Knüppelhart

Die letzten Monate sind wie im Flug vergangen, viel mehr als Sonntagssachen gibt es hier kaum zu sehen, dass bald Weihnachten ist, merkt man bei uns nur am Adventskalender und der noch höheren Termindichte, nicht jedoch daran, dass schon Geschenke besorgt, womöglich gebastelt wären oder so. Ich beantworte Mails selbst an sehr enge Freunde mit einer Latenz von Wochen. Der Bügelkorb hat bald die Höhe des Bügelbrettes erreicht und die Dreckwäsche sprengt beständig ihre Behältnisse. Das alles aus dem schlichten Grund: hier leben zwei Kinder, eins davon ist gerade 1, ich gehe ins Büro, der Mann ebenfalls und es ist Herbst/Winter. Seit 6 Wochen ist hier immer mindestens einer krank. So ist das, institutionalisierter Ausnahmezustand.

Als der Minimensch gerade auf der Welt war, sagte ein Bekannter zu uns:

Das erste halbe Jahr ist hart, die nächsten eineinhalb Jahre sind knüppelhart, danach wird es besser.

Und genauso ist das, liebe werdende Eltern und liebe Freunde von Menschen mit kleinen Kindern. Unter dem Hashtag #ehrlicheeltern sammeln Menschen auf Twitter gerade genau das. Und ich hatte diesen Beitrag schon sehr passend einige Tage in den Entwürfen liegen.

Wenn man ganz frisch ein Baby bekommt, ist man vollkommen haltlos überfordert, mitten in stark schwankenden Hormonen, total in Alarmmodus und fragt sich: „Ey, wer hat gesagt, dass ich das kann? Diese Verantwortung, wie geht das?“ Wenn man wieder etwas von den Hormonen runter ist (und ja, Männer haben da auch Hormone) und sich ein paar Wochen an den Gedanken gewöhnt hat, merken die meisten Eltern, dass so ein Minibaby relativ anspruchslos ist. Es muss satt werden, schlafen und keinen nassen Po haben. Manchmal muss man es rumtragen oder schieben. Ok, manche haben Reflux und kotzen alle Milch wieder aus. Ja, es gibt Schreibabys, die sind nicht entspannt. Aber die allermeisten Babys sind ganz gut in den Griff zu bekommen, wenn man sie ein bisschen kennt. Routine, Training, man kommt irgendwie wieder klar.

Tja, und dann fangen die an zu Zahnen. Sie weinen ganze Nächte, sind anhänglich und fangen sich jeden vorbeifliegenden Infekt ein. Sie lernen krabbeln und laufen, das ist total toll aber auf einmal muss man ständig Sachen vor ihnen in Sicherheit bringen. Und naja, wenn sie wachsen werden sie auch lauter. Und dann machen sie wirklich viele Geräusche. Süße und lustige aber eben auch laute Geräusche. Und dann ist man ständig müde, dauernd fast krank, aber man kann sich ja auch nicht erholen, denn naja da ist das Kind und das ist laut und wirft mit Sachen und will rumgetragen werden.

Und vielleicht geht man auch noch arbeiten, das wirkt dann manchmal fast erholsam, weil keiner schreit, nicht zwanzig Dinge gleichzeitig zu Bruch gehen und Erwachsene das Konzept „geschlossene Tür“ ein bisschen besser verstehen als Kinder. Aber man ist halt auch müde und dauernd fast krank und dann ist das mit dem konzentrieren schon auch nicht so einfach. Und man muss dauernd die Uhr im Auge haben, denn es naht die Abholzeit, die Abendessenzeit, die Bettbringzeit. Und das berufliche Umfeld ist da auch wenig bis gar nicht verständnisvoll. Wie sagte meine Oberchefin vor Kurzem, als ich ihre Frage „Wie geht’s?“ Mit „müde“ beantwortete:

Ich fand immer das zweite Lebensjahr am härtesten. Kaum können Sie essen und laufen, denkt der Rest der Welt, dass Kinder jetzt keine Aufmerksamkeit mehr brauchen und von allein mitlaufen, dabei geht es dann erst richtig los, das sieht keiner.

Hat man ältere Kinder, dann muss man auch noch Freizeitaktivitäten, Sport, Spielbesuche unterbringen, wo das kleine Kind dann immer noch engmaschiger beobachtet werden muss, weil es sich sonst auf Steckdosen und von Treppen stürzt.

Also ja, das zweite Lebensjahr finde ich knüppelhart. Aber natürlich auch ganz toll, weil das Kind lernt zu kommunizieren und selbständig zu sein. Und bis heute finde ich eigentlich, dass Kinder mit jedem Entwicklungsschritt toller werden, mehr zu richtigen interessanten echten Menschen.

Und zum Glück auch irgendwann zu Menschen die nachts schlafen, Tags auch mal allein oder gar außerhäusig spielen, selbst auf Toilette gehen und manchmal sogar gesund sind. Ich freu mich drauf!

3 Gedanken zu “Knüppelhart

  1. Lottie Kamel schreibt:

    Das sind wohl die grossen Unterschiede von einem zu zweien: doppelt kranke Kinder, doppelte Wäsche, halb so wenig Schlaf.

    Unser Kind ist zum Glück sehr zufrieden und war bisher einmal (!) krank, war aber als Baby sehr anstrengend, deshalb ist für mich das zweite Lebensjahr viel entspannter. Sie spricht mit eineinhalb Jahren auch schon voll, das ist einfach nur suuperpraktisch und wir können sehr gut kommunizieren. Da sie gerade mit 2 grosse Schwester wird, kommt aber sicher eine herausfordernde Zeit für uns, zudem schläft sie nicht durch bzw. kommt nachts in unser Bett schlafen, weil der Mann und ich zu bequem sind, sie mühsam im eigenen Bett wieder einschlafen zu lassen, wenn sie aufwacht. Wie wir das mit Baby handhaben wollen, weiss ich auch noch nicht. Wenn dann das Trotzalter kommt, die Eifersucht…

  2. schildkroete schreibt:

    Ich habe jedes Alter meiner Beiden sehr genossen…..aber als ich das so gelesen habe: Ja, das 2. Jahr war heftig. Ich hab´ja auch jeweils wieder gearbeitet, mein Sohn war gefühlt durchgängig infektig und hat (auch wenn er gesund war) nie durchgeschlafen. Nachdem er einen Fieberkrampf hatte, waren die Nächte noch heftiger, musste ja immer schauen, dass er nicht zu heiß wrd……Trotz ordentlich Schminkehaben damals sogar ziemlich kranke Patienten/innen mitfühlend gefragt, wie es mir geht……nun denn, ging vorbei. Alles andere, Trotzphase, bisschen Eifersucht, Pubertät,,,,,weit weniger anstrengend. Supergenial fand ich alle Schritte in Richtung Selbständigkeit , hej ich geh einkaufen und ihr bleibt alleine zuhause…..
    Ich wünsche euch eine entspannte und gesunde Adventszeit!
    Liebe Grüße
    Sabine

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