Me made Mittwoch: Das störrische Tea Dress

Gestern trug ich zu einer Fortbildung mein nagelneues 1940s Tea Dress, und heute trage ich es gleich nochmal (aber habe keinen so schönen Spiegel zur Hand wie im Fortbildungshotel).

 

wp-1477489499800.jpgDas 1940s Tea Dress von Sew Over it hat in Nähbloggerinnen-Kreisen einen ziemlich katastrophalen Ruf. Mir ist keine bekannt, die es einfach so ohne großen Änderungsmarathon nähte. Eher kenne ich Berichte von Wut, Verzweiflung und langem Kampf um dieses Kleid. Also stehen alle Zeichen auf: NICHT NACHMACHEN! Leider ist es aber halt ein echt schönes Kleid. Und leider bin ich ja auch von Natur aus etwas trotzig veranlagt. Also hatte es sich schon ein bisschen in meinem Kopf festgesetzt, dass ich das Kleid trotzdem (ätschi) haben möchte. In der wunderbaren Drehumdiebolzeningenieurin fand ich da eine Schwester im Geiste, auch trotzig entschlossen das Kleid zu nähen. Und weil es sich terminlich spontan ergab fanden wir uns letzten Samstag zu einem Nähkränzchen zusammen und gingen das Projekt an. Allerdings mit zwei unterschiedlichen Strategien. Ich nahm den Originalschnitt, nähte im Vorfeld zwei Probeoberteile und passte den Schnitt auf Basis von anderen gut passenden Schnitten an. Die Drehumdiebolzeningenieurin konstruierte sich aus ihrem Grundschnitt einen Schnitt mit den Designmerkmalen des Originalschnittes nach. Zeitmäßig scheint mir, kam es etwa auf das selbe hinaus – alles in allem viel Arbeit, so viel sei zur Warnung potenzieller trotziger Nachmacherinnen gleich gesagt. Ich habe zwei Abende gebraucht um die Proben anzupassen und einen Nachmittag und zwei Abende für Zuschnitt, nähen, anpassen des Kleides.

Leider habe ich versäumt, meine Proben zu dokumentieren. Die erste Probe habe ich in meiner Größe laut Maßtabelle genäht, das wäre Größe 12, das ist soweit auch sonst meine Größe. Das Ergebnis war ein Oberteil, das im Rücken locker 6 vielleicht sogar 8 cm zu weit war. Das Taillenband vorn war 4 cm zu weit. Unter den Armen und über der Brust  war auch reichlich überflüssiger Stoff, um die Brust war das Oberteil aber dennoch zu eng.

Mein Eindruck ganz klar: vollkommen unprofessionell gradiert. Mir scheint, der Schnitt wurde für ein A-Körbchen erstellt und dann basierend auf den Brustweiten der einzelnen Größen überall gleichmäßig weiter gemacht. Da die Schnittteile aber schon recht speziell sind, ist es gleichzeitig nicht trivial, das ganze anzupassen.

Die Differenz im Rücken habe ich zu gleichen Teilen i der Teilungsnaht, der Mittelnaht und der Seitennaht rausgenommen. Beim Taillenband habe ich 2cm mittig und je 1 cm an den Teilungsnähten rausgenommen. Die Brustteile habe ich mit dem Schnitt New Look 6069 abgeglichen, den ich sehr gut angepasst habe und der eine ähnliche Form der Brustteile hat.  Daraus ergab sich das zweite Probeteil.

Das war dann um die Brust etwas eng und über der Brust etwas weit. Ich habe also nochmal 1cm FBA gemacht und dann das Kleid zugeschnitten. Mein Stoff ist ein Wollstoff, Kammgarn, klassische Anzug/Kostümware mit feinen Streifen in blau und dunkelgrau. Gekauft bei alfatex letztes Jahr im Winterschlussverkauf. Nur so halb die richtige Wahl, kann ich jetzt sagen.

Beim nähen ergab sich dann noch, dass die Schultern etwas zu breit waren, dass über der Brust zu viel Stoff war, der interessanterweise zu einer Beule neben der Brust führte. Zum Glück hatte ich ja fachkundige Unterstützung und kurzweilige Unterhaltung dank Frau Drehumdiebolzen, steo konnte mich das nicht allzu sehr aus der Ruhe bringen. Der Schnitt sieht übrigens keine Einlage nirgends vor. Vollkommen eigenmächtig haben wir aber das Mittelteil des Taillenbandes und den Ausschnitt-Beleg einfach trotzdem bebügelt. Der Rock in Gr. 12 passte irritierenderweise fast perfekt an das insg. 8cm engere Oberteil, ich musste nur hinten die Abnäher etwas versetzen – was immer das zu bedeuten hat.

