Me made Mittwoch: Das Hochzeitsgastkleid, das den Fluch brach

Ich berichtete vor 3 Wochen von meinem miesen Karma bei Hochzeitsgastkleidern. Es war wie verhext, niemals konnten Kleid, ich und geplante Hochzeit zusammenkommen. Entweder war das Kleid nicht fertig, oder es passte nicht mehr, weil ich zwischen Planung und Hochzeit schwanger wurde oder ich konnte nicht zur Hochzeit (so gesehen bin ich dann doch recht glücklich, dass ich keines meiner beiden Hochzeitskleider selbst genäht hab. Wäre dann doch doof gewesen) – unverdrossen plante ich aber zu jeder nahenden Hochzeit wieder ein Kleid. Und diese Beharrlichkeit hat sich nun ausgezahlt. Am Samstag war ich auf einer Hochzeit im eigens dafür genähten Kleid. Und die Welt ist nicht implodiert oder ähnliches. Zwar musste ich mich ziemlich ranhalten, weil ich ja bekanntlich die letzten 3 Wochen quasi dauerkrank war und wir mussten außerdem noch eine Autobahnvollsperrung umfahren, aber am Ende war alles gut. Und dieses Kleid trug ich:

Und ja. Ich habe das Kleid passend zu den Schuhen genäht, die ich versehentlich bestellt habe, als ich eigentlich knallrote wollte und dann zu schön fand zum zurückschicken.

Es handelt sich um ein pattern-Hack von Elisalex (by hand london), das ich als Papierkopie besitze. Ich hatte Elisalex schon einmal recht erfolglos genäht, damals hatte ich es beim anpassen verschlimmbessert und außerdem einen biestigen Stoff verwandt, so dass es aussortiert wurde – ich wusste aber, dass mir das Oberteil mit kleineren Anpassungen sehr gut passt. Kombiniert habe ich das Oberteil mit einem 3/4-Tellerrock. Tellerröcke berechne ich nach dieser Anleitung/Tabelle. Ich habe das Kleid komplett gedoppelt. Es ist aus Partysatin in bordeauxrot von hier. Und Spitze aus der gleichen Quelle. Den rückwärtigen Reißverschluss habe ich in die Seite verlegt. Ich fand es schon beim ersten Kleid uneinsichtig, warum der hinten sein sollte, wo das Kleid einen so weiten Ausschnitt hat und die schöne Rückenansicht ohne Nutzen gebrochen wird. Dann habe ich das mittlere Rückteil im Bruch (minus Nahtzugabe) zugeschnitten, dabei habe ich das Spitzenteil nach Abgleich mit meinem Grundschnitt bis zu Hals nach oben verlängert, das Satinteil folgt der Originalschnittführung. Die Ärmel sind nur aus Spitze.

Die Verarbeitung war nicht so ganz ohne. Ich habe zunächst die beiden mittleren Vorderteile am Ausschnitt verstürzt und die Nahtzugabe sehr knapp zurückgeschnitten, dann jeweils die Spitzen- und Satinteile des Oberteils gemeinsam mit Zickzackstich versäubert, so dass sie schon passend geheftet waren und die Spitze sich nicht mehr auflösen konnte. Den oberen Rand des rückwärtigen Mittelteils habe ich mit Schrägband eingefasst, den des darunterliegenden Satinteils mit Säumerfüßchen schmal versäubert. Danach habe ich im Oberteil beide Lagen als eine verarbeitet, damit man die Nähte nicht durch die Spitze sieht. Ich musste die Prinzessnähte leicht anpassen, das mittlere Rückenteil war leider etwas weit und die Spitze dehnte sich noch weiter aus, das sitzt nicht so ganz optimal.

Die Röcke sind getrennt gearbeitet und nur an der Taillennaht gemeinsam angenäht. Das Spitzenrockteil und die Ärmel haben französische Nähte. Den Spitzenrock und die Ärmel habe ich mit flachem Zickzack versäubert, das ist nicht so schön, aber eine andere Lösung fiel mir nicht ein. Der Satinrock hat einen Rollsaum mit 6mm-Säumerfüßchen genäht.

Die vorderen Oberteil-Teile habe ich jeweils um 3cm verlängert, das war noch etwas knapp, 4cm wären besser gewesen, im Rücken musste ich 1cm Länge rausnehmen (eine Vorn-hinten-Differenz von 5cm also, das fällt mir in letzter Zeit massiv auf, dass das ständig so ist.) Die Taille sitzt daher etwa 1cm zu hoch, deshalb habe ich dann noch den Gürtel dazu genäht um die Taille optisch an die richtige Stelle zu setzen.

Darunter trage ich einen Petticoat, den hatte ich allerdings Samstag gar nicht an, es schwingt auch ohne sehr schön, weil der Satin ja ganz gut Stand hat auch für sich. Das Kleid trug sich perfekt, insbesondere auch zum Tanzen, nur die Ärmel nervten im Verlaufe des Abends zunehmend, weil sie immer weiter wurden. Aber trennen geht bei der Spitze und den frz. Nähten wohl nicht, ich werde sie daher evtl auf 3/4-Länge kürzen und mit Falzgummi einfassen.

Ich finde das Kleid richtig gut und werde den Schnitt evtl. auch nochmal alltagstauglicher nähen, also aus dezentem Stoff und mit 1/2 statt 3/4-Tellerrock – in der aktuellen La Maison Victor ist ein sehr ähnliches Kleid, falls jemand nicht extra für das Prinzess-Oberteil Elisalex erwerben möchte, das ich eh schon auf dem Plan hatte. Die Rückmeldungen auf der Hochzeit waren auch durchweg positiv, nur der Mann sprach „barock“ und die Schwester „sieht aus wie Game of Thrones“. Na gut.

