Me made Mittwoch: Nina Cardigan #projektbrotundbutter

Heute, ganz ausnahmsweise, ein Outfit von Montag. Denn da trug ich meinen neuen Nina Cardigan über altem und geliebten Stoffwechselkleid.
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Ich habe im letzten Jahr einen Nina Cardigan (Style Arc) aus draußen kompatibel dickem Strickstoff für meine Schwester zum Geburtstag genäht. Seitdem will ich eigentlich einen eigenen. Aber es brauchte die Einsicht, dass mir Garderoben-Staples fehlen, bis ich endlich einen nähte. Letzte Woche. Seitdem trage ich ihn quasi ununterbrochen. Und was war der flott genäht. 2 Stunden.

Ich habe den Schnitt in Gr. 36, schneide allerdings Hip Band und Upper Back im Bruch zu und gebe an den Seitennähten je 1cm zu.

Ich finde den Schnitt grandios, weil die Jacke so schön tailliert fällt und deshalb auch mit ausgestellten Kleidern gut kombinierbar ist.
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Den Stoff habe ich als Coupon in Paris gekauft. Der Preis spricht für Polytier, er knistert aber nicht und fühlt sich gut an. Wegen des filigranen Stoffes habe ich die Kanten geoverlockt und dann schmal umgeschlagen abgesteppt. Das sah einfach stimmiger aus als ein Overlockabschluss. Ein zweiter Nina Cardigan aus rotem Walk ist schon zugeschnitten.
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Das Kleid habe ich im Rahmen des ersten Stoffwechsels aus Stoff von FrauCrafteln genäht und ich trage es im Herbst und Frühjahr mit Strumpfhose und Stiefeln fast lieber als im Sommer. Ich mag es sehr.

Und passt das nicht perfekt? FrauCrafteln führt heute auch den Me made Mittwoch an. Und zwar bravourös.

Sonntagsbilder #11/2015

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Dank Zeitumstellung waren wir sehr früh wach. Viel Zeit zum Büchergucken und Duplo bauen (hier im Bild die enorm praktische Kombination aus Stall und Feuerwehr mit Garage neben dran). Und ja, ich habe länger meine Schnittmuster nicht zurück sortiert (und nicht gebügelt) – – jetzt aber. Nach ausgiebigem Frühstück wurden Unterwegsbrote und Unterwegs-Smoothie bereitet und es ging zum Schloss Raesfeld im Münsterland, wo es angrenzend an den Tiergarten des Schlosses, ein sehr schönes Naturerlebnisgelände mit Balancierpfaden und Niedrigseilgarten gibt (eine sehr explizite Empfehlung an Eltern kleiner Kinder im nördlichen und westlichen NRW). Sehr zur Freude des Minimensch, der im Glück balancierte, kletterte und über Wackelbrücken wankte. Das Schloss selbst ist ein Hotel und dort gab es dann für uns noch einen kalten und teuren Kaffee. Auf der Heimfahrt waren uns verschiedene Baustellen und Vollsperrungen im Weg, so dass außer Essen nur noch Baden drin (und nötig – Waldboden allüberall) war. Ente, Robbe und Robbe waren mit von der Partie. Das Kind schlief naturgemäß früh und schnell und ich widmete mich dem nächsten Rock im Projekt Brot und Butter, der durch die Stoff-Schnitt-Kombination Erinnerungen an die beiden wunderbaren nähnerds Frau Crafteln und Lotti vereint und schon jetzt ein doller Nähnerdflauschrock ist.

Lese- und Hörempfehlungen

Als ich in der Elternzeit unendlich viel Zeit zum lesen hatte, gab es hier ja mal so kommentierte Empfehlungen. Nun fahre ich ja neuerdings unfreiwillig viel Auto und dabei höre ich viele viele Podcasts. Da kann ich das empfehlen ja wieder aufgreifen.

Ich habe eigentlich alle Podcasts über einen feedcatcher abonniert, ich nutze Antenna Pod auf Android, allerdings wird die APP schon lang nicht mehr gepflegt und ich sollte mir mal eine neue suchen. Aber die meisten Podcasts kann man auch online über einen Player hören.

Zunächst natürlich für den vollkommen unwahrscheinlichen Fall, dass jemand von euch Muriels Nähpodcast nicht kennt: der Nähpodcast von nahtzugabe5cm.de – jeweils etwa eine Stunde also für mich eine Autofahrt. Und immer sehr hörenswert. An dieser Stelle auch nochmal ein expliziter Dank an Muriel für ihre viele Mühe, das ist wirklich toll, dass du das machst!

