Bloggen und Leben in Zeiten von Corona 3/x

Diese letzten Woche und das Wochenende davor scheinen bei vielen eine sehr betrübte Grundstimmung gehabt zu haben. Schon bei der Podcastaufnahme am Mittwoch letzter Woche war für mich gerade auch der Blick auf die Folgen der Krise für die Entwicklungsländer schmerzhaft.

Die Zeit und dass es ja zwangsläufig erst der Anfang ist, schlaucht und gleichzeitig kommen wirklich unschöne wenig beruhigende Nachrichten aus den USA, aus Frankreich und auch wieder aus China. Und das Wissen, dass wir in dieser Sorge, Unsicherheit und auch Tatenlosigkeit noch viel Wochen irgendwie unseren Alltag meistern müssen, kann durchaus ermüden und erschüttern.

Gerade deshalb heute ein paar schöne Bemerknisse.

Als Familie haben wir eine wirklich gute Startsituation für diese ganze Misere jetzt. Wir haben beide einen Beruf, den man problemlos vom Home Office aus machen kann. Dadurch dass wir beide Ex-Wissenschaftler*in sind, sind wir sowohl an Home Office als auch an das Arbeiten in verteilten Teams gewöhnt. Auch unsere Kinder kennen uns im Home Office zumindest ein Stück weit schon. Und ja, gerade ist es nützlicher als sonst, dass ich ‚nur’ 70% arbeite – diese Flexibilität ist Gold wert, zweimal Vollzeit wär gerade nicht drin. Wir haben ein Haus mit Garten und reichlich Platz uns auch mal aus dem Weg zu gehen. Wir haben ohnehin eine umfangreiche Vorratshaltung und auch Platz für Vorräte. Und wir haben Internet, ein ohnehin schon großes Netzwerk online und selbst unsere Familien und Eltern sind digitalfähig genug, dass z.B. der Kontakt zu den Großeltern gewährleistet ist – das ist ja für so kleine Kinder eine lange Zeit ohne Kontakt, wenn sie sonst die Großeltern regelmäßig sahen. Wir sind beide einigermaßen chaostolerant und können die langsame Vermüllung des Hauses gelassen hinnehmen, denn aufräumen und putzen geht definitiv unter. Wir müssen nicht unterbezahlt unser Leben aufs Spiel setzen, wie soviele in systemrelevanten Berufen. Man kann das nicht hoch genug schätzen, was für großes Glück wir haben und auch wie tief dankbar ich allen bin, die gerade zu unser aller Wohl über sich hinaus wachsen, sich einsetzen, umdenken, abrackern und da sind.

Und bei allen Sorgen im Großen, die wirklich da sind. Und aller Anstrengung die die Organisation unseres Lebens derzeit halt erfordert. Und auch allen großen und kleinen Hürden der sozialen Isolation. Es gibt für uns auch gute Seiten.

Wir sind hier alle ziemlich in einen uns angepassten Rhythmus rein mäandert. Das startet damit, dass wir morgens etwas länger schlafen, was uns allen sehr entgegen kommt. Dass der Minimensch morgens Zeit hat im Tag anzukommen und in Ruhe zu frühstücken bevor er sich an die Schulaufgaben setzt. Dass der Mann und ich in unseren jeweils produktiveren Zeitfenstern arbeiten und nicht in denen, die die Betreuung und die Nachmittagsaktivitäten uns lassen (zum Glück ergänzen wir uns da, sonst wäre auch doof). Dass der Minimensch seine Aufgaben in seinem Rhythmus macht, was für ihn bedeutet, meist nach 30 Minuten fertig zu sein und dann auch eine Pause zu machen und nicht 45 Minuten da zu sitzen und dann gehetzt sein Brot zu essen. Man merkt erst jetzt so richtig, wie weit wir eigentlich von unserem Ideal weg sind normalerweise. Wir dachten immer, die Kinder seien es, die uns von unserem Rhythmus abgebracht haben, aber de facto ist es die Betreuungssituation, die Schulpflicht und die Arbeitswege. Nur mit den Kindern ist fluffig dagegen, denn die sind – erfreulich erfreulich – da mehr wie wir, als man denken würde.

Die Kinder schätzen einander sehr, sie sind zu einem richtig eingeschworenen Team zusammengewachsen. Sie spielen viel und toll miteinander. Dabei machen sie zwar unsägliches Chaos und essen gefühlt ständig irgendwas. Aber sie sind absolut super miteinander. Sie gehen sehr viel in den Garten und buddeln und forschen da so rum, besonders viel Animation leisten wir da nicht (könnten wir auch nicht – schon die grundlegenden Lebensbedürfnisse und die Arbeit zu managen ist mehr als genug) Natürlich gibt es mal Streit. Aber viel weniger als wenn Schule ist. Denn es ist mehr als deutlich, dass der Schulrhythmus das Kind stresst. Es ist super motiviert und macht eigenständig Aufgaben. Es braucht auch eine feste Struktur. Wenn wir vom ausgemachten Tagesplan abweichen ist sofort Sodom und Gomorrah. Aber der Plan ist halt auf aller Bedürfnisse abgestimmt.

Es ist schön die Kinder so viel beobachten zu können, zu sehen wie sie lernen und sich entwickeln. Gerade das Lernen und Arbeiten des Minimensch zu sehen, wenn er nicht gerade furchtbar wütend darüber ist, dass er am späten Nachmittag oder am Wochenende noch Hausaufgaben machen soll ist wirklich ein interessantes Feld. Es macht Spaß ihn beim lernen zu sehen, zu bemerken, dass er – im richtigen Setting – großen Spaß am Lernen hat. Das ist wirklich schön. Der Mikromensch macht Riesensprünge, wird in kurzer Zeit so viel geschickter und sprachgewandter (auch trotziger, man hätte nicht gedacht, dass das möglich ist) und so langsam ahnt man, dass da in ein paar Monaten ein Kindergartenkind am Tisch sitzt. Ein Kind, das sehr selbstverständlich mit Wasserfarbe und Schere operiert, das Dutzende Lieder singen kann und liebevoll für seine Puppe sorgt. Das sich verstellt und dann darüber kaputt lacht. Und das mit großer Hingabe puzzelt.