Muriel zeigt heute auf dem Me Made Mittwoch-Blog auch ein Hochzeitsgastkleid, das sie zurecht sehr toll findet. Ich bin auch total begeistert von dem schönen blauen Punktekleid!

Freitags mit … Handwerkern (und anderen)

Ich habe ja neuerdings freitags meinen Extrem-Entspannungstag. Also das ist dieser Tag an dem das Kind nur maximal bis 12 in die Kita kann. Wo also praktisch nicht lohnt irgendwas sinnvolles zu machen und ich deshalb plante, einfach gar nicht erst zu arbeiten, sondern totaaaaal tiefenentspannt meine Freiheit zu genießen. Meine Entspannung sah entsprechend in den letzten Wochen freitags jeweils so aus: Einkaufen ohne Kind *juhuuu*, krank sein, doch noch schnell ganz viel arbeiten müssen, krank sein, … klappt super mit den 3-4 Stunden Entspannungszeit am Freitag, nicht wahr? Heute neuer Gipfel der Entspannung: Handwerker an drei verschiedenen Stellen der Wohnung. Und nebenher noch arbeiten, weil nix geschafft, weil erst seit gestern wieder im Dienst. Der Plan war also, das Kind pünktlich um 8 in der Kita abzuliefern (wir sind sehr schlecht im pünktlich in der Kita sein), schnell einkaufen, 3 Stunden arbeiten während nebenher die Handwerker alles wieder gut machen, was derzeit doof ist. Um 11.45 entspannt zur Kita fahren und dann das Kind mit Mittagessen füttern und danach Mittagsschlaf machen. Guess what – läuft ganz anders.

Ich wache um 7 Uhr von allein auf, weil nunja, eine der Sachen, die repariert werden muss, ist die Rollade im Schlafzimmer. Also wache ich mit der Sonne auf. Das ist 7. So weit so gut. Ich schleiche ins Bad (der Mann kam erst gefühlt vor 5 Minuten von einer Betriebsfeier ins Bett). Palim palim da tönt es aus dem Babyfon. „Mama?“ Ich stelle mich tot. …. „Die Mama soll kommen.“ (Immerhin, das mit der Grammatik kann der Minimensch gut.) Also wieder raus aus dem Bad. Kind kuscheln. Kind mit in die Dusche nehmen. Mann wir liegen gut in der Zeit. Dann passiert, was immer passiert – wir fallen in das Badezimmer-Zeitloch und kommen erst um 7.55 wieder heraus. Am Frühstückstisch stelle ich fest, dass ich vergessen habe mich zu schminken. Das Kind vertilgt derweil eine halbe Million Brote und fragt alle drei Bissen „Papa, keinen Hunger?“ „Nein, Papa will noch schlafen. Der war erst sehr spät im Bett.“ Kind, nickt sehr wissend: „Das ist anstrengend.“ Ha, erfasst. Erkenntnis – Besserung. Die Hoffnung stirbt zuletzt. Ich schminke mich und schreibe nebenher meine Einkaufsliste und hoffe, 8.15 das Haus verlassen zu können.

8.40 Wir sitzen im Auto. Vorher Flur-Zeitloch. Immer dieses Sockensuchen, Schuhesuchen, über die Anzieh-Hoheit diskutieren, ausdiskutieren welche Kuscheltiere mit in die Kita dürfen. Heute ergänzt um Papa wecken und diskutieren welche Schuhe Mama anziehen darf. Achja. Die Freuden der Elternschaft. Immerhin in der Kita alles top, das Kind flitzt schneller ab, als ich ihm die Hausschuhe anziehen kann, ich parke um 9.00 in der Fußgängerzone und beginne den Drei-Geschäfte-Einkaufs-Marathon. Ich habe optimistisch nur 45 Minuten Parkschein gezogen.

9.52 Naja fast. Drogerie, Biosupermarkt, Bank, 2 Kinderschlafanzüge und ein Shirt als Bonus. Ich bin hochzufrieden. Zuhause begrüßen mich neben dem Mann noch drei verschiedene Handwerker, die sich übertreffen in „Leider kann ich ihnen nicht den Einkauf rauftragen-Witzen“ Stur lächeln und winken. Einkauf verräumen, Kaffee kochen, Anweisungen erteilen. Um 10.15 sitze ich am Küchentisch mit Laptop und der Heizungsmann ist schon fertig. Das läuft. Ich lese sehr konzentriert eine Präsentation Korrektur während neben mir an der Wand gespitzt, industriestaubgesaugt und laut geflucht wird. Ich verspreche, nicht zu verraten, dass unsere Klingelanschlussleitung jetzt sehr viel schöner verputzt ist, als die der anderen im Haus. Immerhin, unsere Tür hat nun wieder ein richtiges Schloss. Darauf geht der Handwerker erstmal eine rauchen.  Die 5 Minuten Lärmpause nutze ich für ein Telefonat. Der Handwerker ist übrigens sehr mit sich zufrieden und hochgradig begeistert von seiner eigenen Arbeit. Ich nicht so, bin nämlich erst auf der 4. von 33 Folien. Ja gut. Ist ja noch fast ne Stunde Zeit.

10.50 der Handwerker ist zurück und macht jetzt Sachen, die weniger Lärm machen, aber deutlich mehr stinken. Ich trinke noch einen Kaffee. In einer Stunde muss ich das Kind aus der Kita holen, an der Rolladenreparaturfront ist noch kein Ergebnis zu beobachten und meine Arbeit ist auch noch nicht fertig. Hmpf. Dafür ist der Industriestaubsauger wieder im Einsatz.