Auch immer etwa eine Stunde und sehr empfehlenswert für alle, die sich für feministische Themen interessieren und eine undogmatische und unaufgeregte Gesprächskultur zu schätzen wissen: der lila-podcast. Ich bin großer Fan. Auch von den drei Macherinnen und ihrer sonstigen Arbeit. Da kann ich direkt noch eine Leseempfehlung anhängen: „Bitte freimachen“ von Katrin Rönicke. Super Buch.

Seit ich mich auch beruflich ein wenig mit Osteuropa beschäftige, sauge  ich auch hier Informationen bereitwillig auf. Das hätte ich mal mit Katrin Rönickes anderem Podcast Erscheinungsraum Ost schon viel länger tun sollen. Sehr informativer Gesprächspodcast. Besonders die Folge über Bosnien-Herzegovina hat mir sehr gefallen.

Außer diesen Pauschalempfehlungen haben mir in jüngerer Zeit gefallen:
Der WDR 2-Montalk mit Renan Demirkan. Ich kannte sie vorher überhaupt nicht und weiß in keiner Weise, ob sie eine gute Schauspielerin ist, sie scheint aber ein sehr guter Mensch zu sein.

Gregor Gysis politische Ansichten sind sicher nicht immer meine, dennoch hat es mir enorm gefallen, ihm beim Montalk zu lauschen, ein wirklich wortgewandter Mensch. (Sendung vom 31.8.)

Und wusste jemand, dass Barack Obama eine Halbschwester hat, die seit vielen Jahrzehnten immer wieder in Deutschland lebt und arbeitet? Ich nicht. Umso besser, mehr von dieser wunderbaren Frau hören zu können. (Sendung vom 27.7.)
Alle Montalk-Folgen als mp3 gibt es hier.

Dann noch ein paar Podcasts mit Geschichtswissen. Das WDR Zeitzeichen ist jeweils eine Viertelstunde und oft sehr hörenswert. Hier bin ich allerdings ziemlich im Rückstand mit nachhören der täglichen features. Alle Folgen gibt es hier. In letzter Zeit gefielen mir besonders:
erster deutscher Hebammentag, sehr gelungenes Feature zur Geschichte des Hebammenberufes und der derzeitigen Situation (22.9.)

Unterzeichnung der KSZE-Schlussakte, hier fand ich eigentlich am erhellendsten als Hans-Dietrich Genscher sagte „ich war 23 Jahre Mitglied der deutschen Regierung“. (1.8.)

Geburtstag von Friedrich Engels (5.8.), dessen Rolle als Förderer von Karl Marx hier im Mittelpunkt steht.

Todestag von Karl Imhoff, dem Wasserbauingenieur, der die Wiederbelebung der Ruhr mit Hilfe der großen Stauseen initiiert hat (28.9.).

Geburtstag von Gertrud Luckner, die als Fluchthelferin im dritten Reich zahlreichen Juden die Ausreise ermöglicht und für Versorgung in den KZ gesorgt hat (26.9.)

Me made Mittwoch: Projekt Brot und Butter 1

Letzte Woche bloggte ich am Mittwoch Gedanken zur sogenannten Übergangsgarderobe. Also den Arbeitstieren im Kleiderschrank. Wenig beachtet aber zuverlässig. Brot und Butter. Heute kann ich dazu direkt Ergebnisse zeigen, was bin ich strebsam.

Heute ist ein sehr typischer Tag aus dem Vereinbarkeitshamsterrad. Ich habe eine ganztägige Coachingveranstaltung von der ich im Vorhinein nicht weiß, wer und was mich da erwartet. Zeitgleich ist der Mann auf Dienstreise und die Anschlussbetreuung muss also jetzt direkt mal den Ernstfall decken. Ich brauche also Kleidung, die semiformell genug ist, dass ich in einer unbekannten Gruppe OK reinpasse. Die bequem genug ist, Morgenroutine und Kitarun in der Sonderschwierigkeitsstufe ‚allein‘ zu meistern und die am besten auch noch als Rüstung taugt gegen die latente Awkwardness auf solchen Postdoc-Karriere-Vernetzungsevents.

Fotos gibt es nur in Eile vorm Spiegel heute.

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Der Rock ist frisch genäht. Es handelt sich um ein weiteres Exemplar des „Wahlsonntagsrocks“ aus der Knip 2/2013(?). Ich habe festgestellt, dass ich meine beiden Exemplare dieses Schnittes sehr viel trage, obwohl ich die Rockform jetzt nicht soooo sehr mag. Also hat er sich für’s Brot-und-Butter-Nähen qualifiziert qua Erfolg im Alltag.

