Mutterschaft – Ein Jahr

Schon seit einiger Zeit ist der Minimensch ein Jahr alt. Zahlreiche real life- Verpflichtungen haben mich daran gehindert, das adäquat würdigen zu können.

Dieses eine Jahr hat mein und unser Leben unglaublich durcheinander gewirbelt. Ähnlich dramatische Änderungen bringen wohl nur der Auszug von zuhause und Auslandsaufenthalte mit sich. Ich bin anders, der Mann ist anders, das Leben ist anders, alles anders und gleichzeitig, und das ist schwer zu begreifen, wenn man selbst (noch) keine Kinder hat, enorm vertraut.

Ich neige nicht dazu, Mutterschaft/Elternschaft zu mystifizieren. Das gilt für schwanger sein, stillen und leben mit Baby gleichermaßen. Es ist nun wirklich nicht immer eitel Sonnenschein und da kann auch das strahlendste Kinderlächeln nix dran rütteln. Ich kann der Überhöhung von Mutterschaft, die aus vielen Mütterblogs spricht, der geradezu Verehrung des Bauches, der Glorifizierung des Stillens, der übermäßigen Aufopferungsmentalität, die man im „Mami-Netz“ finden kann überhaupt nichts abgewinnen. Da finde ich mich nicht wieder. Dennoch, ich bin gern Mutter und würde um nichts in der Welt tauschen wollen.

Man hat ja im Vorfeld Erwartungen, positive und negative. Man stellt sich schon vor, dass man so einen Minimensch ziemlich ins Herz schließt. Dass es cool ist, Entwicklung zu beobachten. Dass Kinder manchmal echt witzig sind. Und natürlich auch, dass man wenig Schlaf bekommt. Dass es ganz ganz schlimm ist, das Kind krank zu sehen, dass das Leben irgendwie unflexibler wird. So Sachen. Dennoch für mich war dieses Jahr auch voller Überraschungen.

Es ist Wahnsinn, wie rasant schnell so ein Baby wächst und sich verändert. Wie schnell es Dinge lernt. Und gleichzeitig aber auch, wie vollkommen hilflos und auf einen angewiesen es ist. Ich war vollkommen platt von dem Gefühl, wie sehr ich mit diesem kleinen Wesen verwoben bin, wie sehr ich es als Teil von mir sehe und sehen muss. Und auch erleichtert in gewisser Form, als sich das langsam etwas löste. Als zumindest die Ernährung des Kindes nicht mehr von mir abhing, als auch andere auf es aufpassen konnten. Ich hätte nicht gedacht, dass ich mich so eingeschränkt fühlen würde. Aber man macht sich das Ausmaß der Einschränkung ja nicht bewusst, dass man als HauptbetreuerIn immer zu zweit ist, im Bad, auf dem Klo, beim einkaufen, bei der Hausarbeit, immer.

Was ich in diesem kleinen Alter überhaupt noch nicht erwartet hätte, ist, wie deutlich der Minimensch seine Gefühle ausdrücken kann. Diese unbändige Freude, wenn man nach Hause oder auch nur aus dem Keller kommt. Die freudige Umarmung morgens im Bett. Das flasht mich jeden Tag aufs Neue und – ein bisschen stimmt es ja schon – kompensiert auch so manchen Wutanfall. Überhaupt Wut. Was für ein kleines Rumpelstilzchen das Kind sein kann. Unglaublich.

Vollkommen unerwartet hat uns auch dieses Gefühl getroffen, eine Familie zu sein. Ein bisschen als sei es schon immer so gewesen. So als hätte dieser kleine Mensch schon immer am Tisch zwischen uns gesessen und fröhlich Kartoffeln auf seine Gabel gepiekst oder Käsebrot in den Mund geschoben.

Und dann ist so ein Minimensch ja tatsächlich schon recht bald eine Person. Mit Eigenheiten, Vorlieben und Gewohnheiten. Das ist echt erstaunlich. Wie distinkt Kinder sind, wie wenig sie einander eigentlich gleichen. Man kennt die Stimme, die speziellen Gesichtsausdrücke, die Anzeichen für Müdigkeit und Zahnschmerzen. Und eben den Charakter und sei er noch so unfertig.

