Probegenäht: Der Partyrock von crafteln.de

Ich mache ja nie Werbung und lehne immer alle Kooperationsanfragen ab, selbst welche, die ich bei anderen vollkommen ok finde, wie etwa probennähen. Das mag ich wenn ich das woanders lese, aber selbst hab ich eine klare Linie. Aber manchmal gibt es eben Ausnahmen und meine liebe Nähfreundin Meike alias Frau Crafteln ist die Ausnahme. Als sie bei der AnNÄHerung diesen Rock zur Probe nähte, vermuteten wir schon, dass der Rock mir auch gut stehen könnte. Und so passte es ganz gut, als sie mich fragte, ob ich ihn zur Probe nähen wolle. Dann hatte ich allerdings irgendwie keine Zeit und dann passte die Jahreszeit nicht recht zu meiner Vorstellung des Rockes, und so dauerte es etwas, bis ich begann den Rock zu nähen.

Inzwischen war in meinem Kopf schon ein recht genaues Bild von meinem Rock entstanden. Er sollte aus einem festen nachtblauen  Stoff sein. So würde er sich gut in meine Garderobe einfügen. Ich habe nämlich gar keinen dunkelblauen Rock und viele passende Oberteile. In meinem Stoffschrank fand ich zwei marineblaue Stoffe vor, der eine war aber recht schwer und hatte wenig Stand. Der zweite hingegen hatte perfekten Stand, sah schön aus und so vergaß ich kurzfristig, dass dies der Rest meines Probejacketts war. Und dass der Stoff mich bereits beim Jackett in den Wahnsinn getrieben hatte, war auch kurzfristig meinem Hirn entfallen. Tja… Das Problem an diesem bildschönen quergerippten Stoff war nämlich, dass er sich quer zum Fadenlauf in Rekordgeschwindigkeit auflöste. Schneller als man auch nur versäubern kann. Also auch sehr viel schneller, als man an 6 Rockbahnen je 4 Falten legen kann. Ums kurz zu machen: ich nähte zunächst einen Partyrock für die Tonne. Die Falten waren krumm, schief und unterschiedlich hoch, weil wichtige mm dem Stoff fehlten so dass die Geometrie des Schnittes nicht mehr hinhauen konnte. Aber gut, immerhin wusste ich nun schon, dass mir die gewählte Größe passt, die Anleitung sehr gut ist und die merkwürdig geformten Schnittteile ziemlich magisch zu einer sehr schönen Form zusammenfinden. Also bestellte ich mir neuen Stoff. Nachtblau natürlich. Aber nix mit Zicken. Sondern einen schönen einfachen Baumwollköper von stoffkontor.eu. Der kam gewohnt schnell und die zweite Version des Rockes wurde somit angegangen und zur Zufriedenheit beendet.

Hier also zunächst mal ein Eindruck von meinem Rock, dann etwas mehr zu meinem Eindruck vom Schnitt:

 

Der Schnitt war für mich zunächst etwas ungewöhnlich. Sechsmal das exakt gleiche, sehr merkwürdig geformte Schnittteil zuschneiden, das hatte ich wohl noch nie. Die Angabe über die Stoffmenge ist übrigens eher exakt zu verstehen. Auch mit Zuschnitttetris lässt sich da nicht viel rauskitzeln. Ich habe das Schnittteil mit Kreide in einfacher Stofflage 6 mal aufgezeichnet. Daran kann man erkennen, dass ich Meike wirklich sehr gern hab. Sowas treibt mich nämlich gepflegt in den Wahnsinn. Ich bin ja mehr so der Typ: drauflegen bei doppelter Stofflage, beschweren, mit dem Rollschneider drum und zack. Das ging hier nicht und ich habe dennoch nicht die Flinte ins Korn geworfen. Löblich, oder? Zum Glück wurde ich ja durch einen sehr schönen Rock für die Mühe entlohnt.

Als nächstes galt es, die Faltenmarkierungen zu übertragen. Als eher wissenschaftlicher Typ habe ich das quasi reverse-engineered, also die Winkel relativ zur Seitennaht und die Länge der Markierungen ausgemessen und das dann auf den Stoff übertragen. Auch hier: Sorgfalt lohnt, nach Nähschlampenmethode mit Stecknadeln markieren geht definitiv nicht.

