Kein WhatsApp mit Nazis

Diese Woche bekam ich von einer mir nur entfernt bekannten Kita-Mutter eine offensichtliche automatische Massen-WhatsApp-Nachricht, die mich aufforderte, eine Petition an die der CDU-, FDP- und AfD-Fraktionen des Berliner Abgeordnetenhaus gegen diese Broschüre zu unterzeichnen. Ich war zunächst sehr irritiert. Dann rang ich eine Weile um deutliche Worte. Dann antwortete ich in etwa, dass ich sehr sicher nichts unterstütze, was von der AfD unterstützt wird, dass ich ferner Sensibilisierung von Eltern und Erzieher*innen für die Themen Geschlechtsidentität und sexuelle Vielfalt für wichtig und richtig halte und dass diese Petition vollkommen unhaltbar von Dingen wie „Sexualisierung“ und „Anleitung zum Outing“ rede, was nichts mit dem Inhalt der Broschüre und dem wichtigen Thema zu tun habe sondern populistische Propaganda sei. Die Broschüre richte sich nicht, wie in der Petition behauptet an Kinder, sondern an Erzieherinnen. Dann regte ich mich etwas via Twitter auf. Dann dachte ich noch etwas darüber nach. Dann begegnete ich der Mutter zufällig zur Abholzeit vor der noch geschlossenen Tür des Kindergartens, woraufhin sie ohne ein Wort zu ihrem Auto ging und in ihrem Auto weiter auf Türöffnung wartete. Ich regte mich noch etwas auf, las auf Twitter davon, dass auch in Berliner Boulevardzeitungen diese „Sex-Broschüre“ skandalisiert wird und jetzt muss ich doch nochmal ausholen.

Verdammt nochmal!

Wir haben das immens unfassbar große Glück in einem Land zu einer Zeit zu leben, wo menschheitsgeschichtlich gesehen erst seit sehr kurzem jede und jeder im Wesentlichen lieben darf, wen er möchte und Sex haben darf wie und mit wem er oder sie möchte (Einverständnis und Volljährigkeit beider vorausgesetzt). Ich bin unfassbar froh, dass ich meinen Kindern vermitteln kann, dass Liebe etwas ist, dessen man sich nicht schämen muss und dessentwegen man nicht vor Verfolgung und Strafe fürchten muss. Dass ich mein Kind nicht von Kindesbeinen an in eine Geschlechterrolle zementieren muss, damit es später mal rein passt. Wir schätzen uns glücklich in einem Kindergarten zu sein, wo diese Haltung auch gelebt wird, wo niemand mir mit „typisch Junge/typisch Mädchen“ kommt. Wo selbstverständlich akzeptiert wird dass Jungs eine beste Freundin und Mädchen einen besten Freund haben, ohne dass da gleich romantische Verquickungen hineingedeutet werden.

Und dabei sind wir noch lang nicht an dem Punkt, wo ich sagen kann, Geschlechtsidentität und sexuelle Orientierung spielten keine Rolle. Wo ich sagen könnte, „tu was du willst, da wird sich keiner dran stören“. Wo wir als Gesellschaft erkannt haben, dass es nicht unser fucking Business ist, welche Geschlechtsmerkmale unter welchen Klamotten/Frisuren/Kosmetika stecken und ob der Mensch der vor uns steht schon mit den gleichen Geschlechtsmerkmalen geboren wurde auch nicht. Ich muss meinem Kind erklären, dass andere vielleicht schon finden, ein Junge dürfe keinen Nagellack tragen und rot sei eine Mädchenfarbe. Dass es leider Menschen gibt, die nicht ok finden, wenn ein Mann einen Mann oder eine Frau eine Frau liebt.

Wovor zum Henker haben diese Menschen Angst? Dass ihre Kinder womöglich glücklich werden, so wie sie das gern wollen? Dass ihren Kindern mit Verständnis und Toleranz begegnet wird? Was ist das für eine seltsame Haltung, die jede andere Form der Liebe, des Zusammenlebens, der Beziehung so bedrohlich findet, dass darüber augenscheinlich nicht mal gesprochen werden darf?!

