Ein paar Gedanken zu Griechenland – Wie kam es zu der jetzigen Situation?

Ich hab schon lang hier nichts mehr mit volkswirtschaftlichem Flavour geschrieben. Bzw. tue ich das ohnehin sehr selten. Wenn dann ging es um Nachhaltigkeit, die sowohl mein berufliches als auch mein privates Schaffen prägt. In den vergangenen Wochen habe ich aber auf Twitter, Facebook und in echt hier und da mal zum Thema Griechenland diskutiert und dabei sind 140 Zeichen definitiv zu kurz und vieles müsste ich auch im Gespräch erst nachschlagen. Deshalb verblogge ich nun doch mal meinen ungaren Gedanken zu diesem Thema. Denn, das gleich vorweg, ich bin zwar Volkswirtin, aber ich beschäftige mich eigentlich nicht mit Währungspolitik/Fiskalpolitik/Finanzierungskrisen. Zumindest nicht für Industrieländer. Ich beschäftige mich normalerweise schwerpunktmäßig mit Entwicklungsländern. Und letztlich ist meine – diffuse – Meinung auch von diesem Blickwinkel geprägt. Denn es gibt mehr Parallelen, als man denkt. Ich kann deshalb sicher nicht als Expertin gelten evtl. aber etwas besser informiert als das Mittel.
Ich habe versucht mich – neben der Presse – auch ein wenig in der Fachliteratur umzusehen und nach belastbaren Daten gesucht – letzteres ist sehr viel schwerer als ich gedacht hätte. Ich denke, ich teile meine Gedanken in drei Teile. Zunächst ein Überblick, wie es überhaupt zu der jetzigen Situation kam, dann eine Erläuterung der beiden Rahmenbedingungen, was wird als Optionen diskutiert, was macht aus welchen Gründen mehr oder weniger Sinn, usw. Und dann ein paar Parallelen zu anderen Krisen in der Wirtschaftsgeschichte.

Zunächst also: Warum ist die griechische Regierung nahezu zahlungsunfähig, wie ist es so weit gekommen? Das erfordert im Grunde sehr weit auszuholen. Griechenland ist, unter den Euro-Ländern eigentlich an vielen Stellen auf unterschiedliche Weise außergewöhnlich.

Bei Gründung der EWG 1957 war Griechenland, im Gegensatz zu vielen anderen Euro-Ländern nicht Mitglied und ist auch nicht mit der ersten Erweiterungswelle der EWG in den 70er Jahren hinzugestoßen, sondern, wie Spanien und Portugal auch, erst in den 80er Jahren. Das heißt, die Integration ist zwischen den ursprünglichen EWG-Staaten einfach schon älter, von jeher intensiver, sie sind durch viele stärkere Handelsbeziehungen verbunden und liegen sich natürlich auch geographisch näher (was in vielerlei Hinsicht sehr wichtig ist). Griechenland war nach dem zweiten Weltkrieg noch über Jahre von Bürgerkrieg geprägt, dann folgte eine sozialistische Epoche, jedoch ohne eine direkte starke Orientierung in Richtung der Sowjetunion und schließlich eine Militärdiktatur, bevor Griechenland erst 1975 zu einer demokratischen Republik wurde. Damit war es lange Zeit von der kerneuropäischen Integration, der NATO und dem Westen teilweise bis vollständig isoliert. Die Militätjunta tat mit der Wirtschaft des Landes, was diktatorische Regierungen im allgemeinen zu tun pflegen: Sie bediente sich an den Ressourcen des Volkes zum Übermäßigen Ausbau des Militärs, der Alimentierung der Regierung und der Unterminierung demokratischer Tendenzen. Die Produktionsstruktur war nicht auf Handel ausgelegt und von einem hohen Ausmaß an Planwirtschaft und Ineffizienz gekennzeichnet.

