ja doch mal endlich.

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5 Gedanken zu “Das Osternachthemd

  1. Lotti Katzkowski schreibt:

    Ist doch voll ok, dein Kleid, kein Nachthemd.
    Fährst du sonst bei Vogue gut mit der Größe 16?
    Ich wundere mich etwas, weil du ja Größe 38 trägst. Da würde ich bei den amerikanischen Schnitten eher zu einer 12 tendieren. Ich habe bisher aber nur Butterick und McCalls genäht und kann zu Vogue gar nichts sagen.
    Liebe Grüße

    • siebenhundertsachen schreibt:

      Ich hab sonst bei Vogue 12-14, aber die Maßtabelle sagte 16, ich dachte, der fällt vielleicht wie ein Vintageschnitt aus. Aber hab dann ja massiv enger gemacht, würde also auch aus Webstoff höchstens die 14 vielleicht sogar 12 zuschneiden. Muss nochmal die Teile ausmessen.

  2. Lottie Kamel schreibt:

    Mir gefällt das Kleid aber, gut dass du ihm noch eine zweite Chance gegeben hast. Der Stoff ist schön und nach deinen zahlreichen Änderungen passt doch auch der Schnitt sehr gut. Kräuselungen finde ich auch sehr mühsam, ich überlege mir, mal dieses Framilonband einzukaufen das von Ottobre immer so subtil promotet wird. Ich habe schon gelesen bei einigen Bloggerinnen ,dass es dadurch besser gehen soll…

  3. Lisa S. schreibt:

    Wow also ich finde das Kleid sehr schön, ich denke du kannst stolz auf deine Arbeit sein! Wenn ich nur halb so gute Nähfähigkeiten wie du hätte wäre ich schon glücklich! 🙂

Danke für deinen Kommentar! Ich freue mich sehr darüber!

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