Bloggen und Leben in Zeiten von Corona 4/x

Pause. Das wäre schön.

Als wir nach den „Ferien“ wieder den Plan für die Schultage erstellten, der ja auch beinhaltet, wann der Mann und wann ich Arbeitszeit haben, habe ich mir jeweils vormittags und nachmittags eine halbe Stunde Pause aufgeschrieben. Denn tatsächlich sitzen wir zwar de facto viel Zeit hier rum, kommen nicht so produktiv zu nix, aber machen doch nie Pause. Nie wirklich.

Der Alltag besteht jetzt aus sehr eng getakteten Fenstern. Das war schon im „normal“ so – aber ist jetzt potenziert. Man ist immer in einem stark eingeengten Zeitfenster in das zudem lauter andere Sachen reindrängen.

Aufstehen, kuscheln, vorlesen. Huch, das war das Dusch-Zeitfenster. Jetzt aber schnell Frühstück, gleichzeitig schminken, denn vor der Telko um 9 müssten noch die Aufgaben für den Tag besprochen, 17 Dinge wiedergefunden und kurz kurz schnell die Unterlagen für das Meeting gelesen werden. Nach dem Meeting aber zacki raus aus dem Arbeitszimmer, kaum noch Zeit zu notieren, was gleich noch schnell gemacht werden muss, besser den Laptop mit ins Kinderzimmer nehmen, der Mann braucht das Arbeitszimmer für Videokonferenz. Das kleine Kind bespaßen, zeitgleich Wäsche sortieren und die Spülmaschine anwerfen denn zack – da kommt das große Kind und hat Frühstückspause. Smoothie und mehrere Brote später. Neuer Versuch Spülmaschine. Ach das war das Sport-Zeitfenster. Nee, das vertagen wir, denn huch – dringende Mail. Derweil malt das kleine Kind mit Wasserfarben ohne Kittel und schüttet den Smoothie auf den Kinderzimmerboden. Während eigentlich nun dran wäre die Küche in betretbaren Zustand zu bringen, passiert leider ein Pipiunfall und das große Kind versteht die Matheaufgaben nicht, Papa kann aber nicht helfen weil Video. Ich überspringe Mittagessen und das „schnell mal Mails checken“-Zeitfenster, das die Kinder „Mittagsmedien“ nennen. Puh, meine Arbeitszeit beginnt, den Mann vom Schreibtisch schubsen und noch schnell den Kaffee auffüllen, da ist auch schon das nächste Videomeeting. Im Rest des Hauses Eskalationsgeräusche, kurz darauf schnaubendes Kind am Schreibtisch neben mir. Scheinbar hat Papa das nächste Lernzeitfenster angemahnt. Nach dem Meeting wäre die Zeit alle Dinge abzuarbeiten, die eigentlich meine Arbeit sind, wenn ich nicht in Videokonferenzen bin. Allerdings sind das Dinge für die ich denken muss und das lohnt eigentlich gar nicht mehr, das für die nächste Stunde noch anzufangen und da kommt auch eh noch ne wichtige Mail und müde bin ich auch. Aber besser schnell machen, in zwei Stunden ist wieder der Mann am Schreibtisch dran. Raus aus dem Arbeitszimmer haben die Kinder schon Quengelstunde, die Sonne scheint, schnell in den Garten, dort etwas rumwerkeln aber halt – wer macht denn eigentlich was zum Abendessen? Sobald die Kinder in den Betten liegen, ist leider alle Energie weg. Aber noch Arbeit da, und Küchenchaos, und besorgniserregende Nachrichten.

Es fehlt sehr konkret Zeit für Sport, selbst die normale 15-minütige Yogapraxis ist einfach nicht unterzubringen, es ist immer irgendwo ein Kind, eine Videokonferenz, Chaos oder Streitschlichtungsbedarf. Und Zeit, die eigenen Gedanken zu hören, die fehlt auch sehr, innehalten. Z.B. Auf dem Heimweg. Einfach mal kurz sortieren. Zeit für Podcasts und für lesen. Und natürlich auch um ohne dass direkt daneben jemand bombenmäßige Chaoseskalation macht, irgendwo irgendwas aufzuräumen und zu putzen. Zeit zu zweit. Zeit allein. Pausen.

Ich mache jetzt, wenn ich aus dem Arbeitszimmer komme, eine halbe Stunde Pause. Ich sage in der Zeit ca. 80 mal „Ich habe gerade Pause, ihr müsst euch gedulden“. Aber ich sitze mit einem Kaffee irgendwo und bemühe mich, Lärm, Chaos und schlechte Nachrichten zu ignorieren. Braucht noch etwas Übung, aber der Wille zählt.

Macht das, alle! Plant euch Pausen ein.

Bloggen und Leben in Zeiten von Corona 3/x

Diese letzten Woche und das Wochenende davor scheinen bei vielen eine sehr betrübte Grundstimmung gehabt zu haben. Schon bei der Podcastaufnahme am Mittwoch letzter Woche war für mich gerade auch der Blick auf die Folgen der Krise für die Entwicklungsländer schmerzhaft.

Die Zeit und dass es ja zwangsläufig erst der Anfang ist, schlaucht und gleichzeitig kommen wirklich unschöne wenig beruhigende Nachrichten aus den USA, aus Frankreich und auch wieder aus China. Und das Wissen, dass wir in dieser Sorge, Unsicherheit und auch Tatenlosigkeit noch viel Wochen irgendwie unseren Alltag meistern müssen, kann durchaus ermüden und erschüttern.

Gerade deshalb heute ein paar schöne Bemerknisse.

Als Familie haben wir eine wirklich gute Startsituation für diese ganze Misere jetzt. Wir haben beide einen Beruf, den man problemlos vom Home Office aus machen kann. Dadurch dass wir beide Ex-Wissenschaftler*in sind, sind wir sowohl an Home Office als auch an das Arbeiten in verteilten Teams gewöhnt. Auch unsere Kinder kennen uns im Home Office zumindest ein Stück weit schon. Und ja, gerade ist es nützlicher als sonst, dass ich ‚nur’ 70% arbeite – diese Flexibilität ist Gold wert, zweimal Vollzeit wär gerade nicht drin. Wir haben ein Haus mit Garten und reichlich Platz uns auch mal aus dem Weg zu gehen. Wir haben ohnehin eine umfangreiche Vorratshaltung und auch Platz für Vorräte. Und wir haben Internet, ein ohnehin schon großes Netzwerk online und selbst unsere Familien und Eltern sind digitalfähig genug, dass z.B. der Kontakt zu den Großeltern gewährleistet ist – das ist ja für so kleine Kinder eine lange Zeit ohne Kontakt, wenn sie sonst die Großeltern regelmäßig sahen. Wir sind beide einigermaßen chaostolerant und können die langsame Vermüllung des Hauses gelassen hinnehmen, denn aufräumen und putzen geht definitiv unter. Wir müssen nicht unterbezahlt unser Leben aufs Spiel setzen, wie soviele in systemrelevanten Berufen. Man kann das nicht hoch genug schätzen, was für großes Glück wir haben und auch wie tief dankbar ich allen bin, die gerade zu unser aller Wohl über sich hinaus wachsen, sich einsetzen, umdenken, abrackern und da sind.

Und bei allen Sorgen im Großen, die wirklich da sind. Und aller Anstrengung die die Organisation unseres Lebens derzeit halt erfordert. Und auch allen großen und kleinen Hürden der sozialen Isolation. Es gibt für uns auch gute Seiten.