Im Verlauf der frühen 80er und späten 90er Jahre hat Griechenland, ebenso wie Spanien und Portugal, Phasen starken Wirtschaftswachstums durchlaufen. Wobei die Wachstumsraten erheblich mehr Schwankungen aufwiesen als im EU-Vergleich und durchaus auch Perioden erheblicher Wachstumseinbußen zu verzeichnen waren.

Nettonationaleinkommen (=Volkseinkommen, ehemals Nettosozialprodukt) pro Kopf, 1980-1999

Nettonationaleinkommen (=Volkseinkommen, ehemals Nettosozialprodukt) pro Kopf, 1980-1999*

Wachstumsrate des Bruttoinlandsproduktes, jeweils % Änderung zum Vorjahr*

Wachstumsrate des Bruttoinlandsproduktes, jeweils % Änderung zum Vorjahr*

Einen derartigen Aufholprozess nach Ende eines diktatorischen Regimes kennen wir z.B. von vielen Schwellenländern nach Ende diktatorischer Epochen, auch von Deutschland nach der Wiedervereinigung. In diesen Staaten wurde das Produktionskapital, Anlagen etc. stark heruntergewirtschaftet, durch die Integration in den Weltmarkt für Waren, Dienstleistungen und Kapital erschließen die Länder neue Finanzierungsmöglichkeiten und neue Technologien und werden sehr schnell sehr viel produktiver. Mit Eingliederung in die EWG wurde es für die südeuropäischen Länder sehr viel einfacher externe Investitionen zu erhalten, sowohl  aus den europäischen Strukturfonds als auch von privaten Kreditgebern. Länder die schnell an Produktivität gewinnen sind, zumal wenn sie gleichzeitig (noch) niedrige Steuern erheben und von der EU Fördergelder bereitgestellt werden, attraktive Investitionsstandorte, Griechenland erhielt allerdings im Verhältnis recht wenig Direktinvestitionen und recht viel Kredite, die zum Großteil nicht produktiv eingesetzt wurden. Dennoch war der Zufluss an ausländischem Kapital nach Griechenland ab 1981 relativ stetig und hoch. Ein stetiger Zufluss an Kapital bedeutet in der Regel auch einen ausgeprägt negativen Leistungsbilanzsaldo, also einen Importüberschuss. Zudem ist es natürlich für eine Regierung, die einen maroden und restrukturierungswürdigen Staat übernommen hat, sehr attraktiv, große Teile der Finanzierung aus – freiwillig an sie herangetragenen – ausländischen Quellen zu speisen, anstatt sich an den Aufbau einer soliden Einkommensbasis zu machen, was zwangsläufig bedeutet, sich beim Wähler unbeliebt zu machen (man muss ja nur mal daran denken, was in Deutschland los ist, wenn jemand an Agrarsubventionen zu rütteln droht, nicht wahr?). Durch diese Kombination aus einer erheblichen Entwicklungslücke, einem starken Restrukturierungsbedarf und ungünstigen Anreizen hat die griechische Verschuldung und die negative Nettovermögensposition sich recht deutlich aufgebaut.

