Bloggen gegen die Bequemlichkeit: Day of the Girl oder Wie ich zur Feministin wurde

Heute ist der #dayofthegirl, der Tag an dem darauf aufmerksam gemacht wird, dass Mädchen auf vielen Ebenen und vielerorts immernoch erheblich benachteiligt sind. Das ist ein sehr guter Anlass, um einen Text fertigzuschreiben, der schon länger in meinen Entwürfen rumliegt.

Vor ein paar Wochen bekam ich (und einige weitere Kolleginnen) eine Mail von einer Kollegin mit einem Feedback zu gemeinsam erarbeiteten Materialien in der der sehr nette Satz stand „Sorry, montags neige ich zu extremem Feminismus.“ Ich schrieb sinngemäß zurück, ich würde ihr beipflichten und das nicht nur montags.

Diese kleine Anekdote hat mir etwas vergegenwärtigt, das ich schon lang mal verbloggen wollte: warum ich Feministin bin. Und ich reihe das hier mal gegen die Bequemlichkeit ein, weil die Zuwendung zum Feminismus, so erlebe ich es bei vielen, zunächst viel mit Unbequemlichkeit zu tun hat und ein großer Schritt aus der Komfortzone ist.

Ich denke, ich spreche von mir als Feministin vielleicht so seit vier bis fünf Jahren. Das fällt nicht zufällig ganz gut mit dem Alter des Minimensch zusammen, das ist aber nur ein Teilaspekt, die halbe Geschichte, das Ende einer längeren Entwicklung.

Aber beginnen wir von vorn. Ich wuchs auf in der absolut festen Überzeugung, dass ich alles werden und alles erreichen kann. Meine Eltern haben, meiner Erinnerung nach niemals irgendetwas mit „Mädchen sein“ oder „Junge sein“ begründet, erklärt oder verboten. In der Grundschule hatte ich zwar ein erstes Erlebnis mit geschlechter-begründeter Ungerechtigkeit, als unsere Lehrerin in der ersten Klasse die Jungen zu wild und im Unterricht störend fand und deshalb zwischen die Jungs jeweils ein Mädchen, quasi als Pufferzone, setzte. Das war unschön und ich habe das Problem der mich von rechts und links störenden Jungs elegant gelöst, indem ich fortan dem Unterricht von unter dem Tisch sitzend folgte. Das hat die Lehrerin im Endeffekt zur Besinnung gebracht. Das nächste Erlebnis, das mir vor Augen führte, dass Mädchen scheinbar anders behandelt werden als Jungs trug sich im Physikunterricht der siebten Klasse zu. Unser Lehrer Herr B. schaffte es nämlich auf beeindruckende Weise, dass in einer Klasse mit 5 Jungs und 13 Mädchen ausschließlich Jungs die Experimente durchführten und ausschließlich Mädchen nachher diese aufräumen mussten. Er nannte außerdem die 5 Jungs beim korrekten Namen, demgegenüber nannte er *alle* Mädchen in der Klasse „Elisabeth“. Ich trug Desillusion und ein mangelndes Interesse an Physik davon. Gut gemacht, Herr B.

Weiterhin stellte ich aber nicht infrage, dass ich im Leben alles machen und erreichen können würde, was ich wollte. Und ich glaube, das ist eine Grundüberzeugung, die Frauen meiner Generation in der Pubertät und ihren frühen 20ern einte. Die Gleichberechtigung war doch durch, oder? Waren wir nicht besser in der Schule als die Jungs, ehrgeiziger, angepasster, zielstrebiger – was sollte uns denn schon aufhalten? Ich werde heute oft etwas wehmütig wenn ich die gleiche Überzeugung an Studentinnen sehe. Diese „ach, wer braucht denn noch Frauenförderung, Gleichstellungsgerede und gendergerechte Sprache? Wir haben doch alles was wir wollen!“-Attitüde. Tja, I beg to differ. Also jetzt.