Wir sind hier alle ziemlich in einen uns angepassten Rhythmus rein mäandert. Das startet damit, dass wir morgens etwas länger schlafen, was uns allen sehr entgegen kommt. Dass der Minimensch morgens Zeit hat im Tag anzukommen und in Ruhe zu frühstücken bevor er sich an die Schulaufgaben setzt. Dass der Mann und ich in unseren jeweils produktiveren Zeitfenstern arbeiten und nicht in denen, die die Betreuung und die Nachmittagsaktivitäten uns lassen (zum Glück ergänzen wir uns da, sonst wäre auch doof). Dass der Minimensch seine Aufgaben in seinem Rhythmus macht, was für ihn bedeutet, meist nach 30 Minuten fertig zu sein und dann auch eine Pause zu machen und nicht 45 Minuten da zu sitzen und dann gehetzt sein Brot zu essen. Man merkt erst jetzt so richtig, wie weit wir eigentlich von unserem Ideal weg sind normalerweise. Wir dachten immer, die Kinder seien es, die uns von unserem Rhythmus abgebracht haben, aber de facto ist es die Betreuungssituation, die Schulpflicht und die Arbeitswege. Nur mit den Kindern ist fluffig dagegen, denn die sind – erfreulich erfreulich – da mehr wie wir, als man denken würde.

Die Kinder schätzen einander sehr, sie sind zu einem richtig eingeschworenen Team zusammengewachsen. Sie spielen viel und toll miteinander. Dabei machen sie zwar unsägliches Chaos und essen gefühlt ständig irgendwas. Aber sie sind absolut super miteinander. Sie gehen sehr viel in den Garten und buddeln und forschen da so rum, besonders viel Animation leisten wir da nicht (könnten wir auch nicht – schon die grundlegenden Lebensbedürfnisse und die Arbeit zu managen ist mehr als genug) Natürlich gibt es mal Streit. Aber viel weniger als wenn Schule ist. Denn es ist mehr als deutlich, dass der Schulrhythmus das Kind stresst. Es ist super motiviert und macht eigenständig Aufgaben. Es braucht auch eine feste Struktur. Wenn wir vom ausgemachten Tagesplan abweichen ist sofort Sodom und Gomorrah. Aber der Plan ist halt auf aller Bedürfnisse abgestimmt.

Es ist schön die Kinder so viel beobachten zu können, zu sehen wie sie lernen und sich entwickeln. Gerade das Lernen und Arbeiten des Minimensch zu sehen, wenn er nicht gerade furchtbar wütend darüber ist, dass er am späten Nachmittag oder am Wochenende noch Hausaufgaben machen soll ist wirklich ein interessantes Feld. Es macht Spaß ihn beim lernen zu sehen, zu bemerken, dass er – im richtigen Setting – großen Spaß am Lernen hat. Das ist wirklich schön. Der Mikromensch macht Riesensprünge, wird in kurzer Zeit so viel geschickter und sprachgewandter (auch trotziger, man hätte nicht gedacht, dass das möglich ist) und so langsam ahnt man, dass da in ein paar Monaten ein Kindergartenkind am Tisch sitzt. Ein Kind, das sehr selbstverständlich mit Wasserfarbe und Schere operiert, das Dutzende Lieder singen kann und liebevoll für seine Puppe sorgt. Das sich verstellt und dann darüber kaputt lacht. Und das mit großer Hingabe puzzelt.

Ganz toll finde ich, wie vollkommen selbstverständlich wir hier 50:50 machen, wenn wir können und dürfen. Während sonst da zwangsläufig ein Ungleichgewicht ist, weil ich halt nachmittags öfter da bin als der Mann, hab ich jetzt alle Nachmittage Arbeitszeit. Das genießen der Mann und die Kinder gleichermaßen und es führt gleichzeitig auch dazu, dass Haushalt und kochen sich gleichmäßig verteilen (oder gleichmäßig vernachlässigt werden, wie man‘s nimmt). Die Kinder erwarten jetzt bei allem ein stetes Abwechseln, die Schulfächer werden genauso auf die Eltern verteilt wie kochen, vorlesen, singen und umziehen. Aber natürlich immer an den heiligen Plan halten. Sonst gibt’s Ärger. Am liebsten wäre ihnen natürlich alle wären immer zusammen… aber naja, irgendwas ist ja immer.

Wir lieben den Garten und sind echt viel draußen. Mal produktiv mal weniger. Wir werden dieses Jahr sicher keine Großprojekte umsetzen und haben auch nicht alles hier um irgendwas großes anzugehen. Aber wir schneiden, graben um, pflanzen, säen nach, machen wenigstens hier und da wieder Struktur in die Wildnis. Und mit Glück werden wir irgendwas ernten. Mal gucken. Die Kinder teilen meine Gartenliebe in vollem Umfang und buddeln fröhlich überall mit. Der Minimensch hat eine große Leidenschaft für YouTube Gartenvideos und würde am liebsten sofort in die Selbstversorgung einsteigen. So weit würde ich nicht gehen, aber es tut gut wieder einen richtigen Garten zu haben und Sachen zu machen, die im Sommer oder sogar nächstes Jahr erst wirken werden, wie Bäume pflanzen oder Blumenzwiebeln setzen. Das schafft Perspektive neben der Kurzfristigkeit unserer Corona-getriebenen Weltsicht. Ich merke, dass ich das bei der Arbeit gerade schwer hinkriege, was langfristiges zu machen, aber im Garten geht das gut.

Wir lernen unglaublich viel. Große und kleine Dinge. Hefe züchten. Mundschutze nähen. Aber eben auch: Arbeit neu zu denken. Leben anders zu planen und zu organisieren. Mit etwas weniger Überfluss (von Mangel kann ja nicht ernsthaft die Rede sein) zu haushalten. Soziale Nähe zu gestalten unter Wahrung physischer Distanz. Ich habe enorm viel Sozialkontakte gerade. Ich bin eigentlich ein sehr geselliger Mensch, der gern andere trifft. Aber mit Kindern sind spontane Treffen am Abend in den letzten Jahren eher selten geworden – es muss ja immer irgendwer eine Kinderbetreuung organisieren. Dass man sich einfach virtuell treffen könnte – darauf kommt man einfach nicht. Und jetzt habe ich Strick- und Nähtreffen, Familien-Videokonferenz, Wein und Bier mit Leuten, die ich sonst nie abends einfach so treffen könnte, weil sie zumindest eine Stunde weit weg wohnen (das trifft auf 95% meiner Freunde zu). Ich habe eine sehr schöne Slack-Gruppe mit Kolleginnen, die ich zwar sonst im Büro mal zum Mittagessen treffe, aber die jetzt fast mehr „da“ sind, als im Büroalltag, wo wir ja alle in Schichten im Büro sind und oft eingespannt. Ich bin ein wirklich online lebender Mensch und trotzdem kommt es mir vor, als wären wir zusammen gewachsen. Das trägt mich über vieles. Selbst der Minimensch trifft sich mit seiner besten Freundin über Videokonferenz und erlebt so Nähe, die ihm schon sehr fehlt. Das fehlt den Kindern ja schon, die alltäglichen Treffen mit Kindern – aber zumindest im Kontakt mit der Familie und einigen Freunden können wir es ein Stück weit kompensieren.

Wir erleben, gerade online aber auch vor Ort, sehr viel Solidarität und Kreativität. Zum Teil sicher aus der Not heraus. Aber vielfach auch einfach aus dem Bedürfnis heraus „etwas zu tun“. Dabei geht es mir weniger um das klatschen vom Balkon als um großartige kleine und große Hilfsaktionen, Sammelaktionen, Angebote und Alltagsbegleitung. Ich war in den letzten Wochen sehr viel zuversichtlicher in Bezug auf unsere Solidargemeinschaft als ich es seit Jahren war.

