#bloggerfuerfluechtlinge: Kurzsichtigkeit und Geschichtsvergessenheit

Blogger für Flüchtlinge-Logo

Im Internet tummeln sich – neben braunem Mob und anderen zu umgehenden Gruppierungen – ein Haufen tolle Menschen. Sehr viele haben sich bereits der Initiative „Blogger für Flüchtlinge“ angeschlossen, die Spenden sammelt für Flüchtlinge und vor allem auch eine breite und bunte Front gegen rechts  im Netz formiert und unter dem Hashtag #bloggerfuerfluechtlinge haben viele ihre sehr persönlichen Meinungen und Ansichten zur derzeitigen „Flüchtlingskrise“ veröffentlicht. Und es lohnt sich sehr, da hinein zu lesen. Viele der Blogposts haben mich tief berührt. Eindrücke von Helfern, die selbst hart zu knabbern haben an dem, was sie in den Aufnahmestellen, insbesondere in Berlin, erleben genauso wie persönliche Einblicke in Fluchtgeschichte in der Familie, dem Bekanntenkreis oder auch dieser Post mit einer naheliegenden Parallele, die uns aufzeigt, wie zerbrechlich unsere heile Welt ist. Ähnlich und genauso schmerzhaft: dieses virale Video. Ich finde es sehr wichtig, diese vielen Posts, auch wenn sie mich wirklich tief treffen, zu lesen. Ich sitze teilweise weinend vor dem Handy oder dem Rechner. Und bin sprachlos, ungläubig, dass es nicht jeder und jedem so geht. Wenn ich im Bus, im Supermarkt, im Internet mitbekomme, dass „die ja nur hier her kommen wegen des Taschengeldes“, „die ja hätten wissen können, dass hier auch nicht alles rosig ist“ oder „die eh alle kriminell sind und nur an unser Geld und unsere Jobs wollen“. Ich kann das wirklich nicht glauben. Hass und Gewalt gegenüber Menschen, die schon alles, wirklich alles, verloren haben ist etwas, das ich weder emotional noch kognitiv fassen kann. Ich kann das nicht verstehen.  Und glücklicherweise gibt es ja wirklich viele Menschen, die sich ein Herz fassen, etwas tun, Vorbehalte überwinden und einfach mal anfangen. Hier in unserer Stadt zum Beispiel hat sich gleich mal ein Verein gegründet, alles läuft total reibungslos und es werden nicht mal mehr Sachspenden gesucht, weil so schnell aller Bedarf gedeckt werden konnte. Sehr viele ehrenamtliche Helfer sorgen dafür, dass Notunterkünfte laufen, Kleider sortiert und ausgegeben werden, Essen verteilt wird und Spenden ihren Bestimmungsort erreichen. Es formieren sich Facebook-Gruppen, die Hilfe koordinieren, Vereine, die als Ansprechpartner dienen usw. Das ist ziemlich toll und macht mich sehr froh, denn so sollte es doch sein, oder? Dass geholfen wird, wenn Hilfe gebraucht wird und die die können, denen helfen, die gerade nicht können.

Bei all der Freude über die große Resonanz für Hilfsaufrufe, das Engagement und die breite Front gegen rechts, kann ich aber natürlich den Kopf nicht abschalten. So bin ich. Denn natürlich läuft vieles ganz und gar nicht rund. Und das ist sicher am allerwenigsten die Schuld der Flüchtlinge. Viele Städte und Gemeinden sind mit der Menge an Flüchtlingen maßlos überfordert. Und die Länder, in denen die Flüchtlinge europäischen Boden betreten, Griechenland, Italien, Spanien, Ungarn noch viel mehr. Und erst recht die nicht-europäischen Länder an den europäischen Außengrenzen, die quasi als Durchgangsstraße des Flüchtlingsstroms zur Sackgasse oder zumindest zum Flaschenhals werden. Und hätte es denn so weit kommen müssen? Dass wir einen Zaun bauen, wo nicht eh ein Meer ist? Dass Flüchtlinge an den Rändern Europas verdursten? Dass auf deutschem Boden bei Registrierungsstellen Menschen ohne Nahrung, Dach und sanitäre Notversorgung tagelang ausharren? Dass recht sicher Menschen über den Winter in Zelten schlafen werden, weil die Containerproduktion nicht nachkommt? Ich glaube nicht.

