Ich hab das mal recherchiert…

Bereits vor einiger Zeit las ich dieses Interview, das wiederum eine Interpretation einer US-Studie ist. Die Journalistin ist dabei redlich bemüht, ein wenig Gutes in die für sie erschreckenden Studienergebnisse zu bringen. Die Message der Studie sei – dem Artikel gemäß: „Paare, die sich die Hausarbeit teilen haben weniger Sex. Aber puh, ein Lichtblick, wenn sie zwar die Zeit aufteilen, aber nicht die Aufgaben, dann sieht es nicht ganz so düster aus.“
Nun. Das ließ bei mir die eine oder andere Hutschnur hoch gehen. Kommt mir ein populärwissenschaftlicher Artikel allzu pauschalisierend vor, werde ich recht schnell verbissen und guck mir das, Materie egal, genauer an. Zwar bin ich keine Soziologin, aber doch empirische Gesellschaftswissenschaftlerin genug, um hier die eine oder andere Messungsunwägbarkeit zu vermuten. Ich hab mir die Studie also mal genauer angeschauet.
Zunächst mal also zur Studie selbst. In der Tat geben die Autoren in Abstract, Introduction und Conclusion in etwa das als Ergebnis an, was der Artikel im Zeitmagazin zitiert. Also ein eindeutig negativer Zusammenhang zwischen Beteiligung des Mannes am Haushalt und Beischlaffrequenz. Auch wurde für recht viele Wertvorstellungsmaße, Religion, Kinder und anderes kontrolliert. Die Aussage, dass es aber weniger schlimm ist, wenn die Aufgaben geteilt werden und nicht beide alles machen, konnte ich in dem  Artikel so nicht finden. Tatsächlich steht dort, dass männliche Beteiligung am Haushalt sich weniger reduzierend auf die Sexhäufigkeit auswirkt, wenn der Mann eher „männlichen“ Aufgaben nachkommt und die Frau eher „weiblichen“. Aber vielleicht habe ich das auch übersehen. Interessant ist übrigens, dass die Autoren eigentlich die Gegenthese bestätigen wollten, das Hausarbeit Männer attraktiver macht nämlich.
Bauchschmerzen habe ich allerdings bekommen, als ich den Abschnitt zum Datensatz las: Die Datenbasis sind verheiratete Paare, in den USA, befragt im Zeitraum 1992-1994. Da die Fragen relativ delikat sind gab es eine Vielzahl fehlender Beobachtungen, die von den Autoren interpoliert, also auf Basis des Durchschnitts ersetzt wurden.
Nun. Streng genommen ist die Aussage des Artikels also nur für verheiratete Paare Anfang der 90er in den USA gültig. Und hat damit drei Schwachstellen:
1.verheiratete Paare sind ein verzerrter Ausschnitt aller Paare, denn mutmaßlich heiraten Paare umso wahrscheinlicher, je konservativer sie sind. Und umso eher haben sie auch eine eher klassische Rollenverteilung in der Beziehung. Unter dieser Gruppe sind Männer die einen bedeutenden Anteil an der Hausarbeit leisten weit exotischer als unter allen Männern, würde ich vermuten.
2. Die USA sind ein Paradis für empirische Arbeiten, das heißt aber nicht, dass Ergebnisse von dort sich unproblematisch auf andere Länder übertragen lassen. Die Wahrnehmung von Geschlecht und Zuweisung von geschlechtsspezifischen Rollen ist hochgradig kulturabhängig.
3. 1992 ist aus Sicht der angewandten Forschung, meiner Einschätzung nach, etwa gleichbedeutend mit Steinzeit. Die Autoren sagen, zurecht, dass Wertvorstellungen sich nur sehr langsam ändern. Ein Argument, das ich nachvollziehen kann, inwiefern es sich konkret auf die Einschätzung von gleichberechtigter Partnerschaft anwenden lässt, kann ich nicht stichhaltig sagen. Dies gilt allerdings keinesfalls für die Arbeitswelt. Die Frauenerwerbsquote ist seit 1994 erheblich angestiegen. In den USA zwischen 1994 und 2013 um 5 Prozentpunkte gestiegen, in Deutschland sogar um 7 Prozentpunkte, in Frankreich um 8 (Quelle: World Bank World Development Indicators). Ich würde daher schon die These äußern, dass die Lohnarbeits-Hausarbeits-Aufteilung sich für Frauen seitdem geändert hat, was mutmaßlich Auswirkungen auf die Hausarbeitsbeteiligung der Männer hat. Ferner würde ich zumindest vermuten, dass heute auch sehr viel weniger Paare verheiratet sind, als 1994, wodurch die Repräsentanz der Stichprobe für die heutige Grundgesamtheit an Paaren ebenfalls reduziert ist.