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Den Stoff (Foto unten) habe ich beim Bloggerinnentreffen in Bielefeld vom Tauschtisch genommen. Bunte Nadelstreifen auf einem schwarzen Mischgewebe. Ich vermute viel Kunstfaser und viel Elasthan. Der Rock ist also bequem und hoffentlich pflegeleicht.

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Ich bin so OK zufrieden. Der Stoff ist weicher als meine anderen beiden Varianten, was den Rock zu weit und etwas labberig macht. Ich habe ihn recht rabiat gekürzt, weil er im Original überknielang war. Jetzt denke ich, 1cm länger wäre besser.

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Hier nun noch der Stoff, vielleicht erkennt ihn ja eine wieder?
Natürlich fehlt es an pinken und türkisen Oberteilen dazu, aber wir wollen nicht so viel meckern.

Die wunder-bezaubernde Ella tanzt heute beim MMM vor und zwar in einem Traumstoff. Guckt mal dort vorbei!

Wintermantel-Sewalong: Ich hänge vorm Start fest

Ja. Also. Ich habe direkt mal den zweiten und dritten Termin verpasst und es ist auch tatsächlich nichts hier passiert. Obwohl ich Stoffe und Schnitt habe und den Mantel auch sehr gern hätte… Ich bin vollkommen blockiert von der Taschenfrage. Zur Erinnerung: ich nähe den Abbey Coat von Jamie Christina. Und der Schnitt sieht leider keine Taschen vor. Und was macht denn ein Wollmantel ohne Taschen bitte für einen Sinn? Keinen. Richtig.

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Die einfachste Lösung wären Eingriffstaschen in der Prinzessnaht, aber mir kommt das Mittelteil zu schmal vor um da eine vernünftige Tasche unterzubringen. Also entweder in der Seitennaht, was mutmaßlich aufträgt, oder Patten- oder Paspeltaschen. Bei beiden bin ich aber sehr unsicher über die Position. Der Standard wäre ja schräger Eingriff. Aber irgendwie finde ich das dann ganz schön viele schräge Linien mit der geschwungenen Naht, dem geschwungenen Saum und einer schrägen Tasche.

Also hab ich überlegt, Pattentaschen mit fast horizontaler Positionierung zu machen, die Patte in den Nähten mit gefasst. Also ca so:

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Aber kann das aussehen? Traue ich mich in den Stoff zu schneiden wenn die Teile noch nicht mal zusammengenäht sind? Ich bin so unsicher, dass ich noch nicht mal zugeschnitten hab. Was denkt ihr? Doch lieber unsichtbar und ohne Risiko ab in die Seitennaht?

Immerhin habe ich in bester Prokrastinationseffizienz in der Zwischenzeit eine Kinderjacke, ein Kindershirt, 2 Shirts für mich, 1 Schlafshirt, 1 Rock und 1 Cardigan genäht. Alle anderen scheinen fokussierter, wie die Sammlung auf dem MMM Blog zeigt.

Sonntagssachen #10/2015

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Der Morgen begann mit puzzlen und Kuchenplanung beim Frühstück. Apfelkuchen natürlich. Es wurden ferner gemeinsam mit dem Minimensch Halstüchlein geresteverwertet. Am Nachmittag kam Besuch von des Minimenschen Patentante aka Freundin L. Der Kuchen wurde verspeist, das Kind bespielt und die Zeit verquatscht. Danach flott alles für Shawarma vorbereitet. Der Abend war gefüllt mit Apfelkompottproduktion (Es reißt nicht ab mit den Äpfeln) sowie dem sehr erfolgreichen Nähen eines beerenfarbenen Cardigans.

Me made Mittwoch: Übergangsalltagskleidung

Heute morgen konnte ich in aller Ruhe vor dem Kleiderschrank stehen und mein Outfit aussuchen, weil Mann und Kind verreist sind – leider hat das nicht zu einem besonders ausgefallenen Outfit geführt. Denn, das muss ich mir leider eingestehen, ich habe ca. 5 tragbare Outfits für dieses Wetter. Mindestens 3 davon bestehen aus einem Tellerrock und einem Shirt. So weit so langweilig. Heute also der Blaurock:

