Die Vollzeitrhetorik

Im Handelsblatt/WirtschaftswocheOnline erschien diese Woche ein Artikel, der wiederum die sogenannte Vereinbarkeitslüge thematisierte und der mir keine Ruhe lässt. Der Artikel hängt sich grob am bald erscheinenden Buch „Geht alles gar nicht“ der Zeitautoren Marc Brost und Heinrich Wefing auf, deren Artikel mit gleichem Titel im letzten Jahr schon für Furore und hitzige Diskussionen sorgte.

Ich finde den Artikel an sich für jemand, der in dem Thema schon ein wenig drin ist nicht so erhellend. Viele wahre Diagnosen, wenig konkrete Schlussfolgerungen. Ich schreibe weiter unten noch etwas ausführlicher, was ich inhaltlich hier beizutragen hätte. Erstaunlicher fand ich eigentlich, dass ein solcher Artikel es überhaupt auf die Website von Handelsblatt und Wirtschaftswoche schafft. Beides sind nun wirklich nicht unbedingt linke Arbeiterblätter. Für Handelsblatt-Verhältnisse ist das ganze womöglich bahnbrechender und erhellender, als es mir (und 95% meiner Filterbubble) erscheinen mag. Das würde ich dann schon als positives Signal werten, dass die Erkenntnis, dass das Ziel nicht sein kann, dass Eltern praktisch ohne Abstrich weiter so funktionieren wie bisher, flexibel, immer erreichbar, mit 50+ Stunden-Woche und nie krank und Kinder „nebenher“ laufen, es in die Wirtschaftswoche oder das Handelsblatt schafft. Ein weiterer Aspekt, der mir auffiel war, dass die Kommentare darunter fast ausschließlich von Männern sind. Normalerweise gibt es auf der Handelsblattseite fast keine Kommentare. Dass gerade Männer sich mehrheitlich positiv angesprochen und verstanden fühlen und dies auf dieser Plattform äußern, zeugt für mich durchaus von einem gewissen Wandel weg von Vereinbarkeit als Frauenthema.

Nun aber dann doch noch ein paar Worte zum Inhalt. Ja, es ist in der Tat wenig überraschend, dass Eltern weniger flexibel sind als als Singles Anfang 20. Niemand mit Kind wird behaupten, dass sie/er exakt so weiter macht wie bisher und dazu einfach auch noch ein erfüllendes Leben mit Kind dazu führt, alles stress- und sorgenfrei. Und wer keine Kinder hat und denkt, so wäre Vereinbarkeit, der ist deutlich naiv. Es sollte eigentlich nicht der Feststellung bedürftig sein, dass Elternschaft ein Vollzeitjob ist und dass sich zu zweit drei Vollzeitjobs eben nicht so ohne weiteres wuppen lassen. Und dass eine gute und bezahlbare, flexible und kindgerechte Betreuung zwar wichtig aber auch nicht die alleinige Lösung für alles ist, das  wird zumindest allen Eltern auch klar sein. Es erschreckt mich ein wenig, dass es scheinbar Menschen in diesem Land gibt, die man mit dieser Feststellung hinter ihrem Ofen oder unter ihrem Stein überraschen kann. Das zeugt von einer sehr merkwürdigen Vorstellung davon, wie das Leben mit Kindern so ist. Ich finde, es kann und sollte bei Vereinbarkeit nicht darum gehen, ob man es hinkriegen kann, dass Kinder möglichst wenig auffallen im Berufsleben der Eltern, sondern darum, dass das Elternsein nicht als Manko verstanden wird. Solange Vereinbarkeit vor allem ein Problem der Eltern ist, im Sinne von Ausgleich eines Nachteils, des Nachteils Kinder zu haben, bei dem der Staat so ein bisschen hilft, durch Kindergeld, Betreuungsplätze, etc., solang steht es ziemlich schlecht um unsere Gesellschaft. Es ist, bin ich denn mit dieser Sicht ganz allein, kein Makel, ein Kind zu haben. Im Gegenteil. Natürlich sind Eltern oft müde, öfter krank, zeitlich und räumlich weniger flexibel und vor allem nicht nur am Job interessiert. Aber das heißt nicht, dass sie den Job schlecht, wenig motiviert oder unzureichend machen. Im Gegenteil. Eltern sind sehr viel verlässlicher, denn sie werden nicht mal eben schnell umziehen, sie sind ganz sicher auch besser organisiert und effizienter. Ich bin zum Beispiel sehr sicher, dass ich heute in 25 Stunden locker so viel schaffe, wie früher in mindestens 30-35, einfach weil ich weiß, dass ich nicht einfach länger machen, eben noch was einschieben, die Nacht über arbeiten kann. Und die Entscheidung ein Kind zu bekommen zeugt von Verantwortungsbewusstsein und Zukunftsorientierung, Eigenschaften die einem Unternehmen und einer Gesellschaft wertvoll erscheinen sollten.