Fest steht: diese Petition und wie nonchalant sie mir zugetragen wurde verdeutlicht nur zu genau, dass wir auf einen gesellschaftlichen Backlash zusteuern. Die Repräsentanz der AfD in unseren Parlamenten normalisiert antidemokratisches, freiheitsfeindliches, reaktionäres Gedankengut so sehr dass es scheinbar nicht anrüchig ist für zumindest die CDU hier mit ihr zusammenzuarbeiten*. Und ja, das macht mir Angst.

Angst, dass meine Kinder weniger frei als ich sein werden in der Wahl ihres Partners, ihrer Lebensumstände, ihrer religiösen Überzeugungen oder ihrer Meinungsäußerung. Angst, dass sie mit Repressalien und Gewalt rechnen müssen, wenn sie nicht in das beschränkte Welt- und Menschenbild dieses Nazipacks passen. Diesen gesellschaftlichen Backlash gilt es an allen Fronten zu bekämpfen. Durch deutliche Worte, durch Rückgrat und Haltung, an der Wahlurne, auf der Straße, in jedem Gespräch. Zu oft sind wir geneigt einfach wegzuhören, wenn gehetzt, verunglimpft, vereinfacht und pauschalisiert wird. Über Ausländer, Homosexuelle, Transmenschen, Muslime, Menschen mit Behinderungen. Wir gehen dann vielleicht diesen Leuten aus dem Weg. Oder denken uns unseren Teil. Aber das reicht nicht. Auch wenn es nur eine WhatsApp ist, oder ein belangloses Gespräch beim Bäcker, an der Kasse, beim Friseur. Ignorieren ist nicht genug. Die Freiheit hat mehr verdient als das.

* Ich hatte zuerst hier geschrieben auch die FDP unterstütze das Anliegen der Petition. Dies ist jedoch falsch, nur die AfD und die CDU haben bisher Initiative ergriffen, gegen die Broschüre vorzugehen. Die FDP wird in der Petition nur adressiert.

22 Gedanken zu “Kein WhatsApp mit Nazis

  1. Ute Textilewerke schreibt:

    Danke für deinen öffentlichen Aufreger und deine klare Position, die ich voll unterstütze. Wir sind für unsere Freiheiten auf die Strasse gegangen. Und jetzt gilt es, die demokratischen Werte und die Demokratie an sich zu erhalten und auch weiterzuentwickeln.

  2. Ulrike schreibt:

    Ich bin sonst eine stille Leserin, aber in diesem Fall bedarf es klarer Worte!
    Ich stimme Dir absolut und uneingeschränkt zu – ignorieren reicht nicht, wir müssen die Freiheit aktiv verteidigen. Toll, dass Du so deutlich Position beziehst!

  3. Stitched Teacups schreibt:

    Danke. Einfach danke.
    Dass solche Positionen wieder so offen geäußert werden (können), dass demokratische Parteien mit der sogenannten Alternative einen Schulterschluss bilden und ganz allgemein der Backlash so offensichtlich ist, finde ich gruselig as fuck.
    Umso wichtiger, da auch im Kleinen gegenzuhalten…

    Liebe Grüße
    Sabrina

  4. Kraut und Kleid schreibt:

    Eine Kollegin von mir bekam neulich per WhatsApp eine Aufforderung, zu einer Fremdenfeindlichen Demo zu gehen. Woher sie kam, wusste sie nicht so genau, und reagiert hat sie auch nicht darauf. Ich konnte das nicht nachvollziehen,ich hätte auch nachgefragt, was der Unsinn wohl soll, aber worauf ich hinaus will ist, dass möglicherweise viele Menschen mit WhatsApps so zugeflutet werden, dass sie eine Nachricht nur flüchtig lesen und dann mal schnell teilen und so überschwemmt solcher Mist das Netz. Diese Gedankenlosigkeit, mit der viele mit solchen Themen umgehen, macht mir Angst.
    Ich finde es klasse, dass Du so deutliche Worte gefunden hast. Viel zu oft wendet man sich ab oder ignoriert diese Sorte von Spam. Aber Du hast absolut Recht, man muss laut werden gegen solches Gedankengut.
    Früher einmal gab es den Spruch „Wer sich nicht wehrt, der lebt verkehrt!“. Vielleicht sollten wir uns den mal wieder mehr auf die Fahnen schreiben.
    Viele Grüße, Stefanie