Wir lernen als Gesellschaft. Viel. Das werden wir erst in vielen Jahren verstehen, wieviel eigentlich. Aber fest steht schon jetzt: die Beobachtung wieviel jetzt in sehr kurzer Zeit bahnbrechend anders gemacht wird als noch vor 4 Wochen lässt sich nicht zurückdrehen. Menschen werden anders auf Arbeiten, Wirtschaft und Soziales Leben blicken, als sie es bisher taten. Wir haben alle viel zu tragen und zu ertragen und wir werden Trauer und Sorge noch lang mit uns rumschleppen müssen. Aber vielleicht können wir punktuell wenigstens die kleinen Gewinne aus diesem großen Verlustspiel sehen.

Bloggen und Leben in Zeiten von Corona 2/x

Die erste Woche ist rum. Es geht alles irgendwie. Oberflächlich läuft es gut. Wir kriegen irgendwie grob unsere Arbeit hin, das Kind macht täglich alle seine Schulaufgaben und meist ohne Theater, es gab täglich Essen und es wurde aufgeräumt, gespült und Wäsche gewaschen. Dank gutem Wetter waren wir extrem viel im Garten, das hat echt gut getan.

Unten drunter vibrieren die Nerven. Abends bin ich erschöpfter als der Tag rechtfertigen könnte. Ich schlafe unruhig und flach. Die Kinder träumen wild und wälzen sich viel. Ich bin in Gedanken viel bei denen, die ich jetzt lang nicht sehe und die z.T. erheblich mehr in Gefahr sind als wir. Der Anfang der Woche war noch sehr davon geprägt, in den neuen Alltag reinzufinden. Zu organisieren, zu klären, abzusprechen. Gegen Donnerstag war mehr Zeit zum nachdenken und damit auch zum Sorgen. Beide Kinder hatten in den letzten Wochen einen ziemlich heftigen Infekt (Grippe?) und der Mikromensch hustet immernoch und hat Schleim auf den Bronchien. Keine guten Startbedingungen. Die beginnende Heuschnupfensaison ist jetzt auch nicht der Knaller. Abends finde ich schlecht Absprung vom Newsfeed. Man hat das Gefühl, bis zum nächsten Morgen wird sich schon wieder so viel verändert haben. Ein Gedanke an alle Lieben, nah und fern, mit Sorge und Vermissung ist zum täglichen Abendritual geworden.

Am Freitag fragte ich den Mann vorm Schlafen „Ob es so ist, wenn ein Krieg beginnt aber noch keine Bomben vor der Haustür einschlagen?“ Diese absurde Gefühl von vollkommen zeitgleich Ausnahmezustand und Normalität macht beklommen. Es ist unwirklich. Wie muss es da erst denen gehen, die in den Krankenhäusern auf den großen Sturm warten, der sicher kommen wird, in wenigen Tagen… Ich mag die Kriegsvergleiche nicht, aber man kommt nicht umhin an Front zu denken.

Das Wochenende ist schwieriger als die Woche. Weniger Rhythmus, weniger Plan, mehr Gedanken. Schon eine Woche, erst eine Woche.

Knüppelhart

Die letzten Monate sind wie im Flug vergangen, viel mehr als Sonntagssachen gibt es hier kaum zu sehen, dass bald Weihnachten ist, merkt man bei uns nur am Adventskalender und der noch höheren Termindichte, nicht jedoch daran, dass schon Geschenke besorgt, womöglich gebastelt wären oder so. Ich beantworte Mails selbst an sehr enge Freunde mit einer Latenz von Wochen. Der Bügelkorb hat bald die Höhe des Bügelbrettes erreicht und die Dreckwäsche sprengt beständig ihre Behältnisse. Das alles aus dem schlichten Grund: hier leben zwei Kinder, eins davon ist gerade 1, ich gehe ins Büro, der Mann ebenfalls und es ist Herbst/Winter. Seit 6 Wochen ist hier immer mindestens einer krank. So ist das, institutionalisierter Ausnahmezustand.

Als der Minimensch gerade auf der Welt war, sagte ein Bekannter zu uns:

Das erste halbe Jahr ist hart, die nächsten eineinhalb Jahre sind knüppelhart, danach wird es besser.

Und genauso ist das, liebe werdende Eltern und liebe Freunde von Menschen mit kleinen Kindern. Unter dem Hashtag #ehrlicheeltern sammeln Menschen auf Twitter gerade genau das. Und ich hatte diesen Beitrag schon sehr passend einige Tage in den Entwürfen liegen.

Wenn man ganz frisch ein Baby bekommt, ist man vollkommen haltlos überfordert, mitten in stark schwankenden Hormonen, total in Alarmmodus und fragt sich: „Ey, wer hat gesagt, dass ich das kann? Diese Verantwortung, wie geht das?“ Wenn man wieder etwas von den Hormonen runter ist (und ja, Männer haben da auch Hormone) und sich ein paar Wochen an den Gedanken gewöhnt hat, merken die meisten Eltern, dass so ein Minibaby relativ anspruchslos ist. Es muss satt werden, schlafen und keinen nassen Po haben. Manchmal muss man es rumtragen oder schieben. Ok, manche haben Reflux und kotzen alle Milch wieder aus. Ja, es gibt Schreibabys, die sind nicht entspannt. Aber die allermeisten Babys sind ganz gut in den Griff zu bekommen, wenn man sie ein bisschen kennt. Routine, Training, man kommt irgendwie wieder klar.

Tja, und dann fangen die an zu Zahnen. Sie weinen ganze Nächte, sind anhänglich und fangen sich jeden vorbeifliegenden Infekt ein. Sie lernen krabbeln und laufen, das ist total toll aber auf einmal muss man ständig Sachen vor ihnen in Sicherheit bringen. Und naja, wenn sie wachsen werden sie auch lauter. Und dann machen sie wirklich viele Geräusche. Süße und lustige aber eben auch laute Geräusche. Und dann ist man ständig müde, dauernd fast krank, aber man kann sich ja auch nicht erholen, denn naja da ist das Kind und das ist laut und wirft mit Sachen und will rumgetragen werden.

Und vielleicht geht man auch noch arbeiten, das wirkt dann manchmal fast erholsam, weil keiner schreit, nicht zwanzig Dinge gleichzeitig zu Bruch gehen und Erwachsene das Konzept „geschlossene Tür“ ein bisschen besser verstehen als Kinder. Aber man ist halt auch müde und dauernd fast krank und dann ist das mit dem konzentrieren schon auch nicht so einfach. Und man muss dauernd die Uhr im Auge haben, denn es naht die Abholzeit, die Abendessenzeit, die Bettbringzeit. Und das berufliche Umfeld ist da auch wenig bis gar nicht verständnisvoll. Wie sagte meine Oberchefin vor Kurzem, als ich ihre Frage „Wie geht’s?“ Mit „müde“ beantwortete:

Ich fand immer das zweite Lebensjahr am härtesten. Kaum können Sie essen und laufen, denkt der Rest der Welt, dass Kinder jetzt keine Aufmerksamkeit mehr brauchen und von allein mitlaufen, dabei geht es dann erst richtig los, das sieht keiner.

Hat man ältere Kinder, dann muss man auch noch Freizeitaktivitäten, Sport, Spielbesuche unterbringen, wo das kleine Kind dann immer noch engmaschiger beobachtet werden muss, weil es sich sonst auf Steckdosen und von Treppen stürzt.

Also ja, das zweite Lebensjahr finde ich knüppelhart. Aber natürlich auch ganz toll, weil das Kind lernt zu kommunizieren und selbständig zu sein. Und bis heute finde ich eigentlich, dass Kinder mit jedem Entwicklungsschritt toller werden, mehr zu richtigen interessanten echten Menschen.

Und zum Glück auch irgendwann zu Menschen die nachts schlafen, Tags auch mal allein oder gar außerhäusig spielen, selbst auf Toilette gehen und manchmal sogar gesund sind. Ich freu mich drauf!