staatsschulden

Staatsverschuldung in % des BIP, 2012*

Im Vertrag von Maastricht, 1990, wurde festgelegt, dass alle EU-Länder, die die Konvergenzkriterien erfüllen, zwangsläufig auch EURO-Mitglieder werden. Der EURO galt, in der politischen Umbruchzeit Anfang der 90er als der letzte und konsequente Schritt der europäischen Integration. Großbritannien hat sich von dieser Klausel eine Opt-out-Möglichkeit verhandelt, Schweden entschied, bekanntlich, per Volksentscheid gegen den EURO-Beitritt. Zu den Konvergenzkriterien gehört – neben konjunkturellem Gleichlaufund  einer Reihe rechtlicher Rahmenbedingungen auch die mindestens 2-jährige Mitgliedschaft im EWS – heute WKM, also dem europäischen System fester Wechselkurse. Nur wenn ein Land also über mindestens 2 Jahre einen festen Wechselkurs zur DM einhalten konnte, konnte es auch EURO-Mitglied werden. Unter den EURO-Staaten waren Belgien, Deutschland, Frankreich, Irland, Italien, Luxemburg und die Niederlande von Anfang an (1979) Mitglied des EWS. Spanien und Portugal traten Ende der 80er/Anfang der 90er bei, Finnland 1996. Griechenland erst 1998. Damit konnte es nicht 1999 den EURO einführen, sondern erst 2001. Auch die Mitgliedschaften im EWS zeigen natürlich, wie viel integrierter die Kern-europäischen EURO-Mitglieder waren. Diese hatten über 20 Jahre Erfahrung mit einer koordinierten Geldpolitik gemacht, unter Leitung der Bundesbank, die als Vorbild der EZB diente. Griechenland hingegen hatte kaum Erfahrung darin, was es bedeutet, nicht mehr Herr der eigenen Geldpolitik zu sein, denn dies bedeutet ein fester Wechselkurs ebenso wie die Mitgliedschaft in einer Währungsunion. Dass Griechenland das Konvergenzkriterium der Defizitgrenze, bzw. Neuverschuldungsgrenze nicht erfüllte, stellte sich erst nach Beitritt zur EWU heraus.

Mit einem Entwicklungsländer-geschulten Blick zeigt Griechenland in der Ära 1981-2001 zahlreiche Eigenschaften, die üblicherweise vor allem Entwicklungs- und Schwellenländern zugeschrieben werden, trotz des deutlich höheren Bruttoinlandsproduktes. So ist die griechische Staatsquote (also der Anteil der Staatsausgaben am Bruttoinlandsprodukt) sehr hoch, der Anteil der Beamten unter den Beschäftigten beläuft sich auf etwa 25%. Die vergangenen Regierungen seit dem zweiten Weltkrieg bis zur Finanzkrise entstammten im Wesentlichen 3 Familien, diese „Vererbung“ von Macht zeigt sich sowohl in konservativen wie in sozialistischen Regierungen und findet sich auch in sehr vielen Entwicklungsländern. Das Steuersystem und vor allem die Durchsetzung der Besteuerung ist hochgradig unterentwickelt. Griechenland wurde von Transparency International 2007 an Platz 56 des Corruption Perceptions Index gerankt (Score 4.6/10, 10 = keine Korruption) und es befindet sich damit in der netten Nachbarschaft von Staaten wie Jordanien, Kuwait, Bahrain, Oman, Namibia und den Seychellen aber auch nicht weit von Tschechien, der Slowakei, Lithauen und Lettland, das sei fairerweise angemerkt und ist damit das korrupteste EWU-Land, das drittkorrupteste EU-Land (Bulgarien und Rumänien sind noch knapp korrupter).  Der Anteil der Militärausgaben im Staatshaushalt ist sehr hoch, höher als der von der NATO angestrebte Satz von 2% des BIP. Das Bildungssystem ist reformbedürftig und das Gemeinwesen insgesamt auf eine merkwürdige Art schief. Das Rentensystem ist, das hat ja in der Presse viel Erwähnung gefunden, recht großzügig ausgelegt mit hohen Renten und einem niedrigen Renteneintrittsalter, dafür sind ca. 25% der Griechen nicht krankenversichert, die Arbeitslosenversicherung ist nur sehr rudimentär. Das Land hat einen großen Agrarsektor (3,5% des BIP) im Verhältnis zur EWU aber nicht im Verhältnis zu den osteuropäischen Ländern von einem Agrarland zu sprechen ist also falsch. Über 80% des griechischen BIP werden im Dienstleistungssektor generiert, hier natürlich zu großen Teilen im Tourismus. Ein sehr hoher Anteil der Griechen ist selbstständig und dies impliziert erhebliche soziale Probleme, da hier die soziale Absicherung geringer und die Neigung zur Steuerhinterziehung höher ist. Trotz des geringen Anteils des Agrarsektors zum BIP gibt es in Griechenland relativ viele Bauern, diese betreiben aber Subsistenzlandwirtschaft oder maximal einen Nebenerwerb auf geerbtem Land. Aus wirtschaftlicher Sicht bedenklich ist vor allem der recht kleine Industriesektor. Durch ein schlechtes Bildungssystem und z.T. veraltetes Kapital und ineffiziente Produktionsabläufe ist zudem die Arbeitsproduktivität niedrig.

