Nicht in meinem Land

Ich muss da jetzt doch noch mal was zu schreiben. Vielmehr müsste man eigentlich täglich dazu schreiben. Und reden. Und in Megafone schreien. Und auf große Plakate malen: Ich verabscheue was mit diesem unserem Land geschieht. Und es beunruhigt mich in sehr erheblichem Ausmaß, ja eigentlich macht es mir sehr große Angst. Täglich kommt es zu massiven rechtsradikalen Angriffen auf das Leib und Leben von zu uns Geflüchteten. Und damit auch zu massiven Angriffen auf die Grundfesten unserer Demokratie und all dessen wozu wir uns im Rahmen von Menschenrechtskonvention, europäischen Verträgen und Grundgesetz bekannt haben. Das ist widerlich und vielmehr noch: brandgefährlich. Und es lässt mich sprachlos und irgendwie auch seltsam paralysiert zurück. Aber das dürfen wir nicht sein. Nicht sprachlos und nicht tatenlos. Und das bedeutet auch: wir dürfen nicht relativieren. Wir dürfen rassistische Argumentation nicht einreißen lassen. Wir müssen klar machen, dass es eine glasklare unverrückbare Grenze gibt. Und die hat Dunja Hayali in ihrer wundervollen Dankesrede für die verdiente goldene Kamera auch klar benannt: „Wer rassistisch denkt und spricht, der ist Rassist“. Punkt.

Und das heißt: Egal welche Sorgen man auch immer um die Integration, den sozialen Frieden und das Wohlergehen unseres Landes haben mag – nichts von alledem darf uns je dazu verleiten, rassistischer Argumentation beizupflichten oder sie stillschweigend zu ignorieren. Denn es ist ja nun mal so: Da kommen gerade sehr viele Menschen zu uns, die vor wirklich furchtbarem Krieg, Bürgerkrieg, Verfolgung geflohen sind. Und auch Menschen die vor furchtbarer Armut und furchtbarem Elend geflohen sind. Und Europa sowie übrigens auch die anderen Industrieländer ist verdammt nochmal dazu verpflichtet, diesen Menschen zu helfen. Weil sie Menschen sind, und weil wir Menschen sind. Und nebenbei auch noch, weil wir politisch dies und das und jenes getan und unterlassen haben, was Konflikte  und Armut in der Welt massiv begünstigt hat. Und dann mag es sein, dass diese Menschen zufällig eine andere Sprache sprechen, eine andere Religion haben, eine andere Kultur haben und anders aussehen. Aber sie sind Menschen. Wir behandeln Menschen human. Das ist eine der großen Errungenschaften der modernen Gesellschaft, dass wir humane Lebensbedingungen schaffen und bewahren. Und Humanität macht nicht an Grenzen, Moscheetüren oder Meeren halt. Humanität gilt überall und allumfassend. Sie ist eine der Grundfesten dessen, was unsere Vorväter und Vormütter in der Aufklärung erstritten und vielfach mit dem Leben bezahlt haben.

Und was gerade geschieht ist nicht human. Nicht nur offene Gewalt. Auch das Schachern um Obergrenzen, um Kontingente, um Auffanglager in der Türkei. Das ist nicht human. Das ist widerlich. Unsere Regierung verhandelt in unserem Namen über die Einschränkung der Menschenrechte. Und natürlich tut sie das auch, weil die anderen europäischen Staaten sich aus der Affäre ziehen – aber auch hier sollte, meiner Meinung nach, die Grenze klar sein. Und sich undemokratischen osteuropäischen Präsidenten zu beugen und billigend sämtliche Menschenrechtsverletzungen in der Türkei in Kauf zu nehmen, nur um „das Problem“ abwälzen zu können, das liegt klar weit hinter der Grenze.

