Herz voraus!

Als der Minimensch nach 3,5 Wochen Urlaub vor Kurzem wieder in die Kita kam, da freuten er und seine beste Freundin sich unbändig einander wiederzuhaben. Er redete seit Tagen von nichts anderem und sie wohl auch, so erzählte ihre Mutter. Als der Minimensch allerdings dann am ersten Tag kam, da kam sie zwar strahlend angerannt, erklärte aber dann, sie habe eh nur etwas aus dem Vorraum holen wollen. – Ganz offenbar schämte sie sich ihrer Freude.

Diese Begebenheit geht mir sehr nach. Ist es nicht schlimm, dass schon vierjährige Kinder sich ihrer Gefühle schämen? Dass sie zögern ihre Zuneigung sichtbar sein zu lassen?

Ich bin in einer liebevollen Familie groß geworden. In der es normal war über Gefühle zu sprechen. In der offensichtlich vorgelebt war, dass es etwas großartiges ist, andere Menschen lieben zu dürfen und dass Zuneigung und Vertrauen wertvolle Geschenke sind. In der auch immer klar war, dass es eine Bereicherung ist, anderen Menschen mit Toleranz und einem liebenden Blick zu begegnen. In der ich früh gelernt und oft besprochen habe, dass man sich vielfach, hundertfach in Menschen verlieben kann, dass man sich, mit dem richtigen Blick auf die Welt für viele Menschen begeistern und in vielen etwas besonderes entdecken kann.

Ich hatte das große Glück in der Pubertät in einem Bekannten- und Freundeskreis erwachsen werden zu dürfen, in dem keine Spielchen mit den Gefühlen anderer getrieben wurden. In dem es keine Eifersüchteleien gab. In dem Gefühle haben und zeigen kein Grund war, sich zu schämen, keine Schwäche bedeutete. Ein Freundeskreis, der sehr selbstverständlich alters- und geschlechtsgemischt war. In dem Menschen sehr so genommen und geliebt wurden, wie sie sind. In dem es normal war, miteinander zu kuscheln, sich in den Arm zu nehmen, einander zu vermissen und sich zu freuen einander zu sehen.

Ich kenne auch das andere erleben, das viele in der Pubertät durchlaufen. In meinem Schulumfeld, gerade unter Mädchen, war es oft gefährlich, allzu deutlich Zuneigung zu zeigen. es machte eine schwach und verletzlich. Man konnte ausgenutzt oder ausgelacht werden. Schon wegen kleinen „Verfehlungen“ war man persona non grata. Man hatte die eine Freundin gegrüßt, dann konnte man leider nicht mehr mit der anderen befreundet sein. Pech. Man stand auf den falschen Typen, den hatte doch schon die andere reserviert. Und so weiter. Loyalitäten wechselten täglich. Dieses Umfeld allein, hätte mich verkümmern lassen. Noch etwas schlimmer fand ich das übrigens im Auslandshalbjahr in Frankreich. Da war ich, weil ich auch mit Jungs befreundet war sofort eine Schlampe.

So aber habe ich die meiste Zeit meines Lebens erfahren, dass es eine Bereicherung ist, sich Menschen zu öffnen. Ich zögere selten, Menschen zu zeigen, dass ich sie mag. Ich werfe mein Herz weit voraus und meist kommt es zurück und bringt Freunde mit. Nicht immer natürlich, mein Herz hat auch Blessuren davon getragen. Ich habe Menschen sehr gemocht, geliebt, die das nicht erwidert haben. Ich habe mich Menschen geöffnet, die nicht gut für mich waren. Ich bin verletzt oder ausgenutzt worden.

Aber das war es wert. Denn ohne mein weit offenes Herz hätte ich viele großartige Menschen nie oder nicht näher kennengelernt. Ich hätte den Mann nicht, den ich liebe. Ich hätte nicht geschafft einige Internet-Bekanntschaften in tolle echte Freundschaften zu verwandeln. Ich wäre um viele großartige Erfahrungen ärmer, um Perspektiven, die mein Leben bereichern, um zahlreiche wundervolle Gespräche und sehr viel wärmendes Lachen. Ich hätte sicher einige Tränen gespart, aber auch die ein oder andere Umarmung zur rechten Zeit nicht bekommen. Ich hätte weniger geküsst, weniger geredet, weniger gelacht, weniger getanzt und weniger gechattet. Und ich wäre nicht die, die ich heute bin. Nicht die Frau, die Freundin, die Mutter, die ich bin.

Wenn ich meinen Kindern eins mitgeben möchte, dann das. Dass ein offenes Herz und ein liebender Blick das Leben bereichern. Dass es nicht lohnt zu zaudern. Dass es großartig ist, Menschen kennenlernen zu dürfen. Dass Zuneigung keine Schwäche ist. Dass man begeistert sein darf und sollte, weil es so viel zu gewinnen gibt.

Ich hoffe, das können wir schaffen, allem Gruppenzwang, aller anderslautenden Erfahrungen zum Trotz. Wir können das vorleben, aber es kommt mir wenig vor, was wir Eltern bewegen können verglichen mit dem sonstigen Umfeld. Aber wenn uns das gelänge, das wäre schön für sie und ein bisschen auch für die Welt.