11.05 Immernoch Türrahmenreparatur. Nix an der Rolladenreparaturfront. Kinder meine Nerven. Dafür hab ich die halbe Präsentation durch. So ein Industriestaubsauger ist übrigens sehr super, wenn man mal gar nicht denken möchte. Einfach mal den Kopf leer kriegen. bfuuuuuuuuuuuuuuuuuuuuuuuuuuuuuuuuuuuuuuu. bfuuuuuuuuuuuuuuuuuuuuuuuuuuuu.

11.15 Es wird gefeilt und gesprüht und gespachtelt und geflucht. Himmlische Ruhe quasi. Ich lese mich flott durch 10 Folien und verteile sporadisch kleine rote Kringel hier und da. Mein Kopf schmerzt, was möglicherweise am unruhigen Nachtschlaf des immernoch hustenden Minimenschen, möglicherweise aber auch am wundervollen Geruch der Spachtelmasse liegt. Ob Kaffee hilft? Kann man ja mal probieren.

11.25 Ich habe die Korrektur fertig und abgeschickt. Kopfschmerz ist kaffeeresistent. Der Handwerker ist verschwunden, bzw. läuft im Hausflur rum. Nix neues an der Rolladenfront. Dafür spielt sein Handy als Klingelton das Star-Wars-Intro. Öfter. Also so ca. alle 10 Minuten. Ich werde den Tag also mit einem Star-Wars-Ohrwurm verbringen. Die Lösung der Spontan-Dematerialisierung des Handwerkers ist eine Belohnungs-Zigarette nach erfolgreicher Tür-Reparatur. Ich bewerfe meine Kopfschmerzen mit Traubenzucker und betrachte die so semi-hübsch beisgespachtelte Tür, das formschön versteckte Klingelkabel und befühle beglückt den nun wieder warmen Heizkörper im Wohnzimmer. Dann besinne ich mich, dass ich ja noch 15 Minuten wertvolle Arbeitszeit hab und arbeite mich durch meine Mails. Unpraktischerweise ist anscheinend gerade im Büro Ausflugszeit, zumindest beantwortet keine/r meine/r Kollegen meine Mails und Chatnachrichten. Ob die auch alle Belohnungszigaretten rauchen? Es ist geradezu gespenstisch ruhig und die Sonne scheint. Ein kurzer Moment des Friedens. Ich durchsuche meinen „WIP“-Hefter (Teufelsding!) nach einem bestimmten Zettel. Dabei finde ich ein Rezept für Weihnachtsplätzchen von meiner Schwiegermutter. Ja gut. Ich wundere mich da jetzt nicht drüber, sondern mache lieber sinnvolle Dinge.

11.45 Das Fluchen hat sich ins Schlafzimmer verschoben. Ich klappe den Rechner zu und teile dem Handwerker mit, dass ich zur Kita fahre. Dieser ist gerade dabei, in hilfloser Geste die Hände über dem Kopf zusammenzuschlagen und „Supergau“ und „was soll ich da denn jetzt machen“ vor sich hinzumurmeln. Auf mein: „Sollten Sie vor in einer halben Stunde fertig sein, ziehen Sie einfach die Tür zu“ hin ertönt hilfloses Schnauben. Na gut. Ich fahre lieber mal. Und bin dann sogar überpünktlich an der Kita, wo ich voll gecheckt sowohl das Essensgeld passend dabei habe als auch endlich mit einer anderen Mutter über eine angedachte gemeinsame Babysitting-Lösung für lange Arbeitstage sprechen kann.

12.20 Der Minimensch und ich betreten die Wohnung und der Handwerker betätigt gerade testweise die wieder funktionierende Rollade. Ich enthalte mich jeden Kommentars der Dinge von „Wunderheilung“ oder „not so GAU“ enthält, danke freundlich und wünsche ein schönes Wochenende. Der Handwerker wünscht fröhlich „bis nächste Woche“ – ich schnaube. Der Minimensch und ich essen Pizzareste und erzählen ausführlich und zusammenhanglos vom Tag (also vor allem er, ich sage „Willst du noch essen?“ im Minutentakt).

13:00 Haben wir endlich das essen beendet, die Hände gewaschen, die Hose gewechselt, die Zähne geputzt, das Kind ist umfallmüde. Und zwar genau so lang, bis es in seinem Bett liegt. Dann besteht es darauf, dass ich dort bleibe und beginnt Rollenspiele und Fingerreime mit seinen Kuscheltieren. Ich schaue mir das eine Zeitlang an und verlasse dann – natürlich unter lautstarkem Protest den Raum. Ich will noch etwas arbeiten und nach Möglichkeit zumindest 10 Minuten kurz schlafen. Und während das Kind mir fröhlich durch das Babyfon Lieder vorsingt, mache ich mich an das Korrigieren meines Papers …

Wintermantel-Sewalong 2015 – 1. Treffen

Auf dem Me Made Mittwoch-Blog gibt es dieses Jahr wieder einen Wintermantel-Sew-Along. Das finde ich sehr gut, denn ich habe einen Mantel fest geplant. Ich habe auch Schnitt und Stoffe schon, so dass ich hoffe, es wird nicht allzu stressig. Ich habe mich auch schon durch sehr viele der Beiträge gelesen und viele tolle weitere Schnitte gesehen. Dennoch halte ich eisern an meinem Plan fest.

Was brauche ich?
Einen leichten Wollmantel. Eher kurz. Für kalte Herbst- und wärmere Wintertage. Ich besitze zwei dünnere Wollmäntel. Leider sind beide schon etwas abgeliebt, außerdem sind sie beide untailliert und locker geschnitten und passen daher nicht sehr gut über meine präferierte Kleidsilhouette. Zudem werden sie nicht mit Knöpfen geschlossen und es zieht daher etwas rein. Letztes Jahr habe ich mir einen sehr warmen Mantel mit Windstopper und Thinsulate genäht (der immer noch keinen Gürtel hat – ähem) und dieses Jahr soll nun ein dünnerer Kumpel folgen. Also nur zwei Lagen Wolloberstoff und Futter. Das wird sich doch wohl machen lassen.

