Pendeln und Vereinbarkeit

Ich erwähnte hin und wieder, dass ich im letzten Monat sehr viel arbeitete. Genau genommen arbeitete ich etwa 45Std/Woche auf meiner 20Std-Stelle. Das war nur eine vorübergehende Geschichte, aber da zeitgleich der Mann derzeit auch mehr als rund um die Uhr arbeitet, eine ganz „gute“ Gelegenheit, den Betreuungsernstfall zu proben. Dieser Ernstfall wird eintreten, sobald der Minimensch in die Kita geht. Denn dass die Umstellung von sehr flexibler Babysitter-home office-Teilzeit-Lösung auf sehr rigide Kitazeiten-mehr Bürotage-mehr Arbeitszeit ein kleines Problemchen sein würde, schwante uns schon länger. Denn: Mind the Pendelzeiten.

Unsere unfreiwillige Testphase sah so aus: Ich war 3 Tage Vollzeit im Büro, einen vierten Tag hatte ich zuhause Betreuung da. Meine Schwester und die beiden Omas des Minimenschen wechselten sich ab. Was dann noch an Arbeit blieb machte ich abends und am Wochenende in den Mittagsschlafzeiten. Das war ziemlich stressig, denn jeden Tag passte jemand anderes auf den Minimensch auf, obwohl alles vertraute Personen, dann doch ganz schön viel Gewusel. Außerdem waren alle Beteiligten recht übermüdet und von der vielen Arbeit recht geschlaucht, das macht es nun auch nicht gerade besser.

Einmal pro Woche kam der Minimensch z.B. mit in die Arbeitsstadt zu meiner Schwester. Für die 20km Weg brauche ich morgens oft fast 1 Std, nie unter 45 Min, abends das gleiche. Die ewigen Staus sind mit Kind im Auto noch mehr eine Zumutung als ohnehin schon. Für 6 Std Arbeitszeit waren wir oft 9 Std unterwegs. Dies also der Test: Betreuung in der Nähe des Arbeitsplatzes. Mein Verdikt: Stress. Stress um sehr früh mit Kind im Auto zu sitzen, das Kind im Stau bei Laune zu halten, am Abend zur besten Quengelzeit am Einschlafen zu hindern, das Abendessen auch noch pünktlich auf dem Tisch zu haben uswusf.

Die Omatage waren für den Minimensch entspannter, er blieb ja einfach zuhause und wurde liebevollst bespaßt, ganz ohne nervige Autofahrt. Dafür war er natürlich 9-10 Std von mir getrennt. Vor allem aber war das dann für die jeweilige Oma recht anstrengend. Die eine hat nämlich am gleichen Tage noch je 1,5 Std Anreise, die andere muss so weit reisen, dass sie übernachten muss. Den vollen Omaservice wird es also auch in Zukunft nur in Ausnahmefällen geben. Wohnort-nahe Betreuung ist also für den Minimensch prinzipiell weniger stressig, aber unter Berücksichtigung von Pendelstrecken müsste der Minimensch sehr viel länger betreut werden, als ich arbeite.

Und damit zeigt sich sofort das zukünftige Betreuungsdilemma. Durch die Pendelzeiten würde selbst eine Vollzeitbetreuung nicht ausreichen, wollte ich Vollzeit arbeiten. Der Mann könnte zwar den Minimensch abholen, hat aber oft Auswärtstermine, die dann alles direkt sehr kompliziert machen. Ich habe gar nicht vor wieder Vollzeit zu arbeiten, aber mehr als 20 Std schon. Ich werde auch weiter einen Teil meiner Arbeitszeit von zuhause machen. Eigentlich bin ich also nur mittelkompliziert mit meinen Ansprüchen. Ich brauche keine Betreuung für Schichtdienst, Vollzeit plus lange Pendelstrecke oder wechselnde Außeneinsätze. Alles auch gar nicht seltene Fälle.

Dennoch ist es mit den Pendelstrecken natürlich vollkommen irrational, jeden Tag Teilzeit ins Büro zu fahren. Logisch, Umwelt- und nervenschonend wäre, nur an drei Tagen zu fahren, dafür dann 8 Std. Aber eine Betreuung finden, die eine solche Zeitverteilung zulässt? Unmöglich, außer privat. Es gibt also die Alternativen, jeden Tag zu fahren, dadurch in Summe mehr Betreuungsstunden zu brauchen, mehr Zeit im Stau zu stehen, gestresster zu sein, aber in den Regelkitazeitplan zu passen. Oder den Minimensch mit in die Arbeitsstadt zu nehmen. Das würde dann weniger Zeit in der Kita aber dafür immer den Fahrstress bedeuten. Auch nicht schön. Und immernoch müsste ich jeden Tag ins Büro, statt  nur an 3 Tagen. Denn eine Teilzeitbetreuuung, die nicht alle Tage 5 Stunden, sondern 3 Tage 8 Stunden beinhaltet, gibt es schlicht nicht. Der Zusatznachteil: Wenn ich beruflich weg bin, kann niemand den Minimensch in die Kita bringen. Also ist Wohnort-nahe Betreuung immernoch besser machbar, als Arbeitsplatz-nahe Betreuung, wenn man irgendwie vom „Jeden Tag zur gleichen Zeit ins Büro und wieder raus“-Schema abweicht.

Was wäre also ideal für uns? Eine Betreuung in einer Wohnort-nahen Kita, die flexibel genug ist, dass man das Kind an Pendeltagen lang und an home office-Tagen nur kurz hinbringen kann. Das gibt es natürlich nicht. Denn natürlich ist das logistisch schwierig. Es kann nicht jedes Kind mal kommen und mal nicht, mal mittagschlafen und mal nicht, mal mitessen und mal nicht. Allerdings sind wir ja nicht allein mit diesem Problem. Alle Freiberufler mit wechselnder Auftragslage, alle Pendler, alle Schichtdienstler, alle deren Arbeitsleben auch nur einen Hauch von Zeit-Flexibilität verlangt, sind durch die sehr starren Zeitpläne von Regelkitas vor enorme logistische Herausforderungen gestellt. Die Lösung sind dann in gutem Fall Omas und Opas oder sehr flexible Tagesmütter (gibt es in Städten mit Unterversorgung bei der U3-Betreuung praktisch nicht) und sonst eben zusätzlich privat organisierte und bezahlte Kindermädchen, Au pairs, Babysitter und damit auch wieder ein Wust an Bezugspersonen, die oft schneller wechseln als einem lieb ist. Der einfache Weg, nämlich durch den Arbeitgeber organisierte und an die Bedürfnisse seiner Angestellten angepasste Kinderbetreuung gibt es ja wirklich nur in Ausnahmefällen.

Ich bin erstmal ganz froh, dass unser Kombinat aus Time-sharing, home office und Babysitterin derzeit bei Regelarbeitsbelastung ganz ok funktioniert. Unter der Opferung von Abend-Freizeit und nur ermöglicht durch enorme Zugeständnisse in Sachen Zeit- und Ortflexibilität meines Chefs und meiner KollegInnen. Und da wir ja eh nur sehr geringen Einfluss darauf haben, wo wir einen Kita-Platz bekommen und wann (denn das mit dem Anfang des Kindergartenjahres ist ja dann auch nochmal ein Thema, das sehr am Bedarf vorbei ist.) warten wir nun also ab und organisieren dann die Arbeit und das Leben um die Kita, nehme ich an. Was stellen wir uns auch an. Wir könnten ja auch einfach a) einen 8-15.30-Regeltag-Job direkt neben der Kita machen. Oder b) ein Einverdiener-Haushalt sein. Beides total valide Optionen, nicht wahr?