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Katarina überlegte diese Woche zu Stilgedanken und der Alltagstauglichkeit ihrer Kleidung. Bereits im Frühjahr dachte z.B. Luzie über Übergangskleidung nach, Lucy sinnierte darüber schon 2014. Alles auch Sachen an denen ich immer wieder grübele. De facto besteht mein Kleiderschrank gut zur Hälfte aus heißgeliebten Nischenprodukten. Also flattriges Sommerkleidern, die nur an ganz heißen Tagen ohne formale Anforderungen getragen werden können, wundervollen Wollkleidern, die zu warm sind für alles außer Polarexpeditionen und Röcken und Kleidern, die zwar schön und aus schönen Stoffen, aber unpraktisch sind, weil sie empfindlich, hell oder eng sind. Der Kleiderbedarf hingegen bewegt sich sehr stark in Richtung meines heutigen Outfits:

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De facto ist etwa 8 Monate des Jahres, mindestens, eher 9-10, sogenannte „Übergangszeit“, oder wie ich es nenne Frübst. Also genau dieses fast-kalte latent zugige eher graue und feuchte Wetter wie heute. Schon lang nicht mehr Sommerkleidung und noch lang nicht dicke Wollkleidung, sondern eben die Zeit des Zwiebellooks, der Strickjacken, Halbstiefel und Mischgewebekleidung. Wo man sich der Tendenz nach mehrmals täglich falsch angezogen fühlt. Eine Zeit, die man bei der Kleidungsplanung gern übersieht. Weil sie nicht schön ist. Sie ist nicht flattrig-leicht wie der Sommer, nicht kuschlig-kariert wie der Winter. Sie besteht aus zusammengestückelten Garderobenfragmenten, die wir vernünftig aber selten ganz herzig-toll finden. Stattdessen denken wir ab März nur noch an den Sommer und ab September an den Winter. Zumindest mich frustriert das dann beim Anblick des Kleiderschrankes etwas. Ich habe gerade 10 Sommerkleider und 10 Sommerröcke eingemottet und es warten ebensoviele Winterkleider, die aber eigentlich selbst im Winter oft zu dick sind. Und dazwischen stehen nur einige Röcke und zunehmend löchrig-dünne Shirts und ungeliebte Feinstrickpullis. Dabei ist es die Übergangs- oder eigentlich Jahreshauptbekleidung, die die Hauptrolle in der Kleidungsrealität spielen sollte. Und auch könnte, wenn man sie nicht so stiefkindlich behandeln würde. Denn nichts ist schlecht an Outfits wie meinem heutigen. Es gefällt mir eigentlich, es ist ein echtes Arbeits-Allround-Belastungs-Tier und treu, sehr treu.

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Der Rock ist mittlerweile zwei Jahre alt, aber aus einem wirklich absolut perfekten Stoff, eine robuste Viskose-Poly-Wollmischung in Leinenoptik (von Alfatex), der etwas wärmt, etwas Stand hat, problemlos waschbar ist und sich auch nach 2 Jahren in very heavy rotation nicht abnutzt. Zudem hoch kombinationsfreudig weil uni und in einer Farbe zu der gut die Hälfte meiner Shirts passt. Die Rock-Oberteil-Strickjacke-Kombi hat außerdem den Riesenvorteil, dass man bei Kontamination durch Kinderhände, Sandkasten oder ÖPNV einzelne Teile der Garderobe austauschen kann und sich nicht komplett umziehen muss. Und auch wenn ich andere Rockformen wie seichte A-Linie, Tulpenform und auch Bleistiftröcke mag, auch an mir, so greife ich dann doch oft zum Tellerrock. Weit genug um jede Bewegung mitzumachen, hat Taschen, trägt sich gut zu Shirt und Strickjacke aber auch zum Blazer, man kann noch 1-2 wärmende Unterröcke drunterstecken, alle Kinder lieben Drehröcke und im Notfall taugt er auch als Picknickdecke. Klar ist so ein Outfit ein Kompromiss, natürlich nähe und trage ich von Herzen gern Kleider. Aber ich habe eben auch nicht den Nerv mich 2-3 Mal am Tag umzuziehen, ein Bürooutfit, ein Draußenoutfit, ein Zuhauseoutfit… das ist mir zu viel Aufwand und zu viel Wäsche obendrein. Und auch wenn ich z.B. heute problemlos ein empfindliches Etuikleid hätte anziehen können – es ist eben gut einfach zu einem bewährten Teil zu greifen und keine Eventualitäten bedenken zu müssen.

Das Shirt ist von meinem letztjährigen Weihnachtsoutfit, genäht nach dem Schnitt Plantain von Deer & Doe, der sich für mich bewährt hat, aus Baumwolljersey und leider schon etwas verblasst und fadenscheinig. Auch dank heavy rotation. Es ist allerhöchste Zeit mal eine kleine Shirts-Serie zu fabrizieren. Und wohl auch noch 2-3 Röcke. Denn als dieser Rock wegen kaputten Reißverschlusses längere Zeit in der Flick-Kiste lag (immerhin hat er dadurch jetzt endlich einen passenden Bund) vermisste ich ihn doch recht schmerzlich.