Ich studierte ein relativ egalitäres Fach, Wiwi hat etwa 52% Absolventinnenquote. Selbst in der Promotion waren noch gefühlt gleich viel Frauen und Männer Wegbegleiter*innen (sind es nicht, etwa 40% sind Frauen, sagt die Statistik). Dennoch mehrten sich Gespräche und Erfahrungen, die mir sagten: „es ist irgendwas schief hier.“ Da wurde eine gefragt, ob sie in eine Berufungskommission gehen könne, weil halt schon die Profs nur Männer seien, da müssten doch wenigstens eine Studentin und eine Mitarbeiterin ran. Da saß ich in Gremiensitzungen, oft als einzige Frau oder eine von zweien und die anwesenden Professoren machten lustig-schlüpfrige Bemerkungen über die Doktorandinnen eines nicht anwesenden Kollegen („Also an der herausragenden Qualifikation liegt es wohl nicht. HAHAHA“) Da standen Studentinnen vor mir und erklärten mir, sie könnten leider die Aufgaben mit Formeln nicht, denn sie seien halt Mädchen und deshalb schlecht in Mathe. Hätte ihre Mama auch gesagt, dass das normal sei. Da bekam ich mehrfach von verschiedenen Professoren gesagt, dass heutzutage ja Frauen geradezu übervorteilt würden im Wissenschaftssystem. Da kriegte ich Texte, die ich gendergerecht verfasst hatte von meinem Chef zurück mit dem Hinweis, ich solle mal nicht so überkorrekt sein. Da war absolut jedem an der Fakultät klar, dass ein bestimmter Professor nur blonde Frauen einstellt, ein anderer besser zu meiden sei bei informellen Anlässen und wenn Sekt im Spiel sei. Und ich begann mich zu fragen, ob ich in dieser Kultur der Männerbünde ständig als einzige Frau den Kampf kämpfen will. Ob ich Lust habe, mein Berufsleben lang an der Grenze zwischen „die hat den Posten ja nur weil sie die Frau war“ und „die kriegt bestimmt Kinder, wie soll das denn gehen“ zu beginnen und in ebensolchem Umfeld weiter zu führen. Und schließlich wurde mir immer offensichtlicher, dass die Art, wie man in Deutschland Professor wird, nämlich über eine Reihe von sehr kurzen Beschäftigungen als Lehrstuhlvertretung an schnell wechselnden Orten und dann über Bewerbungen in mindestens ganz Deutschland so maximal familiengründungs-feindlich ist, dass weder ich noch der Mann das wirklich ernsthaft machen wollten. Und dass dieser Berufseinstieg letztlich dazu führt, dass sich auch in Zukunft dort Männer finden werden, die entweder keine Familie haben oder denen Teilhabe an der Familie weitgehend egal ist, denen eine Frau „den Rücken frei hält“. Das reproduziert die gleichen Boys-clubs die jetzt schon da sind, halt nur in jünger.

Und ohne es recht greifen zu können, wurde ich feministisch radikalisiert. Mit dem krönenden Abschluss der Erfahrung Kinder zu bekommen und sofort einem solch riesigen Paket an Rollenerwartungen ausgesetzt zu werden, dass einer ganz schwindelig werden kann. Und sah mit welchen krassen Rollenerwartungen schon minikleine Kinder konfrontiert sind. Mein lieber Scholli, wo ist denn die heile Welt der 80er hin? Als alles bunt und für Kinder und nicht blau-technisch für Jungs und rosa-crappy für Mädchen war?

Und so begann ich meine Karriere als Feministin. Heute bin ich in Beratungsgesprächen mit jungen Doktorandinnen knallhart ehrlich, wenn es um diese Dinge geht. Und bemühe mich nach Kräften, zumindest an meiner Wirkungsstätte systemisch gegen Boys-Club-Mentalität in der Wissenschaft vorzugehen. Und ziehe meine Kinder so neutral wie möglich an. Und erkläre meinem Sohn und all seinen verblendeten Freundinnen hundertfach, dass es keine Jungsfarben und Mädchenfarben gibt, sondern alle Farben Kinderfarben sind. Und bestehe dauernd auf geschlechtergerechte Sprache, weil ich will, dass es selbstverständlich ist, dass Frauen sprachlich da sind. Weil ich finde, dass wir jetzt lang genug gefeiert haben, dass Frauen wählen und studieren dürfen. Jetzt wäre es mal an der Zeit dafür, dass Frauen auch bestimmen dürfen und sein wie sie wollen und was sie wollen. Dass Frauen sich nicht zähneknirschend beleidigen lassen müssen von schlechtem Pennälerhumor und schlimmerem, und das Wort „Quotenfrau“ auf dem Müllhaufen der deutschen Sprache landet. Ich kenne viele Frauen in etwa meinem Alter, denen es ganz ähnlich geht. Die glaubten, feminismus sei unwichtig geworden, so’n Privat-ding von Alice Schwarzer und Frauen mit Doppelnamen in politischen Parteien. Und die heute desillusioniert sind und sagen müssen: Well, nein. Doch nicht. Es ist noch so viel zu tun.