Dennoch ist es ein erheblicher Nachteil Eltern zu sein. Man darf zukünftige Mieter ablehnen, weil sie ein Kind haben. Das ist nicht vom Anti-Diskriminierungsgesetz gedeckt. Das muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen. Menschen in diesem Land klagen gegen Kinderlärm. Nicht nur einer, viele! Teilzeitarbeit, selbst mit 80%, ist in den meisten Berufen ein Garant für das Ende des beruflichen Fortkommens und für langweilige Tätigkeit im Innendienst. Eine akademische Karriere? In Teilzeit? Träum weiter, Baby! Beratung mit weniger als 5 Tagen Reisetätigkeit pro Woche? HAHA, ein guter Witz! Es scheint weitgehend unumstößlich, dass verantwortliche Positionen nicht in Teilzeit ausgeübt werden können. Genauso unumstößlich ist es vielerorts, dass gute Arbeit nur im Büro, anwesend vor Ort zwischen 8 und 20 Uhr erledigt werden kann. Effizientes home office mit frei gestaltbaren Arbeitszeiten ist viel zu oft eine Utopie. Frauen, die Kinder haben oder planen (könnten) welche zu bekommen gelten als Risiko bei der Einstellung. Ja warum denn um alles in der Welt? Klar, man ist womöglich bis zu ein Jahr in Gänze weg. Aber die meisten Unternehmen ermöglichen Sabbaticals, was ist da an Elternzeit so unüberbrückbar? Und je weiter die Gleichberechtigung fortschreitet, je mehr arbeitsteilig die Kinder-Erziehung zwischen Partnern geregelt ist, desto mehr wird sich diese Diskriminierung auch auf (potenzielle) Väter ausweiten.

Und so kumuliert auch der – meinem Verständnis nach – gut gemeinte Artikel der WirtschaftswocheOnline in dem Satz: „Die Vereinbarkeit von Beruf und Familie kann in einer emanzipierten geschlechtergerechten Gesellschaft dann nur bedeuten, dass zwei in Vollzeit arbeitende Elternteile nicht die Regel sein können. Wer von beiden weniger oder vielleicht auch gar nicht arbeitet, ist deren Privatangelegenheit. Es zu ermöglichen wäre Angelegenheit des Staates und der Unternehmen.“ Und ich möchte den Autor schütteln und rufen: „NEIN, NEIN, NEIN, du hast es nicht verstanden.“ Denn hier kommen direkt wieder zwei verheerende Fehleinschätzungen, nämlich 1.) dass zwei nicht-Vollzeit-arbeitende Eltern gleichbedeutend ist mit „Ein Vollzeit+ein Teilzeit/Hausfrau“ und 2.) dass das ganze Privatangelegenheit ist.