BIP pro Arbeitsstunde in Europa. Quelle: https://en.wikipedia.org/wiki/Economy_of_Europe

Die Einführung des EURO hat – wie explizit als Hauptgrund gewünscht – zu einer Intensivierung des innereuropäischen Handels geführt. Für Griechenland bedeutete dies jedoch vor allem eine stetige und erhebliche Ausweitung der Importe. Der Nettoexport (Exporte-Importe) war über die gesamte Zeit seit Beitritt zur EG negativ und dieser negative Handelsbilanzsaldo weitete sich stetig aus. Der „Normalzustand“ wäre ein Wechsel von Handelsüberschüssen und Handelsdefiziten, denn aus Handelsdefiziten ergeben sich Forderungen des  Auslands gegenüber dem Inland, die ja irgendwann wieder beglichen werden müssen. Allerdings haben die USA bspw. bis auf einige Jahre in der Ära Clinton ein deutlich höheres Handelsbilanzdefizit und dies auch konstant seit vielen Jahrzehnten und die BRD hat bis auf kurze Episoden immer einen Handelsbilanzüberschuss erwirtschaftet. Hier zeigt sich, dass in der internationalen Handelsverflechtung Ungleichgewichte entstehen, die in beide Richtungen bedenklich sind.

Nettoexporte in Milliarden US-$

Nettoexporte in Milliarden US-$*

Die Einführung des EURO bedeutete für die beteiligten Länder neben den Vorteilen aus Handelserleichterung und einfacherem Kapitaltransfer auch negative Seiten, insbesondere durch die Aufgabe der autonomen Geldpolitik. Ein Staat hat mit Geld-, Fiskal- und Wechselkurspolitik im Prinzip drei Möglichkeiten, konjunkturelle Schwankungen abzufangen. Dabei gilt aus volkswirtschaftlicher Sicht die Geldpolitik als nachhaltigeres Instrument. In der Theorie und bestätigt durch empirische Studien zeigt sich, dass antizyklische Fiskalpolitik, also die Ausweitung der Staatsausgaben oder Senkung der Steuern in Rezessionszeiten, 1. nur kurzfristige Effekte hat und 2. gleichzeitig privaten Konsum und privaten Investitionen verdrängen kann. Expansive Geldpolitik (also die Senkung von Zinsen oder die Erhöhung der Geldmenge) ist zwar auch nur kurzfristig wirksam, hat aber keinen Verdrängungseffekt. Zudem kostet sie, zunächst, nichts – führt allerdings in der mittleren Frist zu Inflation. Ein niedriger Wechselkurs könnte zwar ebenfalls die Wirtschaft ankurbeln, indem er die Exporte stimuliert, die Bewegung nicht fixierter Wechselkurse ist allerdings hoch komplex und nur schwer politisch zu beeinflussen. Ein fester Wechselkurs wiederum ist gut politisch zu beeinflussen, gerät er unter Druck (egal ob Aufwertungs- oder Abwertungsdruck) ist es aber wiederum sehr kostspielig für die Zentralbank, ihn zu verteidigen. Eine mittel- bis langfristige staatliche Beeinflussung des Wachstums durch die Instrumente der Geld- oder Fiskalpolitik ist ohnehin kaum möglich. In der langen Frist vermag vor allem ein gutes Bildungs- und Gesundheitssystem, Frieden, ein gutes Innovationsklima, Rechtssicherheit für forschende Unternehmen und ein nicht zu hohes Bevölkerungswachstum das Wirtschaftswachstum positiv zu beeinflussen. Die meisten Regierungen versuchen dennoch kurzfristig die konjunkturellen Schwankungen abzumildern, dies unter anderem auch aus Verteilungsgründen: Haushalte, die gerade genug Geld zur Deckung ihres Grundbedarfs haben, die also Einkommenseinbußen nicht über entsparen abfedern können, werden in Rezessionen besonders empfindlich getroffen. Es ist durchaus umstritten, ob die Geldpolitik überhaupt zur Konjunkturbeeinflussung genutzt