Bloggen gegen die Bequemlichkeit: Day of the Girl oder Wie ich zur Feministin wurde

Heute ist der #dayofthegirl, der Tag an dem darauf aufmerksam gemacht wird, dass Mädchen auf vielen Ebenen und vielerorts immernoch erheblich benachteiligt sind. Das ist ein sehr guter Anlass, um einen Text fertigzuschreiben, der schon länger in meinen Entwürfen rumliegt.

Vor ein paar Wochen bekam ich (und einige weitere Kolleginnen) eine Mail von einer Kollegin mit einem Feedback zu gemeinsam erarbeiteten Materialien in der der sehr nette Satz stand „Sorry, montags neige ich zu extremem Feminismus.“ Ich schrieb sinngemäß zurück, ich würde ihr beipflichten und das nicht nur montags.

Diese kleine Anekdote hat mir etwas vergegenwärtigt, das ich schon lang mal verbloggen wollte: warum ich Feministin bin. Und ich reihe das hier mal gegen die Bequemlichkeit ein, weil die Zuwendung zum Feminismus, so erlebe ich es bei vielen, zunächst viel mit Unbequemlichkeit zu tun hat und ein großer Schritt aus der Komfortzone ist.

Ich denke, ich spreche von mir als Feministin vielleicht so seit vier bis fünf Jahren. Das fällt nicht zufällig ganz gut mit dem Alter des Minimensch zusammen, das ist aber nur ein Teilaspekt, die halbe Geschichte, das Ende einer längeren Entwicklung.

Aber beginnen wir von vorn. Ich wuchs auf in der absolut festen Überzeugung, dass ich alles werden und alles erreichen kann. Meine Eltern haben, meiner Erinnerung nach niemals irgendetwas mit „Mädchen sein“ oder „Junge sein“ begründet, erklärt oder verboten. In der Grundschule hatte ich zwar ein erstes Erlebnis mit geschlechter-begründeter Ungerechtigkeit, als unsere Lehrerin in der ersten Klasse die Jungen zu wild und im Unterricht störend fand und deshalb zwischen die Jungs jeweils ein Mädchen, quasi als Pufferzone, setzte. Das war unschön und ich habe das Problem der mich von rechts und links störenden Jungs elegant gelöst, indem ich fortan dem Unterricht von unter dem Tisch sitzend folgte. Das hat die Lehrerin im Endeffekt zur Besinnung gebracht. Das nächste Erlebnis, das mir vor Augen führte, dass Mädchen scheinbar anders behandelt werden als Jungs trug sich im Physikunterricht der siebten Klasse zu. Unser Lehrer Herr B. schaffte es nämlich auf beeindruckende Weise, dass in einer Klasse mit 5 Jungs und 13 Mädchen ausschließlich Jungs die Experimente durchführten und ausschließlich Mädchen nachher diese aufräumen mussten. Er nannte außerdem die 5 Jungs beim korrekten Namen, demgegenüber nannte er *alle* Mädchen in der Klasse „Elisabeth“. Ich trug Desillusion und ein mangelndes Interesse an Physik davon. Gut gemacht, Herr B.

Weiterhin stellte ich aber nicht infrage, dass ich im Leben alles machen und erreichen können würde, was ich wollte. Und ich glaube, das ist eine Grundüberzeugung, die Frauen meiner Generation in der Pubertät und ihren frühen 20ern einte. Die Gleichberechtigung war doch durch, oder? Waren wir nicht besser in der Schule als die Jungs, ehrgeiziger, angepasster, zielstrebiger – was sollte uns denn schon aufhalten? Ich werde heute oft etwas wehmütig wenn ich die gleiche Überzeugung an Studentinnen sehe. Diese „ach, wer braucht denn noch Frauenförderung, Gleichstellungsgerede und gendergerechte Sprache? Wir haben doch alles was wir wollen!“-Attitüde. Tja, I beg to differ. Also jetzt.

Ich studierte ein relativ egalitäres Fach, Wiwi hat etwa 52% Absolventinnenquote. Selbst in der Promotion waren noch gefühlt gleich viel Frauen und Männer Wegbegleiter*innen (sind es nicht, etwa 40% sind Frauen, sagt die Statistik). Dennoch mehrten sich Gespräche und Erfahrungen, die mir sagten: „es ist irgendwas schief hier.“ Da wurde eine gefragt, ob sie in eine Berufungskommission gehen könne, weil halt schon die Profs nur Männer seien, da müssten doch wenigstens eine Studentin und eine Mitarbeiterin ran. Da saß ich in Gremiensitzungen, oft als einzige Frau oder eine von zweien und die anwesenden Professoren machten lustig-schlüpfrige Bemerkungen über die Doktorandinnen eines nicht anwesenden Kollegen („Also an der herausragenden Qualifikation liegt es wohl nicht. HAHAHA“) Da standen Studentinnen vor mir und erklärten mir, sie könnten leider die Aufgaben mit Formeln nicht, denn sie seien halt Mädchen und deshalb schlecht in Mathe. Hätte ihre Mama auch gesagt, dass das normal sei. Da bekam ich mehrfach von verschiedenen Professoren gesagt, dass heutzutage ja Frauen geradezu übervorteilt würden im Wissenschaftssystem. Da kriegte ich Texte, die ich gendergerecht verfasst hatte von meinem Chef zurück mit dem Hinweis, ich solle mal nicht so überkorrekt sein. Da war absolut jedem an der Fakultät klar, dass ein bestimmter Professor nur blonde Frauen einstellt, ein anderer besser zu meiden sei bei informellen Anlässen und wenn Sekt im Spiel sei. Und ich begann mich zu fragen, ob ich in dieser Kultur der Männerbünde ständig als einzige Frau den Kampf kämpfen will. Ob ich Lust habe, mein Berufsleben lang an der Grenze zwischen „die hat den Posten ja nur weil sie die Frau war“ und „die kriegt bestimmt Kinder, wie soll das denn gehen“ zu beginnen und in ebensolchem Umfeld weiter zu führen. Und schließlich wurde mir immer offensichtlicher, dass die Art, wie man in Deutschland Professor wird, nämlich über eine Reihe von sehr kurzen Beschäftigungen als Lehrstuhlvertretung an schnell wechselnden Orten und dann über Bewerbungen in mindestens ganz Deutschland so maximal familiengründungs-feindlich ist, dass weder ich noch der Mann das wirklich ernsthaft machen wollten. Und dass dieser Berufseinstieg letztlich dazu führt, dass sich auch in Zukunft dort Männer finden werden, die entweder keine Familie haben oder denen Teilhabe an der Familie weitgehend egal ist, denen eine Frau „den Rücken frei hält“. Das reproduziert die gleichen Boys-clubs die jetzt schon da sind, halt nur in jünger.

Und ohne es recht greifen zu können, wurde ich feministisch radikalisiert. Mit dem krönenden Abschluss der Erfahrung Kinder zu bekommen und sofort einem solch riesigen Paket an Rollenerwartungen ausgesetzt zu werden, dass einer ganz schwindelig werden kann. Und sah mit welchen krassen Rollenerwartungen schon minikleine Kinder konfrontiert sind. Mein lieber Scholli, wo ist denn die heile Welt der 80er hin? Als alles bunt und für Kinder und nicht blau-technisch für Jungs und rosa-crappy für Mädchen war?