Was ist denn bitte so schwer erträglich an der Vorstellung, dass es ok sein könnte, wenn beide Elternteile Teilzeit arbeiten, sagen wir mal 30 Stunden? Wieso misst sich scheinbar die Qualität/Verantwortlichkeit/Eigenständigkeit/Ambition eines Arbeitnehmers an der magischen Grenze von 40 Stunden? Besser noch: 40 Stunden Anwesenheit im Unternehmen/Büro/am Arbeitsplatz? Und selbst wenn eine Position tatsächlich verlangt, dass sie (mindestens) 40 Stunden pro Woche besetzt ist? Kann sie dann nicht mit zwei Personen besetzt sein? Ich finde das alles gar nicht so schwierig. Natürlich, es müssen Routinen geändert, Kommunikationswege überarbeitet, Barrieren im Kopf abgebaut werden. Aber unmöglich ist das doch nicht.

Es ist mir klar, dass der Staat einen derartigen Wandel in der Gesellschaft nicht verordnen kann. Dass nicht per Gesetz eine zutiefst familienfeindliche Gesellschaft familienfreundlich wird, dass nicht per Erlass Arbeitgeber ihre Vorbehalte überwinden. Und dennoch ist das keinesfalls Privatangelegenheit. Eine Gesellschaft, die zukunftsfähig sein will, braucht Kinder. Und zwar möglichst gesunde, geliebte und gewollte Kinder, aus denen engagierte, interessierte und selbstbewusste Erwachsene werden. Das mag nicht die Aufgabe des Staates sein, es ist aber der Kern der Gesellschaft. Und wir können nur darauf hinwirken, indem wir fordern, laut sind, machen und vorleben. Indem wir hinterfragen, uns nicht zufrieden geben. Nicht versuchen, unsere Kinder bestmöglich zu kaschieren, sondern sie als selbstverständlichen Teil von uns mit in die Arbeitswelt tragen. Nicht als Manko, nicht als Behinderung ob derer wir bevorzugt werden, nicht als Anhängsel, das es durchzuschleppen gilt. Sondern als ganz normaler Teil der Gesellschaft. Jede und jeder macht ihre und seine Arbeit. Egal mit wievielen Stunden pro Woche, egal ob zuhause oder im Büro, egal ob Lohnarbeit oder Care-Arbeit. Und jede und jeder sollte mit diesem Beitrag gleichwertig akzeptiert und mit den gleichen Chancen versehen werden. Mehr ist es ja nicht. Kein Elternteil verlangt, für die Hälfte der Stunden doppelt so viel Gehalt. Niemand möchte hier einen Extrabonus. Das einzige was wir als Eltern uns wünschen ist doch, Akzeptanz und Freiheit von Benachteiligung. Und das bedeutet dann eben manchmal Umdenken.

 Leseempfehlungen:
Dr. Mutti als direkte Replik zu dem Artikel
Johannes Korten zur Rollenverteilung in modernen Beziehungen
Catherine  zum Spagat der Vereinbarkeit und dem Fehlen einer Mütterlobby (mit tollem Comic) und der fehlgeleiteten Vorstellung Vollzeit-Eltern könnten real existieren (visionär schon vor JAHREN!)

15 Gedanken zu “Die Vollzeitrhetorik

  1. Michou loves Vintage schreibt:

    Guter Beitrag, alles richtig. Die Hauptursache für all das Elend scheint mir immer mehr zu sein, dass nur ein Bürger mit Vollzeitstelle und wenigstens mittlerem Einkommen in unserer Werteskala bzw. der unserer Gesellschaft einen Wert hat – nicht nur steuerlich gesehen, sondern rundum. Es besteht immer ein gewißer Erklärungszwang, wenn jemand aus diesen System ausschert, aus welchen Gründen nun immer. Wäre das nicht so, wären Teilzeitangestellte oder auch Vollzeitmütter/väter in einer besseren Lage, finanziell wie sozial. Ohne dass sich die Denke in der politischen und wirtschafltichen Sphäre ändert, wird sich an den Möglichkeiten einer echten Vereinbarkeit nichts ändern. Oder bin ich zu pessimistisch?