werden sollte, die Bundesbank z.B. war traditionell vor allem der Inflationskontrolle verpflichtet während die amerikanisch Fed von jeher deutlich Konjunkturpolitik macht. In tiefen Rezessionen ist allerdings eine kombinierte konjukturstimulierende Geld- und Fiskalpolitik nahezu unverzichtbar. Der Wechselkurs wirkt ein stückweit als automatischer Stabilisator. Bei einer nationalen Rezession wertet die Währung in der Regel ab, was stimulierend auf die Exporte wirkt. So weit so schön – was passiert nun in einer Währungsunion? Eine Währungsunion ist de facto eine Extremform eines festen Wechselkurses zwischen den beteiligten Ländern. Die Regierung kann die Geldpolitik nicht mehr national bestimmen sondern die Geldpolitik wird von einer gemeinsamen Zentralbank für alle Länder der Währungsunion gemacht. Warum? Dies hat im Wesentlichen drei Gründe. 1. Könnten Zentralbanken der Nationalstaaten nach wie vor ohen Koordination Geld schöpfen, könnte ein Land durch extreme Geldschöpfung die anderen Länder in eine Schieflage bringen, da das geschöpfte Geld ja nicht im einzelnen Land festgenagelt werden kann, sondern ohne Umtausch in anderen Ländern zur Zahlung genutzt. Ohne festen Wechselkurs würde eine Geldmengenerhöhung von einer Abwertung begleitet, so dass das zusätzlich verfügbare Geld mit weniger Kaufkraft ausgestattet ist. Dieser Mechanismus entfällt, so dass die Inflation, die durch eine Ausweitung der Geldmenge entsteht auf alle anderen EURO-Länder übergreifen würde. 2. Besteht eine übermäßige Nachfrage nach Anlagen in einem Land, z.B. nach festverzinslichen Wertpapieren deutscher Emittenten bspw. Bundesschatzbriefe, so würde in der Welt vor dem EURO einfach die jeweilige Währung aufwerten und dadurch würde der Kauf der Anlagen weniger attraktiv und die Nachfrage entspräche wieder dem Angebot. Mit dem EURO ist dieser Weg zumindest für inner-europäische Kapitalbewegungen verstellt. Demnach muss in diesem Fall der Zins Nachfrage und Angebot in Einklang bringen. Wenn alle gern Bundesschatzbriefe kaufen wollen, werden diese gering verzinst. Der Zins kann also nicht zusätzlich fixiert werden, denn dann würde sich kein Gleichgewicht zwischen Nachfrage und Angebot nach Anlagen in dem jeweiligen Land einstellen. Umgekehrt agiert der Zins auch als korrektiv wenn Anlagen eines Landes als risikoreicher wahrgenommen werden. Es würde also von Anlegern ein Risikoaufschlag auf den Durchschnittszins der EURO-Zone erhoben, wenn sie Anlagen in z.B. Griechenland kaufen, anstatt in Deutschland. Auch dies, da dieser Risiko-Ausgleich nicht durch einen günstigeren Kurs erfolgen kann.  3. Mit der Vereinheitlichung der Währung wurde auch ein gemeinschaftliches Bankensystem geschaffen, die EZB ist für die Sicherung des Geldumlaufs aller Geschäftsbanken der Eurozone durch entsprechende Einlagen und Kreditvergabe zuständig. Die Banken des gesamten Euroraums können sich daher zum gleichen Zinssatz mit Liquidität versorgen, eine Steuerung der Liquiditätsbereitstellung nur der Geschäftsbanken EINES Mitgliedslandes durch günstige Zinsen der Zentralbank ist damit schon rein technisch nicht möglich. Es würde auch wenig Sinn machen, da ohne Kapitalverkehrskontrollen und mit vollständiger Niederlassungsfreiheit Banken nicht allein auf nationaler Ebene agieren. Die isolierte Stimulierung eines einzelnen Landes über Geldmengenerhöhung oder Zinssenkung ist also nicht möglich.

