Dämonen

Ich habe etwas länger darüber nachgedacht, ob ich hier im Blog oder überhaupt im Internet von meiner Schwangerschaft berichten soll.

Langjährige Leserinnen wissen, dass die Schwangerschaft mit dem Minimensch im letzten Drittel nicht mehr so ganz glatt verlief.  Auch wenn ich das nicht explizit zum Thema gemacht habe, konnte man raus lesen, dass ich einige Zeit vor der Geburt im Krankenhaus war und in wirklich sehr engmaschiger Überwachung. Der Minimensch stellte einfach irgendwann das Wachstum ein, der Verdacht war damals Plazentainsuffizienz. Nun ist ja bekanntlich ein kleines aber gesundes Kind aus ihm geworden. Dennoch bleibt natürlich die Frage „Kommt das diesmal wieder? Vielleicht mit weniger glücklichem Ausgang?“

Dann hatte ich – und das war hier bisher kein Thema – vor einem Jahr eine frühe Fehlgeburt. Daran hatte ich mehr zu knabbern als mir lieb ist und auch das lässt natürlich Zweifel zurück. Darüber schreiben kann ich erst jetzt, wo ein neues Kind unterwegs ist.

Also vielleicht gar nicht so öffentlich über die Schwangerschaft schreiben? Sie aussparen? So sehr privat ist dieses Blog ja dann doch nicht. Und letztlich geht es dabei ja auch nicht nur um mich, sondern auch um die Privatsphäre und das Leben meiner Familie.

Ich habe mich aus zwei Gründen dafür entschieden, es doch zu tun.

Einerseits weil ich ansonsten nicht mehr hätte bloggen können. Ich kann nicht einen Teil meines Lebens ausklammern und dennoch weiter bloggen. Dieses Blog ist meine virtuelle Wohnung. Es gehört zu mir und ich zu ihm. Es hätte mir sehr gefehlt. Und im offline-Leben haben zwangsläufig viele vollkommen Fremde (Nachbarn, Kolleg*innen, Kindergarteneltern,…) an meiner Schwangerschaft teil. Da ist es dann hier im Blog irgendwie doch viel privater und persönlicher.
Andererseits hat mich dieser Post von Frau Frische Brise ermuntert sowie die Offline-Erlebnisse mit vielen Frauen, die selbst eine Fehl- oder Totgeburt, eine komplizierte Schwangerschaft oder eine schlimme erste Zeit mit Baby hatten. Sehr oft, wenn ich zögerlich von meiner Fehlgeburt erzählte, sagten mir andere Frauen „ja. Das habe ich auch erlebt.“ Viele zweimal. Manche ganz traumatisch nach sehr weit fortgeschrittener Schwangerschaft. Das war gut, denn es hat mir geholfen, mich nicht sprachlos zu fühlen. Und diesen Statistiken „Jede dritte Schwangerschaft endet vorzeitig“ Gesichter zu geben.

Ich finde es nach wie vor sehr sinnvoll in den ersten 12 Wochen nicht über eine Schwangerschaft zu reden. Ich war froh, meinem Chef einfach eine Krankmeldung geben zu können, ohne mich genauer erklären zu müssen. Ich finde es wichtig, entscheiden zu können wann ich mit wem über eine Fehlgeburt spreche. Dennoch finde ich es auch nicht richtig, Komplikationen rund um das schwanger werden, schwanger sein und gebären zu tabuisieren oder zweifelhaften Kinderwunschforen zu überlassen. Und so möchte ich auch ermutigen indem ich darüber schreibe, dass es Komplikationen und Hürden gibt. Dass vermutlich jede Schwangerschaft Momente von Unsicherheit und Angst hat (auch in dieser gab es schon einen Schockmoment, der sich zum Glück erledigt hat). Dass nicht jede sofort schwanger wird und bleibt. Dass ich ein Kind verloren habe und das auch nicht einfach so abschütteln kann.

Denn natürlich sitzen die Dämonen der letzten beiden Schwangerschaften neben mir. Mal mehr mal weniger. Am Anfang wagte ich kaum, mich zu freuen. Versuchte mich innerlich erstmal nicht so drauf einzulassen. Und erzählte gleichzeitig nahestehenden Menschen davon, denen, denen ich auch von meiner Fehlgeburt erzählt hatte, damit andere mit uns hofften.

Noch einige Zeit nach der 12. Woche war mein Schlaf unruhig und meine Träume ziemlich wirr, beängstigend und erschreckend. Mit den ersten zaghaften Kindsbewegungen wurde das besser.

Es bleibt die bange Frage „wächst es genug, wird es genug versorgt?“ die ist immer ein bisschen da. Beim Blick auf die Waage und beim Kontrollieren des Bauchumfangs, bei jeder der wirklich zahlreichen Gyn-Kontrollen. Ich achte viel mehr darauf, eiweißreich zu essen, zähle moch akribischer die Koffeindosen nach, nehme Tabletten, beobachte kritisch jede Eintragung im Mutterpass. Dieser Dämon sitzt da, noch einige Wochen mindestens. Das muss ich wohl akzeptieren. Das selbstverständliche „es ist schon alles in Ordnung“-Gefühl aus der ersten Schwangerschaft fehlt mir. Aber das gehört dann jetzt wohl dazu.