Ich hab das mal recherchiert…

Bereits vor einiger Zeit las ich dieses Interview, das wiederum eine Interpretation einer US-Studie ist. Die Journalistin ist dabei redlich bemüht, ein wenig Gutes in die für sie erschreckenden Studienergebnisse zu bringen. Die Message der Studie sei – dem Artikel gemäß: „Paare, die sich die Hausarbeit teilen haben weniger Sex. Aber puh, ein Lichtblick, wenn sie zwar die Zeit aufteilen, aber nicht die Aufgaben, dann sieht es nicht ganz so düster aus.“
Nun. Das ließ bei mir die eine oder andere Hutschnur hoch gehen. Kommt mir ein populärwissenschaftlicher Artikel allzu pauschalisierend vor, werde ich recht schnell verbissen und guck mir das, Materie egal, genauer an. Zwar bin ich keine Soziologin, aber doch empirische Gesellschaftswissenschaftlerin genug, um hier die eine oder andere Messungsunwägbarkeit zu vermuten. Ich hab mir die Studie also mal genauer angeschauet.
Zunächst mal also zur Studie selbst. In der Tat geben die Autoren in Abstract, Introduction und Conclusion in etwa das als Ergebnis an, was der Artikel im Zeitmagazin zitiert. Also ein eindeutig negativer Zusammenhang zwischen Beteiligung des Mannes am Haushalt und Beischlaffrequenz. Auch wurde für recht viele Wertvorstellungsmaße, Religion, Kinder und anderes kontrolliert. Die Aussage, dass es aber weniger schlimm ist, wenn die Aufgaben geteilt werden und nicht beide alles machen, konnte ich in dem  Artikel so nicht finden. Tatsächlich steht dort, dass männliche Beteiligung am Haushalt sich weniger reduzierend auf die Sexhäufigkeit auswirkt, wenn der Mann eher „männlichen“ Aufgaben nachkommt und die Frau eher „weiblichen“. Aber vielleicht habe ich das auch übersehen. Interessant ist übrigens, dass die Autoren eigentlich die Gegenthese bestätigen wollten, das Hausarbeit Männer attraktiver macht nämlich.
Bauchschmerzen habe ich allerdings bekommen, als ich den Abschnitt zum Datensatz las: Die Datenbasis sind verheiratete Paare, in den USA, befragt im Zeitraum 1992-1994. Da die Fragen relativ delikat sind gab es eine Vielzahl fehlender Beobachtungen, die von den Autoren interpoliert, also auf Basis des Durchschnitts ersetzt wurden.
Nun. Streng genommen ist die Aussage des Artikels also nur für verheiratete Paare Anfang der 90er in den USA gültig. Und hat damit drei Schwachstellen:
1.verheiratete Paare sind ein verzerrter Ausschnitt aller Paare, denn mutmaßlich heiraten Paare umso wahrscheinlicher, je konservativer sie sind. Und umso eher haben sie auch eine eher klassische Rollenverteilung in der Beziehung. Unter dieser Gruppe sind Männer die einen bedeutenden Anteil an der Hausarbeit leisten weit exotischer als unter allen Männern, würde ich vermuten.
2. Die USA sind ein Paradis für empirische Arbeiten, das heißt aber nicht, dass Ergebnisse von dort sich unproblematisch auf andere Länder übertragen lassen. Die Wahrnehmung von Geschlecht und Zuweisung von geschlechtsspezifischen Rollen ist hochgradig kulturabhängig.
3. 1992 ist aus Sicht der angewandten Forschung, meiner Einschätzung nach, etwa gleichbedeutend mit Steinzeit. Die Autoren sagen, zurecht, dass Wertvorstellungen sich nur sehr langsam ändern. Ein Argument, das ich nachvollziehen kann, inwiefern es sich konkret auf die Einschätzung von gleichberechtigter Partnerschaft anwenden lässt, kann ich nicht stichhaltig sagen. Dies gilt allerdings keinesfalls für die Arbeitswelt. Die Frauenerwerbsquote ist seit 1994 erheblich angestiegen. In den USA zwischen 1994 und 2013 um 5 Prozentpunkte gestiegen, in Deutschland sogar um 7 Prozentpunkte, in Frankreich um 8 (Quelle: World Bank World Development Indicators). Ich würde daher schon die These äußern, dass die Lohnarbeits-Hausarbeits-Aufteilung sich für Frauen seitdem geändert hat, was mutmaßlich Auswirkungen auf die Hausarbeitsbeteiligung der Männer hat. Ferner würde ich zumindest vermuten, dass heute auch sehr viel weniger Paare verheiratet sind, als 1994, wodurch die Repräsentanz der Stichprobe für die heutige Grundgesamtheit an Paaren ebenfalls reduziert ist.