Ich habe darüberhinaus etwas Zweifel an der Zuverlässigkeit dieser in Fragenbögen (also durch self-reporting) erhobenen Angaben. Ich halte es für zumindest diskutabel, ob es nicht eine Systematik bei den fehlenden Beobachtungen gibt, also ob die Angabe insbesondere oft verweigert wurde, wenn die Sexhäufigkeit sehr gering ist, was die Zulässigkeit der Methode der Imputation der fehlenden Werte erheblich infragestellen würde. Auch kann ich mir ohne viel Phantasieren vorstellen, dass die Angaben zur Sexhäufigkeit insgesamt häufig falsch sind, einerseits, weil die Befragten sich schlicht nicht erinnern (und wir reden hier von einer Mittelwerthäufigkeit von 5 Mal pro Monat, da fällt eine Falschangabe um einmal erheblich ins Gewicht, denn der Wert liegt direkt 20% am wahren Wert vorbei) oder bewusst in die eine oder andere Richtung lügen. Und die Wahrscheinlichkeit der Falschantwort könnte dann zu allem Überfluss auch noch abhängig von z.B. der Ausprägung traditioneller Werte bei dem betreffenden Paar abhängen. Da kommt dann doch schnell einiges an denkbaren Messfehlern zusammen.

Es gäbe mutmaßlich auch in den statistischen Details noch Lücken zu finden, aber da habe ich weder die Zeit noch will ich das hier überstrapazieren. Ich fände es aber z.B. durchaus prüfenswert, ob der Wirkungskanal nicht wesentlich über die Existenz von kleinen Kindern läuft, die zeitgleich zu mehr männlicher Beteiligung am Haushalt und weniger Sex führen.

Insgesamt also ein durchaus unerwartetes, auf den ersten Blick statistisch leidlich sauber erhobenes Ergebnis, dessen Übertragbarkeit auf alle – auch unverheiratete – Paare, Europa und heute dennoch fraglich ist. So wäre meine Einschätzung.

Nun noch die Frage: Was macht die Studie, was dann der Artikel daraus? Nun. Mein Haupttrigger ist die Verwendung des Wortes „Gleichberechtigung“ im Artikel bzw. „egalitarian“ in der Studie. Das stößt mir auf, warum ist egalitär gleichbedeutend mit Mann und Frau gleich machen? Dass beide alles machen, alles können müssen? Es geht, meinem Verständnis nach (und hier bin ich explizit nicht Fachfrau) ja nur darum, nicht von Geschlecht auf Befähigung zu bestimmten Aufgaben zu schließen. Oder von Geschlecht auf bestimmte Charakterzüge, Intelligenz oder Berufseignung.  Also einfach die Unterteilung von „Männerarbeit“ und „Frauenarbeit“, „Männercharakterzügen“ und „Frauencharakterzügen“ oder „Männersport“ und „Frauensport“ (usw, you got the point?) zu unterlassen und stattdessen die Unterschiede in Präferenzen – die es natürlich gibt, jede Jeck is anders, wie der Kölner sagt – der Person und nicht dem Geschlecht zuzuordnen. Jede/r macht, beruflich, als Hobby, im Haushalt, überall, was sie oder er gern und gut macht. Punkt. Und da ist die als „männlich“ in der Studie gelistete Aufgabe „Geldangelegenheiten regeln“ in enorm vielen Beziehungen „Frauensache“ und zwar auch beispielsweise bei meinen beiden Großelternpaaren, die nun doch eher konservativen Ideologien anhängen/hingen. Das heißt, wenn beide Partner alle Aufgaben gleichmäßig teilen ist das nicht gleichberechtigter als, wenn beide gleichviele Stunden zum Haushalt beitragen, dabei aber jede/r Spezialaufgaben hat, die nicht klar dem männlich/weiblich-Muster folgen. Bin ich da allein, dass mich diese Interpretation von Gleichberechtigung irgendwie wundert? Außerdem ist es schlicht falsch zu interpretieren, das Ergebnis sei „eine gleiche Aufteilung der Aufgaben führt zu reduziertem Sex“ denn von Gleichverteilung kann im Mittel der Befragten überhaupt nicht die Rede sein. Im Mittel leisten die befragten Männer etwa 20% der Hausarbeit und folglich heißt der signifikante negative Koeffizient nicht, das Gleichverteilung zu weniger Sex führt, sondern eine fairere Verteilung als 20-80. Es ist statistisch durchaus möglich und von den Ergebnissen, soweit ich das herauslesen konnte, nicht berührt, dass es einen Umbruchpunkt gibt und bei einer annähernden Gleichverteilung alles anders ist. Dieser Fall wird in den Daten schlicht viel zu selten beobachtet um darüber Aussagen treffen zu können.

