Eltern und Zeit

„Was mir als Unterschied am Elternsein am meisten auffällt ist, dass kinderlose Menschen so unendlich viel Zeit zu haben scheinen.“

Dieser Satz fiel in einem Gespräch vor fast zwei Jahren, da war der Minimensch etwa 4 Monate alt und wir trafen einen guten langjährigen Freund und seinen damals einjährigen Sohn. Unser Freund berichtete vom Alltag mit Kind, dem Wiedereinstieg nach längerer Elternzeit und sagte dabei diesen Satz. Irgendwann letzte Woche fiel er mir wieder ein, und seitdem hat er in meinem Kopf ein paar Kreise gezogen.

Auslöser, mir Gedanken über Zeit zu machen war ein ärgerlicher Zwischenfall auf dem Heimweg von der Arbeit am Mittwoch. Ich war ohnehin deutlich länger im Büro als üblich, weil ich einen Vortrag halten musste. Nach über 10 Std im Büro hielt dann mein Zug auf dem Heimweg an einem Bahnhof unterwegs für über eine halbe Stunde an, weil ein Junkie während der Fahrt gestürzt war, verletzt war und sich weigerte sich behandeln oder auch nur anfassen zu lassen. Während derlei als Bahnpendlerin ja nicht allzu selten passiert und auch früher schon vorkam, so musste ich unweigerlich daran denken, dass nun der Minimensch daheim ins Bett gehen musste, ohne mir „Gute Nacht“ zu sagen und dass ich ziemlich froh sein konnte, dass er bei seinem Vater war und nicht bei der Babysitterin, wie an anderen Ganztags-Bürotagen, die womöglich hätte weg müssen.

Bevor ich ein Kind hatte, hätte ich mir vielleicht einfach eine Zeitschrift und was zu essen gekauft und ansonsten gedacht „naja, dann bin ich halt 45 Minuten später zuhause“. Nun erschienen mir diese 45 Minuten als wertvolle Zeit, die mir verloren ging, die ich mit lesen nur verplemperte, die ich so gern zu Hause beim Abendritual und danach mit meinem Mann auf dem Sofa verbracht hätte. Und da fiel mir der einleitende Satz oben wieder ein.

Tatsächlich ist das, was das Elternsein am meisten prägt gar nicht der Schlafmangel (der natürlich da ist), auch nicht das Windelwechseln (das man gar nicht so sehr merkt) oder anderes, was einem im ersten Moment als Eltern-Konstante einfallen würde. Sondern tatsächlich, für mich, der Umgang  mit Zeit. Im positiven wie im negativen Sinne. In ganz unterschiedlichen Facetten.

Das offensichtliche natürlich: es kommt eine quasi 24-Stunden-Beschäftigung dazu und es ist ja nicht so, als hätte man vorher rumgesessen und nix zu tun gehabt, weswegen alle Eltern, die ich kenne, ständig mit Job(s), Kinderzeit, Familienzeit, Verpflichtungen, Haushalt, Job, dem Aufrechterhalten ihres Soziallebens, Zeit zu zweit und – nicht unwichtig – Zeit für sich jonglieren. Nun ist es natürlich so, dass man das irgendwie vorher weiß. Aber es kommt eben nicht nur Zeit hinzu, die man mit dem Kind verbringt, sondern auch – und das plant man vorher doch weniger ein – viel mehr Wäsche, viel öfter staubsaugen, viel mehr aufräumen. Und vor allem und am ärgerlichsten: Viel mehr Termine. Arzttermine, Kindergruppentermine, Kita-Besichtigungen, Elternabende, Elterntreffen, usw. Und sehr viele dieser Termine liegen strategisch höchst unpraktisch mitten am Tag. So gegen 10.30 an einem Wochentag oder so. Und auch da wieder: Man denkt automatisch an die eine Stunde vorher und die eine Stunde nachher, die man doch irgendwie noch sinnvoll nutzen kann/muss/sollte. Könnte man da nicht noch den Einkauf, sollte man nicht auf dem Weg noch die Wäsche, kann man nicht vielleicht dies, das, jenes… ? Eine scheinbar verschenkte Stunde Zeit erscheint eben so verschwendet.

