Paris.

Eigentlich würde ich gern Gedanken zum Bloggerinnentreffen am Wochenende hier hinein schreiben. Aber ich kann nicht. Ich muss erst meine Gedanken zum so ungleich wichtigeren und vor allem verstörenderen Rest der Wochenend-Ereignisse sortieren.

Ich las von den Anschlägen in Paris via Twitter am späten Freitagabend, nach quatschen mit meinen Eltern und einem kurzen Telefonat mit dem Mann zu Hause. Neben dem Minimensch in meinem ehemaligen Kinderzimmer im Gäste-Bett liegend. Und gerade dieses sehr spezielle Setting ließ mich das, was da geschehen war, noch viel ungläubiger lesen, es noch viel unbegreiflicher finden. Jemand hatte in Paris, ausgerechnet in Paris, beschlossen vielen Menschen das Leben zu nehmen. Paris ist für mich ca. so nebenan wie der Bäcker, wo ich sonntags die Brötchen hole. Ich war dort erst vor einigen Wochen. Ich war schneller dort als bei meiner Schwiegermutter in Franken. Das ist nur eine kurze angenehme Zugfahrt weit weg. Ich bin ausgesprochen frankophil, habe einige Zeit in Frankreich gelebt, einige Male Paris besucht. Jemand will meinem Lieblingsland an den Kragen, das Land in dem ich mich zuhause fühle. Wir wollten eigentlich bald mal mit dem Minimensch nach Paris, dem kleinen Mensch, der da neben mir lag und schlief. Den ich doch so gern vor allem Unheil der Welt schützen würde. Dem ich beim besten Willen noch nicht erklären kann und will, dass es derart abscheulich böse Dinge wie Terror gibt.

Die Nachrichtenlage war eher undurchsichtig, die Zahl der Toten noch nicht bestimmt, die Geiselnahme dauerte noch an, als ich in unruhigen Schlaf fiel. Als der Minimensch am Morgen viel zu früh wach war, holte ich die Nachrichten der Nacht nach, tauschte entsetzte Sätze mit meiner Mutter aus und las dem Minimensch gleichzeitig Bilderbücher von Freundschaft und Toleranz vor. Und fand das so surreal. Einen gemütlichen Samstagmorgen in der Welt meiner Kindheit und Jugend. Und ein Bloggerinnentreffen vor mir, der Inbegriff von Zuwendung und Nettigkeit also. Und daneben Hass, Gewalt, scheinbar gefühllose Attentäter und Angst. Angst, dass auch in Deutschland so etwas jederzeit passieren kann. Angst auch vor den mutmaßlich auf den Fuß folgenden demagogischen Auswüchsen von rechts. Angst vor der politischen Reaktion, die im Zweifel mehr Überwachung, mehr Staat, weniger Freiheit sein würde.

Ja, kann man denn da einfach so weitermachen? Sollte man, will man, darf man?

Tatsächlich denke ich: nein nicht einfach so, aber ja, weitermachen. Und ich denke das, weil ich in Israel war. Und gesehen habe, wie die Israelis mit der ständig lauernden Terrorgefahr umgehen. (und ja, natürlich ist Israel keinesfalls frei von Fehlern, und im Moment geht alles dort auch ganz schön in die falsche Richtung) Ich habe Israel als eines der positivsten Länder erlebt, in denen ich je war. Kein Israeli würde die Gefahr verkennen, in der er oder sie sich tagtäglich befindet. Sie ist irgendwie allgegenwärtig. Man sieht sie gespiegelt in Checkpoints, Metalldetektoren an Bahnhöfen, öffentlichen Gebäuden, selbst Museen. Man sieht sie an Bunkern vor vielen Häusern. An Maschinenpistolen in Reisebussen und an Hotelbuffets. Und man bemerkt sie am vielstufigen und hoch effizienten Sicherheitsscreening am Flughafen. Aber man merkt sie den Menschen nicht an. Die Menschen sind nicht in Angst, in Panik. Sie sind voller Freude am Leben, voller Freundlichkeit und Gastfreundschaft. Sie kriegen viele Kinder und nehmen diese mit in den öffentlichen Raum, in Cafés, auf große, bedeutungsschwere Plätze. Diese Lebensfreude ist wohl schon trotzig. Aber sie setzt ein Zeichen, sie zeigt: „Wir mögen umzingelt sein von Feinden, ständig bedroht – aber wir lassen uns davon nicht im Leben beschränken, nicht die Angst regiert unser Leben.“ (Natürlich sind unsere Geheimdienste auch ziemliche Amateure gegen den israelischen und über Überwachungsstaat braucht man dort auch nicht wirklich groß diskutieren. Sicher setzen die Israelis, zurecht, viel Vertrauen in Staat und Militär, dass es sie beschützt. Aber trotzdem.)
Und dann kamen sie, die Reaktionen, die ich befürchtet hatte. Ohne stichhaltige Hinweise wurde da gleich auf die Flüchtlinge gedeutet. Und eine Quasi-Aussetzung von Schengen erfolgte auch praktisch direkt. Da sehen wir Europa dahinbröckeln. Das Europa, das ich stets als meine Heimat sah. Ein Europa ohne Grenzen. Ein friedliches Europa. Wie schnell das alles sich auflöst. Und ist das nicht genau das Ziel? Verhalten wir uns damit nicht genau so, wie gewollt, erfüllen wir nicht aus dem Lehrbuch quasi das, was Terror bezwecken will? Indem wir uns abschotten, uns von Angst regieren lassen, Fremde ausgrenzen und Menschen, die verzweifelt zu uns kommen kritisch beäugen, voll Misstrauen und Abgrenzung anstatt mit Wärme und Toleranz? Ich möchte so nicht leben. Nicht in einem Klima von Misstrauen und Missgunst, von Schuldzuweisung und Ausgrenzung. Aber natürlich habe ich Angst, natürlich muss ich mich kurz zur Ordnung rufen, wenn ich an Orte wie den Kölner Hbf gehe, auf die Domplatte, oder in die U-Bahn. Natürlich betrachte ich Polizeiabsperrungen im Essener Norden dieser Tage mit mehr Argwohn als sonst. Wie auch nicht?