Und dass eine Partei in Deutschland antreten und werben und existieren darf, die offen und ohne Scham in Menschen in solche erster und solche zweiter Klasse unterteilt (und das bei weitem nicht nur der Herkunft nach, wer da etwas tiefer in Ideologie und Parteiprogramm der AfD nachliest findet schnell auch Klassierung nach Gesundheit, Vermögen und Gesinnung) und die offen für eine Abschaffung grundlegender Menschenrechte für manche Gruppe eintritt, das finde ich sehr schlimm. Noch schlimmer jedoch, dass ein nicht unerheblicher Teil der Bevölkerung diese Partei auch noch wählen würden. Denn genau, indem man die Humanität relativiert, einem (großen, ja überwiegenden) Teil der Menschheit das Menschsein abspricht, schafft man den ideologischen Boden für Gewalttaten wie die in Clausnitz und allüberall sonst in dieser Republik. Denn wenn es nicht um Menschen sondern um irgendwelche „Fremden“ geht – da ist es gleich viel leichter menschenwürdigen Umgang abzusprechen.

Ich möchte gar nicht anfangen und für alle Sachsen, Rentner und Idioten auseinandersetzen, an welchen Stellen sie schon Solidarität erfahren haben, welchen Nutzen oder Nicht-Nutzen Flüchtlinge für unser Sozialsystem haben usw. Denn darum geht es nicht. Es geht weder um Solidarkarmapunkte noch um Nutzen nicht um anonyme „Ströme“, um etwas was wir mit einer Quote regeln, so wie Importe oder mit einer Obergrenze, so wie Schadstoffe. Es geht um Menschen. Menschen, die wir verdammt nochmal menschenwürdig behandeln.

Und ich möchte von meinem Land, meiner Regierung, meinen Mitbürgern genau das: zu jedem Zeitpunkt jeden Menschen menschenwürdig zu behandeln.

Und diese Forderung nach Humanität kann nicht relativiert werden durch „Sorgen“ um Integration, sozialen Frieden und Verteilung. Das sind wichtige und drängende Fragen. Aber sie sind genau das: Fragen, Dinge die wir diskutieren müssen, um die man ringen und die man auslegen kann. Sie haben nichts damit zu tun, dass wir eine universelle Erklärung der Menschenrechte haben, die vor allem und für alle gilt, darüber kann und darf nicht gestritten, gefeilscht und diskutiert werden.

Schlussbemerkung: Ich bin froh und dankbar, dass viele Medienschaffende unermüdlich gegen den braunen Morast anschreiben, filmen und reden. Trotz Anfeindungen und Frustration. Und ich verlinke hier nochmal zu Blogger für Flüchtlinge und zu iha.help – es gibt immernoch viel zu tun und es braucht dazu – neben Engagement – auch immernoch Geld.

13 Gedanken zu “Nicht in meinem Land

  1. Mimperella schreibt:

    Jawoll👍. Meine tägliche Diskussion mit meinen Patienten. Sie werden meistens leise, wenn ich sie bitte sich zur Verfügung zu stellen um am zu erstellenden Stacheldraht, genannt Grenzsicherung, mit dem Gewehr auf Menschen zu schießen. Man kann nicht sagen „oh wie furchtbar das arme ertrunkene Syrerkind am Strand“ und dann im Grunde fordern, dass die Griechen diese Menschen zurück auf und damit ins Mittelmeer verfrachten sollen. Schande das.

  2. zitronentarte schreibt:

    Mir gehts genauso.
    Gestern sah ich eine Dokumentation über die AFD (nach Höcke) und war geschockt davon, dass sich eine Partei, die nachweislich das Grundgesetz Deutschlands mit Füßen tritt, nicht größere Probleme bekommt. Ist der Staat auch hier wieder „auf dem rechten Auge blind“?

