Von der mühsamen Wahrung der Scheinanonymität

Wie ja im Allgemeinen nicht zu übersehen ist, blogge ich, ohne mein Gesicht zu zeigen. Auch mit der Nennung meines Vornamens bin ich zurückhaltend, wenn auch inkonsequent. Das hat verschiedene Gründe, die ich z.T. schon hier einmal in Worte fasste. Es gibt sicher weitere, über das berufliche hinausgehende. Ich bin um die Privatsphäre meiner Familie bedacht, ich möchte entscheiden können, wem ich im beruflichen wie privaten Kontext wie viel von meinen nerdigen Hobbies offenbare. Auch: ich möchte nicht so gut und einfach als Datensatz zu Geld machbar sein. Und natürlich ist die Informationsasymmetrie zwischen mir und der weiten nicht begrenzten Masse von Menschen, die potenziell vollkommen anonym mein Blog lesen immens, was wenn man den Gedanken eine Zeit lang im Kopf von rechts nach links schiebt, ein wenig beängstigend sein kann. Ich habe deshalb auch sehr viel Verständnis für alle anderen, die sich bemühen eine gewisse Grenze zwischen Real Life und Blog einzuhalten, wo auch immer jede* persönlich diese Grenze zieht. Es ist in meinen Augen eine sehr persönliche Entscheidung, wieviel Gesicht, Wohnung, Namen, Umfeld, Stadt, Beruf, … eine Bloggerin preisgeben möchte und das gehört einfach akzeptiert. Jede wird gute Gründe haben.

Das Problem bzw. eher die Schwierigkeit ist, sich der Wahrung der Privatsphäre bewusst zu bleiben, wenn die Anonymität selektiv schwindet. Wann immer ich Bloggerinnen persönlich getroffen habe, fiel es mir danach schwer, sie in ihren Blogs nicht mit ihren echten Namen anzusprechen. Nicht mit anderen im persönlichen Gespräch unbedacht den Klarnamen einer dritten fallen zu lassen. Wir Nähnerds unter uns sind eben doch eine eingeschworene kleine Gemeinschaft, ich kenne inzwischen eine ganze Reihe der nähnerds persönlich, zu anderen hatte ich zumindest schon sehr viel Mailkontakt, so dass es sich so anfühlt als kenne ich sie persönlich. Da liegt es nahe, dass eine hin und wieder vergisst, dass Blogs und Twitter öffentliche Räume sind. Dass neben den vielen bekannten virtuellen Freundinnen auch vollkommen fremde in unseren Wohnzimmern ein und aus gehen.

Besonders deutlich ist dies für mich im Rahmen der Aktion Stoffwechsel geworden. Die Stoffwechslerinnen wurden untereinander schnell zu einer eingeschworenen Gemeinschaft. Per Mail und auf Twitter wurde mitgefiebert und gerätselt, Pakete mit Spannung verfolgt, Pläne geschmiedet und Ratschläge ausgetauscht. Gerade ich, als Organisatorin, fühlte mich allen anderen ganz nah und verbunden. Und so ging es nicht nur mir so, dass mal ein Klarnamen in einen Kommentar oder Post rutschte. Das Vertraulichkeitsniveau war einfach höher als die Bloganonymität zulässt.

Letztlich liegt, zumindest für mich, ja im persönlichen Austausch, im Kontakt, in dieser Verbundenheit der Reiz beim Bloggen insbesondere beim nähbloggen. Die Highlights sind, wenn das rein virtuelle greifbar wird. Wenn auf einmal aus dem Internet ein Stoffpaket zu mir nach Hause kommt. Wenn eine Bloggerin, die ich nur nebulös kannte persönlich vor mir steht. Wenn aus einem virtuellen Nähkränzchen ein tatsächliches wird.

Und dennoch. All diese wundervollen Erfahrungen, der ganze viele Nähnerdflausch, sollte mich, uns, nicht den Respekt vor der persönlichen Privatsphäre-Grenze anderer Bloggerinnen verlieren lassen. Ich versuche, wieder bewusster darauf zu achten.

*Ich verwende das generische Femininum, Männer sind selbstverständlich mitgemeint.