Denn ich kann ein wenig weiter als gestern zurückdenken. Zum Beispiel vor etwa einem Jahr, da kursierte im Internet diese sehr sehr berührende Fotoreportage, wo ein Fotograf die Schuhe von syrischen Flüchtlingen fotografiert hatte. Und da dachten wir alle „oh krass“. Und da wurde um Spenden gebeten, damit die UN und diverse NGOs die Flüchtlingslager im Libanon, in Jordanien und in der Türkei mit Decken ausstatten und den um sich greifenden Seuchen Herr werden konnten. Und ist seitdem die Lage in Syrien besser geworden? Oder in einem der anderen Länder der Region? Wohl kaum. Was hat uns also glauben machen, dass die Millionen Syrer auf der Flucht alle irgendwo friedlich sitzen bleiben? In einer Region die gebeutelt und erschöpft und zudem klimatisch unwirtlich ist. Wir hätten schon darauf kommen können, dass die Leute versuchen würden, wohin zu kommen, wo es wirklich sicher ist. Nicht nur wohin wo es etwas weniger unsicher ist.

Und als reihenweise Boote im Mittelmeer kenterten. Haben wir da aufgemerkt und sofort eine europaweit koordinierte Flüchtlings-Verteilung anlaufen lassen? Haben wir sofort Unterkünfte und Registrierungsstellen aufgerüstet und haufenweise Menschen mit arabisch-Kenntnissen ausgestattet? Oder uns die Hilfe von bereits hier lebenden Arabern erschlossen? Nein. Vermutlich dachten wird, dass Italien einen Anbau an Lampedusa macht, und da bleiben die dann alle. Umzäunt am besten. Oder dass Griechenland das schon bürokratisch und finanziell hinkriegen würde, dass alle dort angelandeten dort auch registriert werden. Und Ungarn natürlich auch. Sind ja alles sehr reiche, gut organisierte Staaten ohne eigene Probleme, die das schon für uns wuppen können.

Und die angeblichen Wirtschaftsflüchtlinge aus dem Balkan. Diese bösen Asylbetrüger, die in krimineller Absicht nach hier kommen, obwohl ihr Land doch ein sicheres Herkunftsland ist. Europa hat die Unabhängigkeit des Kosovo stark unterstützt, im vollen Wissen, dass das Land keine funktionierende Wirtschaft, keine Infrastruktur hat, umgeben ist von Feinden und ohne fremde Hilfe nicht einen Monat überlebensfähig. Da konnte man sich auch mit wenig nachdenken ausmalen, dass die Situation dort nicht unbedingt rosiger und alle glücklich und zufrieden werden. Die EU kooperiert und verhandelt auch mit zahlreichen Balkanländern, schließt Assoziierungsabkommen, immer zum Wohle der Handelsbeziehungen und der Verbreitung des Euro als Sicherheitswährung. Und das, obwohl seit Jahren bekannt ist, in welchem Ausmaß die Roma in diesen Ländern diskriminiert, verfolgt und vertrieben werden. Auch im EU-Land Rumänien. Und dann wundern wir uns, dass diese Menschen ihr Glück woanders suchen, dass sie leichtgläubig Schleppern ihr Erspartes anvertrauen im Glauben, hier ein sicheres Einkommen, Ruhe vor Verfolgung und unendlichen Wohlstand zu finden? Das hätten die ja wissen können? Ja woher denn? Viele dieser Menschen wurden vom staatlichen Schulsystem ausgeschlossen in ihrem sicheren Herkunftsland, können weder lesen noch schreiben und haben keinen Zugang zu unabhängigen Medien. Und sie finden vermeintlich Hilfe, die einzige Hilfe, bei Schleppern, organisiert Kriminellen, Mafia und Banden. Weil sie keinen legalen Weg haben, ihre Situation zu verbessern. Nicht in ihren Heimatländern und nicht in Europa. Und dass da wenig unternommen wurde hat natürlich auch damit zu tun, weil Roma-Feindlichkeit auch in Südeuropa quasi institutionalisiert ist. Und außerdem eine jahrhundertealte Tradition hat. In ganz Europa.

