Podcastempfehlung und Gedanken zur Emanzipation

In der vergangenen Woche habe ich einige Folgen der Podcastreihe Dradio Wissen Hörsaal gehört, die jeweils Samstag und Sonntag im Radio ausgestrahlt wird. Die einzelnen Folgen sind 55 Minuten lang, das passt sehr gut in eine Fahrtstrecke Kita-Büro. Die Folgen enthalten jeweils ein bis zwei Vorträge, die oft, aber nicht immer, auf Konferenzen oder Workshops gehalten wurden, oft von Wissenschaftlerinnen, aber meinem Eindruck nach für fachfremdes oder fachgemischtes  Publikum. Ich finde dabei lang nicht jede Folge interessant genug, um 55 Minuten zuzuhören. Aber diese Woche hat mich eine Folge sehr beeindruckt:
Der Vortrag der amerikanischen Philosophin Susan Neiman zum Thema „Why grow up?“  (Vortrag auf englisch) basierend auf ihrem gleichnamigen Buch (deutsche Version). Der war wirklich gut und hat mich noch lang zum nachdenken gebracht.
Es ist schwierig, den wirklich eloquenten Vortrag kurz zusammenzufassen. Im Wesentlichen sagt Susan Neiman, wir leben in einer Gesellschaft, in der die Zeit des Heranwachsens, die eigentlich oft gar nicht super ist, im Nachhinein zur besten Zeit des Lebens stilisiert und damit das Erwachsensein als im großen und ganzen schrecklich dargestellt wird. Sie interpretiert diesen Jugendwahn als selbst- und fremdgewählte Unmündigkeit, sagt, das Kindsein zu idealisieren entspreche einer Angst vorm Leben. Davor, den gegebenen Entscheidungsspielraum auch wahrzunehmen und selbst zu gestalten. Sie argumentiert dabei anthropologisch und philosophisch, mit zahlreichen Beobachtungen und Fakten. Dabei sehr treffend und scharfzüngig.
Ich bin nun durchaus eine, die sich viel inneres Kind erhalten hat und die bisher auf das erwachsene Gefühl irgendwie noch wartet. Im ersten Moment fand ich deshalb die Aufforderung zum erwachsen werden im Titel wenig ansprechend. Allerdings verstehe ich Susan Neimans Aufforderung eher in Richtung „mündig und selbst bestimmt werden“ und da bin ich dann doch sehr dabei. Beim zweiten und dritten durchdenken fiel mir auf, dass es mich schon lang irritiert, wenn erwachsene Frauen sich als Mädchen bezeichnen, „Mädelsabend“, “ meine Mädels, „ich bin halt ein Mädchen“ aber eben auch wenn von „Jungs“, maximal noch „Typen“ nicht jedoch von Männern gesprochen wird. Mir kommt es vor als würden Frauen direkt von Mädchen zu Mamis. Dass ganz bewusst und selbstbewusst von „Frauen“ gesprochen wird, das habe ich zuerst im Rahmen des Me made Mittwoch wahrgenommen. Dass es eben genau um Selbstbestimmung, in dem Fall über die eigene Kleidung, geht. Da sehe ich dann eben die Verknüpfung von erwachsenen Begriffen und dem Akt der (Mode-)Emanzipation.

Direkt musste ich auch daran denken, dass wir oft überlegen woher die breite Zustimmung für Angela Merkel auch in unserer Generation kommt. Und einer der Punkte scheint mir tatsächlich dieses diffuse Gefühl, dass da eine ist, die sich schon kümmert. Dass man sich keine Gedanken machen muss, weil jemand regelt schon alles. Das kommt mir dann auch wie selbst gewählte Unmündigkeit vor, indeed.

Auch dachte ich an Katrin Rönickes Buch, das ja zum einen auch diese Coming of age-Komponente hat und ja die Selbstbestimmung und Selbstermächtigung in den Fokus stellt, speziell natürlich der Frauen, aber auch hier finde ich eben den Gedanken des erwachsen werdens im Sinne von „Entscheidungsspielraum nutzen“ wieder.

Und so dachte ich bei mir, dass ich Susan Neimans Aufruf zum Erwachsenwerden nur zustimmen kann.

Randnotiz: ich habe auch die Folge „Wie integrieren wir uns?„(deutscher Vortrag) gehört und dabei oft „nein“ gedacht. Nicht dass ich nicht prinzipiell die Idee einer pluralistischen Gesellschaft mag und sehr der Meinung bin, dass wir Integration beidseitig und frühzeitig denken müssen. Aber beide Rednerinnen argumentierten für mich seltsam ideologisch und weltfremd. Insb. habe ich extreme Abwehr entwickelt, als die Pädagogik-Professorin mehrfach erklärte, dass sie einfach nicht akzeptiere, dass die gesellschaftliche Mehrheit Angst habe, das könne nicht sein. Punkt. Das ist genau die Art von geisteswissenschaftlichem Vortrag, bei der ich nur schlecht folgen kann, weil mir die Argumentation zeitgleich unterkomplex und verbal aufgebläht vorkommt. Dennoch bleibt das Thema natürlich wichtig. Ich hätte mir nur sehr gewünscht, die Rednerinnen würden ihren Standpunkt eher so präsentieren wie Susan Neiman, die stichhaltig, präzise und undogmatisch bleibt und ihre Meinung klar als solche und nicht als Glaubenssatz kommuniziert.

2 Gedanken zu “Podcastempfehlung und Gedanken zur Emanzipation

  1. mrs.columbo schreibt:

    wieder mal ein toller post, der zum nachdenken anregt!
    interessant wäre für mich noch in diesem zusammenhang, inwieweit diese verweigerung erwachsen und eigenverantwortlich zu handeln mit der tatsache zusammen hängt, dass wir tatsächlich immer mehr fremdbestimmt leben. unser privatestes umfeld wir immer mehr durch vorschriften und gesetze geregelt, viele entscheidungen werden uns dadurch abgenommen und es stellt sich mir die frage: was war zuerst da – der unmündige bürger oder der reglementierende staat?
    lieben gruß, susi

    • siebenhundertsachen schreibt:

      Susan Neiman meint, der Staat nutzt den natürlichen Drang des Menschen sich zu drücken zunehmend aus. Bzw. die Form der staatlichen Entmündigung sei subtiler geworden. Von offener Entmündigung in Diktaturen zu Ablenkung in modernen Gesellschaften.

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