Was nähe ich?

Nähen werde ich einen Abbey Coat von Jamie Christina. Den Schnitt habe ich schon seit dem Wintermantel-Sewalong 2012 angehimmelt und bereits über ein Jahr zuhause liegen.

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Stoff habe ich mir letzte Woche in Paris gekauft. Ein grauer Wollstoff, gekochte Wolle, denke ich, der ganz leicht ins bläuliche changiert. Weich genug, dass er auch die Rundungen des Schnittes gut mitmachen wird. Ich habe leider derzeit nur ein Bild aller Paris-Stoffe vor dem Waschen. Aber da liegt

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er als oberster.

Futter habe ich auch genug da. Aber welches ich nehme, muss ich noch entscheiden. Fehlen nur Knöpfe und eine Idee, wie ich dem Schnitt Taschen basteln könnte.

Und jetzt verlinke ich diesen bildarmen Beitrag noch schnell beim MMM-Blog und danke Karin und Lucy sehr herzlich für die Organisation.

Gesprächskultur: Frauen, Männer, Academia, Business

Kollege J. und ich diskutieren recht oft und hitzig über Feminismus, Gleichberechtigung und die Repräsentanz von feministischer Debatte in den Medien. Dies beinhaltet, dass wir uns mit Artikeln bewerfen und diese dann beim Kaffee im Büro diskutieren. Letzte Woche brachte er mir einen Artikel aus der Financial Times mit, der den Titel trägt: „Competitive dinner parties highlight the gender divide„. Die Autorin beschreibt darin ihre Beobachtung, dass sobald auf einer (semi-)beruflichen Abendveranstaltung die Diskussion in der Gruppe und nicht bilateral mit den direkten Nachbarn geführt wird, Männer sich eher hervortun und Frauen sich eher zurückhalten. Ausgehend von ihrem eigenen Gefühl von Unwohlsein in einer kompetitiven Gruppengesprächssituation beschreibt sie, dass es anderen Frauen scheinbar genauso gehe, Männern aber nicht. Sie zieht einen Bogen zu Geschlechts-getrennten Buchclubs und schließlich zu Diskussionen in Unternehmenskontexten wie Teammeetings. Sie schlussfolgert, dass Frauen offenbar eine andere Gesprächskultur pflegen als Männer und dass auch eine höhere Teilhabe von Frauen in Führungspositionen bisher nicht dazu führen konnte, dass sich die Gesprächskultur in diese Richtung wandelt.
Der Artikel ließ mich zunächst etwas ratlos zurück. Ich bin weder je in meinem Leben auf einer solchen Dinnerparty noch in einem Buchclub noch in einer Führungsposition in einem Konzern gewesen. Doch dann erinnerte ich mich an ein Gespräch mit 3 ehemaligen Kommilitoninnen, die nach der Promotion in die Wirtschaft gegangen sind über die Unterschiede des Arbeitens in Wirtschaft und Academia. Und dabei wurde von allen dreien als einer der wenigen Nachteile am Arbeiten in der Wirtschaft ein sehr ähnliches Faktum genannt. Nämlich die Tatsache, dass es im Unternehmenskontext als schwach angesehen wird, wenn man auf eine Frage nicht sofort eine Antwort hat, sondern erst nach schauen oder recherchieren möchte, und dass deshalb oft von Gesprächspartnern einfach wortreich leerer Unsinn geantwortet wird, der zwar nicht weiter hilft aber eben nicht ‚keine Antwort‘ ist. Dies, so waren wir uns alle einig, ist im akademischen Diskussionskontext eher anders. Ich hörte raus, dass meine Freundinnen dieses Verhalten vor allem an Männern beobachten, aber den Eindruck haben, dies werde von ihnen auch erwartet.
Tatsächlich erinnerte ich mich dann an immer mehr Gelegenheiten bei Konferenzen, Kolloquien und Workshops im akademischen Umfeld und kann wirklich nicht sagen, dass mir bei solchen Gelegenheiten aufgefallen wäre, dass Frauen sich unwohl fühlen und aus der Situation zurückziehen. Obwohl natürlich hier auch immer ein beruflicher Wettbewerb und Profilierung im Spiel ist. Nun kann dieser Unterschied, sofern er denn da ist, natürlich zwei Gründe haben:
A) Wissenschaftlerinnen sind kompetitivere Frauen und haben deshalb Spaß daran, sich in der Gruppe zu ‚messen‘
B) Die Gesprächssituation ist anders weswegen Frauen hier kein Unwohlsein ob der öffentlichen Diskussion empfinden.

Ich halte These A) für Schwachsinn. Um es in einem Unternehmen so weit zu bringen, dass man mit wichtigen Leuten bei seinem Chef zum Essen eingeladen wird, muss man vermutlich auch ein relativ kompetitives Naturell haben und ich kenne viele Wissenschaftler_innen, die erfrischend unkompetitiv sind.

