Stoffparadies in unscheinbarem Gewand

Ich habe jahrelang nur in Stoffgroßmärkten wie alfatex, auf dem Stoffmarkt und online Stoff gekauft. Kleine Stoffgeschäfte haben mich vielfach enttäuscht. Entweder sie führten vorrangig Gardinenstoffe in Oma-Farben und glänzten durch unfreundlichst mögliche Beratung (Beispiele in Essen, Köln und Witten fallen mir sofort ein, ich nenne mal keine Namen und sage nur vorsichtig „Gardinenhaus“) oder sie waren auf Kinderstoffe und Patchwork spezialisiert und alles in allem zu teuer und zu niedlich.
Doch nun habe ich tatsächlich ein Stoffgeschäft-Kleinod entdeckt, das ich seither sehr regelmäßig besuche: „Petras Stoffelchen“ (Achtung, die Website ist exakt so skurril wie der Name schon vermuten lässt) in Witten. Ein sagenhaftes Lädchen. Zwar ist auch dieses Geschäft auf Patchwork spezialisiert und führt mehrheitlich Markenstoffe und hat entsprechende Preise, aber es gibt eben auch eine ordentliche Auswahl an Bekleidungsstoffen und vor allem eine Riesenauswahl an Kurzwaren. Nach wie vor ist für den normalen Stoffkauf für mich zwar alfatex meine erste Anlaufstelle (vor allem aus Preis-Erwägungen), aber ich schaue oft für Kurzwaren, vor allem für Knöpfe hier vorbei und nehme dann auch immer mal kleinere Stücke Kinderstoff oder Reststücke für mich mit. Die Atmosphäre im Laden und die Beratung sind absolut wunderbar. Aber seht erstmal selbst:
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Das Geschäft besteht aus zwei winzigen Räumen, die wirklich bis unter die Decke vollgestopft sind mit Stoff. Nicht selten müssen die beiden Verkäuferinnen auf Höckerchen oder Leitern steigen, um das gesuchte zu organisieren. Am tollsten finde ich den riesigen Knopfschrank, der farblich sortiert eine sehr große Knopfauswahl beinhaltet, die man so in größeren Stoffgeschäften mit mehrheitlich massen-kompatibler Ware wohl nicht findet. Ich habe bisher immer passende Knöpfe gefunden und vor allem auch fachkundige Beratung bekommen. Auch das Garnsortiment ist riesig und es findet sich wirklich jede Farbschattierung, die man sich nur wünschen kann. Dabei ist der Preis für das Markengarn nicht außergewöhnlich hoch.
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Der vordere Raum birgt Bekleidungsstoffe. Hier liegt durchaus ein Schwerpunkt auf Kinderjerseys, allerdings in wirklich sehr schönen Motiven und hervorragender Qualität, aber es finden sich auch Uni-Jerseys in allen Farben des Regenbogens meist in 2-3 verschiedenen Qualitäten/Materialzusammensetzungen und auch wirklich schöne Bekleidungswebstoffe. Das Geschäft führt vor allem Markenstoffe von Polytex, Swafing und Westfalenstoffe sowie den bekannten amerikanischen Quiltstoff-Herstellern. Entsprechend liegen die Meterpreise zwischen 12 und 40 Euro, ein Unijersey wird vermutlich schon 15-17 Euro kosten. Preise, die ich für mich nicht leichtfertig auf den Tisch lege, aber für ein Geschenk zum Beispiel durchaus erwäge. Besonders erwähnen möchte ich die Bündchenware, die es hier in ca 30 Farben uni und gemustert gibt und die vor allem von wirklich exzellenter Qualität ist. Da will ich eigentlich nie wieder andere kaufen. Abgeschnitten wird ab 10cm, eine schöne Abwechslung zum üblichen „erst ab 30cm“ in größeren Geschäften.
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Auch im vorderen Raum, rund um den Zuschnitttisch, sind alle Kurzwaren untergebracht. Hier scheint mir, dass die Besitzerin wo immer möglich Alternativen zum Prym-Sortiment sucht, zumindest gibt es recht viel Nicht-Prym in den Fächern und Kisten. Die Preise liegen für die Kurzwaren und Knöpfe im vollkommen normalen Rahmen, oft sogar günstiger als im 0815-Stoffladen. Auch viel Quilting-Zubehör gibt es zu kaufen. Rüschen und Bänder gibt es auch in großer Zahl, vor allem Kinder-Motive, aber Schrägband ist in Satin und Baumwolle in ca. jeweils 15 Farben vorrätig, und wenn ich den Minimensch dabei hab, muss ich immer sehr aufpassen, dass er mir nicht irgendwelche abgefahrenen Webbänder aufschwatzt. Es gibt wohl auch einige Schnittmuster von deutschen Kinderschnittdesignerinnen, aber da mich das nicht wirklich interessiert, habe ich da noch nicht genauer drauf geguckt.
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Das hintere Zimmer ist komplett voller Patchworkstoffe. Obwohl ich ja nicht quilte und also hier noch nie etwas gekauft habe, finde ich das Zimmer wunderschön zum angucken. (und sehr schlecht zu fotografieren).
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Neben der Stoffauswahl und dem schönen Kramladen-Charakter haben es mir vor allem die beiden Ruhrpott-original-Verkäuferinnen angetan. Beiden merkt man an, dass sie gern und viel selbst nähen, so dass sie eine gute und engagierte Beratung machen dabei aber eben, regionstypisch, kein Blatt vor den Mund nehmen. Ich wurde im Geschäft schon mehrfach auf meine Kleidung angesprochen und nach den Schnitten gefragt. Mit schlampigem Verhalten, wie etwa „ach die Garnfarbe passt schon, ich such nicht weiter“ kommt man schonmal gleich nicht durch und wird direkt mal zur Akkuratesse gezwungen („nein nein, da finden wir noch was besseres. Schauen sie mal das. Oder das. Das passt viel besser“). Auch wer etwa plant eine Babydecke aus nur einem Stoff zu nähen, wird gern zurechtgewiesen, dass das ja wohl ein wenig zu unspektakulär wäre und zumindest mal ein paar Quadrate jawohl drin wären („kommen Sie, ist doch ein Geschenk, legen Sie sich mal was ins Zeug“). Am besten hat mir aber die Erklärung der einen Dame dazu, warum sie ihre Kleidung selbst näht, gefallen:

Da hab ich eine Indianermentalität: Was ich selbst machen kann, muss ich nicht tauschen.

Großartig, oder?

 
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Dieser Post gibt allein meine Meinung wider und wurde nicht gesponsort oder mit dem Geschäft abgestimmt.