Ich habe darüberhinaus etwas Zweifel an der Zuverlässigkeit dieser in Fragenbögen (also durch self-reporting) erhobenen Angaben. Ich halte es für zumindest diskutabel, ob es nicht eine Systematik bei den fehlenden Beobachtungen gibt, also ob die Angabe insbesondere oft verweigert wurde, wenn die Sexhäufigkeit sehr gering ist, was die Zulässigkeit der Methode der Imputation der fehlenden Werte erheblich infragestellen würde. Auch kann ich mir ohne viel Phantasieren vorstellen, dass die Angaben zur Sexhäufigkeit insgesamt häufig falsch sind, einerseits, weil die Befragten sich schlicht nicht erinnern (und wir reden hier von einer Mittelwerthäufigkeit von 5 Mal pro Monat, da fällt eine Falschangabe um einmal erheblich ins Gewicht, denn der Wert liegt direkt 20% am wahren Wert vorbei) oder bewusst in die eine oder andere Richtung lügen. Und die Wahrscheinlichkeit der Falschantwort könnte dann zu allem Überfluss auch noch abhängig von z.B. der Ausprägung traditioneller Werte bei dem betreffenden Paar abhängen. Da kommt dann doch schnell einiges an denkbaren Messfehlern zusammen.

Es gäbe mutmaßlich auch in den statistischen Details noch Lücken zu finden, aber da habe ich weder die Zeit noch will ich das hier überstrapazieren. Ich fände es aber z.B. durchaus prüfenswert, ob der Wirkungskanal nicht wesentlich über die Existenz von kleinen Kindern läuft, die zeitgleich zu mehr männlicher Beteiligung am Haushalt und weniger Sex führen.

Insgesamt also ein durchaus unerwartetes, auf den ersten Blick statistisch leidlich sauber erhobenes Ergebnis, dessen Übertragbarkeit auf alle – auch unverheiratete – Paare, Europa und heute dennoch fraglich ist. So wäre meine Einschätzung.