Ich verlinke diese Gedanken und mein Outfit heute beim MMM wo Lucy auch ein altbewährtes Stück Übergangsgarderobe zeigt.

Rock: Knipmode 11/2012, hier zuerst gezeigt, Stoff: alfatex, Gr. 38, Bund von Simplicity 2451

Oberteil: Deer & Doe Plantain, hier zuerst gezeigt, gekürzt und verschmälert in 36, Stoff: Baumwolljersey von stoffkontor.eu

Nachhaltig, öko, fair – Was will ich und wie krieg ich es?

Angestoßen durch eine Diskussion bei Twitter zum Film „true costs“, den ich selbst nicht gesehen habe, möchte ich mein gesammeltes Wissen über Deklaration von „guten“ Textilien verbloggen, in der Hoffnung, dass ich damit vielleicht der einen oder anderen helfe, sich in der Frage „Wie konsumiere ich die Textilien, die ich guten Gewissens kaufen kann?“ zu orientieren. Ich habe mir diese Informationen teilweise im Rahmen eines Praktikums angelesen, in dem ich unter anderem mit fairtrade-Zertifizierung befasst war (allerdings für Lebensmittel) und dann einiges noch später, als ich mich mit schadstofffreien Babytextilien auseinandersetzte.

Ich denke, viele meiner Leserinnen* sind grundsätzlich konsumkritisch und nachhaltig eingestellt. Da liegt es nahe, sich Gedanken zu machen, woher unsere Textilien kommen, wer sie herstellt und unter welchen Bedingungen. Dabei haben die meisten vermutlich klar, was sie nicht wollen: Dass eine Firma ihr Geld bekommt, die asiatische Näherinnen in 12-18 Stundenschichten ohne Toiletten- und Esspausen in einsturzgefährdeten Gebäuden gefährliche Materialien verarbeiten lässt. Nun ist dieses Ziel leider gar nicht so einfach zu erreichen. Denn einerseits wird der weit überwiegende Teil der in Deutschland vertriebenen Kleidung in Asien hergestellt. Auch der teure Teil. Markenprodukte unterscheiden sich hier von Billigketten-Ware vor allem im Marketing-Budget und in den Kosten für aufwändige Filialausstattung, geringere Stückzahl, schnellere Kollektionswechsel und sowas. Sehr sicher kann gesagt werden, dass der Preis von Kleidung nur entsetzlich wenig über die Herstellungskosten sagt. (das gilt auch für Lebensmittel und viele andere Produkte, aber bei Kleidung ist es wohl mit am krassesten) Andererseits haben einige große Ketten, allen voran der Textilschwede, durchaus erkannt, dass Nachhaltigkeit ein Verkaufsargument ist und einstürzende und abbrennende Fabriken nicht ganz so gern gesehen werden und haben „nachhaltige“ Teile in ihre Kollektion aufgenommen. Ich persönlich empfinde das als ganz großen Kunden-Beschiss. Ich werde richtig aggressiv davon. Denn: wenn wenige Prozent der Kollektion nachhaltig sind, wie glaubwürdig ist dann, dass die Nachhaltigkeit ein Unternehmensanliegen ist? Für mich nicht sehr glaubwürdig. Wichtiger jedoch: die selbst-zertifizierte Nachhaltigkeit ist ein Feigenblatt. Sie umgeht etablierte Standards durch eigene, variabel gesetzte und interpretierte Ziele. Ich finde aber sehr wichtig, dass wir uns an einige grundsätzliche Dinge halten. Menschenrechte, Arbeiterrechte, Frauenrechte, Kinderrechte, Mitbestimmungsrechte und sowas. Die sind nicht zum Scherz da und auch keine Luxusgüter. Das sind Grundrechte und die gelten für alle universell und überall. Und es gibt Standards, die sind nicht hoch aber sichern zumindest das zu und wenn ein Unternehmen sich nichtmal an diese hält, wieviel ist dann eine Selbstverpflichtung oder Absichtserklärung wert? Doch ich möchte hier gar nicht soviel meine Meinung darstellen, sondern erstmal erklären, welche Standards es gibt, wie man diese überprüfen kann. Dann kann jede selbst entscheiden, worauf sie achten möchte.