  5. Christine schreibt:

    Vielen Dank fürs Positionieren und Aufschreiben! Mir fällt das „anonym“ viel leichter als direkt mit Menschen, die man häufig wiedersehen muss. Aber es gibt Themen, da darf man 0 Toleranz zeigen, auch wenn’s unbequem ist, Fremdenhass, Homophopie und vieles Andere zählen klar dazu. (Hier aktuell ne Menge Ärger weil ich eine Mutter angesprochen habe, die vor mir ihr Kind nach mehrfacher Androhung geschlagen hat)

    • Christine schreibt:

      Es gibt halt gewisse Muster, die sich offenbar wiederholen. Und wer sich diesen intoleranten Verhaltens- und Meinungs-Mustern nahe fühlt und diese aus Überzeugung ausweiten und wieder salonfähig machen möchte, sollte auch überzeugt hinnehmen, dass er so bezeichnet wird, wie dieses altbekannte Muster nunmal genannt wird. Steht ja allen frei, sich in Kreisen und Gedanken zu bewegen, die eben nicht mit dieser Vokabel kategorisiert werden 😉 #keinenFußbreitniewieder

      • Peter Able schreibt:

        Aber nur, weil jemand gegen Genderismus und die Salonfähigkeit von LGBTQ ist, ist er weit davon entfernt, per se ein „Nazi“ (faschistisch, rechts) zu sein.

        Sexuelle Orientierung ist etwas völlig anderes als Hautfarbe.

        Erstere entsteht im Laufe des Lebens, zweitere ist genetisch detetminiert. Erstere hat etwas mit Moral/Ethik zu tun, zweitere gar nicht. Niemand kann seine Hautfarbe ändern, es gibt jedoch zig Menschen, deren sexuelle Orientierung sich verändert hat.

      • Christine schreibt:

        Das sieht der aktuelle Stand der Wissenschaft ganz anders. Sie scheinen sowohl was diesen als auch was die Geschichte angeht Bedarf an Bildung zu haben. Das Eine ist nicht besser als das Andere und „nur“ ganz sicher keine treffende Bezeichnung für Phobien dieser Art.

      • Frau 700Sachen schreibt:

        Die Unterdrückung von Menschen aufgrund ihrer sexuellen Orientierung ist eine der vielen Handschriften faschistischster Systeme, die Hautfarbe ist nur eines der vielen Merkmale von Minderheiten, die Diskriminierung und Verfolgung erfahren. Eine Demokratie achtet den Schutz von Minderheiten.

  6. Peter Able schreibt:

    Sind Sie in der Lage, wissenschaftliche Studien im historisch-politischen Kontext (Stichwort: Auftraggeber) zu evaluieren, die sich größtenteils (und auf horrende Weise) widersprechen?.

    Falls ja, dann eruieren Sie zB. einmal gründlich, unter welchen politischen (nicht: wissenschaftlichen) Prämissen Homosexualität 1973 in den USA als psychische Störung aus dem DSM entfernt wurde.

    Oder nehmen Sie vielleicht lediglich das als „wissenschaftlich“ an, was zu Ihrem Weltbild passt?

      • Peter Able schreibt:

        Übrigens verschaffen sich auch Pädophile Gehör (vor Gericht und in öffentlichen Demonstrationen), um für Ihr „Recht“, ihre sexuelle Orientierung akzeptiert zu wissen, einzustehen und Gesetze zu erlassen, die zB. die Altersgrenze für straffreien Verkehr mit Minderjährigen heruntersetzen.

        In Dänemark gibt es sogar eine Bewegung, die sich für straffreien Sex mit Tieren(!) einsetzt…