Der Artikel im Zeitmagazin ist außerdem unsauber und pauschalisierend. Zunächst einmal findet die Datenbasis keine Erwähnung, nichtmal, dass es sich um eine US-Studie handelt. Die Studie ist von 2012, ob es eine breitere Literatur mit ähnlichen Ergebnissen, womöglich aktuelleren Daten oder anderen Ländern gibt. Ob es sich um eine Einzelmeinung unter 100 anders lautenden handelt, all das bleibt gänzlich unberührt. Dann wird zu der soziologischen Studie ein Psychologe um seine Meinung gefragt. Das ist zumindest mal unsauber und in der Tat wird aus dem allgemeinen Ergebnis der Studie ein Bogen zu konkreten Einzelfällen in der beraterischen Praxis gezogen. Das ist vollkommen unzulässig. Und dann lässt der Artikel auch noch so unendlich viel aus, was ich hier nicht alles auch noch im Detail ausführen kann. Aber was wenn in „traditionelleren Haushalten“ der häufige Sex aus Pflichtgefühl anstatt aus Lust geschieht? Ist das dann denn wirklich wünschenswert? Was wenn die Ehrlichkeit der Beantwortung der Frage mit dieser Art von Pflichtgefühl korreliert? Was wenn die Beteiligung am Haushalt ein Maß für den Respekt gegenüber den Wünschen der Partnerin/des Partners ist, und in solchen Beziehungen ein Nein dann eben auch als Nein akzeptiert wird?

Insgesamt auch eher fraglich finde ich, überhaupt die Häufigkeit des Geschlechtsverkehrs in Richtung der Attraktivität – allein – des Mannes zu interpretieren. Es ist mir einfach zu flach dieses „Hach und in Wirklichkeit wollen sie doch alle einen starken Mann, der die Brötchen nach Hause bringt.“ Denn nach Wünschen wurde in dieser Studie exakt überhaupt nicht gefragt. Und auch nicht nach Attraktivität. Und Artikel, die diesen Tenor vertreten stützen sich gemeinhin ausschließlich auf anekdotische Evidenz.

Ich finde es durchaus löblich wenn – im Gegensatz zu den meisten jüngst erschienenen Artikeln zu diesem Thema – ein Zeitungsartikel mit wissenschaftlichen Ergebnissen unterlegt ist, oder wissenschaftliche Ergebnisse Eingang in mediale Berichterstattung finden. Ich finde es hier aber auch eher ungut gemacht, indem eine einzelne Studie „rausgepickt“, verkürzend dargestellt und nicht in den Kontext der Fachliteratur eingebettet wird. Und das ist leider der Regelfall und nicht die Ausnahme im Wissenschaftsjournalismus, zumindest in den Gebieten, für die ich es – annähernd – beurteilen kann.

4 Gedanken zu “Ich hab das mal recherchiert…

  1. mimperella schreibt:

    Bitte schreib das als Leserbrief an die Zeit. Ich könnte mir auch vorstellen, dass der kindliche Einfluss weit höher ist, als der Hausarbeitsfaktor. Da gibt es, soweit ich weiß, auch Studien zu.;-)

  2. Katie schreibt:

    Ein fachlicher Kommentar: In der Statistik hat man früher häufig mit Mittelwertsersetzungen gearbeitet, weil man vollständige Datensätze brauchte. Mittlerweile hat es sich herumgesprochen, einen fehlenden Wert als eine Art der Ausprägung zu interpretieren, weil eben dies in bestimmten Konstellationen öfter vorkommt. Funktioniert nicht immer, sollte aber begründet werden, wenn doch Mittelwertsersetzungen verwendet werden.
    Ansonst: Ich würde Studien, die die Zeit zitiert, überhaupt nicht mehr ernst nehmen. Die Zeitung ist in meiner Wahrnehmung schon lange kein Qualitätsblatt.

  3. Lotti Katzkowski schreibt:

    Ich fand die Studie bzw. das Ergebnis auch mehr als merkwürdig. Schön, dass es auch wissenschaftliche Zweifel gibt.
    Wenn ein Zusammenhang zwischen Attraktivität und Hausarbeit hergestellt werden soll, dann sollte das doch ein wenig anders angegangen werden. Z.B. mit einer etwas aktuelleren Befragung. Interessant wäre auch ein Vergleich zwischen den Antworten eines Paares. Wahrscheinlich kriegt eine da je nach Sichtweise schon ganz unterschiedliche Ergebnisse. 😀

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