Zunächst einmal ganz grundsätzlich: Nachhaltig ist ein vollkommen beliebiger, nicht geschützter Begriff. Nachhaltig hat, so sagt es jedenfalls unser Nachhaltigkeitsrat, ökonomische, ökologische und soziale Aspekte. Nachhaltigkeit ist eine sehr hohle Vokabel, die sich jeder zurechtlegt, wie sie passt. Im Bezug auf Textilien umfasst Nachhaltigkeit im besten Fall: Nicht böse zur Umwelt, zur Gesundheit von Menschen und ressourcenschonend. Und schon kann man anfangen Auslegungen zu würfeln. Reden wir nur von der Gesundheit der Leute, die die Kleidung tragen, oder auch derer, die sie produzieren? Reden wir nur von Gesundheitsschädigung durch Tun oder auch durch Unterlassen, usw. H&M legt hier z.B. die Nachhaltigkeit nicht jeweils umfassend aus, sondern alles ist nachhaltig was entweder schadstofffrei, oder recycelt ist. Also ein Produkt aus z.T. recycelter Baumwolle ist „conscious“, selbst wenn es mit übel wasserverschmutzender Farbe gefärbt wurde. Ein ungebleichtes Produkt ist „conscious“ auch wenn es zu einem Hungerlohn hergestellt wurde usw. Es gibt auch tatsächlich kein Label oder Zertifikat, dass Nachhaltigkeit im ganzen zertifiziert. Ganz grob kann man aber im Textilbereich auf vier Labels achten: fairtrade, GOTS, fair wear, ökotex.

  1. Fairtrade/Transfair:

fairtrade ist ein Standard, der sich vor allem auf die Sicherung fairer Produktionsbedingungen im Produktionsland konzentriert. Das fairtrade-Siegel wird von nationalen Organisationen vergeben und richtet sich nach dem gemeinsam im Rahmen einer Dachorganisation, der fairtrade foundation, beschlossenen fairtrade-Standard. Fairtrade ist ein sehr strenges Zertifikat und die Kontrolle ist recht dicht. Der Fairtrade-Standard umfasst ökologische, ökonomische und soziale Kriterien, unter anderem gibt es eine Reihe von verbotenen Substanzen, ein Gentechnikverbot, ein Verbot von Kinderarbeit (das heißt Verbot der Beschäftigung von unter 14-jährigen), einen gesicherten Mindestpreis, die Zusicherung langfristiger Lieferverträge, die Einhaltung von Antidiskriminierungs- und Mitbestimmungsrechten. Damit deckt das fairtrade-Siegel am ehesten alle Aspekte von Nachhaltigkeit ab, es ist aber eben auch ein sehr sehr strenges Siegel, das weit über andere, seichtere Kriterien hinausgeht. Für Firmen wie H&M ist ein fairtrade-Siegel schon allein deshalb völlig unerreichbar, weil fairtrade Unter-Auftragswesen und Zwischenhandel normalerweise nicht toleriert. Es ist ja schon länger bekannt, dass die Firmen sich oft herausreden mit dem Argument „ich weiß nicht, was mein lokaler Subunternehmer da macht“ – das ginge bei fairtrade nicht, es müssen Direktverträge mit Produzenten geschlossen werden. fairtrade beinhaltet auch, dass der Mehrwert im Herstellungsland verbleibt, d.h. das nicht nur Rohstoffe, sondern auch die Weiterverarbeitung im Ursprungsland angesiedelt sind. Das ist aus entwicklungsökonomischer Sicht sehr sinnvoll, schränkt aber die Anwendbarkeit des Siegels ein. fairtrade fordert zwar ökologischen Anbau, es ist aber nicht gleichbedeutend mit bio im Sinne der EG-Ökoverordnung, dennoch sind die allermeisten fairtrade-Produkte auch EG-Öko-zertifiziert. Der Umkehrschluss gilt keineswegs. Wer mal das Kaffeeregal im Biomarkt abschreitet, wird erschreckend wenig fairtrade-Produkte finden, viele Bio-Marken weisen ihre Produkte zwar als „fair“ oder „von Kleinbauern direkt vermarktet“ oder sowas aus – aber leisten sich eben kein fairtrade-Siegel oder können die strengen Standards nicht erfüllen. Die fairtrade-foundation arbeitet mit „Öko-Aufschlag“ und „Fair-Aufschlag“, d.h. Produkte werden z.T. teurer verkauft als notwendig, um Projekte zu subventionieren, die gerade im Aufbau sind. Das fairtrade-Siegel beinhaltet also neben der Zertifizierung auch aktive Entwicklungshilfe, zumindest in manchen Fällen. Deshalb waren fairtrade-Produkte lange Zeit sehr krasse Nischen-Produkte und galten z.T. auch als qualitativ minderwertig. Das ist aber größtenteils Geschichte, heute zeigen zahlreiche Initiativen, dass fairtrade-Produkte zu konkurrenzfähigen Preisen in ordentlicher Qualität angeboten werden können, Beispiele sind „die gute Schokolade“ oder das enorme Wachstum von fair gehandelten Rosen (beides Bereiche in denen die Arbeitsbedigungen sehr schlecht und die Schadstoffbelastung extrem hoch sind). Die Begriffe „transfair“, „fairtrade“ und „FLO-zertifiziert“ sind übrigens bedeutungsgleich. Das Siegel sieht so aus.