Dann ist die vorhandene Zeit mit Kind auch viel stärker fragmentiert. Tage teilen sich in Zeiten zwischen Mahlzeiten, Zeit vor und nach dem Mittagsschlaf. Wochen erhalten Rhythmus durch feste Termine. Das Jahr ist stärker durch die Jahreszeiten geprägt. Draußenwetter will genutzt sein, Regentage wollen überbrückt sein. Die Schlafenszeit, die Essenszeit alles ist relativ starr. Also zumindest mit Kleinkind. Da verstreichen Tage oft auch sehr schnell, wenn man sie in Miniportionen von Zeit erlebt. Und andererseits dauert manches unendlich. Es ist nur schwer vorstellbar wie langsam ein Kleinkind die Treppe runtergeht. Wieviel Zeit ein Kind fasziniert ein unscheinbares Pflänzchen am Wegrand bestaunen kann. Wie lang die Entscheidung für ein Bilderbuch dauert oder die Diskussion, dass tatsächlich nun die Schuhe angezogen werden müssten, bevor man auf den Spielplatz gehen kann. Die Zeitwahrnehmung ist irgendwie zwischen schnell und langsam im ständigen Wechsel.

Wir ertappen uns auch zunehmend oft bei der stereotypen „Ach ist es schon groß“-Äußerung. Man misst Zeit auf einmal in Kindesentwicklung. „Vor einem Jahr konnte es noch nicht mal laufen.“ „oh Gott, guck wie klein das Baby ist, das ist bei uns nun schon sooooo lang her.“ „Seit wann kann es denn Wort X sagen?“ Und ja, sie werden so schnell groß.

Und plant man, sich mit kinderlosen Freunden zu verabreden, dann bricht die vollkommen unterschiedliche Zeitwahrnehmung so richtig über einen herein. Da trifft dann der eingangs erwähnte Satz das ganze ziemlich im Kern. Denn Sozialkontakte koordinieren ist schwer. Die einen definieren „morgens“ doch recht anders als die anderen. Eine Stunde hin oder her macht kinderlosen wenig aus, kann für Eltern aber den Unterschied zwischen entspanntem Treffen mit Kind und Nervenkrieg mit vollkommen übermüdeter Krawallbürste bedeuten. Am Abend bei ein paar Wein die Zeit vergessen rächt sich auf dem Fuße mit tagelanger unendlicher Müdigkeit.

Und dennoch schreibe ich weiter oben „im positiven wie im negativen“. Denn tatsächlich nehme ich Zeit auch als wertvoller war. Ein Tag mit Kind ist lang und oft auch anstrengend, aber doch auch sehr reich und beschenkend. Ich denke oft, dass ich früher eben nicht nur sorglos mit meiner Zeit war, sondern eben auch wertvolle Momente mit meinem Partner, mit Freunden oder meinen Hobbies leichtfertig geopfert habe indem ich eben Wartezeiten auf Bahnhöfen, Rumhängzeit vorm Fernseher oder antriebslose Stunden auf dem Sofa verbracht habe. Es ist eigentlich auch gut, dass ein Kind die Zeit bewusster erleben lässt. Dass ich mich bemühe zum Abendessen zuhause zu sein. Dass ich Zeit mit meinem Mann allein als großes Geschenk empfinde. Dass ich Nähzeit herbeisehne und genieße. Und dass ich gleichzeitig auch in scheinbarer Tatenlosigkeit am Wegesrand, im Sandkasten oder beim kuscheln auf dem Sofa oft wertvolle, anrührende, einzigartige Momente erlebe.