Und so begann ich meine Karriere als Feministin. Heute bin ich in Beratungsgesprächen mit jungen Doktorandinnen knallhart ehrlich, wenn es um diese Dinge geht. Und bemühe mich nach Kräften, zumindest an meiner Wirkungsstätte systemisch gegen Boys-Club-Mentalität in der Wissenschaft vorzugehen. Und ziehe meine Kinder so neutral wie möglich an. Und erkläre meinem Sohn und all seinen verblendeten Freundinnen hundertfach, dass es keine Jungsfarben und Mädchenfarben gibt, sondern alle Farben Kinderfarben sind. Und bestehe dauernd auf geschlechtergerechte Sprache, weil ich will, dass es selbstverständlich ist, dass Frauen sprachlich da sind. Weil ich finde, dass wir jetzt lang genug gefeiert haben, dass Frauen wählen und studieren dürfen. Jetzt wäre es mal an der Zeit dafür, dass Frauen auch bestimmen dürfen und sein wie sie wollen und was sie wollen. Dass Frauen sich nicht zähneknirschend beleidigen lassen müssen von schlechtem Pennälerhumor und schlimmerem, und das Wort „Quotenfrau“ auf dem Müllhaufen der deutschen Sprache landet. Ich kenne viele Frauen in etwa meinem Alter, denen es ganz ähnlich geht. Die glaubten, feminismus sei unwichtig geworden, so’n Privat-ding von Alice Schwarzer und Frauen mit Doppelnamen in politischen Parteien. Und die heute desillusioniert sind und sagen müssen: Well, nein. Doch nicht. Es ist noch so viel zu tun.

Bloggen gegen die Bequemlichkeit: sichtbar gegen Rechts

Auch so ein Punkt: Was zur Hölle kann man im Alltag gegen die braune Versumpfung dieses Landes tun?

Fangen wir banal an: vernünftig wählen. Nicht nur nicht AfD, Reps, NPD und ProWasauchimmer. Wer konservativ ist, sollte sich dennoch fragen, ob er oder sie durch eine Stimme für die CDU auch der CSU den Weg ebnen will. Wer liberal ist, sollte sich trotzdem fragen, ob er oder sie das offensichtliche Fischen am rechten Rand durch Kubicki und Co mittragen kann. Und wer Links wählt sollte sich fragen, ob die rassistische und pro-russische Politik von Sahra Wagenknecht denn wohl dem eigenen Verständnis von links entspricht. Und lautet die Antwort „Nein“, so wäre es doch gut, die betreffenden konservativen, Liberalen, linken Politiker darüber in Kenntnis zu setzen, dass ihnen ihre Nazi-Verharmloser-Parteifreunde gerade die Wählerbasis wegekeln. Und wo wir schonmal dabei sind: schon über einen Parteieintritt nachgedacht?

Fast genauso banal: Geld hilft. Organisationen wie die Amadeu-Antonio-Stiftung, das Bündnis „unteilbar“, Exit, Netz gegen Nazis oder NSU Watch aber auch unzählige lokale Initiativen leisten wertvolle Arbeit gegen Rechts und sind oft auf Ehrenamt und Spenden angewiesen.

Den Hintern hochkriegen: „Geh mal wieder auf die Straße“ (das zugehörige Ärzte-Lied habe ich vor kurzem dem Minimensch nahe gebracht) – einfach mal auf ne Demo gehen. Oder halt auch öfter mal. Vielleicht sogar wöchentlich. In jedem Fall gilt: Wenn in deiner Stadt eine rechte Demo stattfinden soll, dann musst du zur Gegendemo gehen. Keine Ausreden. Bringt nix? Hast du mal die Bilder vom Women’s March gesehen? Oder wie Beatrix von Storch in München nicht zu verstehen war, weil so viele wackere Gegendemonstranten dagegen angebrüllt, gepfiffen und getrommelt haben? Zu zeigen, dass dem Nazimob die Straße nicht gehört und dass auch nicht nur sog. ‚linke Autonome‘ dagegen stehen, sondern einfach jede*r mit gesundem Menschenverstand ist zwar nicht das einzige was zu tun ist, aber eben doch eine wichtige Basis. #wirsindmehr kann nicht nur auf Twitter gelten, sondern muss auch in der echten Welt sichtbar sein.

Apropos: Nach außen tragen, dass rechter Mist nicht ok ist, sollte jeden Tag selbstverständlich sein. Z.B. mittels Button, Shirt oder Einkaufsbeutel. Zu bestellen hier, hier oder auch hier oder an vielen anderen Stellen (keine affiliate Links, nur was ich so gefunden hab – such dir selbst was aus, es gibt unendlich viel Auswahl). Oder auch selbst zu machen – ich verweise hier auf die wundervolle Tasche der Drehumdiebolzeningenieurin und wetze schonmal die Stofffarbe. Oder vielleicht eine neue Bürotasse bemalen? Ich ersetze erstmal ein paar Stoffbeutel durch welche mit Message, die kommen ja viel rum.

Und dann, ganz wichtig: Gegenrede! natürlich mag es nutzlos sein, zu versuchen eingefleischte Rassisten wie Höcke, Gauland, von Storch und schlimmere wieder auf den Weg des gesunden Menschenverstands diskutieren zu wollen. Aber die richtig schlimmen Rassisten sind nicht die einzigen Wähler der AfD. Aber wie viele Menschen kennst du, die AfD wählen weil „die ja wenigstens den Mund auf machen“, „die anderen Parteien ja nichts tun“, „die da oben uns vergessen haben“ usw? Und wieviele kennst du, die zumindest zugucken und im stillen hier und da zustimmen? Erschreckend viele. An der Kasse in der Schlange, an der Theke beim Bäcker, im Bus, im Treppenhaus, an der verwandtschaftlichen Kaffeetafel, beim Klassentreffen, in der Musikschule oder im Turnverein. Hand aufs Herz. Viele. Wie oft sagt jemand abfällig etwas über „naja, solche halt…“ und meint damit Menschen nicht-weiß-nordeuropäischen Aussehens? Wie oft lästert jemand ein klein wenig über Schwule und Lesben? Wie oft äußert sich jemand mit Unverständnis über Barrierefreiheit oder geschlechtergerechte Sprache? Usw. Ich nehme mir derzeit sehr bewusst vor, einfach immer dagegen zu halten. Diese kleinen Sachen zu spiegeln, kritisch zurück zu fragen. Nicht mitzumachen beim stillen Einverständnis „Wir gegen Die da“. Konsequent Ausgrenzungen verbaler Art verweigern, mich nicht gemein machen mit kleinem feinem gesellschaftlich akzeptiertem Rassismus, Homo- und Transfeindlichkeit etc. Kein „das wird man doch noch mal sagen dürfen“ mehr mit mir.

Oft ist das übrigens erstaunlich wenig konfrontativ. Eine einzige kleine Verständnisfrage „Nein, ich weiß gar nicht was Sie meinen. deuten Sie an, dass Menschen, die nicht weiß sind, generell mit Misstrauen behandelt werden sollten?“ löst oft schon sofortigen Rückzug aus. Und ich habe durch den einfachen Satz „Ich gehöre zum Glück keiner diskriminierten Minderheit an, deshalb maße ich mir nicht an, zu beurteilen, wie über Menschen mit anderem Aussehen oder einer anderen sexuellen Orientierung zu sprechen ist, sondern höre einfach darauf, was diese Menschen sagen.“ schon erstaunlich viele Menschen zum innehalten und nachdenken gebracht. Dadurch wird niemand sofort seine Meinung ändern, aber vielleicht ja zumindest einen Denkprozess anfangen.

Also los: alle ein bisschen was beitragen, damit niemand sich hier klammheimlich breit macht und auf einmal sind wir gar nicht mehr mehr.