  2. DreiPunkteWerk schreibt:

    Ich sehe das auch so, in unserer Gesellschaft definiert sich der Wert eines Erwachsenen über seine bezahlte Arbeit. Teilzeitarbeit und Hausfrau&Mutter-Sein ist da einfach unsexy. Der Wert der Kindererziehung verliert m. E. immer mehr an Ansehen. Als ich beim ersten Kind vor zwölf Jahren nach 14 Monaten wieder arbeiten wollte (in Teilzeit), war ich DIE Exotin und Rabenmutter. Heute ist es doch genau umgekehrt. Wer da sein Kleinkind nicht mit zwölf Monaten in die 45-Stunden-Betreuung gibt, handelt schon fast grob fahrlässig. Wo will unsere Gesellschaft eigentlich hin mit dieser Entwicklung? Mich macht das wütend und traurig zugleich. Die Quittung werden wir wohl bekommen, wenn aus diesen Kindern Jugendliche und Erwachsene geworden sind.
    Nachdenkliche Grüße,
    Kathrin

  3. schildkroete schreibt:

    Oh ja, das hast du auf den Punkt gebracht. Unsere/meine Kinder sind jetzt ja schon größer, entsprechend hat dieses Thema mich die letzten Jahre sehr begleitet. Ich habe zwar einen Beruf, in dem es (auch aufgrund von Bedarf und Mangel) kein Problem ist, Teilzeit zu arbeiten, auch inhaltlich interessant, allerdings ist das auch mit der Karriere so eine Sachen, da wären doch die 40+++ Studen schon sehr erwünscht……Da ich durch meine Arbeit auch viel mit „Opfern“ unserer heutigen Arbeitswelt zu tun habe, denke ich, dass es ein weitreichendes grundsätzliches Umdenken braucht. Leistungsfähigkeit, Motivation auf Dauer ist nur mit Blick auf die Menschen zu erreichen, mit deren Umfeld. Ich erlebe es so, dass im Schwerpunkt auf Leistung, Effizienz geschaut wird, der/die ArbeitnehmerIn sollte allzeit funktionieren. Die Auswirkungen sind katastrophal, mir wird schlecht, wenn ich die viele Beiträge über „social freezing“ lese, auch die steigenden Zahlen depressiv erkankter Menschen sind erschreckend. Und das wirkt sich dann auch schon auf die Kinder aus, die sollen auch bitte auch frühzeitig funktionieren. Unsere Art und Weise das Leben zu gestalten ist Vorbild für unsere Kinder, auch ein wichtiger Aspekt.
    Herzliche Grüße
    Sabine

  4. Ralf schreibt:

    Sehr gut auf den Punkt gebracht. Als teilzeit arbeitender Mann (30h an 4 Tabgen) habe ich das Gefühl, dass man eben als nicht ganz „anwesend“ angesehen wird. Ich denke, das ist nicht mal eine bewusste Haltung – in unserer Anwesenheitskultur hat sich das so in den Köpfen festgefressen. Ein alter Bekannter von mir sitzt bei einem großen Autohersteller im Management. Seine 2 Kinder sieht er am Wochenende (auch nicht immer) und im Urlaub. Jemand meinte, in der Position gehöre man der Firma. Das heißt: nicht du bestimmst über dein Leben und deine Zeit, sondern die Firma. Das gehört zur Kultur im mittleren und oberen Management. Dass bei so einer Denke Teilzeit ein Fremdwort ist, muss doch dann kaum verwundern.

  5. Lotti Katzkowski schreibt:

    Obwohl ich mich inzwischen dran gewöhnt haben sollte, finde ich diese verkrusteten Denkmuster immer noch sehr schockierend. Es könnte alles so einfach sein. Teilweise wird es ja sogar vorgemacht. Irgendwann las ich mal einen Artikel über zwei Frauen, die sich eine Chefstelle teilen. Möglich ist das. Die Leute müssen dann halt nur ziemlich viel miteinander reden. Mir persönlich wär das auch lieber als ein sturer Chef, der völlig überarbeitet ist, aber nun gut.

