Konsumterror Elternschaft

Was ich eigentlich am allerwenigsten geahnt hätte, bevor ich ein Kind hatte, ist wie riesig die vollkommene Kommerzialisierung des Elternseins ist. Es scheint mir fast so, dass die Baby-Krams-Branche versucht, die bescheidene Geburtenrate durch eineb massive Erhöhung des Pro-Kind-Konsums zu kompensieren. Während ich naiv dachte „Ja so ein Baby braucht ja quasi nix“ scheinen werdende und frische Eltern sich als Zielgruppe in Summe sehr zu lohnen.

Das geht quasi mit dem positiven Schwangerschaftstest los: da bekommt eine eine gesponsorte Hülle für den Mutterpass mit Gimmicks drin. (Bei mir in diesem Durchgang: Stilleinlagen. Braucht eine ja sehr dringend in der 6. Schwangerschaftswoche…) Meine Frage, ob es nicht vielleicht eine einfache klare Hülle gäbe wurde mit Unverständnis quittiert „aber das Heft sieht doch gar nicht schön aus!“ Ja aber dafür ist es doch auch gar nicht da, es ist eine medizinische Dokumentation und kein Kunstprojekt!


Kaum war erstmals ein klopfendes Pixel im Ultraschall zu sehen, folgte – ebenfalls in der Gyn-Praxis – das hier:


Ein Ding außen voller Klischees und innen voller Anregung zum Konsum:


Das pinke Seidenpapier hat für mich noch den größten Nutzen. Ansonsten Gutscheinchen von diversen einschlägigen Marken, eine Broschüre zu Alkohol in der Schwangerschaft, ein Eltern-Probeheft. Viel Altpapier in Altpapier.

Und so ist es überall: Im Wartezimmer der Pränatalpraxis fast nur als Zeitschriften getarnte Werbung der Firma Pampers. In der Hebammenpraxis ein Körbchen mit Proben diverser Naturkosmetikhersteller.Und wehe Facebook hat herausgefunden, dass man etwas zu oft Schwangerschaftsbeschwerden googelte und Umstandskleidung in einem Onlineshop anschaute oder man hat eine der vielen (qualitativ z.T. katastrophalen) Schwangerschafts-Begleit-Apps runtergeladen. Oho, dann geht es erst richtig los.

Später dann, in der Klinik gibt es ein „Willkommenspaket“ voll mit Pröbchen (Stilleinlagen, Brustwarzencreme, Pampers, Creme) und Werbezettelchen, Prozentgutscheinen etc. Außerdem und noch perfider ist wie zufällig jede Windel, die man in den ersten Tagen im Krankenhaus erhält und mit der man also das Wickeln lernt von der Firma Pampers. Und auch bei der Milchnahrung kriegt man, wiederum wie zufällig immer und in jeder Klinik das eine selbe Markenprodukt. Und insbesondere bei der Milch aber auch bei den Windeln wird man dann ja denken: Das läuft ja jetzt gut, das ändere ich nicht – nachher verträgt mein Kind nix anderes.

Natürlich sind Gratispröbchen und Gutscheine was feines. Es gibt ja den Babykram nicht umsonst, da freut man sich, wenn man was umsonst oder günstiger bekommt. Aber gleichzeitig kreieren diese ganzen Sachen in guter Kooperation mit den Zeitschriften für (werdende) Eltern, die vor Product Placement und unzureichend gekennzeichneter Werbung nur so strotzen, ja das Bild, man brauche das alles. Nicht wenige der Damen in meinem Geburtsvorbereitungskurs beim Minimensch fragten voll Sorge „braucht man dies, braucht man das, braucht man jenes.“ Und natürlich sind wir theoretisch alle aufgeklärte Konsumentinnen, die sich von der Werbung nicht alles erzählen lassen. Aber so rund um die Geburt ist man eben dann schon eher ein hormonbeladenes Wrack, vollkommen überfrachtet von der neu gewonnen Verantwortung und mit dem riesigen Wunsch beseelt, ja nix falsch zu machen. Da sagt man schwer nein, zu einem überzeugend dargebotenen Angebot. Natürlich ist das der Sinn von Werbung. Und dass auf Gratis-Informationsseiten und -Apps geworben wird, finde ich nur normal – ich zahle nix, also bin ich die Ware. Aber verantwortungsvolle Betreuung in Arztpraxen, Hebammenpraxen und Krankenhäusern stelle ich mir anders vor. Da wünsche ich mir Neutralität und einen ehrlichen Rat dazu, was ich wirklich brauche und nicht die vollkommen reflektionsbefreite Weitergabe von Werbematerial.

Und was mich ganz besonders stört: das ganze zieht sich auch durch sehr viele der sogenannten „Mami-Blogs“ und auch durch solche, die explizit betonen, dass man ja fast nichts brauche um ein Kind großzuziehen (was stimmt) – fast nichts, außer sauteure Pflegeprodukte von Weleda, drölfzig Ratgeberbücher und Wolle-Seide-Bodys vom Natur-Kleidungs-Riesen. Und wer sich das nicht leisten kann? Tja, Pech, schlechte Mutter.

Dieser Blogpost ist schon sehr lang, daher behalte ich meine eigenen Ratschläge, was man wirklich braucht, mal für mich. Und als Mutter eines fast vierjährigen kann ich sagen: das hört auch nicht mehr auf. Es ist unfassbar, was für hirnrissige Dinge es alle in „extra für Kinder“ oder besser noch „für Jungs“ und „für Mädchen“ gibt, die dann doppelt so teuer, ansonsten exakt genauso oder schlechter sind, als die „normalen“ Produkte für alle. Aber scheinbar wirkt die Maschinerie ja, denn der Absatz belohnt da wohl die Werbestrategen.