  7. Drehumdiebolzeningenieur schreibt:

    @ Peter Able: Doch, es ist faschistisch, wenn man so tut, als sei Homosexualität eine psychische Störung und dürfe nicht „salonfähig“ gemacht werden. Und auch wenn es Ihnen nicht passt, dass man Sie als Faschist entlarvt, werden Sie dies wohl aushalten müssen. Genauso wie Lesben, Schwule, Trans- und Intersexuelle Menschen es tagtäglich aushalten müssen, von so Leuten wie Ihnen abgrundtief gehasst zu werden. Ich frage mich bei den Positionen wie der Ihren ja immer, wie Schwule, Lesben, Trans- oder Intersexuelle Menschen Ihnen eigentlich schaden, dass man sie so erbittert bekämpfen muss. Werden Sie neuerdings von Männern angegrapscht, weil Homosexualität ja nun salonfähig gemacht wurde? Will Ihre Ärztin Ihnen eine Hormontherapie mit weiblichen Hormonen zwangsverordnen, weil die Quote für Transsexuelle dieses Jahr noch nicht erreicht wurde? Was genau ist Ihr Problem damit, dass Menschen lieben dürfen, wen sie wollen?
    Wenn Sie mit sich und Ihrer sexuellen Orientierung und Identität im Reinen sind, dann freut mich das für Sie aufrichtig. Aber warum genau wollen Sie, dass andere Menschen darunter leiden, weil sie nunmal einfach etwas anderes fühlen und erfahren? Diese Menschen schränken Sie in keiner Weise darin ein Ihre eigene Sexualität entfaltet auszuleben. Woher nehmen Sie das Recht, anderen Menschen dies vorschreiben zu wollen?

  8. ZuSehrVerkuerzt schreibt:

    Manche Aussagen, die hier von einem Kommentator mehrmals zum Ausdruck gebracht wurden, sind so wundervoll selbst entlarvend, die kann man gar nicht besser widerlegen als durch ihre einfache Lektüre.

  9. Drehumdiebolzeningenieur schreibt:

    Oh, jemand, der Homosexualität mit Pädophilie gleichsetzt fragt sich, wie man drauf kommt, er würde Homosexuelle hassen.
    Es ist doch immer wieder das gleiche menschenverachtende Muster, mit dem Faschisten ihre Weltsicht zu rechtfertigen versuchen.
    #keinfußbreit

    • Peter Able schreibt:

      Sie könnten gut als Beispiel für meinen allerersten Post dienen 😉

      Ich habe nirgendwo Homosexualität mit Pädophilie gleichgesetzt (ich bin auch nicht der Meinung, dass sie gleich seinen), sondern wollte lediglich darauf hingewiesen, dass die Argumentation fast identisch ist.

      In einem Thread unter einem Artikel der FAZ, dem ich folgte (Inhalt in etwa: Pädophile aus Sicht eines armen Pädophilen, der es ja so schwer hat) schlug man vor, doch Zeichentrick-Pornos(!) zu produzieren, damit diese auch die Möglichkeit hatten, ihr Neigung auszuleben.

      (BTW geschichtlich gab es in alten Kulturen stets die selbe Abfolge: nach der Akzeptanz von Homosexualität folgte die Akzeptanz für Pädophilie… Warum sollte es dieses Mal anders sein?)

      Um es klarzustellen: ich hasse Homosexuelle nicht! …im Gegenteil. Gestern erst hatte ich ein einstündiges Coaching-Gespräch mit einem Homosexuellen Coachee (ein guter Kollege), der meine Ansicht (im Gegensatz zu Ihnen) genau kennt und akzeptiert – wir verstehen uns blendend!

      Es ist halt nicht immer alles schwarz oder weiß.

  10. blaupause7 schreibt:

    Eine solche Petition würde ich auch nicht unterstützen wollen, weil ich die Broschüre und den Gedanken, der dahintersteht, 100% gut finde, und dabei habe ich noch nicht mal Kinder. Wovor die Befürworter der Petition Angst haben? Vielleicht, weil sie auf einmal feststellen müssen, dass sie und ihr Weltbild plötzlich nicht mehr Nabel der Welt sind?

    Ich finde es gut, dass du die WhatsApp-Nachricht nicht unkommentiert gelassen, sondern auch geantwortet hast. Auch wenn jene Dame dich mit dem Allerwertesten nun nicht mehr anschaut. Das könnte ich verschmerzen. Manchmal muss man deutliche Worte finden, um nicht mit solchen Ansinnen und Propaganda geflutet zu werden. WhatsApp ist da ja leider ein sehr bequemes Medium dafür.

    LG
    Ulrike

Danke für deinen Kommentar! Ich freue mich sehr darüber!

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

w

Verbinde mit %s