An These B) ist aber was dran. Der kritische Diskurs ist eins der Kernstücke von Wissenschaft. Wissenschaft funktioniert nicht ohne Auseinandersetzung. Forschung ist nichts wert, wenn niemand von ihr erfährt. Entsprechend wachsen wir, schon im Studium (heute leider zu wenig) in das Diskutieren hinein. Und wir lernen dabei hoffentlich, wenn wir eine gute Wissenschaftskultur lernen, eins: es geht um die Sache, nicht um die Person. Eine gute wissenschaftliche Diskussion profitiert von Pluralität und schätzt den Beitrag jeder einzelnen wert. Und damit gerät der kompetitive Aspekt von allein in den Hintergrund. Ich bin mir natürlich zumeist schmerzlich bewusst, dass ich meine Ideen vertrete und verteidige auch, um sie in einflussreichen Zeitschriften unterzubringen und dass ich diese Publikationen brauche, um eine Zukunft in diesem Beruf zu haben. Aber ich hoffe und glaube zumeist, dass mein Beitrag in der Diskussion zuerst und oberst dazu dient diese selbst weiterzubringen – unsere gemeinsame Sache gewissermaßen. Und damit ist es gut und richtig, zu sagen ‚hier kann ich nix zu sagen‘ und aber bei dem, was ich beurteilen kann, dafür auch was zu sagen.

Und warum erzähle ich das hier in epischer Breite? Weil ich finde, an dieser Stelle mag zwar die Beobachtung des Genderunterschieds in der Gesprächskultur richtig sein, es ist aber der Sache nicht dienlich, es darauf zu beschränken. Wichtiger als zu fordern, dass Diskussionen im Unternehmenskontext (und Politikkontext?) ‚weiblicher‘ – und damit bilateraler, so die Autorin – werden, wäre zu fordern, dass Diskussionen kooperativer werden, dass sie die gemeinsame Sache im Blick haben und den Beitrag jeder/jedes Einzelnen zur gemeinsamen Lösung des Problems wertschätzen. Das würde Unternehmen und Gesellschaft voran bringen. Denn eine Diskussion, die in erster Linie als Plattform zur Profilierung empfunden wird, ist, egal wer sich daran beteiligt, mutmaßlich nicht sehr sachdienlich.

Was denkt ihr? Agreed?

P.S.: nähnerds haben übrigens die allerbeste Diskussionskultur von allen.

Me made Mittwoch: Das verhinderte Hochzeitsgastkleid

Ich gebe es zu, ich trage das Kleid gar nicht heute (was bei mir ja sonst eiserne Regel am MMM ist) – ich werde es aber aller Voraussicht nach am kommenden Samstag in Paris tragen, wo ich zu einer Konferenz sein werde, bei spätsommerlichem Wetter. Eigentlich hatte es jedoch eine andere Bestimmung. Es war als Hochzeitsgastkleid geplant. Für die Hochzeit von Freundin L. am Meer. Die war vergangenes Wochenende und fiel für uns leider aus. Dickeste Erkältung bei allen drei Haushaltsmitgliedern verhinderte, dass wir die Autofahrt, Party und Hotelübernachtung heil überstehen konnten und so konnte das Kleid leider nicht das Meer sehen und tanzen. Dabei hätte es, wie ich Fotos entnahm, perfekt zur Blumendeko gepasst. Ich bin darüber recht sehr traurig, wegen mir und L. und dem Kleid und überhaupt. Ich hab da ein ganz mieses Hochzeitsgastkleid-Karma. Ich habe exakt NOCH NIE ein geplantes zu nähendes Kleid dann auch zu der Hochzeit getragen, es wurde nicht fertig, ich wurde schwanger oder ich kriegte ein Kind und konnte nicht hin oder das Kind hatte Bronchitis oder oder oder. Hochzeitsgastkleider vermiesen Hochzeiten. Dennoch plane ich schon wieder eins, für die nächste Hochzeit Ende September, denn da wird es mir für dieses Kleid zu frisch sein. Stay tuned.

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Nun aber zunächst dieses Kleid. Es ist ein Traum, ich liebe es, leider habe ich es zu spät im Jahr genäht, um es noch öfter als 1-2 Mal tragen zu können.

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Es handelt sich um das Oberteil von Robe Belladonne von Deer and Doe mit einem halben Tellerrock. Ich habe mich für einen weiteren Rock entschieden, weil der Stoff mir dies zu verlangen schien.

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Der Stoff ist Viskose-Jacquard mit Druck, wahnsinnig schön im Detail, von fashion for designers, ich kaufte ihn, als ich im Mai mit Lotti dort im Showroom war und habe damit eine ganz hervorragende Verarbeitungs-Bilanz meiner bisherigen FFD-Einkäufe, nämlich ca. 2/3 verarbeitet binnen jeweils 6 Monaten nach Kauf (Futter-Coupons nicht eingerechnet). Der Stoff fasst sich toll an und hat einen tollen Fall. Das hindert ihn keineswegs daran, ein Verarbeitungsbiest zu sein. Die Schnittteile wandelten ihre Form nur vom schräg angucken und dehnten sich im schrägen Fadenlauf mal locker um 1/3 aus. Als der Rock fertig ausgehangen war, war er an den Seitennähten 18cm (!) länger als in der Mitte, wo der gerade Fadenlauf liegt. Ich habe nachher gedacht, ich hätte den schrägen Fadenlauf in die Mitte legen sollen, das fällt viel schöner. Da der Stoff durchsichtig und zudem sehr fragil ist (Löcher vom trennen sind tunlichst zu vermeiden) habe ich das Oberteil mit Baumwoll-Nessel gedoppelt. Ich habe dabei die Kanten des Rückenlochs verstürzt ansonsten aber beide Lagen wie eine verarbeitet, dadurch ist das ganze an den neuralgischen Stellen Armloch und Reißverschluss sehr viel stabiler. Der Rock ist auch gefüttert. Ganz edel mit Venezia-Futter, wenn schon denn schon.

