Vermischtes zum Klima

Ich habe in den letzten Tagen zwei Podcast-Episoden aus der Reihe dradio Wissen Hörsaal zum Thema Klimapolitik gehört, die ich beide sehr empfehle:

Naomi Klein: Geld oder Leben

Und

Prof. Reimund Schwarze, Helmholtz-Institut für Umwelt: Geschichte der internationalen Klimapolitik

Beide Vorträge waren interessant wenn auch naturgemäß sehr unterschiedlich. Etwas gestört hat mich, dass beide bei den Klimawandelfolgen sehr auf Industrieländer fokussiert waren, das wird dem Problem nicht gerecht, finde ich.

Und dann ist es natürlich irgendwie auch witzig, dass der Wirtschaftswissenschaftler im Grunde sehr viel weniger über die wirtschaftliche Dimension des ganzen spricht, als Naomi Klein, deren VWL-Kenntnisse, so finde ich, etwas begrenzt sind. Das ist in gewisser Weise symptomatisch. Fachleute, die sich von Meteorologie-, Energietechnik- und Wirtschafts-Seite mit dem Klimawandel beschäftigen, werden in eine ideologische politische Debatte hineingezogen, weil – natürlich – die Lösung eine politische sein muss. Aber im Grunde müsste die Politik nicht danach entscheiden, was diplomatisch und politisch machbar, sondern was aus wissenschaftlicher Sicht notwendig und durchführbar ist. Leider sieht die Realität, wie Prof. Schwarze sie beschreibt, anders aus. Und ich denke, auch das nun historisch genannte Abkommen von Paris zeigt zwar große internationale Entschlossenheit, aber doch nur Andeutungen konkreter Lösungen. Ohne Sanktionen.

Ein Punkt kam bei Naomi Klein gar nicht, bei Prof. Schwarze nur am Rande vor und wird auch im Rahmen der Abkommen indirekter behandelt, als möglich und richtig wäre: Carbon Leakage. Ein nennenswerter Anteil der in EU und Nordamerika erreichten Reduktion des CO2-Ausstoßes ist mitnichten auf Umstellung auf saubere Energie und emissionsreduzierte Autos zurückzuführen, sondern darauf, dass stark verschmutzende industrielle Produktion aus Industrieländern in Entwicklungs- und Schwellenländer verschoben wurde. Dass China zum größten Emittenten der Welt wurde liegt bei weitem nicht nur daran, dass jetzt alle Chinesen Auto fahren (was zudem nicht stimmt), sondern daran, dass die „Werkbank der Welt“ auch die „Dreckschleuder der Welt“ ist. Jedes Konsumgut, dass wir importieren enthält ganz erheblich Emissionen, die andernorts entstanden sind. Und natürlich, die die durch den Transport entstanden sind, das hat Prof. Schwarze ja sehr betont. Das heißt, es ist sehr scheinheilig mit dem Finger auf Indien, Brasilien, Argentinien und China zu zeigen ohne infrage zu stellen, wie sich in der Zeit unser Konsum verändert hat. Nun. Er ist massiv gestiegen. Und indem wir den weit größten Anteil unseres Konsums importieren, entledigen wir uns elegant der Emissionen, die in der Produktion entstehen. Da können wir noch so viel Ökostrom beziehen und sparsame Autos fahren.