Die ehemaligen EWS-Mitglieder haben diese Konstellation schon seit 1979 bzw. 1990 „geübt“, für die griechische Wirtschaft hingegen war der Kurs der Drachme lang ein zusätzliches Korrektiv, das nun mit dem Euro-Beitritt wegfiel.

Nun macht die EZB natürlich auch Konjunkturpolitik. Aber eben zum besten aller Mitgliedsländer. Das heißt, wenn alle Staaten von einer Rezession betroffen sind, dann wird die EZB sich schon bemühen, dies zu moderieren und hat dies im Rahmen der Finanzkrise ja auch getan. Wenn jedoch einzelne Länder von nationalen Rezessionen betroffen sind, so wird die Geldpolitik der EZB für diese Länder nicht hilfreich, unter Umständen sogar schädlich sein. Zudem wird, wenn das betroffene Land relativ klein ist, auch der Wechselkurs des EURO kaum auf eine Rezession in nur diesem einen Land reagieren. Hier kommen die Konvergenzkriterien ins Spiel. Diese enthalten nämlich ein gewisses Ausmaß an konjunkturellem Gleichlauf. Dies soll sicherstellen, dass die EZB-Politik relativ passgenau für alle Länder ist, da diese einander recht ähnlich sind. Nun – die Griechenlandkrise zeigt deutlich, dass dies wohl nicht geklappt hat. Eine ähnliche Erfahrung hat das EWS bereits 1992/1993 durchlaufen, als die Bundesbank aufgrund des Wiedervereinigungsbooms eine Reihe von Zinserhöhungen durchführte, während große Teile von Europa in einer Rezession waren und eher Zinssenkungen gebraucht hätten.

And here we are. Das Zusammentreffen von starker Verschuldung schon vor der Finanzkrise in den USA, einem schlecht finanzierten Staat, einer über den Tourismus stark Konjunktur-anfälligen Wirtschaft, schlecht erhobenen und teilweise bewusst gefälschten Statistiken, die 2004 korrigiert werden mussten und einer Randposition im Verbund der europäischen Staaten führe gemeinsam dazu, dass Griechenland von der Wirtschaftskrise sehr stark getroffen wurde. Die internationalen Investoren, die in der Immobilienpreisblase viel Geld verloren hatten, wurden nervös und kappten den Kapitalfluss in – vermeintlich und tatsächlich – risikoreiche Regionen, die Zinsaufschläge vervielfachten sich, die Nachfrage im Tourismus brach ein, die griechischen Banken gerieten, so wie Banken in ganz Europa, in erhebliche Probleme, die griechische Regierung bemühte sich, wie die Regierungen der anderen Staaten, dem mit Ausgabenprogrammen, Bankensanierung etc. zu begegnen, konnte dies mangels Rücklagen und angesichts steigender Zinsbelastung aber nur aus Neuverschuldung tun und geriet damit selbst in Zahlungsschwierigkeiten. Da Griechenland ohnehin exportschwach ist und eine Abwertung als Korrektiv ausblieb, der inländische Konsum aber schwach blieb, konnte die Wirtschaft sich nicht von der Krise erholen, wie dies in anderen Staaten gelang.