Nun noch die Frage: Was macht die Studie, was dann der Artikel daraus? Nun. Mein Haupttrigger ist die Verwendung des Wortes „Gleichberechtigung“ im Artikel bzw. „egalitarian“ in der Studie. Das stößt mir auf, warum ist egalitär gleichbedeutend mit Mann und Frau gleich machen? Dass beide alles machen, alles können müssen? Es geht, meinem Verständnis nach (und hier bin ich explizit nicht Fachfrau) ja nur darum, nicht von Geschlecht auf Befähigung zu bestimmten Aufgaben zu schließen. Oder von Geschlecht auf bestimmte Charakterzüge, Intelligenz oder Berufseignung.  Also einfach die Unterteilung von „Männerarbeit“ und „Frauenarbeit“, „Männercharakterzügen“ und „Frauencharakterzügen“ oder „Männersport“ und „Frauensport“ (usw, you got the point?) zu unterlassen und stattdessen die Unterschiede in Präferenzen – die es natürlich gibt, jede Jeck is anders, wie der Kölner sagt – der Person und nicht dem Geschlecht zuzuordnen. Jede/r macht, beruflich, als Hobby, im Haushalt, überall, was sie oder er gern und gut macht. Punkt. Und da ist die als „männlich“ in der Studie gelistete Aufgabe „Geldangelegenheiten regeln“ in enorm vielen Beziehungen „Frauensache“ und zwar auch beispielsweise bei meinen beiden Großelternpaaren, die nun doch eher konservativen Ideologien anhängen/hingen. Das heißt, wenn beide Partner alle Aufgaben gleichmäßig teilen ist das nicht gleichberechtigter als, wenn beide gleichviele Stunden zum Haushalt beitragen, dabei aber jede/r Spezialaufgaben hat, die nicht klar dem männlich/weiblich-Muster folgen. Bin ich da allein, dass mich diese Interpretation von Gleichberechtigung irgendwie wundert? Außerdem ist es schlicht falsch zu interpretieren, das Ergebnis sei „eine gleiche Aufteilung der Aufgaben führt zu reduziertem Sex“ denn von Gleichverteilung kann im Mittel der Befragten überhaupt nicht die Rede sein. Im Mittel leisten die befragten Männer etwa 20% der Hausarbeit und folglich heißt der signifikante negative Koeffizient nicht, das Gleichverteilung zu weniger Sex führt, sondern eine fairere Verteilung als 20-80. Es ist statistisch durchaus möglich und von den Ergebnissen, soweit ich das herauslesen konnte, nicht berührt, dass es einen Umbruchpunkt gibt und bei einer annähernden Gleichverteilung alles anders ist. Dieser Fall wird in den Daten schlicht viel zu selten beobachtet um darüber Aussagen treffen zu können.

Der Artikel im Zeitmagazin ist außerdem unsauber und pauschalisierend. Zunächst einmal findet die Datenbasis keine Erwähnung, nichtmal, dass es sich um eine US-Studie handelt. Die Studie ist von 2012, ob es eine breitere Literatur mit ähnlichen Ergebnissen, womöglich aktuelleren Daten oder anderen Ländern gibt. Ob es sich um eine Einzelmeinung unter 100 anders lautenden handelt, all das bleibt gänzlich unberührt. Dann wird zu der soziologischen Studie ein Psychologe um seine Meinung gefragt. Das ist zumindest mal unsauber und in der Tat wird aus dem allgemeinen Ergebnis der Studie ein Bogen zu konkreten Einzelfällen in der beraterischen Praxis gezogen. Das ist vollkommen unzulässig. Und dann lässt der Artikel auch noch so unendlich viel aus, was ich hier nicht alles auch noch im Detail ausführen kann. Aber was wenn in „traditionelleren Haushalten“ der häufige Sex aus Pflichtgefühl anstatt aus Lust geschieht? Ist das dann denn wirklich wünschenswert? Was wenn die Ehrlichkeit der Beantwortung der Frage mit dieser Art von Pflichtgefühl korreliert? Was wenn die Beteiligung am Haushalt ein Maß für den Respekt gegenüber den Wünschen der Partnerin/des Partners ist, und in solchen Beziehungen ein Nein dann eben auch als Nein akzeptiert wird?

Insgesamt auch eher fraglich finde ich, überhaupt die Häufigkeit des Geschlechtsverkehrs in Richtung der Attraktivität – allein – des Mannes zu interpretieren. Es ist mir einfach zu flach dieses „Hach und in Wirklichkeit wollen sie doch alle einen starken Mann, der die Brötchen nach Hause bringt.“ Denn nach Wünschen wurde in dieser Studie exakt überhaupt nicht gefragt. Und auch nicht nach Attraktivität. Und Artikel, die diesen Tenor vertreten stützen sich gemeinhin ausschließlich auf anekdotische Evidenz.

Ich finde es durchaus löblich wenn – im Gegensatz zu den meisten jüngst erschienenen Artikeln zu diesem Thema – ein Zeitungsartikel mit wissenschaftlichen Ergebnissen unterlegt ist, oder wissenschaftliche Ergebnisse Eingang in mediale Berichterstattung finden. Ich finde es hier aber auch eher ungut gemacht, indem eine einzelne Studie „rausgepickt“, verkürzend dargestellt und nicht in den Kontext der Fachliteratur eingebettet wird. Und das ist leider der Regelfall und nicht die Ausnahme im Wissenschaftsjournalismus, zumindest in den Gebieten, für die ich es – annähernd – beurteilen kann.