Was mich immer irritiert ist dieser Schuldzuweisungs-Experten-Quatsch, der schon kurz nach solchen Ereignissen losgetreten wird. Diese dreckige Maschinerie von Nutznießerschaft. Als noch nichts, gar nichts über die Terroristen und ihren Weg an die Anschlagsorte bekannt war – direkt erstmal von Flüchtlingen reden. WARUM? Selbst mir, mit nur oberflächlichen Kenntnissen der Pariser/französischen Subgesellschaften war klar, dass Terrorismus heute überall entsteht, wo Aus- und Abgrenzung, Perspektivlosigkeit und Männerüberhang regieren. Dass fanatische Anhängerschaft für egal welche Bewegung daraus entsteht, dass sich Individuen einen Sinn für ihr Leben, eine Bedeutung, ja vielleicht auch einfach ein zuhause oder eine Ordnung für ihr Leben wünschen. Und dass sich nur Menschen in die Luft sprengen, die echt wenig zu verlieren haben. Und wie fatal ist es da, mit noch mehr Polarisierung, noch mehr Schwarz-Weiß-Denken, noch mehr Ausgrenzung und noch mehr Hass zu antworten. Menschen, die sich im heiligen Krieg wähnen auch noch mit dem gleichen Vokabular zu antworten. Menschen, die sich durch eine Überfremdung bedroht sehen auch noch zuzustimmen und auf das Fremde zu deuten, wo organisierte Kriminalität und Terror heute leider international sind und sich nicht in einfache nationale und kulturelle Kategorien stecken lassen. Ich möchte, verdammte Axt, nicht in so einer Welt leben. Ich will nicht eine Million Menschen für den Knall im Kopf von einigen hundert verknacken. So wie ich mich nicht unter Pauschalverdacht stellen lassen will, indem meine Bewegungen, meine Daten, meine Telefonate, meine Facebook-Nachrichten ausgewertet werden, so will ich auch nicht andere unter Pauschalverdacht stellen.

 

Nein. Ich. Will. So. Nicht. Leben.

 

 

 

Weiterführende Links:

Ein podcast der Reihe Dradio Wissen Hörsaal zu den philosophischen Vordenkern des Salafismus „Der Islam als Weltanschauung“ (Link führt direkt zum mp3). Hochinteressant und in der Tat bedrückend. Wer hätte geahnt, dass selbst der Salafismus maßgeblich von der bipolaren chaotisch-ideologischen Zersplitterung Europas in den 1920er Jahren maßgeblich beeinflusst wurde? Interessant auch, dass der Vortragende (dem ich sicher nicht in allen Punkten in seinen teilweise für mich zu wertenden Aussagen zustimmen würde) eine Parallele zieht, zwischen der Orientierungslosigkeit in den 1920er Jahren und der Orientierungslosigkeit in den Nachwehen des arabischen Frühlings.

Terror can only succeed with our cooperation. Von Simon Jenkins im guardian.

 

8 Gedanken zu “Paris.

  1. Julia schreibt:

    Auch von mir ein großes DANKE!
    Ich musste auch an Israel denken. Als wir 2013 da waren, habe ich es sehr ähnlich empfunden wie du…
    Und Pauschalverdacht will ich nicht! Für keinen!
    Ich.Will.So.Auch.Nicht.Leben!

  2. zitronentarte schreibt:

    Schöner Text!
    Interessant Deine Sichtweise in Bezug auf Israel. Würde man einen Palästinenser fragen sähe er das wohl anders.
    Ich hoffe, das dieses Terror-Kapitel Weltgeschichte bald an uns vorüber zieht!

    • siebenhundertsachen schreibt:

      Ich sage nicht, dass die politische Haltung der israelischen Regierung und der Aufteilungsvertrag nicht zu kritisieren sind. Wenn man dort ist, und sich mit gemäßigten Menschen beider Seiten unterhält, merkt man, dass es ungleich komplizierter ist, als wir hier denken. Aber dass die alltägliche Gefahr für Israelis hoch ist, ist wenig umstritten und es geht ja nur um diesen Fakt und den Umgang damit in meinem Text oben.

      • zitronentarte schreibt:

        Oh, entschuldige. Ich wollte Dich nicht angreifen, noch wollte ich Dir eine allzu blauäugige Meinung in Bezug zum Israel-Palästina-Konflikt unterstellen.
        Das lag nicht in meiner Absicht!
        LG

  3. Recha schreibt:

    Vielen Dank für Deinen Bericht über Isreal. Findet man heute selten …und wie der obigge Kommentar zeigt, fühlt sich gleich wieder eine berufen, die vermutlich nie in Isreal war, geschweige denn die israelische Gesellschaft kennt, diese zu bashen.
    Ich fand die Berichte über das Nähwochenende angesichts der grausamen Morde in Paris surreal.

    • zitronentarte schreibt:

      Ich fühle mich berufen? Wow! Hört sich nach Orgelmusik, Heiligenschein und „Auftrag des Herrn“ an! … Da fühle ich mich jetzt aber sehr missverstanden! 😉
      Ich bashe weder Israel noch die israelische Gesellschaft!
      Und bevor es noch weitergeht: mein Kommentar war auch nicht antisemitisch motiviert!

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