2. GOTS – Global Organic Textile Standard

Das GOTS-Siegel bzw. der GOTS-Standard ist das strengste allgemein anerkannte Textilien-Siegel für Bio-Textilien. Die Kriterien für GOTS legen den Fokus auf ökologische Produktion, es gibt aber auch eine soziale Komponente, die Arbeitsstandards umfasst. Genau wie transfair werden auch bei GOTS alle Teile der Lieferkette zertifiziert und kontrolliert. Die Kontrolle erfolgt, so mein Kenntnisstand, recht streng und engmaschig. Es gibt beim GOTS-Siegel zwei Abstufungen: „bio/ aus kbA-Fasern“ gleichbedeutend mit 100% ökologisch hergestellten Fasern und „aus x% kbA-Fasern“ bei mindestens 70% ökologisch hergestellten Fasern. Eine Zertifizierung ist auch für Unternehmen möglich, die gerade auf Bio-Anbau umstellen, dadurch dass der Prozentsatz angegeben werden kann. Auf der Ökoseite ist der GOTS wirklich das Maximum was geht. Was die Arbeitsbedigungen anbelangt, ist GOTS allerdings nicht unbedingt das nonplusultra. Die geforderten Arbeitsstandards sind den ILO-Standards entlehnt. Das ist natürlich schonmal gut, denn auch wenn sehr viele Länder auf dem Papier die ILO-Regeln in ihre Gesetze übernommen haben, gelten diese im Alltag dann eben oft nicht. Allerdings sind die ILO-Standards eher ein kleinster gemeinsamer Nenner und werden z.T. als zu lasch kritisiert. Die ILO betreibt da eher Realpolitik, das heißt z.B. bei Kinderarbeit setzt sie einen eher niedrigen Standard, der aber realistisch unter Berücksichtigung der Bedingungen vor Ort erreicht werden kann. Und natürlich ist biologische Produktion per se für Arbeiter insb. auf Baumwollplantagen und in Färbereien ein riesiger Gewinn an Arbeitssicherheit, da im Baumwollanbau und in der Textilfarbe ganz besonders fiese Chemikalien eingesetzt werden und die nötige Schutzausstattung meist nicht gestellt und über die Risiken und Schutzmaßnahmen auch nicht aufgeklärt wird. Das GOTS-Siegel ist somit ein recht hoher Standard, mit der Einschränkung, dass die sozialen Kriterien nur das Mindestmaß der ILO-Kompatibilität abdecken. (edit) Der Begriff kbA (kontrolliert biologischer Anbau) kann von GOTS-zertifizierten Herstellern inhaltlich austauschbar mit dem Siegel verwendet werden. D.h. es kann – gerade bei Mischgeweben – vorkommen, dass ein fertiges Kleidungsstück kein GOTS-Siegel trägt, weil natürlich die Polyesterfasern nicht ökologisch sein, dass aber draufsteht „aus x% kbA-Baumwolle“, dann sind nur die vorgelagerten Produktionsstufen GOTS-zertifiziert. (edit Ende)

