Gesprächskultur: Frauen, Männer, Academia, Business

Kollege J. und ich diskutieren recht oft und hitzig über Feminismus, Gleichberechtigung und die Repräsentanz von feministischer Debatte in den Medien. Dies beinhaltet, dass wir uns mit Artikeln bewerfen und diese dann beim Kaffee im Büro diskutieren. Letzte Woche brachte er mir einen Artikel aus der Financial Times mit, der den Titel trägt: „Competitive dinner parties highlight the gender divide„. Die Autorin beschreibt darin ihre Beobachtung, dass sobald auf einer (semi-)beruflichen Abendveranstaltung die Diskussion in der Gruppe und nicht bilateral mit den direkten Nachbarn geführt wird, Männer sich eher hervortun und Frauen sich eher zurückhalten. Ausgehend von ihrem eigenen Gefühl von Unwohlsein in einer kompetitiven Gruppengesprächssituation beschreibt sie, dass es anderen Frauen scheinbar genauso gehe, Männern aber nicht. Sie zieht einen Bogen zu Geschlechts-getrennten Buchclubs und schließlich zu Diskussionen in Unternehmenskontexten wie Teammeetings. Sie schlussfolgert, dass Frauen offenbar eine andere Gesprächskultur pflegen als Männer und dass auch eine höhere Teilhabe von Frauen in Führungspositionen bisher nicht dazu führen konnte, dass sich die Gesprächskultur in diese Richtung wandelt.
Der Artikel ließ mich zunächst etwas ratlos zurück. Ich bin weder je in meinem Leben auf einer solchen Dinnerparty noch in einem Buchclub noch in einer Führungsposition in einem Konzern gewesen. Doch dann erinnerte ich mich an ein Gespräch mit 3 ehemaligen Kommilitoninnen, die nach der Promotion in die Wirtschaft gegangen sind über die Unterschiede des Arbeitens in Wirtschaft und Academia. Und dabei wurde von allen dreien als einer der wenigen Nachteile am Arbeiten in der Wirtschaft ein sehr ähnliches Faktum genannt. Nämlich die Tatsache, dass es im Unternehmenskontext als schwach angesehen wird, wenn man auf eine Frage nicht sofort eine Antwort hat, sondern erst nach schauen oder recherchieren möchte, und dass deshalb oft von Gesprächspartnern einfach wortreich leerer Unsinn geantwortet wird, der zwar nicht weiter hilft aber eben nicht ‚keine Antwort‘ ist. Dies, so waren wir uns alle einig, ist im akademischen Diskussionskontext eher anders. Ich hörte raus, dass meine Freundinnen dieses Verhalten vor allem an Männern beobachten, aber den Eindruck haben, dies werde von ihnen auch erwartet.
Tatsächlich erinnerte ich mich dann an immer mehr Gelegenheiten bei Konferenzen, Kolloquien und Workshops im akademischen Umfeld und kann wirklich nicht sagen, dass mir bei solchen Gelegenheiten aufgefallen wäre, dass Frauen sich unwohl fühlen und aus der Situation zurückziehen. Obwohl natürlich hier auch immer ein beruflicher Wettbewerb und Profilierung im Spiel ist. Nun kann dieser Unterschied, sofern er denn da ist, natürlich zwei Gründe haben:
A) Wissenschaftlerinnen sind kompetitivere Frauen und haben deshalb Spaß daran, sich in der Gruppe zu ‚messen‘
B) Die Gesprächssituation ist anders weswegen Frauen hier kein Unwohlsein ob der öffentlichen Diskussion empfinden.

Ich halte These A) für Schwachsinn. Um es in einem Unternehmen so weit zu bringen, dass man mit wichtigen Leuten bei seinem Chef zum Essen eingeladen wird, muss man vermutlich auch ein relativ kompetitives Naturell haben und ich kenne viele Wissenschaftler_innen, die erfrischend unkompetitiv sind.