Das zu viel Stoff über der Brust konnte ich nur mit Hilfe eines recht unkonventionellen Abnähers ins Armloch bannen, da muss ich dann nochmal ans Schnittteil ran. Ansonsten sitzt das ganze aber prinzipiell wie ich mir das vorstellte. Einzig dass die Ausschnittkante trotz Staystitchens erheblich leierte und der Ausschnitt dann auch zu tief wurde, das war ziemlich doof. So trug ich das Kleid gestern notgedrungen mit Shirt drunter und das Baumwollshirt und der Wollstoff sind keine guten Partner. Zuppelig. ußerdem zeichnete sich der Beleg durch den Oberstoff ab und rutschte an den Schultern auch etwas raus trotz understitching. Mit Schal gings natürlich, ich bekam für das Kleid zahlreiche Komplimente, das motivierte mich, das Ausschnittproblem anzugehen.

 

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Ich trennte den Beleg raus und verstürzte die Ausschnittkante mit einem minimal gedehnten Spitzen-Wäschegummi. Jetzt steht nichts mehr ab, nichts krabbelt raus und der Einblick ist auch nicht mehr so tief. Somit kann ich das Kleid nun mit einem Seidenunterkleid tragen, da klebt dann auch der Wollstoff nicht mehr ganz so dran. So sieht das ganze also dann heute optimiert aus:

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Ich bin ganz zufrieden. Dem Rock hatte ich schon 2cm an Saumlänge zugegeben, dennoch konnte ich nur 1cm umbügeln für den Saum. Der Wollstoff ist eine Spur  zu steif, ein Stoff mit weicherem Fall wäre besser, die Optik des strengen schlichten Stoffes mit dem eher blusigen Schnitt finde ich allerdings sehr super.

Für eine zweite Version, die ich fest plane, würde ich mal Feingabardine mit Viskoseanteil versuchen. Crepe, der sicher geeignet wäre, mag ich von der Haptik einfach nicht. Aber es muss ein Stoff mit einem weichen aber schweren Fall sein, Baumwolle wäre definitiv zu steif. Dann würde ich auch nochmal das Brustschnittteil und die Ausschnittlinie anpassen, 1 cm höherer Ausschnitt wäre nicht gänzlich verkehrt.

Das Fazit zum Schnitt: Nett gedacht, schlecht umgesetzt. Nur mit Blut, Schweiß und Tränen gut umzusetzen. Definitiv kann man am fertigen Kleid nicht mehr viel anpassen, Anpassungen gehen hier nur mittels Probeteilen. Also eigentlich so gar nicht mein Ding – aber der Trotz hat gesiegt.

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Frau Prinzenrolle fordert uns heute auf, einfach mal Komplimente zu machen. Ich kann das nur befürworten, schon ein freundliches Lächeln macht echt viel aus! Also auf auf zum MMM-Blog und die vielen schönen Kleider komplimentieren!

11 Gedanken zu “Me made Mittwoch: Das störrische Tea Dress

  1. llewella schreibt:

    Mann oh Mann, was für eine Arbeit Du Dir da aufgehalst hast. Das Ergebnis schaut ja gut aus, aber von solchen Dingen würde ich ja prinzipiell die Finger lassen. Also Hut ab!

    Gruß
    Llewella

  2. Sibylle schreibt:

    Liebe Frau Siebenhundertsachen,

    das Kleid ist toll geworden! Großer Respekt!
    Ich wünschte, ich könnte sowas auch, ich habe nämlich schon mitdem Schnitt geliebäugelt, aber mir scheint, das kann ich noch nicht. Muss noch viel lernen…

    Liebe Grüße
    Sibylle

  3. Barbara schreibt:

    was für ein wunder-wunderschönes Kleid! Das will ich auch nähen..war mein Gedanke, bis ich Deinen ausführlichen Bericht las, der ja wirklich wie ein Näh-krimi klingt. Es ist ja schade, daß dieser tolle Schnitt anscheinend so unprofessionell umgesetzt ist. Um so größer ist Dein Verdienst, daß Du dieses Exemplar geschaffen hast! Ich hoffe, Du trägst es noch ganz oft, denn es sieht einfach toll aus.
    LG Barbara

  4. Lucy schreibt:

    Was für ein Kampf! Da muss man sich ja fragen, was die da eigentlich als Schnittmuster verkaufen, wenn quasi gar nichts passt. Dass du das hingekriegt hast! Dafür hätte ich definitiv nicht die Geduld.

      • Bele schreibt:

        Nenn es „Beharrlichkeit“, dann klingt es auch gleich viel akzeptabler… Und die brauchtest du hier wahrlich! Schlechtes Handwerk (in diesem Fall der Schnittmacher und -gradierer) nervt. Dein Kleid ist jedoch richtig schön. Und für den Ausschnitt hast du eine gute Lösung gefunden. Spätestens da hätte mich vermutlich die Lust verlassen, noch einmal ranzugehen…
        LG, Bele

  5. Drehumdiebolzeningenieur schreibt:

    Der Fußboden in dem Tagungshotel!!!!
    Ich hab den Rock ja von vornherein sehr viel länger gemacht, weil er mir im Original zu kurz vorkam. Das mit dem Ausschnitt ist eine sehr gute Idee! Ich hatte über verstürzen mit Schrägband nachgedacht, aber Wäschegumme ist evtl sogar die bessere Wahl wegen Ausleiergefahr.

Danke für deinen Kommentar! Ich freue mich sehr darüber!

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