Indianermentalität

Alle paar Monate kommt es mal über mich und ich denke über den Sinn und Unsinn des Selbermachens und darüber bloggens nach. Gerade so trübe, krankheitssgezeichnete Wintermonate bieten sich ja zum Grübeln an und so denkt es schon eine ganze Weile in meinem Kopf herum und kreist um die Frage: Warum ist mir das Selbstmachen von Dingen wichtig? Textile Nachhaltigkeit ist ja hier im Blog jetzt nicht direkt ein neues Thema. Aber immer mal wieder reflektiert man ja auch, hoffentlich, das eigene Verhalten. Oder nimmt sich vor, noch etwas konsequenter zu sein, oder oder.

Erinnert ihr euch noch an den Spruch meiner liebsten Stoffverkäuferin? Von der Indianermentalität?

„Was ich selbst machen kann, das muss ich nicht tauschen.“

Das bringt für mich, ein wenig, auf den Punkt, was mir schon länger so im Kopf herumdenkt. Ich beobachte an mir und auch am Mann eine fortschreitende Tendenz zur Indianermentalität. Wenn wir etwas anschaffen wollen, oder müssen, denken wir zunehmend oft „Kann man das nicht auch selbst machen?“ Wenn etwas kaputt geht, fragen wir uns in letzter Zeit „Können wir das irgendwie selbst reparieren?“ Sobald ich lese, dass irgendwo im weiten Internet jemand irgendwelche praktischen Sachen selbst macht, frage ich mich quasi reflexhaft, ob ich das nicht auch mal probieren sollte.Zum Beispiel habe ich vor Weihnachten Seife gemacht. Und war davon derart angefixt, dass ich nun darüber nachdenke auch meine Haarseife selbst zu machen. Als vor 1,5 Jahren unsere Spülmaschine kaputt war, haben wir sie mühsam auseinander gebaut und ihr Gebergehäuse gereinigt und sie wieder zusammen gebaut, das hat uns zu zweit einen ganzen Samstag beschäftigt. Ich pflanze, obwohl es kaum nennenswert zu unserer Versorgung beiträgt, selbst Gemüse und Salat auf dem Balkon an. Ich habe auch vor einigen Monaten begonnen, flüssiges Waschmittel selbst zu kochen. Neuerdings backe ich jeden Samstag Brötchen, obwohl wir in Laufentfernung zwei hervorragende Bäcker haben, einer davon sogar ein echter Handwerksbäcker.

Warum tun wir das? Ist unser Leben nicht stressig genug, können wir uns die Dinge nicht leisten, oder sind wir einfach irre?

Tatsächlich sind wir in der priviligierten Situation, dass wir uns die meisten Dinge leisten könnten. Wir können Shampoo, Brötchen und Waschmittel, ja sogar Spülmaschinen kaufen, ohne darüber in Existenznot zu geraten. Ich bin auch ganz sicher eine der letzten, die die Vorteile der arbeitsteiligen Gesellschaft leugnen würde. Bin ich froh, dass – zum Beispiel – jemand anderes mir Blut abnimmt und meine Risiken versichert. Dennoch ist es für mich eine Frage der Freiheit, Dinge selbst machen zu können. Vielleicht nur, um zu wissen, dass ich es könnte, vielleicht, weil ich es selbst passgenauer, besser oder für mich individueller  machen kann (das gilt z.b. für selbst gemachte Kleidung) manchmal aber auch nur, um wert zu schätzen, was andere für mich tun oder um zu verstehen, wie Dinge gemacht werden. Von der Akkumulation von Fähigkeiten für die Post-Apokalypse reden wir heute mal nicht.

Es war für mich erhellend, den Prozess des Seifens zu verstehen. Ich verstehe gern Handwerkstechniken, ich finde gut, wenn das Wissen darum nicht verloren geht. Ich werde deshalb nicht jede Seife dieses Haushalts selbst herstellen – sicher nicht. Aber es ist gut, zu wissen, wie das funktioniert, was da so reinkommt und sowas. Ich finde es einfach cool, zu wissen wie etwas gemacht wird.

Manchmal packt mich auch der Ehrgeiz, das gilt z.B. für die Brötchen. Ich möchte das einfach können, das ist doch kein Hexenwerk, es muss doch gehen, selbst lockere knusprige Brötchen zu backen und nicht nur blasse kleine Steinchen. Also experimentiere ich mit Rezepten, Gärzeiten, Lecitin, Dampf und Sprühflasche. Und dann kann ich, wenn ich eines Tages gute Brötchen backen kann, eben entscheiden, ob mir gerade nach selbst backen ist, oder ob wir einfach zum Bäcker laufen.

Und egal was ich selbst mache, ob Kleidung, Brot, Spülmaschinenreparatur oder eine schöne Glückwunschkarte. Gleichzeitig mit dem Wissen um die Fertigung steigt auch die Anerkennung und Wertschätzung für die Arbeit, die andere für mich sonst tun würden. Ich finde sehr wichtig zu sehen und anzuerkennen, dass unsere Konsumprodukte bislang eben nur zu einem kleinen Teil (dieser kleine Teil enthält leider viele Lebensmittel) praktisch komplett von einer Maschine gemacht werden, sondern dass vieles von dem, was wir konsumieren Handarbeit erfodert und auch heute noch in Handarbeit hergestellt wird. Das gilt für Kleidung, da ist das uns Nähenden sicher am meisten präsent. Aber auch die Geduld, Zeit und Mühe, die es braucht, ein wirklich gutes Brot, ein wirklich leckeres Brötchen handwerklich herzustellen sollte man erfahren und begreifen. Auch die Zeit und Anstrengung, die es kostet, Dinge zu reparieren. Das lässt uns, hoffentlich, auch das Produkt wertschätzen und nicht leichtfertig wegwerfen.

Und ganz zu Ende gedacht, trifft es die Bezeichnung der Indianermentalität ganz gut. Durch das selbst machen von Dingen, schaffe ich mir selbst Unabhängigkeit. Ich kann immernoch alles kaufen, ich kann mich aber auch entscheiden, diese Dinge selbst zu machen. Ich erweitere meinen Möglichkeitenraum*. Und diese Wahlfreiheit ist letztlich ein großes Privileg. Die Näherin in einer Fabrik in Bangladesh kann sich nicht aussuchen, ob sie für uns Kleidung nähen möchte oder nicht. Und wer sich gänzlich vom Produktionsprozess seiner Konsumgüter entfernt, hat diese Freiheit auch nicht mehr. Auch eine Spielart von selbst-gewählter Unmündigkeit, oder?

 

*Zu diesem Konzept werde ich getrennt nochmal was bloggen.