Bloggen gegen die Bequemlichkeit

Es fährt hier so gesamtgesellschaftlich ziemlich rapide vor die Wand alles gerade, habt Ihr auch gemerkt, oder? Nazis auf den Straßen und in den Parlamenten allüberall. Panikmache vor Flüchtlingen und Leugnung des Klimawandels in Zeitungen und Talkshows. Die Zukunft von Millionen von Kindern zerschellt an der Ungerechtigkeit unseres Sozial- und Bildungssystems. Plastik in den Meeren, Feinstaub in der Luft, CO2 in der Atmosphäre, rottender Atommüll im Boden, Sondermüllberge in Afrika, aussterbende Arten weltweit. Hunger. Krieg. Naturkatastrophen.

Da müsste man mal was tun. Entschieden und schnell.

Ja, aber was kann man denn da tun. Und wer ist überhaupt „man“? Und geht mich das denn was an?

Ja, es geht mich was an. All das. All dieser Dreck, der gleichzeitig über uns herein bricht. Zu lange schon reagieren wir vor allem mit Scheingefechten, Rückzug ins Private und Resignation. Das geht so nicht. Also was genau kann sollte muss man tun?

Ich dachte mir, ich fange mal mit dem an, was ich eh schon die ganze Zeit tue: ich schreibe und rede mitten rein in meine Filterblase, auf dass niemand von euch irgendwas neues hört. Ich verhindere, dass dieses Blog auch nur noch heile DIY-Welt, dieses moderne Biedermeier, zeigt und nutze es stattdessen, um mir wenigstens öffentlich Gedanken zu machen.

Es ist ja nicht so, dass ich, dass wir vollkommen blind und taub in den Totalausverkauf von allem laufen. Irgendwie irgendwas machen wir ja schon. Wir essen kein Fleisch, wir fliegen nur sehr selten, wir kaufen fast unsere kompletten Lebensmittel Bio. Wir erklären unserem Kind, dass Dumpfbacken der Meinung sind manche Menschen seien besser als andere und dass wir das entschieden nicht so sehen. Wir erklären die Deutsche Geschichte auch dem Fünfjährigen immer und immer wieder. Wir haben nun schon fast zwei Jahre fast ohne Flugobst geschafft (Bananen sind die einzige Ausnahme) & bald ein Jahr ohne Schnittrosen. Wir kaufen sehr viel Kinderkleidung gebraucht. Und für mich alles was ich nicht selbst mache. Wir haben Ökostrom und nur LEDs. Wir reparieren seit Jahren ca. alle drei Monate unseren Geschirrspüler und auch sonst alles, was wir irgendwie repariert bekommen. Wir kaufen auch Technik vielfach gebraucht. Wir regen uns auf und werden zynisch und blicken düster in die Zukunft.

Aber das reicht ja alles nicht. Da kann man sich nicht drauf ausruhen, das ist noch nicht genug.

Eigentlich würde ich mich gern politisch engagieren. Aber ich fremdele doch sehr mit den zur Auswahl stehenden demokratischen Parteien und ich habe mit kleinen Kindern eigentlich keinen Spielraum für regelmäßige Abendtermine.

Eigentlich würde ich gern benachteiligten Kindern Nachhilfe geben, ich kann das gut mit der Nachhilfe. Aber ich weiß nicht, wie ich das zeitlich unterbringen sollte. Ich betreue nachmittags meine eigenen Kinder. Das ginge maximal wenn ich das bei einem Schulfreund vom Minimensch irgendwann mal machen würde oder zumindest ungefähr parallel zu meinen eigenen Kindern.

Auf Plastik verzichten, daran scheitern wir mit beeindruckender Nachhaltigkeit. Das geht irgendwie nur punktuell. Milch und Joghurt in Flaschen, ja das probieren wir meist einzuhalten. Käse kaufen wir zumindest am Stück nicht abgepackt. Neuerdings haben wir Wachstücher als Frischhaltefolienersatz. Aber immernoch gehen hier riesige Gelbe Säcke jede Woche die Treppe runter. Gerade vegetarische Eiweißdinge wie Tofu, Seitan, … sind immer eingeschweißt, oft Mini-Portionen in riesigen Verpackungen. Die momentan obligatorische Schafs- oder Hafermilch gibt es nur im Tetra Pack. Fruchtjoghurt, Quark, und dann die ganzen Nudeln, Hülsenfrüchte, Reis… und nein Unverpackt-Laden ist nicht die Lösung sondern nur eine großstädtische Luxuserscheinung. Außerdem ist das unverpackte kaufen nicht gut mit Vorratshaltung vereinbar. Und Vorratshaltung ist eine *der* Strategien das Leben hier im Griff zu haben. Klar, ich mache viel selbst ein, das kommt alles in Gläser und war vorher loses Obst oder Gemüse, das zunehmend immerhin plastikfrei nach hier kommt. Aber nee, das ist und bleibt ein leidiges Thema.

Und dann der ganze Komplex der Chancengerechtigkeit. Wie kann man da gescheit was tun? Wie können Kinder unabhängig vom Einkommen ihrer Eltern zu gleichen Bildungschancen kommen? Gibt es Schreibwaren-Patenschaften, Bücherei-Ausweis-Patenschaften, Spendenfonds für Kindergeburtstagsgeschenke und Schwimmbadbesuche? Weiß da wer was? Das weitergeben gut erhaltener Kleidung klappt ja schonmal ganz und gar nicht.

Ihr seht: ich bin ratlos. Immerhin, ich rede, viel, mit vielen. Nicht nur mit meiner Filterblase. In letzter Zeit hat es erstaunlich oft geklappt, dass Menschen tatsächlich kurz über das was ich sagte nachdachten. Z.B. in Bezug auf diskriminierende Sprache. Ich glaube, tatsächlich konnte ich 1-3 Leute dazu bringen, zu erkennen, dass es sie nichts kostet, darauf zu achten, Minderheiten sprachlich nicht auszugrenzen, aber denen, die davon betroffen sind viel bedeutet. Das ist ja mal ein Anfang.

Und schließlich hab ich zwei Blogs, einen Podcast, einen Twitteraccount und von ein paar Sachen Ahnung. Und deshalb denke ich mir das so: ich blogge ab jetzt mindestens einmal pro Woche sinnvollen Kram zum Welt verbessern. Gedanken, Wissen, Rants . was halt gerade so kommt. Und vielleicht mag das wer anderes auch machen? Aus seiner Perspektive, ihrem Fachwissen auf Sachen aufmerksam machen, die wir, wir alle, tun oder lassen können. Erste Schritte, kleine Dinge oder auch große aufzeigen, einen Anstoß geben. Wie wär’s? Wer gern etwas beitragen will, zumindest virtuell vom Sofa hochkommen und etwas sagen, von etwas erzählen, dem oder derjenigen leihe ich gern meine beschauliche kleine Bühne hier und im Milchmädchenblog. Meldet euch oder schickt mir einen Link zu eurem Post irgendwo. Wie kann ich die Welt verbessern?

Den Anfang mache ich mit was wirtschaftlichem drüben im Milchmädchenblog im Verlauf der Woche. Für heute lasse ich euch mal einen Twitter-Thread da, @kriegundfreitag hat gefragt, an wen Leute spenden und weshalb. Da ist viel Inspiration dabei, wohin man mal was abgeben könnte. (nur bitte keine Patenkinder! Das erkläre ich ein andernmal.)