Nach dem Steppen der Falten – die Anleitung hierzu ist wirklich hervorragend – geht der Rest dann wirklich wie ein Klacks. Und es ist schon ziemlich magisch, wie aus den bizarren Formen der Schnittteile ein total perfekte Seitenlinien und ein total perfekter angeschnittener Formbund mit Beleg wird. Hossa. Da konnte ich sofort Meikes Begeisterung für die stokx-Schnitte verstehen, da merkt eine sofort, dass da jemand am Werk war, der sein Handwerk versteht.

Die erste Anprobe zeigte: Passt wie eine 1, die Maßtabelle ist also – zumindest in meiner Größe – ziemlich gut. Bei der Anprobe habe ich eigenmächtig entschieden, dass ich den Reißverschluss lieber auf der rechten Seite tragen werde, weil der dann nach hinten verläuft (er sitzt in einer schrägen Naht) – entsprechend habe ich den Rock in der Trageweise gepüstert und dann (ausgehend von der langen Version) um ca. 3-4 cm gekürzt. Das war die einzige Änderung. Juchheissassa. Ich habe den Saum mit Schrägband verstürzt, ich mag das einfach sehr, einerseits, weil ich den Rock gern im Büro tragen können wollte und das schicker finde, andererseits, weil man dann so schön kleine geheime Schrägbandschätze in den Saum bauen kann – so wie dieses Herzchenschrägband. Mit dem hab ich den Saum gemacht und auch den Beleg versäubert, das ging von der Menge genau auf und sieht wirklich nett und sauber aus.

Für den fertigen Rock habe ich schon einige Komplimente bekommen, obwohl ich ihn erst einmal anhatte und ich fand ihn auch den ganzen Bürotag über sehr bequem und habe ihn gern getragen. Er passt sehr gut zu meinem im Urlaub gekauften Breton-Shirt und das macht ihn natürlich noch einmal besser. Ein einziger Punkt stört mich: Keine Taschen, und auch keine einfache Möglichkeit, eine einzubauen. Das ist für mich tatsächlich ein wenig störend.

Der Schnitt „Partyrock“ aus dem Hause stokx von crafteln.de ist ein digitaler Schnitt, den es als Klebe- und Copyshopversion gibt. Es gibt zwei Längen und man erhält jeweils vier Größen, die Maßtabelle erscheint mir zuverlässig für die Größenwahl. Ich habe den Rock in Größe 2 genäht und trage sonst Röcke in Gr. 40(D)/12(US). Ich würde sehr dazu raten, das Schnittteil nach Möglichkeit mehr als einmal abzupausen oder auszuschneiden, dann klappt das auflegen und zuschneiden besser, ideal wären vermutlich drei Schnittteile. Sehr in meinem Sinne ist, dass der Schnitt die Nahtzugabe enthält. Das mag ich ja sehr und da zusätzlich die Nahtlinie eingezeichnet ist, kann man sich das im Notfall ja auch abschneiden, wenn man das nicht mag mit der Nahtzugabe.

Der Schnitt wird als Schwierigkeitskategorie „Erfolgserlebnis“ verkauft. Tatsächlich ist die Anleitung auch wirklich gut für Anfängerinnen geeignet und detailreich bebildert, und das nähen an sich ist nicht kompliziert. Allerdings muss man sauber arbeiten, sowohl beim Zuschnitt als auch beim Markieren und beim legen und nähen der Falten. Der Schnitt funktioniert nur, wenn man exakt arbeitet – dann funktioniert er aber gut.

Das Ergebnis ist ein sehr alltagsgeeigneter Rock mit dennoch sehr anderer Schnittführung. Ich finde den Schnitt vor allem deshalb gut, weil ich ihn mir nicht einfach so hätte selbst bauen können. Denn das ist mein Hauptkritikpunkt an vielen Indie-Schnitten, sie unterscheiden sich kaum von Schnitten, die ich schon habe, ich muss nur ein Detail hinzufügen und habe ein sehr vergleichbares Ergebnis. Das gilt hier keinesfalls, der Schnitt ist tatsächlich besonders und sehr professionell umgesetzt.

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Noch einmal deutlich: Ich habe den Schnitt von Meike kostenlos zum testen zur Verfügung gestellt bekommen. Ich gebe aber hier meine Meinung wider und die Möglichkeit zum Probenähen war nicht an ein positives Posting gekoppelt.