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Ich musste am Oberteil nicht viel ändern. Ich habe Gr. 38 zugeschnitten und nach einer Nesselprobe ein FBA von 1,5cm im Brustumfang gemacht. Das war’s. Indieschnitte und ich – das passt, ich füge Deer and Doe meiner Gelingliste hinzu.  Bis auf das doppeln habe ich auch komplett die (französische) Anleitung befolgt und fand sie ausreichend und verständlich. Der Rock ist mit dem Rollsaumfuß der Nähmaschine gesäumt.

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Da es ja nun doch nicht mehr über 30 Grad ist, trage ich dann wohl auch kommenden Samstag darüber eine Strickjacke. Und zwar – tadaa – die Frühlingsjacke 2014. Ich habe ihr endlich die Ärmel nochmal neu angestrickt. Diesmal ganz klassisch, ohne Puff. Also eingestrickt von oben mit verkürzten Reihen. Nun gefällt sie mir sehr gut und ist sehr sehr warm (sie ist nämlich aus Merino extra fine von drops). Dass die Farbe so perfekt passt, hat die Pedantin in mir natürlich sehr gefreut. Dazu habe ich neue alte Schuhe, die ich seitdem schon so oft anhatte, dass ich mich frage, wie ich je ohne lila Schuhe auskam.

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Beim Me made Mittwoch gibt es heute eine Gastbloggerin, die ein wundervolles Färbeexperiment zeigt. Super beeindruckend!

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Me made Mittwoch: Nicht-so-toll-Faltenrock

Pünktlich zum Temperatursturz ist der MMM aus der Sommerpause zurück und ich trage einen neuen Rock. Das trifft sich ja ganz gut. An der bescheidenen Menge von Fotos kann die geneigte Leserin aber schon ablesen: Zufrieden bin ich nicht.
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Der Rock hat eine etwas verworrene Entwicklungsgeschichte. Sie begann damit, dass ich mir rote Schnürschuhe bei Kleiderkreisel bestellte, die sich dann, als sie ankamen, als sehr schön und sehr himbeerrot herausstellten. Ich mag Himbeerrot. Aber ich hatte tatsächlich exakt kein passendes Kleidungsstück im Schrank. Also musste nun Kleidung für die neuen Schuhe her. (ja, ich habe auch NOCH ein Paar Himbeerschuhe bestellt.) Bei meinem Alfatex-Beutezug bei dem ich den Stoff für marrus gekauft habe, wanderte daher auch der Stoff dieses Rockes in meine Tüte mit dem Plan daraus einen Tellerrock zu nähen. Dann waren wir auf einer Hochzeit, zu der ich einen sehr geliebten schwarzen H&M-Faltenrock trug und ich beschloss, dass ich doch nochmal einen Faltenrock-Versuch machen sollte. Denn ich liebe das Aussehen von Faltenröcken. Ich mag nur die meisten davon so gar nicht an mir. Meine bisherigen Faltenröcke sind alle direkt nach Fertigstellung entsorgt worden, es klappte einfach nicht. Aber dieser eine Rock, der ist toll, sowas muss sich doch hinkriegen lassen. Er hat eine sehr ausgeklügelte Kombi aus Keller- und Andersrum (wie heißt das???)-Falten und Taschen im Faltenboden, der nach vorn verlegten Seitennaht. Dann fiel mir die Fashion Style April (?) in die Hände, darin dieser Schnitt. Und weil ja der Stoff, die Himbeerschuhe usw. da waren, beschloss ich, einfach noch mal einem Faltenrock-Schnitt eine Chance zu geben, bevor ich mir die Mühe mache, den geliebten Rock nachzukonstruieren. Dödöööö. Weitere Monate später war dann auch der Schnitt abgepaust, der Stoff gewaschen und ein Nähkränzchen angesetzt und ich nähte den Rock. Aufmerksame Leserinnen haben ihn schon in den Sonntagsfotos von vor 2 Wochen gefunden. Das nähen gelang nicht unbedingt reibungslos. Ich trennte jede Naht, zum Teil mehrfach, was aber nicht am Rock oder der Anleitung lag, sondern daran, dass ich nicht in die Anleitung schaute, dafür aber recht viel quatschte. Außerdem stimmten der Rock in meinem Kopf und der im Heft einfach nicht überein. So versuchte ich, den innenliegenden Bundbeleg oben als Bund anzunähen, weil ich einfach dachte, es müsse einen Bund geben, der aber gar nicht da ist. Und ähnliches. Am Ende war der Rock fertig, aber monster zu groß und vor allem fast knöchellang. Das hab ich bei der Knip manchmal, aber so krass noch nie. Ich kürzte als um 18 (!) cm und nähte ihn noch ordentlich enger so dass er eine tragbare Form erhielt. Aber mehr halt auch nicht.
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Er ist immernoch zu weit, sitzt für meinen Geschmack zu hüftig und ist deshalb auch wieder zu lang. Das bundlose Dasein finde ich auch höchst irritierend, dadurch dreht er sich beim gehen und ich muss das Shirt darübertragen. Und ich finde er hat auch viel zu wenig Falten und die springen genau an der breitesten Stelle meiner Hüfte auf. Hmpf. Das ist nicht, was ich mir wünsche. Aber ich hab auch nicht so viel Lust nochmal zu ändern, denn ich hab noch zwei Röcke zu flicken und sowas macht einfach keinen Spaß. Also trag ich ihn erstmal so. Ich hab aber auch kein Shirt, das richtig gut passt. Dieses ist eigentlich zu pink und trotzdem immernoch besser als alle anderen. Aber meine Motivation ein passendes Shirt zu nähen, hält sich auch in Grenzen. Ihr seht: Ich mag ihn nicht, den Faltenrock. Aber ich habe natürlich ein bisschen was darüber gelernt, wie ein Faltenrock sein sollte. Also probier ich es halt bald mal wieder… oder eben nicht.
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Einen Hinweis in eigener Sache möchte ich aber noch unterbringen: Ich habe gestern einen Post zur Aktion „Blogger für Flüchtlinge“ beigetragen, und weil der jetzt durch den MMM-Post im Blog nach unten rutscht, möchte ich ihn hier nochmal explizit verlinken, denn die Sache ist (mir) wichtig.