An These B) ist aber was dran. Der kritische Diskurs ist eins der Kernstücke von Wissenschaft. Wissenschaft funktioniert nicht ohne Auseinandersetzung. Forschung ist nichts wert, wenn niemand von ihr erfährt. Entsprechend wachsen wir, schon im Studium (heute leider zu wenig) in das Diskutieren hinein. Und wir lernen dabei hoffentlich, wenn wir eine gute Wissenschaftskultur lernen, eins: es geht um die Sache, nicht um die Person. Eine gute wissenschaftliche Diskussion profitiert von Pluralität und schätzt den Beitrag jeder einzelnen wert. Und damit gerät der kompetitive Aspekt von allein in den Hintergrund. Ich bin mir natürlich zumeist schmerzlich bewusst, dass ich meine Ideen vertrete und verteidige auch, um sie in einflussreichen Zeitschriften unterzubringen und dass ich diese Publikationen brauche, um eine Zukunft in diesem Beruf zu haben. Aber ich hoffe und glaube zumeist, dass mein Beitrag in der Diskussion zuerst und oberst dazu dient diese selbst weiterzubringen – unsere gemeinsame Sache gewissermaßen. Und damit ist es gut und richtig, zu sagen ‚hier kann ich nix zu sagen‘ und aber bei dem, was ich beurteilen kann, dafür auch was zu sagen.

Und warum erzähle ich das hier in epischer Breite? Weil ich finde, an dieser Stelle mag zwar die Beobachtung des Genderunterschieds in der Gesprächskultur richtig sein, es ist aber der Sache nicht dienlich, es darauf zu beschränken. Wichtiger als zu fordern, dass Diskussionen im Unternehmenskontext (und Politikkontext?) ‚weiblicher‘ – und damit bilateraler, so die Autorin – werden, wäre zu fordern, dass Diskussionen kooperativer werden, dass sie die gemeinsame Sache im Blick haben und den Beitrag jeder/jedes Einzelnen zur gemeinsamen Lösung des Problems wertschätzen. Das würde Unternehmen und Gesellschaft voran bringen. Denn eine Diskussion, die in erster Linie als Plattform zur Profilierung empfunden wird, ist, egal wer sich daran beteiligt, mutmaßlich nicht sehr sachdienlich.

Was denkt ihr? Agreed?

P.S.: nähnerds haben übrigens die allerbeste Diskussionskultur von allen.

5 Gedanken zu “Gesprächskultur: Frauen, Männer, Academia, Business

  1. Mrs Go schreibt:

    Ja, irgendwie habe ich auch den Eindruck, dass in der Wissenschaft eher Frauen zu finden sind, die mit konstruktiven Bemerkungen weniger hinter den Berg halten. Das Wissen ist da und abrufbereit. In der freien Wirtschaft dagegen merke ich, dass meine Kolleginnen eher zurückhaltend sind und sich weniger an Gesprächen beteiligen – außer mir kommt aber auch keine aus der Wissenschaft. Ich vermute mal, dass sich Frauen in der Wirtschaft öfter zurück halten, weil sie das geckenhafte rethorische Aufgeplustere der Männer lächerlich finden und meinen, da nicht mithalten zu müssen. Ich kann mir aber gut vorstellen, dass die Ursprünge für die Gesprächskultur, die Du beobachtet hast, immer noch und bereits ganz früh, bei der Erziehung von Mädchen und Jungen angelegt wird – wahrscheinlich auch unbewusst…
    LG – Mrs Go

  2. stella schreibt:

    Ich arbeite weder in dem einen, noch in dem anderen Bereich, aber das Frauen sich in Gesprächskreisen zurückhalten erlebe ich jeden Tag.Nicht weil sie nichts zum Thema beizutragen hätten, sondern weil Männer ihnen keinen Raum lassen, oder ihre Gedanken schon per se abwerten….Da muss man bereit sein einzustecken, zu parieren und auszuteilen. Das kann jetzt auch nicht jeder.Allerdings glaube ich wenn man etwas wissenschaftliches studiert hat, ist man näher an trial and error und an Fakten dran.Da gibt’s nicht viel zu glauben, sondern da zählt die empirische Sammlung an Daten, Querverweisen und Fußnoten. Das alles in ein Gespräch einzubringen, bedeutet auch auf zack zu sein und einen grossen Background zu haben.
    Vielleicht macht das selbstsicherer. …..In der freien Wirtschaft geht es doch oft auch um Selbstdarstellung und Verkauf seiner Ideen, da sind die Buddies halt mit viel heisser Luft vorne mit dabei..ich glaube das ist vielen Frauen zu blöd, und lächeln freundlich.
    Das ist aber eine Falle, weil dann denken die Männer wieder ach die hat nix auf dem Kasten….
    Und es gibt viele Männer die können auch mit Frauen die einen Standpunkt haben und ihn auch vertreten nix anfangen, bzw.tun sich schwer…
    Ob das jetzt aber ein ländliches oder ein allgemeines Problem ist weiss ich auch nicht….
    Liebe Grüße
    Stella