Nun kann man darauf reagieren, indem man den Kapitalismus verbannt und nach einer neuen Wirtschaftsordnung ruft, wie Naomi Klein. Ich bin sicher keine glühende Anhängerin des Kapitalismus, allerdings sehe ich noch nicht, wie wir aus dem Aktivismus heraus eine gerechtere Wirtschaftsordnung erreichen wollen. Vor allem nicht weltweit. Und einen politischen Willen nennenswert in diese Richtung zu gehen kann ich nicht ausmachen. Solang können wir uns schonmal an unsere eigene Nase packen und uns fragen, was und wieviel wir konsumieren müssen und woher. Regionalität ist bei Lebensmitteln ja schon etwas mehr in den Fokus gerückt (also in manchen Käuferschichten natürlich nur), bei vielen anderen Produkten denkt man vielleicht nicht so stark darüber nach.
Aus ökonomischer Sicht gibt es zwei Ansätze, gescholtene Markt-Ansätze, aber immerhin, die aber beide politisch wenig Gehör finden. Prof. Schwarze spricht die Besteuerung von internationalem Flug- und Schiffsverkehr an. Hier wäre ein Hebel, die Transport-Emissionen zu sanktionieren und die Einnahmen in einen Fonds zur Klimafolgen-Bekämpfung einzuzahlen. Ich kann mir kaum vorstellen, wie es ohne eine solche Maßnahme gehen sollte.

Ein anderer Vorschlag, den einzelne Länder versuchen umzusetzen, der aber eigentlich nur im Welt-Rahmen Sinn macht, ist die Bezollung von CO2. D.h. bei Import eines Produktes wird ein Zoll relativ zur Emissionsintensität seiner Produktion und seines Transportes erhoben. Auch hier würde es Sinn machen, die Einnahmen in einen Fonds einzuzahlen, denn ansonsten entstünden den Entwicklungsländern sehr nennenswerte Nachteile aus solchen Regelungen. Auf diese Art und Weise wäre ein in China auf sehr dreckige Art und Weise produziertes Gut dann eben fast so teuer wie oder teurer als ein nachhaltig produziertes Äquivalent. Dann würde sich die Produktion nachhaltiger Produkte eher lohnen und – da kommt schon das aber – der Konsum insgesamt zurückgehen.

Warum machen wir das – bisher – nicht? Weil es eines weltweiten Konsens bedürfte und weil es ans Geld geht. Ein weltweiter Konsens ist erforderlich weil einzelne Länder sich durch solche Regelungen finanziell ins eigene Fleisch schneiden würden, vor allem wenn sie Energie-intensive Vorprodukte importieren. Zudem sind die meisten Länder im Kontext der WTO eine Verpflichtung zur Zollsenkung eingegangen, so dass eine solche neuerliche Zollerhebung wiederum eines WTO-Abkommens bedürfte. Und da liegt der Hase im Pfeffer. Denn in der WTO haben, genau wie in den UN alle Länder das gleiche Stimmrecht, was die Findung von tragfähigen Übereinkünften extrem langwierig und schwierig macht.
Und ja, es geht um Geld. Der Welthandel ist für viele Länder die entscheidende Einnahmequelle für Devisen, die sie umgekehrt zur Importfinanzierung benötigen. Und was würden wohl die Öl-Produzenten dazu sagen, wenn Emissionen bezollt würden? Und nicht zuletzt: was würden denn die Konsumenten in Industrie- und Schwellenländern dazu sagen, wenn sich der Konsum fast aller unsere Konsumgüter wesentlich verteuern würde? Denn es müsste ein wesentlicher Zoll sein, damit es funktioniert. Es ginge ja exakt darum, dass sich das kaufen nicht mehr lohnt. Da müssten wir dann doch an der einen und anderen Seite Korrekturen vornehmen.