    Bei dem letzten Lila Podcast ging es ja auch um das Thema und ich konnte mir nicht helfen, ich musste irgendwie denken, dass es in solchen Beiträgen fast auschließlich um Akademiker geht. Von solchen Leuten wie uns ist da nicht die Rede. Ich schätze, bei Handwerkern in Berlin ist dank der steigenden Mieten ohne sich anpassendem Lohn mit Kindern Hartz4 vorprogrammiert, weil Kinderbetreuung teurer wär als die Arbeitsstelle einbring und ein Vollzeitlohn würde für 3 nicht reichen. Eigentlich traurig, dass die Politik da keinen Handlungsbedarf sieht. Ich meine, das muss doch Unmengen an Kohlen verbrennen. Tja.

    • siebenhundertsachen schreibt:

      Ja, der Mann sagte heute morgen am Frühstückstisch auch schon, wir könnten das ganze sicher auch entspannter sehen, wenn der reale Median-Nettolohn noch in etwa dem in den Siebzigern entspräche und man drei Kinder von einem Gehalt unterhalten könnte. Also die meisten, nicht nur die Spitzenverdiener.

      • frifris schreibt:

        Richtig. Ein großes Problem sind die Löhne, früher waren Kinder nicht so ein großes „Armutsrisiko“. Allein diese Formulierung spricht ja schon Bände…

        Und: Adenauer hatte dummerweise gar nicht recht, als er dachte dass die Menschen immer Kinder bekommen würden und man den Generationenvertrag (anders als ursprünglich geplant!) nur auf die Altersvorsorge beschränken muss. Großer Konstruktionsfehler, der sich im Denken eingeschliffen hat, Familie ist sozusagen Privatvergnügen. Das ist schon vom Ansatz her falsch, wie du ja auch oben dargestellt hast.

        Eine ganz furchtbare Entwicklung, unter der alle leiden.

    • siebenhundertsachen schreibt:

      Ich finde, die Vereinbarkeitsdiskussion ist eh auch medial viel zu sehr auf Akademiker gemünzt. Karriere heißt ja nicht immer Topmanager werden. Auch in ganz normalen Ausbildungsberufen wirken sich Auszeiten und Teilzeit negativ auf Einkommen und Aufgabenzuweisung aus.

  6. Frau Lotterfix schreibt:

    Mmh, wie schon auf Twitter erwähnt, tue ich mich schwer mit diesem Post. Wenn ich Dich richtig verstehe, kritisiert Du, dass Teilzeitarbeit nicht richtig geschätzt wird und überproportional benachteiligt wird. Dem stimme ich zu und denke, dass es da durchaus Verbesserungspotentiale gibt, die eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe sind.

    Ich verstehe allerdings nicht, wie das mit „Vereinbarkeit“ zusammenhängt. Gehst Du davon aus, dass Beruf und Familie nur mit Teilzeit „vereinbar“ sind? Dieser These kann ich nämlich nicht zustimmen, meiner Erfahrung nach ist „beide Vollzeit“ durchaus machbar. Interessant ist in diesem Zusammenhang das Ost-West-Gefälle: in Westdeutschland ist die Vollzeitquote bei Müttern deutlich geringer als in Ostdeutschland (20% vs 50% bei zwei Kindern, Erwerbstätigenquote knapp über 60%). Natürlich sagt die Vollzeitquote von Müttern nichts darüber aus, ob beide arbeiten (wobei die Vollzeitquote bei Männern sowohl Ost als auch West bei ca. 94% liegt und die Erwerbstätigenquote ähnlich ist), und in Ostdeutschland gibt es auch mehr Alleinerziehende (d. h. eventuell mehr finanziellen Druck zur Vollzeitarbeit), aber mir will es einfach nicht in den Kopf, warum „Kinder haben“ immer mit „Teilzeit arbeiten“ gleichgesetzt wird. Das habe ich schon bei Catherines Post nicht verstanden, und weder der Handelsblatt-Artikel noch Dein Post konnten mir das richtig erklären.

    Viele Grüße,
    Frau Lotterfix

    Quelle der Statistikinformationen: http://www.bpb.de/wissen/ZD5X8F,0,0,Erwerbst%E4tigkeit_von_Eltern_nach_Zahl_der_Kinder.html

    • frifris schreibt:

      Ich denke es geht unter anderem um dieses „durchaus machbar“. Ist durchaus machbar wünschenswert? Auf wessen Kosten und zu wessen Nutzen?
      Cui bono?