Ganz toll finde ich, wie vollkommen selbstverständlich wir hier 50:50 machen, wenn wir können und dürfen. Während sonst da zwangsläufig ein Ungleichgewicht ist, weil ich halt nachmittags öfter da bin als der Mann, hab ich jetzt alle Nachmittage Arbeitszeit. Das genießen der Mann und die Kinder gleichermaßen und es führt gleichzeitig auch dazu, dass Haushalt und kochen sich gleichmäßig verteilen (oder gleichmäßig vernachlässigt werden, wie man‘s nimmt). Die Kinder erwarten jetzt bei allem ein stetes Abwechseln, die Schulfächer werden genauso auf die Eltern verteilt wie kochen, vorlesen, singen und umziehen. Aber natürlich immer an den heiligen Plan halten. Sonst gibt’s Ärger. Am liebsten wäre ihnen natürlich alle wären immer zusammen… aber naja, irgendwas ist ja immer.

Wir lieben den Garten und sind echt viel draußen. Mal produktiv mal weniger. Wir werden dieses Jahr sicher keine Großprojekte umsetzen und haben auch nicht alles hier um irgendwas großes anzugehen. Aber wir schneiden, graben um, pflanzen, säen nach, machen wenigstens hier und da wieder Struktur in die Wildnis. Und mit Glück werden wir irgendwas ernten. Mal gucken. Die Kinder teilen meine Gartenliebe in vollem Umfang und buddeln fröhlich überall mit. Der Minimensch hat eine große Leidenschaft für YouTube Gartenvideos und würde am liebsten sofort in die Selbstversorgung einsteigen. So weit würde ich nicht gehen, aber es tut gut wieder einen richtigen Garten zu haben und Sachen zu machen, die im Sommer oder sogar nächstes Jahr erst wirken werden, wie Bäume pflanzen oder Blumenzwiebeln setzen. Das schafft Perspektive neben der Kurzfristigkeit unserer Corona-getriebenen Weltsicht. Ich merke, dass ich das bei der Arbeit gerade schwer hinkriege, was langfristiges zu machen, aber im Garten geht das gut.

Wir lernen unglaublich viel. Große und kleine Dinge. Hefe züchten. Mundschutze nähen. Aber eben auch: Arbeit neu zu denken. Leben anders zu planen und zu organisieren. Mit etwas weniger Überfluss (von Mangel kann ja nicht ernsthaft die Rede sein) zu haushalten. Soziale Nähe zu gestalten unter Wahrung physischer Distanz. Ich habe enorm viel Sozialkontakte gerade. Ich bin eigentlich ein sehr geselliger Mensch, der gern andere trifft. Aber mit Kindern sind spontane Treffen am Abend in den letzten Jahren eher selten geworden – es muss ja immer irgendwer eine Kinderbetreuung organisieren. Dass man sich einfach virtuell treffen könnte – darauf kommt man einfach nicht. Und jetzt habe ich Strick- und Nähtreffen, Familien-Videokonferenz, Wein und Bier mit Leuten, die ich sonst nie abends einfach so treffen könnte, weil sie zumindest eine Stunde weit weg wohnen (das trifft auf 95% meiner Freunde zu). Ich habe eine sehr schöne Slack-Gruppe mit Kolleginnen, die ich zwar sonst im Büro mal zum Mittagessen treffe, aber die jetzt fast mehr „da“ sind, als im Büroalltag, wo wir ja alle in Schichten im Büro sind und oft eingespannt. Ich bin ein wirklich online lebender Mensch und trotzdem kommt es mir vor, als wären wir zusammen gewachsen. Das trägt mich über vieles. Selbst der Minimensch trifft sich mit seiner besten Freundin über Videokonferenz und erlebt so Nähe, die ihm schon sehr fehlt. Das fehlt den Kindern ja schon, die alltäglichen Treffen mit Kindern – aber zumindest im Kontakt mit der Familie und einigen Freunden können wir es ein Stück weit kompensieren.

Wir erleben, gerade online aber auch vor Ort, sehr viel Solidarität und Kreativität. Zum Teil sicher aus der Not heraus. Aber vielfach auch einfach aus dem Bedürfnis heraus „etwas zu tun“. Dabei geht es mir weniger um das klatschen vom Balkon als um großartige kleine und große Hilfsaktionen, Sammelaktionen, Angebote und Alltagsbegleitung. Ich war in den letzten Wochen sehr viel zuversichtlicher in Bezug auf unsere Solidargemeinschaft als ich es seit Jahren war.

Wir lernen als Gesellschaft. Viel. Das werden wir erst in vielen Jahren verstehen, wieviel eigentlich. Aber fest steht schon jetzt: die Beobachtung wieviel jetzt in sehr kurzer Zeit bahnbrechend anders gemacht wird als noch vor 4 Wochen lässt sich nicht zurückdrehen. Menschen werden anders auf Arbeiten, Wirtschaft und Soziales Leben blicken, als sie es bisher taten. Wir haben alle viel zu tragen und zu ertragen und wir werden Trauer und Sorge noch lang mit uns rumschleppen müssen. Aber vielleicht können wir punktuell wenigstens die kleinen Gewinne aus diesem großen Verlustspiel sehen.