Und dann kommt ja immer das Argument: Wachstum ist nicht mit Klimaschutz vereinbar. Also die Forderung nach Wachstumsdrosselung oder Schrumpfung. Und das bedeutet Verzicht. Oh, da werden wir empfindlich getroffen, da folgen dann gleich auch Schuldzuweisungen. OK wenn wir jetzt teilen sollen, weil es nicht mehr für alle reicht, dann doch bitte erstmal die anderen (China, USA, …). Und voilà, eine verkürzte Argumentation, die Blockade nach sich zieht. Die Argumentation, dass Volkswirtschaften aufgrund begrenzter Ressourcen kein dauerhaftes Wachstum erreichen können, ist im Grunde älter als die Volkswirtschaftslehre, sie geht zurück auf Robert Malthus, der argumentierte, dass wir, weil der Boden begrenzt ist, nicht genug Essen für eine wachsende Bevölkerung produzieren können. Malthus ahnte noch nicht, dass wir im Zuge der Industrialisierung beginnen würden, nicht-landwirtschaftliche Produkte in nennenswertem Umfang zu produzieren und erst recht nicht, dass technischer Fortschritt selbst die Agrarproduktion deutlich effizienter machte. Dennoch ist natürlich am Kerngedanken was dran. Solange unsere Produktion endliche Ressourcen verbraucht, wird ihr Wachstum irgendwann ein Ende haben und technischer Fortschritt kann dieses Ende zwar verzögern, aber nicht aufhalten. Allerdings bedeutet das nicht, dass kein Wachstum denkbar ist. In entwickelten Volkswirtschaften ist der Anteil, den der Wert der Primärressourcen an der fertigen Produktion hat verschwindend gering. Ein Großteil des kapitalistischen Wachstums wird durch die Veredelung der Ressource, nicht die Ressource selbst erreicht. Gelänge es uns, endliche Ressourcen, wo immer es geht, durch nachwachsende zu ersetzen, wäre das Wachstum nachhaltig. Und dass das nicht gelingt, hat, so denken zumindest Ökonomen, damit zu tun, dass es sich wirtschaftlich noch nicht lohnt. Fossile Ressourcen sind zu günstig oder nachwachsende zu teuer. Und das gilt insbesondere für sog. Allmende-Güter wie das Klima. Also Güter, die durch Nutzung verschlechtert werden, von deren Nutzung aber niemand ausgeschlossen werden kann. Unsere Atmosphäre ist für den einzelnen Verschmutzter umsonst. Aber sie verbraucht sich. Schlimmer noch, nicht nur sind fossile Energieträger gerade noch im Preiswettbewerb überlegen, viele Staaten machen sie sogar noch durch Subventionen billiger (in Deutschland z.b. Diesel und Kohle) und versäumen es, durch die Energieträger entstehende Kosten auf die Preise umzulegen. Durch bspw. staatliche Beteiligung an der Ewigkeitsschädenhaftung aus der Kohleförderung legen wir die Verschmutzungskosten sogar noch auf die Allgemeinheit um.

Das Wachstum, das die Welt derzeit hat, das auf geradezu verschwenderischer Nutzung von Ressourcen und Konsumausdehnung auf Kosten des Klimas basiert, ist also tatsächlich nicht weiterhin möglich. Aber Wachstum, auch innerhalb der bestehenden Wirtschaftssysteme, ist durchaus möglich, wenn wir das durch die Wiederverwendung endlicher Ressourcen, die Nutzung nachwachsender Ressourcen und emissionsfrei generieren. Denn es ist ja nicht so, als sei reparieren keine wirtschaftliche Aktivität, als würden erneuerbare Energien ohne Wertschöpfung generiert oder als wären Innovationen kostenlos. Wir brauchen also in gewisser Weise sogar Wachstum, um klimaschonender zu werden. Nur eben an den richtigen Stellen. Dass das passiert ist eine politische Aufgabe aber auch die Aufgabe jeder einzelnen verantwortlichen Konsumentin.

3 Gedanken zu “Vermischtes zum Klima

  1. Jasmin schreibt:

    Danke dafür Es ist so schön, so eine differenzierte Ausführung von einem kritischen Geist zu lesen, die auch noch Ahnung hat.
    Hast du dich schon einmal mit dem Konzept der Postwachstumsökonomie auseinandergesetzt (prominentester medienpräsenter Vertreter ist Niko Paech aus Oldeburg)? Dazu würde mich deine Meinung sehr interessieren…..

    Liebe Grüße von einer sehr treuen Leserin,
    Jasmin

Danke für deinen Kommentar! Ich freue mich sehr darüber!

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