      Was ist der Wert der Erziehung und wer übernimmt diese, gegen welche Bezahlung und Anerkennung?

      Warum nicht faires Aufteilen der „Erwerbsarbeit“, nur als Beispiel: beide Elternteile zu 70- 80 Prozent für eine längere begrenzte Zeit?

      • Frau Lotterfix schreibt:

        Das ist nicht mein Punkt. Die Diskussion über „Vereinbarkeit“ geht meiner Meinung nach einfach in die falsche Richtung. Kinder und Doppelvollzeot ist nunmal für sehr viele Menschen durchaus vereinbar, und diese Menschen fragen sich dann bei Worten wie „Vereinbarkeitslüge“, was das eigentlich soll, weil sie ja erleben, dass es schon geht (natürlich zu versch. Kosten, aber das sind auch jeweils individuelle Entscheidungen/Schwerpunkte).

        Statt über „Vereinbarkeit“ und „Vollzeit vs Teilzeit“ zu diskutieren, sollte mMn lieber darüber gesprochen werden, wie wir dahin kommen, dass jedes Arbeits- und Lebensmodell die gleiche Wertschätzung erfährt. Konkret: Nachteile von Teilzeit, egal aus welchen Gründen, abschaffen.

  7. frifris schreibt:

    @fraulotterfix: Ja, um dieses Abschaffen der Nachteile geht es ja auch (oder umgekehrt formuliert – da klingt das anders: echtes Ermöglichen der Teilzeit ohne langfristige Nachteile; es geht hier nicht um den rechtlichen Anspruch, den es ja theoretisch gibt), ich denke wir liegen da nicht so weit auseinander. Und das mit der individuellen Entscheidung ist eine schwierige Formulierung, denn es ist ja eben oft keine frei entschiedene Schwerpunktsetzung, ganz im Gegenteil, da spielt ja z.B. auch Infrastruktur etc eine große Rolle. Aber das führt hier zu weit.

    • siebenhundertsachen schreibt:

      Was frifris sagt.
      Einerseits hängt die Machbarkeit sehr von dem Umständen ab, von den Kindern, den Jobs, der Infrastruktur. Bei uns würde z.b. selbst ein 45std-Platz, den es kaum gibt, nicht reichen wegen Pendelstrecken und sehr vielen extern gesetzten Terminen. Und es hört ja oft nicht bei 40 Std auf. Ich hätte in Vollzeit 42, andere haben im Vertrag stehen „Überstunden mit dem Gehalt abgegolten“, da sind es dann auch schnell mal 45-48.
      Und es ist ja auch nicht immer frei gewählt. Was Lotti schrieb, wenn man Handwerk, Industrie, Dienstleistungen Schichtbetrieb mitdenkt, dann sind die 2 Einkommen oft notwendig und die Betreuung gleichzeitig zu teuer und unzureichend.
      Aber die Entscheidung ist individuell und es wäre sicher jeder und jedem geholfen, wenn wir loskämen von der einen Norm. 2*Vollzeit=vollwertige Arbeit, Vollzeit/Hausfrau=vollwertige Eltern. Es geht um eine Anerkennung und Ermöglichung verschiedener Modelle. Es hat mit Vereinbarkeit zu tun, weil es im überwiegenden, wenn auch nicht nur Eltern betrifft und weil meinem Erleben nach durchaus viele Eltern mit der Vereinbarung, wie sie sie leben, unzufrieden sind. Und zwar sowohl solche die beide (annähernd) Vollzeit arbeiten als auch klassische Haupt+Nebenverdiener. Es geht letztlich auch um eine Wertschätzung des gesellschaftlichen Beitrags, den Erziehende und Pflegende leisten. Sowohl in deren Gehältern als auch in einem Rentensystem, dass nicht für sehr viele Frauen zu Altersarmut führt.

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