Die Liste der Überraschungen ließe sich natürlich noch lang fortsetzen. Aber natürlich gibt es auch die Gegenseite, das woran man sich eher mühsam gewöhnt. Gar nicht so sehr Schlafmangel und Schreien, da rechnet man ja mit und weiß auch, dass es vorbei geht. In erster Linie fehlen mir tatsächlich eher kleine Dinge, die Teil von persönlicher Freiheit sind. Im Auto laut Musik hören. Spontane Verabredungen. Essen, wann man Lust hat, nicht wann Essenszeit ist (& fast food). Wenn ich gerade gut drin bin, auch weiterarbeiten zu können. In Ruhe duschen. Ganz allein sein. Sowas. Zeit-Autonomie könnte man das ganze wohl zusammenfassend nennen.

Was keine echte Überraschung für mich war: ich tauge nicht zur Hausfrau. Die ersten Monate hat das noch nicht so gestört, da waren die Tage noch recht flexibel, der Minimensch schlief noch viel, da hab ich erstmal viel genäht und mich in den Alltag mit Kind eingefunden. Aber ich war auch immens froh, als ich nach 9 Monaten wieder einen Nachmittag arbeiten ging, als ich nach 11 Monaten wieder in meinen Job zurück konnte. Es ist unglaublich anstrengend zu arbeiten mit Kind. Aber ich liebe meinen Job und brauche ihn. Ich brauche Kontakt mit anderen Erwachsenen als meinem Mann. Ich bin ein zutiefst sozialer Mensch, ich bin mir selbst einfach nicht genug. Ich würde umgekehrt nicht Vollzeit arbeiten wollen zur Zeit. Ich hätte das Gefühl zu viel zu verpassen und ich fände es auch organisatorisch schwierig. Minimensch und Arbeit brauchen und bekommen beide ihren Raum, das ist so schon OK.

Auf die Frage, wie das Elternsein so ist, antworten wir gern: „Toll aber müde“ und letztlich ist es genau das.

11 Gedanken zu “Mutterschaft – Ein Jahr

  1. Kirsten schreibt:

    *vollkommen_zustimm* Das Leben ist komplett verändert! Diese Verantwortung ist einfach immens. Und klar will man sein Kind nie wieder hergeben – aber für eine Woche gerne *lach*
    Ich habe zwei 4 und 6 – und arbeite 80%. Weil weniger in meinem Job einfach nicht geht. und weil ich nicht gar nicht arbeiten möchte.
    Dir noch viele schöne “erste Male” – solche Momente lassen zwar nicht alles vergessen, aber sie entschädigen *lach*
    LG, Kirsten

  2. zioppizopp schreibt:

    Ein schöner Post! Ich finde mich in Vielem wieder und tatsächlich ist es auch beim zweiten Minimensch, der nun seit 5 Wochen bei uns wohnt, sehr, sehr ähnlich. Im Moment muss ich mich erst mal wieder an das Angebunden-sein und die Müdigkeit gewöhnen *gähn*. Und an dieses zahnlose, unbewusste Lächeln im Schlaf 🙂

    Deiner Familie und Dir viel Freude aneinander!

    Liebe Grüße,
    Stefanie

  3. knickpick schreibt:

    Hi, was für ein schöner, ehrlicher Beitrag. Ich bin selber zum ersten mal im 7. Monat schwanger und kann mir noch nicht ganz so recht vorstellen, wie es mit Mini-Me wird, bzw. ich lasse mich überraschen 😀 Liebe Grüße!

  4. Nike schreibt:

    Da sagst Du was, diese Mami-Blog-Sache mit ihrer Aufopferungsromantik. Wer macht sich bitte schon gerne selbst zum Opfer? Und obwohl ich ja eher so der antisoziale Typ bin, hab ich grade große Freue an der neuen Unabhängigkeit. Euch drei Cheers zum weitermachen, wird ja auch bald unkomplizierter wenn der Minimensch dann irgendwann institutionalisiert wird. Das Ausmaß der Vereinfachung des Alltags ist wirklich sensationell!
    Liebe Grüße,
    Nike

Danke für deinen Kommentar! Ich freue mich sehr darüber!

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s