Und jetzt ein letzter Hauch vom Sommer bei MMM.

#bloggerfuerfluechtlinge: Kurzsichtigkeit und Geschichtsvergessenheit

Blogger für Flüchtlinge-Logo

Im Internet tummeln sich – neben braunem Mob und anderen zu umgehenden Gruppierungen – ein Haufen tolle Menschen. Sehr viele haben sich bereits der Initiative „Blogger für Flüchtlinge“ angeschlossen, die Spenden sammelt für Flüchtlinge und vor allem auch eine breite und bunte Front gegen rechts  im Netz formiert und unter dem Hashtag #bloggerfuerfluechtlinge haben viele ihre sehr persönlichen Meinungen und Ansichten zur derzeitigen „Flüchtlingskrise“ veröffentlicht. Und es lohnt sich sehr, da hinein zu lesen. Viele der Blogposts haben mich tief berührt. Eindrücke von Helfern, die selbst hart zu knabbern haben an dem, was sie in den Aufnahmestellen, insbesondere in Berlin, erleben genauso wie persönliche Einblicke in Fluchtgeschichte in der Familie, dem Bekanntenkreis oder auch dieser Post mit einer naheliegenden Parallele, die uns aufzeigt, wie zerbrechlich unsere heile Welt ist. Ähnlich und genauso schmerzhaft: dieses virale Video. Ich finde es sehr wichtig, diese vielen Posts, auch wenn sie mich wirklich tief treffen, zu lesen. Ich sitze teilweise weinend vor dem Handy oder dem Rechner. Und bin sprachlos, ungläubig, dass es nicht jeder und jedem so geht. Wenn ich im Bus, im Supermarkt, im Internet mitbekomme, dass „die ja nur hier her kommen wegen des Taschengeldes“, „die ja hätten wissen können, dass hier auch nicht alles rosig ist“ oder „die eh alle kriminell sind und nur an unser Geld und unsere Jobs wollen“. Ich kann das wirklich nicht glauben. Hass und Gewalt gegenüber Menschen, die schon alles, wirklich alles, verloren haben ist etwas, das ich weder emotional noch kognitiv fassen kann. Ich kann das nicht verstehen.  Und glücklicherweise gibt es ja wirklich viele Menschen, die sich ein Herz fassen, etwas tun, Vorbehalte überwinden und einfach mal anfangen. Hier in unserer Stadt zum Beispiel hat sich gleich mal ein Verein gegründet, alles läuft total reibungslos und es werden nicht mal mehr Sachspenden gesucht, weil so schnell aller Bedarf gedeckt werden konnte. Sehr viele ehrenamtliche Helfer sorgen dafür, dass Notunterkünfte laufen, Kleider sortiert und ausgegeben werden, Essen verteilt wird und Spenden ihren Bestimmungsort erreichen. Es formieren sich Facebook-Gruppen, die Hilfe koordinieren, Vereine, die als Ansprechpartner dienen usw. Das ist ziemlich toll und macht mich sehr froh, denn so sollte es doch sein, oder? Dass geholfen wird, wenn Hilfe gebraucht wird und die die können, denen helfen, die gerade nicht können.

Bei all der Freude über die große Resonanz für Hilfsaufrufe, das Engagement und die breite Front gegen rechts, kann ich aber natürlich den Kopf nicht abschalten. So bin ich. Denn natürlich läuft vieles ganz und gar nicht rund. Und das ist sicher am allerwenigsten die Schuld der Flüchtlinge. Viele Städte und Gemeinden sind mit der Menge an Flüchtlingen maßlos überfordert. Und die Länder, in denen die Flüchtlinge europäischen Boden betreten, Griechenland, Italien, Spanien, Ungarn noch viel mehr. Und erst recht die nicht-europäischen Länder an den europäischen Außengrenzen, die quasi als Durchgangsstraße des Flüchtlingsstroms zur Sackgasse oder zumindest zum Flaschenhals werden. Und hätte es denn so weit kommen müssen? Dass wir einen Zaun bauen, wo nicht eh ein Meer ist? Dass Flüchtlinge an den Rändern Europas verdursten? Dass auf deutschem Boden bei Registrierungsstellen Menschen ohne Nahrung, Dach und sanitäre Notversorgung tagelang ausharren? Dass recht sicher Menschen über den Winter in Zelten schlafen werden, weil die Containerproduktion nicht nachkommt? Ich glaube nicht.

Denn ich kann ein wenig weiter als gestern zurückdenken. Zum Beispiel vor etwa einem Jahr, da kursierte im Internet diese sehr sehr berührende Fotoreportage, wo ein Fotograf die Schuhe von syrischen Flüchtlingen fotografiert hatte. Und da dachten wir alle „oh krass“. Und da wurde um Spenden gebeten, damit die UN und diverse NGOs die Flüchtlingslager im Libanon, in Jordanien und in der Türkei mit Decken ausstatten und den um sich greifenden Seuchen Herr werden konnten. Und ist seitdem die Lage in Syrien besser geworden? Oder in einem der anderen Länder der Region? Wohl kaum. Was hat uns also glauben machen, dass die Millionen Syrer auf der Flucht alle irgendwo friedlich sitzen bleiben? In einer Region die gebeutelt und erschöpft und zudem klimatisch unwirtlich ist. Wir hätten schon darauf kommen können, dass die Leute versuchen würden, wohin zu kommen, wo es wirklich sicher ist. Nicht nur wohin wo es etwas weniger unsicher ist.