  3. Elke schreibt:

    Wir haben ja bald Landtagswahlen hier und die Prognosen erschrecken mich. Dachte ich nach der letzten Wahl noch unter halbwegs vernünftigen Menschen zu leben ist es grauenvoll zu erkennen Wieviele sich von besagter Partei einlullen lassen.
    Viele Grüße Elke

  4. mrs.columbo schreibt:

    auch mir graut vor dem, was bei den nächsten wahlen auf uns zukommen wird … jetzt ist stimmenfang für die rechten ein leichtes!
    wie immer hast du es in deinem post auf den punkt gebracht. hoffen wir, dass noch immer die mehrheit unserer mitbürger so denkt!
    lieben gruß, susi

  5. Margot Bader schreibt:

    Danke für diesen Bericht!Er spricht mir aus der Seele..
    Wir haben hier in Baden-Württemberg in 2 Wochen Landtagswahlen ,und Frauke Petri und Jörg Meuthen treten hier als Gutmenschen auf.Unvorstellbar,wie blind viele Leute sich stellen.
    Leider sind viele Rentner dabei,die als Flüchtlinge nach dem 2.Weltkrieg zu uns gekommen sind,und nun keinerlei Verständnis für die Flüchtlinge zeigen.
    Dunja Hajali hat wirklich recht!!!

  6. Kraut und Kleid schreibt:

    Du hast so vollkommen recht! Wenn ich daran denke, dass wir Europäer mit unseren elenden Agrarsubventionen direkt daran Schuld sind, dass in Afrika Import-Lebensmittel billiger sind, als die dort produzierten, und kein Mensch darüber spricht, werde ich so wütend. Mit dem Einkauf von Schürfrechten an wertvollen Rohstoffen finanzieren wir Diktatoren, damit jeder ständig das neueste Smartphone haben kann. Die Liste lässt sich endlos fortsetzen. Die Leute hier haben so eine Angst um ihren Wohlstand, den unser Land auf dem Rücken der „Entwicklungsländer “ erwirtschaftet hat, im Rahmen von „Entwicklungshilfe“. Das ist so schitzophren. Wir sollten uns dafür schämen.
    Wenn ich sage: „Du lebst in einem der reichsten Länder der Welt“, dann höre ich ein „Da habe ich doch nichts davon“. Sie gucken nur in den eigenen Geldbeutel und sehen nicht, dass sie krankenversichert und rentenversichert sind, dass ihre Kinder gratis in die Schule gehen durften und sie auf gepflegten Straßen mit Beleuchtung fahren dürfen, um nur ein paar persönliche Nutzen zu nennen.
    Ebenso beunruihgt, Stefanie

  7. Verena schreibt:

    Du sprichst mir aus dem Herzen. Vielen Dank für den Beitrag. Ich bin ebenfalls entsetzt, in welch kurzer Zeit Stimmungmache auf höchstem polemischen Niveau bei einer breiten Masse der Bevölkerung ankommt und auf offene Ohren trifft. Verena

  8. Miriam schreibt:

    Deinen Beitrag kann ich nur unterschreiben. Mir macht noch mit am meisten Sorgen, dass die Politik nicht fähig ist, den Menschen ihre Angst zu nehmen. Da versagt die Politik gerade auf ganzer Linie und zwar auf allen Ebenen, was dann dazu führt, dass gewisse Parteien z.B. die AFD mehr Zulauf bekommen.

    Viele Grüße
    Miriam

  9. lenelein schreibt:

    Danke für deine Beitrag! Ich fühle genau so. Ich bin wütend und hilflos. Ich weiß nicht wie ich dem begegnen soll. Ich bin überfordert, wenn Leute meinen dass wir hier nicht „noch mehr“ Flüchtlinge aufnehmen können. Ich habe Angst davor, dass es hier so braun wird wie vor 70 Jahren. Und ich hoffe wirklich, dass es sich irgendwie wieder einrenkt. Ich weiß nur nicht wie…

  10. OhneWorte schreibt:

    Vielen, vielen Dank für diesen Beitrag! Mir läuft es kalt den Rücken runter, wenn ich derzeit die Zeitungen lese. Wir sind nicht mehr weit entfernt von der damaligen Progromstimmung und ich frage mich, wann es den Aufstand der Anständigen endlich gibt. Früher hat man „Die Welle“ in der Schule gelesen, um zu verstehen, wie eine Masse und Stimmungslage sich gegenseitig bedingen. Heute schaut man mit Entsetzen zu, wie das (wieder) in der Realität passiert. Unfassbar!

Danke für deinen Kommentar! Ich freue mich sehr darüber!

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