Kein WhatsApp mit Nazis

Diese Woche bekam ich von einer mir nur entfernt bekannten Kita-Mutter eine offensichtliche automatische Massen-WhatsApp-Nachricht, die mich aufforderte, eine Petition an die der CDU-, FDP- und AfD-Fraktionen des Berliner Abgeordnetenhaus gegen diese Broschüre zu unterzeichnen. Ich war zunächst sehr irritiert. Dann rang ich eine Weile um deutliche Worte. Dann antwortete ich in etwa, dass ich sehr sicher nichts unterstütze, was von der AfD unterstützt wird, dass ich ferner Sensibilisierung von Eltern und Erzieher*innen für die Themen Geschlechtsidentität und sexuelle Vielfalt für wichtig und richtig halte und dass diese Petition vollkommen unhaltbar von Dingen wie „Sexualisierung“ und „Anleitung zum Outing“ rede, was nichts mit dem Inhalt der Broschüre und dem wichtigen Thema zu tun habe sondern populistische Propaganda sei. Die Broschüre richte sich nicht, wie in der Petition behauptet an Kinder, sondern an Erzieherinnen. Dann regte ich mich etwas via Twitter auf. Dann dachte ich noch etwas darüber nach. Dann begegnete ich der Mutter zufällig zur Abholzeit vor der noch geschlossenen Tür des Kindergartens, woraufhin sie ohne ein Wort zu ihrem Auto ging und in ihrem Auto weiter auf Türöffnung wartete. Ich regte mich noch etwas auf, las auf Twitter davon, dass auch in Berliner Boulevardzeitungen diese „Sex-Broschüre“ skandalisiert wird und jetzt muss ich doch nochmal ausholen.

Verdammt nochmal!

Wir haben das immens unfassbar große Glück in einem Land zu einer Zeit zu leben, wo menschheitsgeschichtlich gesehen erst seit sehr kurzem jede und jeder im Wesentlichen lieben darf, wen er möchte und Sex haben darf wie und mit wem er oder sie möchte (Einverständnis und Volljährigkeit beider vorausgesetzt). Ich bin unfassbar froh, dass ich meinen Kindern vermitteln kann, dass Liebe etwas ist, dessen man sich nicht schämen muss und dessentwegen man nicht vor Verfolgung und Strafe fürchten muss. Dass ich mein Kind nicht von Kindesbeinen an in eine Geschlechterrolle zementieren muss, damit es später mal rein passt. Wir schätzen uns glücklich in einem Kindergarten zu sein, wo diese Haltung auch gelebt wird, wo niemand mir mit „typisch Junge/typisch Mädchen“ kommt. Wo selbstverständlich akzeptiert wird dass Jungs eine beste Freundin und Mädchen einen besten Freund haben, ohne dass da gleich romantische Verquickungen hineingedeutet werden.

Und dabei sind wir noch lang nicht an dem Punkt, wo ich sagen kann, Geschlechtsidentität und sexuelle Orientierung spielten keine Rolle. Wo ich sagen könnte, „tu was du willst, da wird sich keiner dran stören“. Wo wir als Gesellschaft erkannt haben, dass es nicht unser fucking Business ist, welche Geschlechtsmerkmale unter welchen Klamotten/Frisuren/Kosmetika stecken und ob der Mensch der vor uns steht schon mit den gleichen Geschlechtsmerkmalen geboren wurde auch nicht. Ich muss meinem Kind erklären, dass andere vielleicht schon finden, ein Junge dürfe keinen Nagellack tragen und rot sei eine Mädchenfarbe. Dass es leider Menschen gibt, die nicht ok finden, wenn ein Mann einen Mann oder eine Frau eine Frau liebt.

Wovor zum Henker haben diese Menschen Angst? Dass ihre Kinder womöglich glücklich werden, so wie sie das gern wollen? Dass ihren Kindern mit Verständnis und Toleranz begegnet wird? Was ist das für eine seltsame Haltung, die jede andere Form der Liebe, des Zusammenlebens, der Beziehung so bedrohlich findet, dass darüber augenscheinlich nicht mal gesprochen werden darf?!

Fest steht: diese Petition und wie nonchalant sie mir zugetragen wurde verdeutlicht nur zu genau, dass wir auf einen gesellschaftlichen Backlash zusteuern. Die Repräsentanz der AfD in unseren Parlamenten normalisiert antidemokratisches, freiheitsfeindliches, reaktionäres Gedankengut so sehr dass es scheinbar nicht anrüchig ist für zumindest die CDU hier mit ihr zusammenzuarbeiten*. Und ja, das macht mir Angst.

Angst, dass meine Kinder weniger frei als ich sein werden in der Wahl ihres Partners, ihrer Lebensumstände, ihrer religiösen Überzeugungen oder ihrer Meinungsäußerung. Angst, dass sie mit Repressalien und Gewalt rechnen müssen, wenn sie nicht in das beschränkte Welt- und Menschenbild dieses Nazipacks passen. Diesen gesellschaftlichen Backlash gilt es an allen Fronten zu bekämpfen. Durch deutliche Worte, durch Rückgrat und Haltung, an der Wahlurne, auf der Straße, in jedem Gespräch. Zu oft sind wir geneigt einfach wegzuhören, wenn gehetzt, verunglimpft, vereinfacht und pauschalisiert wird. Über Ausländer, Homosexuelle, Transmenschen, Muslime, Menschen mit Behinderungen. Wir gehen dann vielleicht diesen Leuten aus dem Weg. Oder denken uns unseren Teil. Aber das reicht nicht. Auch wenn es nur eine WhatsApp ist, oder ein belangloses Gespräch beim Bäcker, an der Kasse, beim Friseur. Ignorieren ist nicht genug. Die Freiheit hat mehr verdient als das.

* Ich hatte zuerst hier geschrieben auch die FDP unterstütze das Anliegen der Petition. Dies ist jedoch falsch, nur die AfD und die CDU haben bisher Initiative ergriffen, gegen die Broschüre vorzugehen. Die FDP wird in der Petition nur adressiert.

Herz voraus!

Als der Minimensch nach 3,5 Wochen Urlaub vor Kurzem wieder in die Kita kam, da freuten er und seine beste Freundin sich unbändig einander wiederzuhaben. Er redete seit Tagen von nichts anderem und sie wohl auch, so erzählte ihre Mutter. Als der Minimensch allerdings dann am ersten Tag kam, da kam sie zwar strahlend angerannt, erklärte aber dann, sie habe eh nur etwas aus dem Vorraum holen wollen. – Ganz offenbar schämte sie sich ihrer Freude.

Diese Begebenheit geht mir sehr nach. Ist es nicht schlimm, dass schon vierjährige Kinder sich ihrer Gefühle schämen? Dass sie zögern ihre Zuneigung sichtbar sein zu lassen?

Ich bin in einer liebevollen Familie groß geworden. In der es normal war über Gefühle zu sprechen. In der offensichtlich vorgelebt war, dass es etwas großartiges ist, andere Menschen lieben zu dürfen und dass Zuneigung und Vertrauen wertvolle Geschenke sind. In der auch immer klar war, dass es eine Bereicherung ist, anderen Menschen mit Toleranz und einem liebenden Blick zu begegnen. In der ich früh gelernt und oft besprochen habe, dass man sich vielfach, hundertfach in Menschen verlieben kann, dass man sich, mit dem richtigen Blick auf die Welt für viele Menschen begeistern und in vielen etwas besonderes entdecken kann.

Ich hatte das große Glück in der Pubertät in einem Bekannten- und Freundeskreis erwachsen werden zu dürfen, in dem keine Spielchen mit den Gefühlen anderer getrieben wurden. In dem es keine Eifersüchteleien gab. In dem Gefühle haben und zeigen kein Grund war, sich zu schämen, keine Schwäche bedeutete. Ein Freundeskreis, der sehr selbstverständlich alters- und geschlechtsgemischt war. In dem Menschen sehr so genommen und geliebt wurden, wie sie sind. In dem es normal war, miteinander zu kuscheln, sich in den Arm zu nehmen, einander zu vermissen und sich zu freuen einander zu sehen.