Und als reihenweise Boote im Mittelmeer kenterten. Haben wir da aufgemerkt und sofort eine europaweit koordinierte Flüchtlings-Verteilung anlaufen lassen? Haben wir sofort Unterkünfte und Registrierungsstellen aufgerüstet und haufenweise Menschen mit arabisch-Kenntnissen ausgestattet? Oder uns die Hilfe von bereits hier lebenden Arabern erschlossen? Nein. Vermutlich dachten wird, dass Italien einen Anbau an Lampedusa macht, und da bleiben die dann alle. Umzäunt am besten. Oder dass Griechenland das schon bürokratisch und finanziell hinkriegen würde, dass alle dort angelandeten dort auch registriert werden. Und Ungarn natürlich auch. Sind ja alles sehr reiche, gut organisierte Staaten ohne eigene Probleme, die das schon für uns wuppen können.

Und die angeblichen Wirtschaftsflüchtlinge aus dem Balkan. Diese bösen Asylbetrüger, die in krimineller Absicht nach hier kommen, obwohl ihr Land doch ein sicheres Herkunftsland ist. Europa hat die Unabhängigkeit des Kosovo stark unterstützt, im vollen Wissen, dass das Land keine funktionierende Wirtschaft, keine Infrastruktur hat, umgeben ist von Feinden und ohne fremde Hilfe nicht einen Monat überlebensfähig. Da konnte man sich auch mit wenig nachdenken ausmalen, dass die Situation dort nicht unbedingt rosiger und alle glücklich und zufrieden werden. Die EU kooperiert und verhandelt auch mit zahlreichen Balkanländern, schließt Assoziierungsabkommen, immer zum Wohle der Handelsbeziehungen und der Verbreitung des Euro als Sicherheitswährung. Und das, obwohl seit Jahren bekannt ist, in welchem Ausmaß die Roma in diesen Ländern diskriminiert, verfolgt und vertrieben werden. Auch im EU-Land Rumänien. Und dann wundern wir uns, dass diese Menschen ihr Glück woanders suchen, dass sie leichtgläubig Schleppern ihr Erspartes anvertrauen im Glauben, hier ein sicheres Einkommen, Ruhe vor Verfolgung und unendlichen Wohlstand zu finden? Das hätten die ja wissen können? Ja woher denn? Viele dieser Menschen wurden vom staatlichen Schulsystem ausgeschlossen in ihrem sicheren Herkunftsland, können weder lesen noch schreiben und haben keinen Zugang zu unabhängigen Medien. Und sie finden vermeintlich Hilfe, die einzige Hilfe, bei Schleppern, organisiert Kriminellen, Mafia und Banden. Weil sie keinen legalen Weg haben, ihre Situation zu verbessern. Nicht in ihren Heimatländern und nicht in Europa. Und dass da wenig unternommen wurde hat natürlich auch damit zu tun, weil Roma-Feindlichkeit auch in Südeuropa quasi institutionalisiert ist. Und außerdem eine jahrhundertealte Tradition hat. In ganz Europa.

Und zwar ist die gegenwärtige Flüchtlingswelle die größte seit dem zweiten Weltkrieg, so hört man. Aber ich zumindest erinnere mich daran, dass es auch in den 90ern mal eine große Flüchtlingswelle gab. Und die dazugehörigen Hass-Aktionen. Und haben wir aus dieser Zeit gelernt? Haben wir uns bemüht, das Asylgesetz und die Asylverfahren zu verbessern und europaweit zu vereinheitlichen? Haben wir in Erinnerung behalten, dass hunderte Flüchtlinge an einem Ort nicht besonders gut zu managen sind und zudem Unmut der Bevölkerung schüren? Und haben wir die damals aufgebaute Unterbringungs-Infrastruktur erhalten, ausgebaut und verbessert? Konzepte zur Integration entwickelt, Abläufe, wie möglichst schnell Schulbesuch, medizinische Versorgung, Unterbringung geregelt werden kann? Nein das haben wir nicht. Wir haben die Container verschrottet, den Mantel des Vergessens über Lichtenhagen et al. gebreitet und uns eingebildet, dass bestimmt gar nie mehr so viele Flüchtlinge kommen. Weil ja die Welt, wie wir alle wissen, ununterbrochen friedlicher geworden ist, seit den 90er Jahren.

Bekannte, die in der Kommunalpolitik aktiv sind, erzählen, dass viele Gemeinden monatelang den Kopf in den Sand gesteckt und die Entscheidung Unterkünfte einzurichten herausgeschoben haben, in der Hoffnung, es komme Unterstützung vom Land, vom Bund von sonst wem. Und nun sitzen wir da. Schönes Schlamassel.

Also bitte! Lernen wir. Dieses Mal wenigstens. Verbessern wir das Asylgesetz, schaffen wir legale Möglichkeiten nach Europa zu fliehen und europaweit einheitliche Asylverfahren. Schaffen wir ein Einwanderungsgesetz, das Zuwanderung ermöglicht. Sorgen wir für Integration nicht nur für Daseinsberechtigung. Und zwar vor allem von klein auf. Vor allem durch Bildung. Konservieren wir das Wissen, dass wir jetzt aus der Not heraus entwickeln und werfen es nicht wieder weg. Denn neben den vielen Krisenherden und der enormen Ungleichverteilung werden wir schon bald noch einen Grund sehen, seine Heimat zu verlassen: Dass es bald Gegenden in der Welt geben wird, wo die klimatischen Bedingungen ein Überleben nicht mehr möglich machen. Also besser schnell den Kopf aus dem Sand ziehen und zur Abwechslung mal was vorausschauendes tun. Bitte Regierung. Bitte Europa.