  3. mit heisser nadel schreibt:

    So groß scheint mir manchmal der Unterschied zwischen den Bereichen gar nicht zu sein. Auch in der Wissenschaft kenne ich Leute, die erst einmal abwarten, nachprüfen wollen und solche, die zu allem etwas zu sagen haben, besonders bei Tagungen. Da wird zu jedem Vortrag eine Frage gestellt.
    Vielleicht erlebt man es in der Wirtschaft nur unmittelbarer. Der Unterschied findet sich auf jeden Fall in den Umgangsformen. Der wissenschaftliche Diskurs folgt Regeln, die Männern und Frauen bekannt sind, und die beiden Gruppen auch behagen. In der Wirtschaft sind die
    Hahnenkämpfe irgendwie mehr ego-kodiert: Wer spricht länger, wer unterbricht wen und wen darf ich auf keinen Fall in den Schatten stellen. Frauen tun sich mit Machtspielen sehr schwer, während Männer seit frühester Kindheit sowohl die Ausführung geübt haben als auch die Regeln verinnerlicht.
    Viele Grüße,
    Katharina

  4. Julia schreibt:

    Ich schreibe jetzt mal etwas provokant und aus meiner subjektiven Beobachtung heraus. Wenn die Diskussion nur dazu dient, sich selbst zu profilieren oder eben diese so umgelenkt wird, dass es nur noch darum geht, dann sind Männer am Zug. Das war bei uns schon in der Schule so, später im Kollegenkreis an der Uni und jetzt erlebe ich das so auch im Gemeinderat. Ich denke, dass diese nicht zielführenden Diskussionen auch nur von Männern geführt werden können, weil sie ihre Zeit anders verwalten. Den Frauen ist es wichtig, möglichst viel in der beschränkten Zeit zu schaffen, schließlich ist Zuhause auch noch viel zu tun und zu kümmern. Männer sehen diese Zeit der unnützen Diskussionen nicht als verloren an, schließlich diente es ja der eigenen Person. Natürlich stimmen meine Beobachtungen nicht für alles Männer, aber wenn wer so agiert, dann ist er männlich.
    Viele Grüße
    Julia

  5. anne schreibt:

    Ich denke, es gibt einige Frauen, die im Beruf versuchen, bei diesen Diskussionen mitzuhalten, schließlich wollen sie beruflich weiterkommen. Aber das ist anstrengend. Ich hatte mal eine Chefin, die genauso mit diskutiert hat. Mit noch mehr heißer Luft dahinter, als bei den männlichen Kollegen. Ganz ehrlich, sie wurde erst recht nicht ernst genommen. Du schreibst, in dem Artikel ginge es um semi-berufliche Veranstaltungen. Möglicherweise will frau bei diesen auch einfach mal Pause machen vom „geckenhafte rethorische Aufgeplustere“, wie Ms Go schreibt 😉
    Im Moment arbeite ich in einer kleineren Firma als vorher und hier ist es tatsächlich angenehmer diesbezüglich. Früher war es schon schwer, in die Diskussionsrunden überhaupt reinzukommen, geschweige denn als gleichwertig angesehen zu werden. Wobei ich denke, dass die Chefin damals auch einiges versaut hat, die ganze Abteilung hatte es schwer ernstgenommen zu werden, egal mit wievielen Fakten.

    LG
    anne

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