Und so wird auch diese Schwangerschaft hier nicht ausgeklammert werden. Auch wenn ich nach wie vor keine Mamabloggerin bin und es hier weder ein Schwangerschaftstagebuch noch Bauchfotos mit Wochenangabe geben wird. Und auch sicher keine Produktempfehlungen und Bauchshooting-Aufnahmen vom Profifotograf. Aber natürlich selbst genähte Umstandskleidung. Und Einblicke in das Leben, das eben derzeit ein Schwangeren-Leben ist. Und sicher auch niedliche Mini-Kindersachen – wenn die Zeit dafür reif ist. Ohne dass diese Schwangerschaft hochglanz-perfekt aussehen soll oder wird. Keine Schwangerschaft ist hochglanz-perfekt. Muss sie ja auch gar nicht sein.

11 Gedanken zu “Dämonen

  1. Miriam schreibt:

    Oh, ich kann Dich gut verstehen! Auch ich gehöre zu den Frauen, die eine Fehlgeburt hatte. Mittlerweile haben wir in der jetzigen Schwangerschaft Halbzeit, ich fühle die Stupser von unserem Senfkorn-Baby, aber vor jedem Vorsorgetermin habe ich Panik, dass kein Senfkorn-Baby mehr da ist. Verrückt, ich wünsche mir auch oft die Gelassenheit der ersten Schwangerschaft zurück. Fühl Dich gedrückt. Alles wird gut und bald werden wir unsere kleinen Wunder in den Armen halten können.

    Liebe Grüße
    Miriam

  2. Ther Rese schreibt:

    Auch, wenn mir diese Erfahrung bisher (zum Glück) erspart blieb: meine erste Schwangerschaft war die schwerste, das hat mich sicherlich geprägt. Auch, wenn ich jetzt mit der dritten SS in 5 Jahren als „erfahrene Schwangere“ gelte und eigentlich entspannt sein sollte, sitzen auch neben mir die Dämonen. Bei mir heißen sie diesmal „Wir mein Kind gesund sein“ und „Werde ich diesmal normal stillen können oder nimmt es wieder zögerlich zu“.

    Vielen Dank für deinen Artikel, das ist glaube ich ein Punkt, der Vielviel mehr im Mittelpunkt stehen muss, wenn es um Elternschaft und Familie geht: dass es beides ist, sein kann, vielleicht sein muss?, großartig und furchtbar, das schönste auf Erden und das schlimmste von der Welt, Erfüllung und Verzweiflung.

  3. steph schreibt:

    Ich wünsche dir von Herzen, dass alles glatt geht. Mach dich beim Koffein-Zählen und Essen nicht fertig – ich glaube, manche Sachen hat man einfach nicht in der Hand.

  4. lottiekamel schreibt:

    Ich hoffe ganz fest, dass für euch alles gut kommt und du diesmal eine Schwangerschaft geniessen kannst! Und es ist nun mal ein wichtiger und einschneidender Teil des Lebens, wie ich ja jetzt selber erfahren darf.
    Ich wünsche dir viel Zuversicht! Auch ich hatte im Frühjahr 15 eine sehr frühe FG und wahrsch. Eileiterschwangerschaft, das kam damals so überfordernd und überraschend. Und hat mich trotz Ungeplantheit sehr beschäftigt…

  5. Mrs Go schreibt:

    Ich wünsche euch gutes Gelingen. Ich kenne mehrere ähnliche Geschichten und die Sprachlosigkeit. Manchmal passen eben einfach die zusammengewürfelten Gene oder sonstige Faktoren nicht, das hat man nicht in der Hand. Trotz aller Technik, Überwachung und vermeintlicher Kontrolle ist da noch ganz viel Zufall und Natur. Traurig, wenn man dadurch ein Kind verliert, aber deswegen bist Du nicht „verkehrt“ oder hast etwas falsch gemacht. Kopf hoch und liebe Grüße von Mrs Go

  6. marinellasworld schreibt:

    Das hast du sehr schön geschrieben. Ich drücke dir alle Daumen, dass diese Schwangerschaft gut und möglichst ereignislos zu Ende gehen darf!
    Ich bin auch schwanger und die Dämonen und Komplikationen sind ein Grund dafür, dass mein Blog im Winterschlaf verharrt. Mal sehen, wann ich es schaffe das zu ändern.
    Viele liebe Grüsse
    Julia

  7. Julia schreibt:

    Ja, die Dämonen… Auch wenn das Schicksal mir eine Fehlgeburt bisher zum Glück erspart hat, ein kleines bisschen kann ich´s vielleicht trotzdem nachfühlen. Ich hatte in den Vor-Schwangerschaftsjahren an einigen Baustellen zugleich zu knabbern. Die Unbeschwertheit und das Zutrauen, dass alles gut wird, hat darunter einfach dauerhaft gelitten. Und so sitzen mir, auch ohne konkreten Anlass, immer mal wieder irrationale Ängste im Nacken. Gerade auch in der Schwangerschaft. So trägt wohl so mancher sein Päckchen mit sich rum, auch wenn die wenigsten drüber reden. Deshalb: Hut ab vor deinem Post. Ich wünsche dir eine unterm Strich trotzdem schöne Schwangerschaft ohne negative Aufreger und euch vieren alles Gute!

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