Und zwar ist die gegenwärtige Flüchtlingswelle die größte seit dem zweiten Weltkrieg, so hört man. Aber ich zumindest erinnere mich daran, dass es auch in den 90ern mal eine große Flüchtlingswelle gab. Und die dazugehörigen Hass-Aktionen. Und haben wir aus dieser Zeit gelernt? Haben wir uns bemüht, das Asylgesetz und die Asylverfahren zu verbessern und europaweit zu vereinheitlichen? Haben wir in Erinnerung behalten, dass hunderte Flüchtlinge an einem Ort nicht besonders gut zu managen sind und zudem Unmut der Bevölkerung schüren? Und haben wir die damals aufgebaute Unterbringungs-Infrastruktur erhalten, ausgebaut und verbessert? Konzepte zur Integration entwickelt, Abläufe, wie möglichst schnell Schulbesuch, medizinische Versorgung, Unterbringung geregelt werden kann? Nein das haben wir nicht. Wir haben die Container verschrottet, den Mantel des Vergessens über Lichtenhagen et al. gebreitet und uns eingebildet, dass bestimmt gar nie mehr so viele Flüchtlinge kommen. Weil ja die Welt, wie wir alle wissen, ununterbrochen friedlicher geworden ist, seit den 90er Jahren.

Bekannte, die in der Kommunalpolitik aktiv sind, erzählen, dass viele Gemeinden monatelang den Kopf in den Sand gesteckt und die Entscheidung Unterkünfte einzurichten herausgeschoben haben, in der Hoffnung, es komme Unterstützung vom Land, vom Bund von sonst wem. Und nun sitzen wir da. Schönes Schlamassel.

Also bitte! Lernen wir. Dieses Mal wenigstens. Verbessern wir das Asylgesetz, schaffen wir legale Möglichkeiten nach Europa zu fliehen und europaweit einheitliche Asylverfahren. Schaffen wir ein Einwanderungsgesetz, das Zuwanderung ermöglicht. Sorgen wir für Integration nicht nur für Daseinsberechtigung. Und zwar vor allem von klein auf. Vor allem durch Bildung. Konservieren wir das Wissen, dass wir jetzt aus der Not heraus entwickeln und werfen es nicht wieder weg. Denn neben den vielen Krisenherden und der enormen Ungleichverteilung werden wir schon bald noch einen Grund sehen, seine Heimat zu verlassen: Dass es bald Gegenden in der Welt geben wird, wo die klimatischen Bedingungen ein Überleben nicht mehr möglich machen. Also besser schnell den Kopf aus dem Sand ziehen und zur Abwechslung mal was vorausschauendes tun. Bitte Regierung. Bitte Europa.

5 Gedanken zu “#bloggerfuerfluechtlinge: Kurzsichtigkeit und Geschichtsvergessenheit

  1. Stella schreibt:

    Viel zu lang haben alle die Augen verschlossen und solang das ja weit weg ist…hebe ich mir die Augen zu bin ich verschwunden. ..Gestern habe ich erfahren das unser Gemeinderat noch im Februar behauptet hat es gäbe keine
    Akute
    „Flüchtlingsthematik „.
    Furchtbar das alles…
    Danke für deine Gedanken.
    Auch hier im Dorf gibt es viel zu reden und viel zu tun in den Köpfen! !
    Liebe Grüße
    Stella

  2. frifris schreibt:

    Dem kann ich nur voll und ganz zustimmen – es war so lange schon absehbar, es bleibt auf Dauer so und es würde sich so sehr lohnen, es einfach grundsätzlich richtig zu machen! Abgesehen davon verlangen das die Menschenrechte und die Menschenwürde.
    LG frifris

  3. lottiekamel schreibt:

    Danke hast du das geschrieben. Ich bin noch immer sprachlos ob der Ansichten mancher Leute, in der Schweiz nimmt es zum Glück (noch) nicht solche Anmasse an wie momentan in anderen Ländern. Und bin gleichzeitig sehr gerührt, wie viele Leute (nur schon aus der Bloggerszene) tatkräftig mithelfen und entweder mit Worten oder mit Taten Solidarität zeigen.

Danke für deinen Kommentar! Ich freue mich sehr darüber!

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s