Wahlplakat-Dadaismus

Ich habe das relativ zweifelhafte Vergnügen in letzter Zeit recht viel mit dem Auto innerstädtisch in mehreren Ruhrgebietsstädten unterwegs zu sein. Das gibt mir einen recht guten Überblick über den Status der Plakat-Wahlkampfes hier in NRW. Und was ich da so sehe ist auf der ganzen Parteien-Bandbreite dermaßen sinnbefreit, dass ich schon jetzt diese Wahl nicht mehr ernst nehmen kann:

Der SPD hat scheinbar irgendwer gesagt, dass man heutzutage eigentlich keine Inhalte braucht, solang man Hashtags hat, weswegen sie allüberall #NRWIR drauf druckt. Ergänzt um das Konterfei von Hannelore Kraft. Fertig ist das Plakat. Mehr braucht man ja nicht zu wissen, oder? Falls doch gibt es noch die fast genauso sinnfreien Varianten #NRWIR RABAUKEN (Bild von Kindern), #NRWIR MALOCHER (Bild von „Arbeitern“) sowie bestimmt noch weitere, die mich gnädigerweise bisher nicht ereilt haben. Wir halten fest, mit einer tollen Landesmutter und einem Wir-Gefühl kommt man schon aus. Na gut.

Der CDU hat das mit den Hashtags wieder keiner verraten, weswegen da das Bild von Armin Laschet mit dem Schriftzug „Armin Laschet“ ohne weitere Inhalte reichen muss. Armin Laschet ist nicht Hannelore Kraft, reicht auch als Aussage, was? Ansonsten gibt es von der CDU Plakate mit seltsamen Aussagen-Zusammenstellungen, die mir z.T. wirklich wie beliebig aus dem Generator gezogen vorkommen: „Mehr Bewegung. Weniger Stau.“ Gesehen am Bochumer Innenstadtring. Herzhaft gelacht. Oder „Mehr Polizisten. Weniger Einbrüche.“ Sind das Kausalitätsaussagen? Wunschaufzählungen? Was soll das sein? Ich hätte da als weitere heiße Kandidaten: „Mehr Sonntage. Weniger Montage.“ und „Mehr Katzenbilder. Weniger sinnlose Wahlplakate.“ Aber gut, das ist ja der Landesverband, der sich einst mit „Kinder statt Inder“ aus der Existenzberechtigung schoss und deren ehemaliger Ministerpräsident im Interview sagte, zur Feier des Wahlsieges bekomme seine Frau jetzt eine Spülmaschine.

Die FDP wirbt mit schon fast revolutionär viel Inhalt. Nämlich mehr oder weniger Sinn machenden Aussagen zum Politikbetrieb. Über das Schwarz-weiß-Bild von Christian Lindner in verschiedenen schwer politikermäßigen Posen gedruckt. Er redet engagiert, schaut kämpferisch oder macht konzentriert Notizen. Staatsmännisch. Leider lässt das Pink-Gelb-Blau des Schriftzuges dann doch irgendwie auf merkwürdige Drogen beim Plakatdesigner schließen und macht den staatsmännischen Eindruck kaputt. Der Minimensch denkt schon seit Tagen intensiv darüber nach, was der Mann da wohl schreibt und ist zu dem Schluss gekommen, dass er ein Anamnese-Formular beim Arzt ausfüllt – ist vielleicht notwendig, wenn man sich die Farbkombi zu lang angucken musste.

Auch die Grünen haben Inhalt. Allerdings kommt der verstörenderweise immer als Aufzählung mit 1. & 2. vor. „1. Beherzt regieren. 2. Weniger Hass“ oder „1. Freíheit. 2. Sichern“ Was soll denn das? Sind schon 4-Wort-Sätze so lang, dass man sie nur in Etappen verstehen kann? Oder brauchen die Grünen überraschend viele Milestones auf dem Weg zu gar nicht mal so riesigen Zielen? Es bleibt schleierhaft.