Ich belasse es für heute dabei und werde dann zu den bisher umgesetzten und noch geplanten Maßnahmen versuchen in den folgenden Tagen einen weiteren Post zu schreiben. Zur weiteren Information aber noch ein paar Links:

Eine Übersicht zur Entstehung der Krise bei der Landeszentrale für Politische Bildung BW, die ich ein klein wenig gefärbt aber noch gerade ok finde.

Zahlen zum öffentlichen Schuldenstand im internationalen Vergleich bei der Bundeszentrale für politische Bildung.

Ein lesenswertes Feature zur Krise bei brand eins.

Der Korruptionsindex von Transparency International.

Überblicksdaten zu Griechenland: hier, hier und hier.

Hintergründe zum Zusammenspiel von Geld- und Fiskalpolitik in einer Währungsunion (Fachliteratur).

Ein (methodisch eher halb guter) Artikel zur Effektivität von expansiver Fiskalpolitik in der Eurozone (englisch, Fachliteratur)

Ein sehr breit angelegter Überblicksartikel zur Effektivität von expansiver Fiskalpolitik (englisch, Fachliteratur, Registrierung notwendig)

* Quelle:  OECD, data.oecd.org/greece.htm.

Hinweis zu den Grafiken in diesem Artikel: Die Qualität der Daten ist mutmaßlich schlecht und man kann sie wahrscheinlich nicht als zuverlässig betrachten, sie geben aber zumindest einen groben Eindruck.

10 Gedanken zu “Ein paar Gedanken zu Griechenland – Wie kam es zu der jetzigen Situation?

  1. drehumdiebolzeningenieur schreibt:

    Vielen Dank für diesen auch für Laien sehr gut verständlichen Text. Vor allem gefällt mir, dass du so weit ausholst und erklärst, was überhaupt die Vorbedingungen waren, unter denen diese Krise entstand, dich mit Meinung sehr zurückhälst und die Fakten zeigst. Man liest ja so einiges dieser Tage, was entweder sehr viel Vorwissen vorraussetzt oder schlicht unreflektierte Meinungsmache ist (und oft kann man das eine vom anderen nicht unterscheiden 😉 )

  2. Ralf schreibt:

    Sehr interessante und ausführliche Analyse. Danke dafür. Ja, Wirtschaftsgeschichte ist leider eine vernachlässigte Disziplin.

  3. mrs.columbo schreibt:

    vielen dank für deine bemühungen, uns die lage in griechenland leicht verständlich zu erklären. ich hatte vor kurzem erst eine diskussion mit meiner schwester und mir fehlten schlicht und einfach die argumente.
    ich bin schon gespannt auf den folgenden post!
    lieben gruß, susi

  4. willa moone schreibt:

    Vielen Dank, dass du dir die Mühe gemacht hast. Das ist sehr informativ und ich freue mich schon auf die Fortsetzung.

  5. MaxLau schreibt:

    Ich habe mich aus der „Griechenland-Problematik“ bisher herausgehalten. Wenn Berichte darüber kamen, habe ich „weggezappt“. Mir waren die Berichte viel zu einseitig – entweder in die eine oder andere Richtung gehend.
    Dein Bericht ist sehr informativ. Über den Hintergrund wusste ich nicht viel bzw. fast gar nichts. Auch dass du mit deiner Ausführung „neutral“ geblieben bist bzw. Fakten dargelegt hast, finde ich außerordentlich gut. Dafür möchte ich mich bedanken.
    Martina

  6. blaupause7 schreibt:

    Ich glaube, ich werde mir diesen Bericht nochmal zu Gemüte führen, wenn ich aufnahmefähiger bin; im Moment habe ich Probleme mit dem Lesen langer Texte mit wenigen Absätzen.

Danke für deinen Kommentar! Ich freue mich sehr darüber!

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