Ein Kind zwingt zum Prioritätensetzen. Man kann nicht alles machen. Nicht gleichzeitig 60 Stunden arbeiten, Zeit mit seinem Kind verbringen, 5 Hobbies, 3 Sportarten, 100 Freunde und 6 Ehrenämter ausüben, eine erfüllte Beziehung leben und eine ordentliche und geputzte Wohnung haben. Ich bin froh, dass ich für mich meist den Eindruck habe, dass ich im großen und ganzen für mich gute Prioritäten setze. Ich arbeite zwar meist etwas mehr als mein Vertrag vorsieht, doch z.B. sehr viel seltener am Wochenende als früher. Ich verbringe recht viel Zeit mit meinem Kind gemessen daran, dass ich auch 60% und oft darüberhinaus arbeite. Ich nähe ziemlich regelmäßig, wenn auch natürlich nie genug. Natürlich gibt es Sachen, die gingen optimaler. Ich habe ein mir eigentlich wertvolles Ehrenamt aufgegeben. Ich treibe zu wenig Sport. Ich würde gern einige Freunde öfter sehen. Unsere Wohnung könnte ganz sicher ordentlicher sein. Aber die Richtung stimmt, ich bin schon mit mir im Reinen. Und manches rüttelt die Zeit zurecht. Nach Phasen schlafloser Nächte, Krankheiten und anderen Widrigkeiten, kommen auch wieder gute Wochen, mit tollem Besuch und Feiertagen und Familienzeit und Nähkränzchen. Ein Tag ohne Mittagsschlaf mit verschobenen ungesunden Mahlzeiten ist am Ende doch ganz problemlos. Ein mit großem Aufwand verbundener Wochenendtrip klappt einfach so und hinterlässt ein Gefühl von Kurzurlaub.

Dennoch bleibt natürlich die tief empfundene Zeit-Knappheit. Und damit einhergehend ein hohes Stresslevel. Und auch da dachte ich vor kurzem an einen Freund, der vor längerer Zeit zu mir sagte:

„Nie mehr erscheint einem Zeit so endlos vorhanden, wie zu Beginn der großen Ferien in der Schule.“

Und tatsächlich ist für mich der Sommer in Kindheits- und Jugenderinnerungen vollkommen zeit-los. Tage sind lang und angefüllt, es ist gefühlt unendlich lang warm, man hat ständig hitzefrei und die Sommerferien sind schier endlose sechs Wochen. Natürlich ist das stark retrospektiv rosa gefärbt aber dennoch – wie schön war dieses Gefühl von Unendlichkeit. Und ich freue mich darauf, das ein kleines Stück weit mit meinem Kind noch einmal erleben zu können. Wenn ich mich nämlich bemühe, to-do-Listen, Erwartungshaltungen, Verpflichtungen und oft selbst gemachten Stress einfach zu vergessen, dann kann ich mit dem Kind ein Stück unendlichen Sommer in einem einzigen warmen Nachmittag entdecken. In einem eigentlich kurzen Fahrradausflug, in einem beiläufigen Spaziergang um den Block, beim Wühlen in der Sandkiste, strickend auf dem Balkon mit dem wasserspielenden Kind neben mir. Indem ich sehe, wie verloren und vergessen mein Kind Sand durch ein Sieb rieseln lässt, immer und immer wieder. Wie es andächtig die Form von Steinen betrachtet und abwägt, welchen es in die Tasche stecken möchte. Wie es voll heiligem Ernst einen vollen Wasserbecher herumträgt – und dann einfach wieder in den Eimer leert. Als gäbe es keine Zeit… ist das nicht schön?

3 Gedanken zu “Eltern und Zeit

  1. Anja schreibt:

    Genau so ist es!!! Ich hab mich sehr oft wiedergefunden. Ich muss nur sagen, dass ich mit der ständigen Müdigkeit ein mindestens genauso starkes Problem habe, weil ich einfach nicht zu gebrauchen bin, wenn ich müde bin und recht viel Schlaf brauche.

    Schön geschrieben. LG Anja

  2. Dalia schreibt:

    Wunderschön gesagt. Ich steh ja erst ganz am Anfang, aber ich merke jetzt schon den Unterschied in der Zeitwahrnehmung. Natürlich bin ich nachts auch so müde, dass mir drei Stunden durchgehend Schlaf wie ein Grund zur Dankbarkeit erscheinen. Aber tagsüber bereue ich meine Sorglosigkeit als kinderlose, was ich alles hätte tun können, statt ohne Motivation und mit viel Aufschieberitis auf dem Sofa Serien zu schauen. Ich hätte die Welt verändern können mit so viel Zeit und Energie… Und jetzt ist es zu spät… 😛

  3. Sabine alias SonoBionda schreibt:

    Die Zeit kommt wieder; weil sie wirklich sehr schnell groß werden. Ich bin froh, dass ich 90% meiner Zeit in das Kleinkind investieren konnte, da ich nur minimalistisch arbeiten war. Leider ist Zeit heutzutage ein Luxus geworden und man muss sich fragen, ob man ihn sich leisten kann. Und wenn man das tut, muss man halt auf anderen Luxus verzichten; aber es geht.

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