Ich kenne auch das andere erleben, das viele in der Pubertät durchlaufen. In meinem Schulumfeld, gerade unter Mädchen, war es oft gefährlich, allzu deutlich Zuneigung zu zeigen. es machte eine schwach und verletzlich. Man konnte ausgenutzt oder ausgelacht werden. Schon wegen kleinen „Verfehlungen“ war man persona non grata. Man hatte die eine Freundin gegrüßt, dann konnte man leider nicht mehr mit der anderen befreundet sein. Pech. Man stand auf den falschen Typen, den hatte doch schon die andere reserviert. Und so weiter. Loyalitäten wechselten täglich. Dieses Umfeld allein, hätte mich verkümmern lassen. Noch etwas schlimmer fand ich das übrigens im Auslandshalbjahr in Frankreich. Da war ich, weil ich auch mit Jungs befreundet war sofort eine Schlampe.

So aber habe ich die meiste Zeit meines Lebens erfahren, dass es eine Bereicherung ist, sich Menschen zu öffnen. Ich zögere selten, Menschen zu zeigen, dass ich sie mag. Ich werfe mein Herz weit voraus und meist kommt es zurück und bringt Freunde mit. Nicht immer natürlich, mein Herz hat auch Blessuren davon getragen. Ich habe Menschen sehr gemocht, geliebt, die das nicht erwidert haben. Ich habe mich Menschen geöffnet, die nicht gut für mich waren. Ich bin verletzt oder ausgenutzt worden.

Aber das war es wert. Denn ohne mein weit offenes Herz hätte ich viele großartige Menschen nie oder nicht näher kennengelernt. Ich hätte den Mann nicht, den ich liebe. Ich hätte nicht geschafft einige Internet-Bekanntschaften in tolle echte Freundschaften zu verwandeln. Ich wäre um viele großartige Erfahrungen ärmer, um Perspektiven, die mein Leben bereichern, um zahlreiche wundervolle Gespräche und sehr viel wärmendes Lachen. Ich hätte sicher einige Tränen gespart, aber auch die ein oder andere Umarmung zur rechten Zeit nicht bekommen. Ich hätte weniger geküsst, weniger geredet, weniger gelacht, weniger getanzt und weniger gechattet. Und ich wäre nicht die, die ich heute bin. Nicht die Frau, die Freundin, die Mutter, die ich bin.

Wenn ich meinen Kindern eins mitgeben möchte, dann das. Dass ein offenes Herz und ein liebender Blick das Leben bereichern. Dass es nicht lohnt zu zaudern. Dass es großartig ist, Menschen kennenlernen zu dürfen. Dass Zuneigung keine Schwäche ist. Dass man begeistert sein darf und sollte, weil es so viel zu gewinnen gibt.

Ich hoffe, das können wir schaffen, allem Gruppenzwang, aller anderslautenden Erfahrungen zum Trotz. Wir können das vorleben, aber es kommt mir wenig vor, was wir Eltern bewegen können verglichen mit dem sonstigen Umfeld. Aber wenn uns das gelänge, das wäre schön für sie und ein bisschen auch für die Welt.

Mutterschutz

Nun bin ich im Mutterschutz. Das fällt mir gar nicht so leicht. Zwar bin ich eigentlich müde und ausruhbedürftig genug, aber ich bin auch etwas rastlos und suche Beschäftigung. Denn nach 3 Jahren als arbeitende Mutter bin ich sehr daran gewöhnt in optimiertem Tagesablauf und bestmöglichem Output zu denken. Nichts hat meine Effizienz am Arbeitsplatz so erhöht wie das Wissen um die Schließzeit der Kita und die Vergänglichkeit der Arbeitsstunden. Nun richtet sich diese antrainierte Effizienz auf die chaotische Wohnung und die Ablage. Mit mäßigem Erfolg denn der Rücken schmerzt und der Nachtschlaf ist wenig und unerholsam. Gut dass mich der Gesetzgeber zur Pause zwingt. Denn das stete schlechte Gewissen, doch weniger zu leisten, weniger Flexibilität zu zeigen, andere Kollegen zu belasten, so schnell geht das nicht weg – wie unangebracht es auch sein mag.

Tatsächlich habe ich in dieser Schwangerschaft im Gegensatz zur ersten bis zum letzten Tag vorm Mutterschutz gearbeitet. Und dass das ging macht mich froh, denn es heißt ja, dass es mir und dem Bauchzwerg gut geht. Gut aber auch, sagen zu können: Und jetzt ist Schluss, ab jetzt Ruhe und Kraft tanken. Denn trotz vieler bemühter Worte („Sie heben aber nicht zu schwer?“ „Wenn Ihnen das Wetter zu schaffen macht, melden Sie sich.“) am Ende wird eine dann doch nicht besonders geschont. Mein letzter wirklich wichtiger Termin war zwei Tage vor Ende, und da gab es noch einiges nachzuarbeiten. Im Grunde ist schon die Erwartungshaltung deutlich: Sie haben einen Job mit Verantwortung, also kommen Sie der bitte auch möglichst uneingeschränkt nach. Ich gewinne latent den Eindruck, dass die Bereitschaft von Eltern ihre angeblichen Nachteile als Arbeitnehmer*innen zu kompensieren ausgenutzt wird. So erhielt ich z. B. mit dem Infoschreiben zum Mutterschutz auch gleich eine Information, dass ich auf eigenen Wunsch den vorgeburtlichen Mutterschutz kürzen kann. What? Ich bin doch nicht irre. 

Ich werde direkt nach dem Mutterschutz wieder mit einer sehr geringen Stundenzahl beginnen zu arbeiten. Auch hier sehe ich jetzt schon, dass ich da scharfe Grenzen ziehen muss, damit ich nicht heimlich weit über das verabredete hinaus an Aufgaben bekomme. Und irgendwie macht mich das alles sauer. 

Es gibt viele, sehr viele Eltern, die aus persönlichem Engagement, Spaß am Job, finanzieller Not, oder wirtschaftlicher Unsicherheit heraus nach kurzer Elternzeit von max. einem Jahr wieder viel und sehr engagiert arbeiten. Der Komplettausstieg für viele Jahre ist heute sicher nicht mehr der Regelfall. Ich arbeite aus innerem Antrieb heraus ohnehin mehr und vor allem engagierter als man eigentlich von mir erwarten kann – bei höchstens mittelmäßiger Bezahlung. Und genauso komme ich eben auch aus Spaß an der Arbeit und aus Verantwortungsgefühl für meine Aufgaben schnell wieder zurück. Aber das darf doch nicht zur Grunderwartung werden. Dass Eltern quasi „unmerklich“ Eltern sind und nach einem kurzen „Urlaub“ (haha!) wieder da sind, als sei nichts gewesen. Denn Elternschaft ist kein Privathobby, das man ausübt wenn es gerade gut passt. Wir tragen damit gleichzeitig zur Zukunft der Gesellschaft bei. Unter Aufbringung erheblicher finanzieller und persönlicher Ressourcen. Und selbst wenn man diesen gesellschaftlichen Aspekt außer acht lässt- sollte ich nicht mehr Herrin über meine Lebenszeit sein, als meine Arbeitgeberin? Sollte mein Engagement und mein Einsatz nicht auch dadurch honoriert werden, dass mir ermöglicht wird, meine Arbeitszeit individuell zu wählen – anstatt dass Engagement als Aufforderung verstanden wird, noch mehr davon zu fordern.

Von daher bin ich froh, dass es den Mutterschutz gibt, der unmissverständlich sagt „jetzt ist mal gut“ und mich davon entbindet, ein schlechtes Gewissen zu haben, weil ich nicht mehr so leistungsfähig bin wie sonst. Und um einen guten Start in geteilte, faire, engagierte Elternschaft für beide zu gewährleisten, würde ich sofort auch einen „Vaterschutz“, wie ihn jüngst die SPD-Ministerin Katarina Barley vorschlug unterstützen. (Das Interview ist insgesamt lesenswert!)