3. Fair Wear

Wer insbesondere wissen will, ob Kleidung unter vernünftigen Arbeitsbedingungen hergestellt wurde, kann sich außerdem am Fair Wear-Zeichen orientieren. Dieses Siegel zertifiziert ausschließlich in Bezug auf die Erfüllung von sozialen Kriterien, geht hier aber über den ILO-Standard hinaus (ein Beispiel: Es wird die Zahlung eines existenzsichernden Lohns gefordert, statt der ILO-Forderung nach Zahlung des gesetzlichen Mindestlohns. Das ist leider in vielen Ländern nicht das gleiche). Das Fair-Wear-Zeichen birgt für mich allerdings zwei Probleme: Einerseits habe ich es schlicht bisher nur sehr selten gesehen, es scheint keine weite Verbreitung zu haben. Andererseits können Unternehmen sich bereits mit einer Absichtserklärung zertifizieren lassen, auch wenn sie die Kriterien noch nicht erfüllen. (hier wurde insb. die Aufnahme von Takko in die Brands-Liste kritisiert) Das ist zwar als Brückenbau gemeint und vielleicht funktioniert es sogar, um Unternehmen auf einen guten Weg zu bringen, allerdings macht es die Unterscheidbarkeit schwierig und das Siegel zu unzuverlässig, finde ich. (edit) Das Fair Wear-Zeichen ist aber eben gerade bei Produkten aus Kunstfasern nützlich, und ein Blick auf die Herstellerliste bei der fair wear- foundation zeigt auch, dass sich dort z.B. viele Hersteller von Funktionskleidung finden, die ja per Definition nicht GOTS-zertifiziert sein könnten. (edit Ende)

4. Öko-Tex Standard 100

Das Oeko-Tex Textiles Vertrauen-Siegel ist für mich so etwas wie das Mindest-Siegel. Es zertifiziert, dass die Textilien schadstofffrei sind. Das Oeko-Tex Siegel ist also vor allem eine Qualitätsprüfung und weniger ein Nachhaltigkeits-Siegel, aber natürlich ist ein Textilprodukt, das schadstofffrei ist besser, als eines mit Schadstoffen, auch für diejenigen, die es herstellen. Ich nehme es hier aber nur auf, um bewusst zu sagen: Trotz des „öko“ im Namen, hat das Siegel nichts mit biologischer Herstellung zu tun. Das oekotex und das GOTS-Siegel sind übrigens auch für Stoffhersteller anwendbar und können also auch als Wegweiser auf der Suche nach „guten“ Stoffen dienen.

Wer mehr über die diversen Siegel nachlesen möchte kann das, neben den Seiten der Organisationen, auch auf der Siegel-Übersichtsseite von utopia tun. Für meinen Geschmack etwas reißerisch, aber doch informativ sind die Seiten der Kampagne für saubere Kleidung. Ganz gute Übersichten zu Herstellern, die z.B. faire Jeans produzieren finden sich auch utopia. Jeans sind übrigens, neben Lederprodukten, auch das Produkt an dem sich zeigt, dass der Preis doch irgendwie was sagt. Denn zwar heißt teuer nicht fair, aber eine faire Jeans wird man nicht in richtig billig kriegen. Jeans sind in der Herstellung richtig fies. Sie werden mit fiesen Farbstoffen gefärbt, sie werden dann womöglich gesandstrahlt oder gebleicht. Und sie bestehen aus vielen Teilen und komplexen Nähten, machen also viel Arbeit in der Herstellung. Wenn ein Hersteller das alles nicht macht, muss er einen relativ hohen Preis verlangen. Bei einfachen Shirts oder Flatterröcken gibt es dagegen durchaus GOTS-Produkte, die preislich unter den gängigen Markenherstellern liegen und trotzdem nett geschnitten und aufgemacht sind.

Edit: Und noch ein Hinweis am Rande: Es gibt natürlich auch – wenige – Firmen, die immernoch oder wieder in Europa fertigen. Der Mango/Zara-Konzern und pimkie/orsay fertigen fast ausschließlich in Europa. Das heißt aber natürlich nicht, dass die Stoffe nicht trotzdem unter schlimmen Bedingungen hergestellt werden, es verbleibt dann eben nur ein größerer Teil des geschaffenen Mehrwerts im Verkaufsland – wobei sowieso über 50% des Ertrags aus Bekleidung auf den Einzelhandel und das Filialnetz oder den Online-Vertrieb entfallen. Auch bei in Europa hergestellten Produkten lohnt es sich auf Siegel zu achten – denn die Produktionsbedingungen, bspw. in Rumänien sind auch alles andere als rosig. Grundsätzlich ist die Textilindustrie aber für Länder wie Bangladesh und die Türkei sehr wichtig und es spricht nichts dagegen, Textilien von dort zu kaufen – wenn sie unter vernünftigen Bedingungen produziert wurden. Wenn also die Konsumentinnen deutlich nach nachhaltigen Produkten verlangen, könnten die Herstellungsländer durchaus davon profitieren – wenn denn die nachhaltigen Produkte auch tatsächlich nachhaltig sind. Und zwar nicht nur im Bezug auf Ressourcen und unsere Gesundheit, sondern auch im Hinblick auf die Gesundheit und ein lebenswertes Leben in den Produzentenländern.

*generisches Femininum, Männer mitgemeint, ihr kennt das ja schon, oder?