Die Linke wiederum wirbt mit dem Slogan „Zeig Stärke!“, unbekannten Menschen und darunter in kleiner Schrift Erläuterungen, wofür man Stärke zeigen solle „Mindestlohn, der kein Armutsrisiko ist“ „Bezahlbaren Wohnraum“ „Günstigen ÖPNV“ – inhaltlich solide linke Kernforderungen. Aber was soll das „Zeig Stärke!“??? Ich möchte hier doch wissen, was die Partei zu tun gedenkt und nicht von der Partei befohlen bekommen, was ich zu tun habe. Und wie bitteschön zeige ich Stärke für günstigen ÖPNV? Oder will man mir sagen, dass es Stärke erfordert, die Linke zu wählen? Ja, das stimmt vielleicht ist aber dann doch irgendwie auch ein  merkwürdiges Selbstbild, oder? „Überwinde dich, wähl uns!“ – hm, nein.

Der Quell der größten Freude sind die erstaunlich zahlreichen Plakate der MLPD. Da gibt es dann geradezu einen Überfluss an Inhalt. In bunten Farben. Und sehr zum lachen, denn ich komme nicht umhin mich zu fragen, ob die sich eigentlich mal kurz selbst zuhören. Mein Favorit: „Revolution ist kein Verbrechen – Weg mit §129 ab/b“ Also, 1. Revolution strebt qua Definition nach dem Umsturz des existenten (Rechts-)Systems, damit muss sie im gegenwärtig gültigen System ein Verbrechen sein. 2.Und dann, was soll denn das? „Nee Leute, Revolution find ich ja voll knorke, wär ich ja dabei, wenn es nur nicht verboten wär…“ ?! Oder wie hab ich mir das in revolutionären Kreisen vorzustellen? Schön auch „Politik für Arbeiter*innen – Nicht für Milliardäre“ 1. Warum haben Arbeiterinnen ein Sternchen verdient und Milliardärinnen werden qua Plakat exkludiert? 2. Wieviele Milliardär*innen denkt die MLPD denn so haben wir in Deutschland, dass es sich lohnt danach die Politik auszurichten? Auch noch ganz toll: „Protest ist links!“ Ja, sieht man ja z.B. schön montags in Dresden, den ganzen linken Protest, ne? Das klingt mir dann doch irgendwie stark nach dreijährigem Trotzkind: „Ist es doch! Männo! *fußaufstapfend ab*“

Am erfreulichsten jedoch: ich habe noch kein einziges AfD-Plakat gesehen. Die haben nämlich scheinbar den Wahlkampfauftakt um eine Woche verpennt und jetzt hängt schon an jeder Laterne ein Plakat.

Ansonsten trägt jedenfalls kein einziges dieser Plakate auch nur einen Hauch zu meiner Wahlentscheidung bei und es fiel mir auch sichtlich schwer, dem Minimensch zu erklären, wofür genau die eigentlich alle gut sind…

P.S. Wer außerhalb von NRW wohnt und sich das ganze Drama angucken möchte: die Google-Bildersuche ist da recht ergiebig…

3 Gedanken zu “Wahlplakat-Dadaismus

  1. Lena schreibt:

    Hey, als mir geht es da ganz genauso. Es ist ja nicht so, dass Wahlplakate jemals meine bewusst meine Wahlentscheidung beeinflusst hätten, aber ich habe wirklich den Eindruck, dass es in diesem Jahr noch schlimmer ist als sonst. Ich empfinde die allermeisten Plakate inhaltsleer und beliebig. Fast könnte man die „Wahlsprüche“ nicht mal einer Partei zuordnen, wenn sie nicht da neben stünde. Und das Plakat der MLPD mit „Weg mit §129 a/b“ finde ich auch beeindruckend, da steht ja nicht mal bei, um welches Gesetzbuch es geht. Naja, hilft ja nichts, wir müssen uns die Plakate jetzt noch eine ganze Weile anschauen… Viele Grüße und Danke für deinen tollen Blog!

  2. stoffn schreibt:

    Vielen Dank für diesen schönen Post. Mir graut’s schon vor den Worthülsen zur Bundestagswahl und der eher assoziativen Logik. Also, „mehr Zahnärzte, weniger Karies“ und Grüße aus Berlin

  3. Stitched Teacups schreibt:

    In Diskussionen über „Politikverdrossenheit der Bevölkerung“ habe ich das eine oder andere Mal Abbildungen von Wahlplakaten hochgehalten. Mir wurde gesagt, ich möge die Diskussion doch nicht ins Lächerliche ziehen. Ich hatte es ernstgemeint…
    Hier in Baden-Württemberg haben wir noch ein Weilchen Ruhe vor Wahlplakaten, aber mir graut jetzt schon ein wenig.

    Liebe Grüße,
    Sabrina

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